in, ln
Nr. 4.
Mitteldentsche Sonntags⸗Zeitung.
Seite 7.
Dann war er verschwunden. Als er die Treppe hinabging, unterließ er
nung en! bot
iger, einen mit und
nd
des dieser Kot⸗ 9 zu
„ die Ge⸗ über. ellen. sssene g bald, und Plan igkeit irtet, en. öktot, „die luft, selne solch hatte einen gung,
lige
sich. den 58 lein Aue anhel
5 E 2 2 *
es, den weiblichen Wegweiser anzusehen, der sonst seine Bewunderung in so hohem Grade herausforderte. Auf der Straße rannte der höfliche Mann die Leute an.
Zwei Stunden später machte der Anwalt im Hinterstübchen des Hotels„Zur deutschen Warte“ sein Spielchen.
„Was nur der Doktor haben mag?“ murrte der hagere Hilfsbeamte.„Er läßt sich von dem einfältigen Steuerrat wahrhaftig noch die Haut abziehen!“
Plötzlich warf der Advokat die Karten auf den Tisch.
„Kinder!“ rief er,„lassen wir das schnöde
Spiel; die Welt steht am Vorabende eines
großen Ereignisses!“ Und er berichtete. In den nächsten Tagen zischelte und raschelte es in allen Winkeln des Städchens. Die kom⸗ munalen Vertretungskörper, die Krieger⸗, Turn⸗ und Gesaugvereine hielten außerordentliche Sitzungen. Die Vorstände dieser nützlichen Rörperschaften— ehrenwerte, vernünftige Män⸗ mer— verloren den Verstand, schlossen sich stundenlang in abgelegene Gemächer ein und führten laute Selbstgespräche. Aber der Mann, dem dies galt, saß an diesen Tagen in seinem kunstgewerblichen Ar⸗ beitszimmer und starrte das silberne Sebaldus⸗ grab an.
III.
Hinter dem vornehmen, kunstgewerblichen Wohnhause des Inhabers der großen, vater⸗ ländischen Firma C. v. O. befand sich ein Garten.
Man würde dem erlesenen Geschmacke und der echt deutschen Gemütstiefe des Firmenchefs nur zum Teile gerecht werden, wenn man das blühende, duftende Besitztum übersehen wollte, das mit seinen Grotten und Lauben, seinen Glashäusern und Fontänen, seinen Baum⸗ gruppen und Blumenbeeten die Aufgabe zu erfüllen hatte, jenen außerordentlichen Mann
nach den Anstrengungen seiner mannigfaltigen und einträglichen Beschäftigung wieder an den
Busen der Natur zurückzuführen. Die Worte eines großen Dichters:
„Wer liebend Umgang pflegt mit der Natur
Und ihren Bildungen, dem redet sie
Gar manche Sprache.“ g n hatten in diesem Besitztume eine durchaus sinn⸗ gemäße Anwendung gefunden: man sah sich fast einer Sprachenverwirrung gegenüber. Kein Land, das nicht in irgend einer fremd⸗
äugigen Blume oder in einem exzentrisch ge⸗
bogenen Blatte redete. Große rote Blüten, die gleich einem Turbane auf mageren Stengeln saßen, schienen jeden Augenblick den Mund öffnen zu wollen, um den Beschauer in der bilderreichen Konstruktionen des Orients anzu⸗ sprechen. Palmen mit blattreichem Schirmdache (uf dünnem Schafte glichen jenen Sizilianern mit den breiten malerischen Strohhüten, die um Studium der deutschen Industrie im letzten Sommer die weiten Fabriksanlagen der Firma E. v. O. besehen hatten. Um diese Geschöpfe
ner heißeren Sonne standen reihenweise die schweigsamen Zedern in grünen Mänteln und ien ans ihrer schmucklos⸗gediegenen Ruhe mit (einem Blick überlegener Verachtung auf den Vorbeigehenden. f ö
Aber es fehlten die gemeineren Gestalten 15 heimischen Obstbäume. Diese Handwerker 4 Kittel und Arbeitsschürze würden durch die räftigen Laute eines derben Dialektes den feinen Ton allzu rauh unterbrochen haben, der uf jedem Zweiglein lag. Sie taugten eben⸗ owenig in die duftende Pracht dieses Gartens, 5 die Heizer und Spinner, deren rauhe Hände en Inhaber der Firma C. v. O. durchs Leben ugen, für die Champagnertafel ihres Brot⸗
herrn geeignet waren.
Am Rande gemächlich gebogener Kieswege anden gut bürgee liche, vaterländische Rosen⸗ äumchen in all der 1 1 0 eit dieses Gewächses. Die Phantaste 5 15 e 5 0 lockenden Ge⸗
übergehenden konnte sie den e welche
0 alten der frischen Mädchen vergleichen, 1
üche, Treppe und Familiengemächer dieses
eleganten Hauses dienend durcheilten. Auch ste boten Gelegenheit zu vorübergehender, herab— lassender Teilnahme, und der Inhaber der Firma C. v. O. unterließ es sehr selten, sich an ihrer Pracht einen flüchtigen Augenblick zu laben oder gar einem eben erblühten Röslein zum Schmucke seines feinen englischen Gehrockes das dornige Stenglein zu knicken.
In diesem Augenblicke hüpfte ein leichtfüßig Geschöpfchen über jene Kieswege, und ein rotes Mündlein neigte sich in die blühende Fülle der Rosen.
Es war Aennchen, die jüngste der Küchen⸗ nymphen des Inhabers der Firma C. v. O., nebenbei Besitzerin eines hübschen, fröhlichen Gesichtchens und jener praktischen Lebensweisheit, wie sie unter dem schweren Amte gedieh, dessen mannigfaltige Pflichten auf diesen runden Schultern ruhten. Ihr Hauptgeschäft bestand darin, jeden Morgen durch die glänzenden Räume des Familienhimmels zu eilen und mit einem gewissen grauen Tuche, das in einer Ecke die Buchstaben C. v. O. im Schutze eines gezackten Krönchens trug, die kunstgewerblichen Gegenstände, welche Tische, Schränke und Ofen⸗ sims jenes Himmels stilgerecht bevölkerten, von dem leichten Staube zu reinigen, den eine un⸗ gezügelte Natur auf diese Produkte vaterlän⸗ discher Arbeit abgelagert hatte.
Der Einfluß dieser leichtfertigen Beschäf⸗ tigung stand auf dem klugen Gefichtchen deutlich zu lesen. Wenn ja ein Fältchen flüchtigen Kummers diese Stirne gefurcht hatte, dann war es gewiß in der nächsten Sekunde ver— schwunden, gleich dem Staube, den die Be⸗ sitzerin jener Stirne von den Erzeugnissen des natioualen Kunstgewerbes zu entfernen täglich bemüht war.
(Schluß folgt.)
An reuropäischen Kürstenhöfen.
Anläßlich des Pharisäergeschreies über die Abreise der sächsischen Kronprinzessin stellt die Sächs. Arbeiterzeitung diese Betrachtung auf:
Die europäischen Fürstenhöfe haben in den letzten Jahren reichlich Stoff zu Skandalen gegeben. Sie erschweren damit den bürgerlichen Preßkulis das sauere Handwerk noch mehr: woher soll denn so ein richtiger Sozialistenhetzer die moralische Entrüstung gegen die Arbeiter— schaft nehmen, wenn„oben“ im Großen gesün⸗ digt wird?!
Wir reden gar nicht von Alexanderchen und seiner famosen Draga; das sind humo⸗ ristische Persouen und leben in halbzivilisirten Staaten, wo man noch mit falschen Schwanger⸗ schaften und künstlich restituirter Virginität? arbeiten kann. Aber näher liegt schon das Luderleben des verstorbenen Alfons XII. von Spanien, der sich, wie deutsche Berichterstatter aus Spanien meldeten, mit dem Degen in der Faust Zugang zu verbotenen Genüssen berschaffte. Oder man deuke an die Habsburger. Daß die ermordete Kaiserin Elisabeth ihrem Gatten mehr als einmal entfloh, kann man in ihrer Biographie von Klara von Tschudi lang und breit nachlesen. Und ihr hoffnungs⸗ voller Sprößling, der Kronprinz Rudolf, nahm ein Ende mit Schrecken, als er mit der Baronin Vetsera heimlich koste. Andere Habs⸗ burger haben— andere Geschichten gemacht, an die man wohl kaum zu erinnern braucht.
Ein erhebendes Bild bietet der Belgier⸗ König Leopold. Wer wollte die Irrfahrten dieses Herrn schildern, der über seinen Speku⸗ lationen niemals vergaß, daß man eine Würde besitzt— um sie wegzuwerfen. Oder sein edler Schwiegersohn, der Prinz Philipp von Ko⸗ burg, Gemahl der in Coswig internirten Prinzessin Luise; ihm sagen seine Gegner Dinge nach, die man in der Oeffentlichkeit nicht ein⸗ mal andeuten kann. Nicht immer vollziehen sich die Trennungen unhaltbar gewordener Ehen so glatt, wie bei dem Großherzog von Hessen. Nicht immer allerdings heiraten Prinzessinen auch so rasch, wie jene beiden Mecklenburgischen, die das Unglück hatten, eine
. * Jungfernschaft.
sehr lockere Erzieherin zu besitzen. Wenn heute ein neuer Vehse aufstünde und mit uner⸗ bittlicher Gewissenhaftigkeit die Geheimgeschichte der Höfe schildern wollte, dann ginge er gewiß auch nicht an den Gerüchten über das Leben am Zarenhofe gleichgültig vorüber und registrirte, daß der Emporkömmling Felix Faure, Rußlands Freund, nicht im franzö⸗ sischen Präsidentenpalast, sondern in dem Bou⸗ doir einer Kokette gestorben ist. Er würde aus Bayerns Geschichte Manches zu berichten haben, wo der unglückselige Ludwig schweren Verirrungen nachging; er würde auch noch Vieles zu berichten haben, von Potentaten, die in Baccaratskandale, wie Edward von England, verwickelt waren, oder wie der Fürst von Monaco, die Flucht einer treuen Hausfrau mit einem Opernsänger zu beklagen haben....
N
Für 20 Millionen Mark Kaiser⸗ Denkmäler.
Dreihundert und achtzehn Kaiser Wilhelm⸗ Denkmäler sind bis jetzt in Deutschland errichtet worden. Die Sache hat mehr als 20 Mill. gekostet. 106„Künstler“ haben sie gearbeitet. Den Künstlern wird diese Zahl noch nicht ge⸗ nügen. Was hat die Kunst dabei gewonnen? Nicht soviel wie die Gemeinden, die Kreise, die Provinzen und die Bundesstaaten verloren haben, wenn man bedenkt, daß für 20 Mill. Mark Schulen, Krankenhäuser und andere geistig und materiell produktive Anstalten in 1 Menge hätten errichtet werden önnen.
Splitter.
Das ist der im Leben gefährlichste Stolz, der nicht aus eigener Wertschätzung, sondern aus fremder Geringschätzung hervorgeht.
Grillparzer. . *
Das Leben gleicht einem Buche; Toren durchblättern es flüchtig; der Weise liest es mit Bedacht, weil er weiß, daß er es nur ein⸗
mal lesen kann. Jean Paul.
Humoristisches.
Sie kennt sich aus. Studiosus(der ein neues immer gemietet):„Soll ich Sie im voraus bezahlen, Frau Müller?“— Vermieterin:„Lassen Sie nur Herr Doktor— sonst müssen Sie mich zu oft
anpumpen!“ (Fl. Bl.) Der Realist.„Dolle Sache! Die Cene brennt mit'n Maler durch und die Andre gar mit'n Sprach⸗ lehrer.“„Hm, wüßte nicht, warum Lakaien und Stall⸗ knechte das alleinige Privileg zur Blutauffrischung haben
sollen.“ Ein Gebet.
Herr erhalte uns're Fe rsten,
Uns're teuren Landesväter—
Also tönt es in den Kirchen
Von den Lippen frommer Beter.
Herr, erhöre ihre Bitten!
Fleh'n auch wir mit Händefalten.
Denn erhälst du, Herr, die Fürsten,
Braucht das Volk sie nicht erhalten. (Postill.)
, V ˙—%——.!:———
Geschichtskalender.
25. Januar. 1890: Sozialisten⸗Gesetz⸗Verlänge⸗ rung mit 169 gegen 69 Stimmen verworfen.
26. 1895: Wilh. II. fordert Einschreiten gegen die soztalist. Jugendliteratur. 1894: Versöhnung Bis⸗ marcks und Wilh. II.
27. 1902: Zapf, sozial. Liederdichter in Wien f. 1897: Miquel wird geadelt.
23. 1898: Achtstundenkampf in England beendet. 1888: Lockspitzeltreiben im Reichstage enthüllt.
29. 1902: Sozialist. Reichstagswahlsieg in Döbeln. 1895: Untergang des Dampfers„Elbe“, 374 Todte.
30. 1649: König Karl I. von England, geköpfe. England Republik.
31. 1893: Zukunftsstaats-Debatte im Deutschen Reich tage. 1892: Der„Vorwärts“ veröffentticht den
Soldaten⸗Mißhandlungserlaß des Prinzen Ceorg v.
Sachse Sachser.
5 3
52. Lz bl
SEO.


