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Nr. 4.

Mitleldeutsche Sonntags⸗Zeitung.

Seite 5.

nach Obermörlen einberufen war. Wie anderwärte, so bekämpfen auch in Obermörlen die Hetzkapläne die Sozialdemokratie von der Kanzel herab, wo ihnen niemand antworten kann und sie es deshalb mit der Wahrheit nicht so genau zu nehmen brauchen. Ihren Verleumdungen sollte in der Virsammlung entgegenge⸗ treten werden. Die Tagesordnung:Die Zentrums⸗ politik und das arbeitende Volk, muß den schwarzen Brüdern aber schwer in die Glieder gefahren sein, denn die Wahrhelt kann die schwarze Lügengesellschaft nicht vertragen. Die Jugend war aufgehetzt worden, die durch Johlen und Schreien den Referenten und seine Begleiter empfing. Außerdem waren die christlichen Brüder und Knüppelhelden fast vollzählig in der Ver⸗ sammlung erschienen. Als der Vorsitzende zur Bureau⸗ wahl schreiten wollte, fingen die frommen Heuchler, die die Religion im Munde führen, sich sonst aber wie Hunnenkrieger gebärden, an, zu brüllen wie die Wilden. Der Vorsißende ersuchte vergeblich um Ruhe, aber der schwarze Chorus brüllte unaufhörlich. Am rasendsten gebärdeten sich einige oberfaule Frömmler und der Vor⸗ stand des Bauernbundes. te Bauernbündler sind unter Führung ihres Kaplans Michel um ihreBildung zu beneiden. Als der Referent Genosse Habicht sah, daß die Zentrumsknüppelgarde es nur darauf abgesehen

hatte, die Versammlung zu stören und deshalb den Saal verließ, wollte ihn einer vieser Kaplansjünger

die Treppe hinunterwerfen, sodaß selbst Leute, die nicht zu uns gehoren, ihre Mißbillung äußerten. Unsere Versammlung konnten die fanatisirten Pfaffenknechte aber doch nicht verhindern. Die Genossen gingen ein⸗ fach in ein anderes Lokal und hielten dort eine von über 100 Personen besuchte Verfammlung ab. Genosse Habicht sprach andrihalb Stunden über die Verräter⸗ politit des Zentrums unter dem Beifall der Versamm⸗ lung. Seine Ausführungen wurden von mehreren Ober⸗Mörler Genossen ergänzt und besonders auf die ruhige Haltung der klassendewußten Arbeiter dieser Zentrumsknuppelgarde gegenüber hingewiesen. Eine Resolutlon, welche die pfäffischen Verleumdungen ent⸗ schieden verurteilt und den sozsaldemokratischen Kandidaten Busold empfiehlt, fand einstimmige Annahme. Die christliche Nächstenliebe offenbarte sich an diesen Sonntag Abend noch in besonders drastischer Weise. In zwei Wirischaften kam es zu Prlügeleien; im ersten Falle kamen zwei Zentrümler hinter einander, der eine, der Präsident des Bauernvereins drückte einem Gesinnungs⸗ genossen beinahe die Kehle zu, sodaß dieser ärztliche Hüfe in Anspruch nehmen mußte. In der zweiten Wirtschaft schlugen mehrere gläubige Christen einen unserer jüngeren Genossen mit Biergläsern einige Löcher in den Kopf. Es kamen als dann einige unserer Genossen hinzu, welche die Angreifer in Flucht schlugen

Aus dem Rreise Wetzlar.

h. In den Versicherungsgesetzen scheint sich unser Herr Landtagsabgeordneter, der Herr Sparkassendirektor Schlabach nicht recht auszukennen. Im Sommer vor. Jahres starb sein Bureaugehülfe Jo st nach kurzer Krank⸗ heit. Der Verstorbene bezog einen Monatsge⸗ halt von 85 Mk. Nach seinem Tode stellte es sich heraus, daß er in keiner Krankenkasse war, die Wittwe also weder ein Sterbegeld noch für die Dauer der Krankheit eine Unterßützung erhielt, also ganz empfindlich geschädigt wurde. Auch in der Invaliden versicherung war Jost in einer zu niedrigen Klasse, er hatte nur 24 Pfg. Marken, statt 30 Pfg. Marken geklebt, wodurch die Wittwe ebenfalls(bei Rückzahlung der Hälfte der Versicherungsbeiträge) um ca. 12 Mk. geschädigt wurde. Zum Teil ist ge⸗ wiß der Verstorbene selbst daran schuld, er hätte sich besser um diese Dinge bekümmern sollen. Wir meinen aber, das Mitglied einer gesetzgebenden Körperschaft müßte vor allen Dingen in seinem Geschäfte darauf sehen, daß die gesetzlichen Bestimmungen beachtet werben. Als besonders auffällig muß bei diesem Fall noch erwähnt werden, daß die Wittwe sogar unter Drohungen veranlaßt wurde, eine Quittung über 1000 Mk. zu unterschreiben, Es wurde ihr gesagt, dies sei das Gehalt ihres Mannes für das letzte Jahr. Eine solche Unterschrift zu geben, war die Frau weder verpflichtet, noch berechtigt. Nach alledem scheint die Ordnung 10 dem Bureau nicht gerade mustergiltig zu sein. b

15 Andisemitische Agitation. Der berühmte anttsemitische bauerubünblerische

Wanderredner Reuther verzapft jetzt seinen Kohl wieder mal im Wetzlarer Kreise. Am

Dienstag 0 seinem Tätigkeitsfelde erwählt.

Abend hatte er sich Nauborn zu Dort drosch er

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die alten hohlen Phrasen, mit denen diese Herren seit Jahrzehnten ihr Versammlungs⸗ publikum zu füttern gewohnt sind. Wer je einen derartigenVortrag anzuhören verur⸗ teilt war und verfügt auch nur über die aller⸗ bescheidensten politischen Kenntnisse, der muß zu der Ueberzeugung kommen, daß es der Herr Bauernagitator darauf abgesehen hat, geistige Verwirrung unter seinen Zuhörern anzustiften. Das tollste Durcheinander! Unser Genosse Beckmann, der in der Versamm⸗ lung anwesend war, beleuchtete scharf und treffend die Widersprüche und Gedanken purzelbäume des Herrn Reuther, worauf dieser nur mit albernen Mätzchen zu antworten wußte. Es kommt ja schließlich nicht darauf an, ob Reuther selbst glaubt, was er den

Bauern erzählt, kann ihm auch gleichgültig

sein, ob diese es glauben. Die Hauptsache ist, daß der Tag herum und das Geld verdient ist, was seine Auftraggeber für diese Arbeit auszuwerfen für gut finden.

Aus dem Rreise Marburg⸗-Rirchhain.

* Das Marburger Reptil, das sichOberhessische Zeitung nennt, hetzt in geradezu schamloser Weise gegen unsere Partei. In seiner Nummer vom vorigen Dienstag druckt es einen Schandartikel der Arbeitgeber-Zeitung, eines vor Kurzem gegründeten Scharfmacher Organs gewisseulosester Sorte, ab, in welchem der Weberstreik in Merane als einWerk J e eee ee ee hingestellt wird. Folgenden Schwindel wagt das Reptil seinen Lesern aufzutischen:

Im Oktober vorigen Jahres wurden die

Weber, Männer und Frauen, die zum größten

Teil sozialdemokratisch organisirt waren, von

Agitatoren in den Streik gehetzt; es wurde

ihnen vorgeredet, daß ihre Lohnforderungen

durchaus gerechtfertigt wären und daß der sozialdemokratische Textilarbeiterverband seine

Hand über die Streikenden halte und mit

seinen mächtigen Mitteln sie unterstützen

werde. Und weiter wird gelogen:

Die Fabrikanten können die Forderungen der Streikenden nicht erfüllen; gewiß sind die Löhne zurzeit nicht glänzend, aber sie sind doch immer noch dreifach so hoch als die wöchent⸗ lich gezahlten Streikgelder.

Gleich darauf wird aber bemerkt was Wahrheit ist daß die Frauen am energischsten für Aufrechterhaltung des Streiks eingetreten seien;wenn die Männer schwankend wurden, dann erklärten die Arbeiterinnen, daß sie bis zum Weißbluten aushalten würden.

Selbst der rückständigste Arbeiter sieht ohne Weiteres den gemeinen Schwindel, der in dieser Schweinbergnotiz verzapft wird. Jeder weiß, daß es einfach ein Ding der Unmöglich⸗ keit für diesozialdemokratischen Hetzer wäre, 2000 Leute ein Vierteljahr zusammenzu⸗ halten, auch wenn wirklich wahr wäre, was natürlich gelogen ist, daß sie den Streik hervorgerufen hätten. Das Schönste kommt aber noch. Während nämlich der Schweinburg⸗ Schwindel die Runde durch die Presse machte, wurde der Weberstreik beendet, weil die Fabrikanten die Forderungen der Arbeiter be willigten, von denen in der Notiz gesagt wird, daß die Fabrikanten sienichterfüllen kön'nten! Sollte es in Marburg und Um⸗ gebung noch Arbeiter geben, die ein solches geradezu empörend verlogenes Schandblatt abonniren, so müßten sie vor sich selbst erröten, wenn ste es nicht sofort aus dem Hause schafften.

on sfum verein. Die im ver⸗ gangenen Sommer hier begründeteHessische Einkaufsvereinigung, welcher die Konsumver⸗ eine von Kassel, Melsungen, Gießen, Lollar, Wetzlar, Marburg u. a. angehören, hält am Sonntag, den 25. d. M., im Restaurant Jes⸗ berg dahier einen Einkaufstag ab. Ein Vertreter der Großeinkaufsgesellschaft zu Ham⸗ burg wird anwesend sein, um die Aufträge der Vereine entgegen zu nehmen. Durch den gemeinsamen Warenbezug der Vereine per Waggonladung nach Ma bucg, dem Mittelpunkt

derselben, von wo aus dann die Verteilung vor sich geht werden bedeutende Ersparnisse an Fracht usw. erzielt, die natürlich wieder den Mitgliedern zugute kommen. Nächsten Samstag, den 31. Januar, Abends 9 Uhr, findet die Generalversammlung des hiesigen Konsumvereins im Saale des Rest. Geis ler, Fraukfurterstraße, statt. Auf der Tagesord nung steht u. a. die Beratung eines Spar⸗ ordnungs⸗Entwurfs, sowie sonstige wichtige Angelegenheiten und ist es daher wünschens⸗ wert, wenn die Mitglieder sich recht zahtreich zu der Versammlung einfinden.

Eintracht. Unser Arbeitergesang⸗ vereinEintracht hält am Sonntag, den 25. d. M. Nachmittags 2 Uhr im Jes ber g'schen Lokale seine Generalversammlung ab. Außer der Jahresabrechnung stehen noch verschiedene andere Angelegenheiten zur Beratung. Das Erscheinen sämtlicher Mitglieder ist deshalb dringend erwünscht.

Kleine Mitteilungen.

e Ein Einbruch wurde am Sonntag Nacht bei dem Bäckermeister Jughard in Lollar verübt. Die Bewohner des Hauses erwachten aber durch den Lärm und faßten den Dieb ab, der dann in das Gießener Gefängnis eingeliefert wurde.

ei Einen Tausendmarkschein verbrannt Eine Wirtsfrau in Falkenstein i. Taunus hatte das Pech, einen Tausendmarkschein, der ihr zum Wechselu übergeben war, aus Versehen in's Feuer zu werfen. Wie dieKl. Pr. berichtet, ist der Verlust für die Frau unerschwinglich.

e Mord und Totschlag in Frankfurt. Samstag kam es in der Wingertstraße 8 in Frankfurt zu Schlägereien zwischen zwei in dem Hause wohnenden Familien Gebhardt und Rothfuß sowie dem Schwager des Letzteren. Dachdecker Röder. Der Schreiner Gebhardt, in dessen Wohnung die beiden andern eindrangen, wurde durch Stiche so schwer verletzt, daß er seinen Wunden nach zwei Stunden erlag. Auch die beiden Angreifer waren verletzt und kamen in's Krankenhaus. Röder wird bereits vom Gießener Staatsanwalt wegen, Straßenraubes steckbrieflich verfolgt. Ferner hat am Montag der Fuhrunternehmer Klotzbach in der Friedbergerstraße seine Frau, die er schon oft mißhandelte, erschlagen. Der Unmensch wurde verhaftet.

* Leichenfund in Köln. Beim Umbau des HotelsLandsberg in Köln fand man Ende voriger Woche vier Skelette unter dem Fußboden. Spuren au den Leichen deuten darauf hin, daß es sich hier um Opfer von Verbrechen handelt, die vor ca. 25 Jahren verübt find. Von der Staatsanwaltschaft sind eifrige Nachforschungen eingeleitet worden, um die geheimnisvolle Angelegenheit aufzuhellen.

Letzte Nachrichten.

Im Reichstage kritisterte Bebel am Donnerstag scharf die Kaiserreden, ohne vo m Präsidenten daran gehindert zu werden.

In Marokko dauern die Unruhen fort. Die Aufständischen sind von den Truppen des Sultans geschlagen worden.

Versammlungskalender. Samstag, den 24. Januar.

Friedberg. Soz.⸗dem. Wahl verein. 9 Uhr Versammlung in Stadt New-Nork.

Gießen. Holzarbeiter. Abends 9 Uhr Versamm⸗. lung bei LöbWiener Hof. Metallarbeiter: Abends 9 Uhr Versammwlung bei Orbig.

Heuchelheim. Arbeiterbildungsverein. Abends 8 Uhr Versammlung bei Wirt L. Germer(Grüner Baum).

Steinberg. Arbeiterbildungs verein. Abends 8 Uhr Versammlung auf der Wi helms h. Tg.⸗Ord.: 1. Rechn ungsablage vom Jahre 1902. 2. Vorstandswahl. 3. Stellungnahme zur Kreis⸗ konferenz.

Sonntag, den 25. Januar.

Gießen. Glaser⸗Verband. Nachmit ags 3 Uhr Generalversammlung bei Orbig.

Marburg. Gesang vereinEintracht. Nach⸗ mittags 2 Uhr Generalversammlung bel Jes berg.

Lauterbach. Soz.⸗dem. Wahlverein. Nach⸗ mittags 3 Uhr Versammlung bei Wirt Kaut.

Annerod. Voltsversammlung. Nachmi. tags ½4 Uhr im Wel ler'schen Lokale.

Rödgrn. Voltsversammlun g. Nachmit,ags 3 Uhr bei Wirt H. Wagner.

Abends

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