Seite 4.

Mitteld ntsche Sountags⸗Zeitungg

Parteigenossen! Gedenket des Wahlfonds!

Gießener Angelegenheiten.

Der Wahlverein hielt am Sonntag seine General-Versammlung ab, die sehr zahlreichen Besuch aufwies. Zunächst gab der Vorstand seinen Geschäfts bericht für das zweite Halbjahr 1902, aus dem hervorgeht, daß der Verein 111 Mitglieder zählt, wobei die mit den Beitragen im Rückstand befindlichen nicht mit gerechnet sind. Das Vertrauens⸗ männer⸗System bedarf hier und da noch weiterer Ausgestaltung. An den Landtagswahlen, die in die Berichtsperiode fielen, beteiligte sich in Gießen unsere Partei zum ersten Male mit befri'digendem Erfolge. Die vom Verein über⸗ nomumene Schriften⸗Kolportage hat nicht unbe⸗ deutenden Umsatz aufzuweisen. Der Kassen⸗

bericht weist in Eil nahme 278,44 Mk.; in Ausgabe 210,85 Mk. auf, so daß ein Bestand von 67,59 Mk. verbleibt. Von den Revisoren wurde die Richtigkeit der Abrechnung bestätigt, darauf der Kassierer entlastet. Bei der Vor⸗ standswahl wurde der bisherige Vorstand wiedergewählt, uit Ausnahme des zurück⸗ tretenden Schriftführers, welches Amt Genossen Fourier übertragen wurde; neugewählt wurde ferner Gg. Baum als Belsitzer. Jas Reichs⸗ tagswahlkomitee bilden die Gen. Beckmann, Bock, Böttger, Fourier und Vetters. Darauf nahm die Versammlung ein Referat des Gen. Vetters entgegen, in welchem der⸗ selbe die wichtigsten politischen Vorkommnisse des verflossenen Jahres besprach. Im Vorder⸗ grunde der öffentlichen Diskusston habe der Zolltarif gestanden, der schließlich durch schmäh⸗ lichen Rechtsbruch der Reichstagsmehrheit zur Annahme gelangt sei. Ihres gelungenen Ge⸗ waltaktes dürften sich die Zöllner und Reak⸗ tionäre kaum lange freuen; mehr und mehr sehen die Kleinbauern ein, daß ihnen der Zoll⸗ tarif eher Schaden als Nutzen bringt und daß sie mit den Zollversprechungen getäuscht wurden. Weiter wies der Redner hin auf die immer⸗ während steigenden Militärlasten, wodurch die Schuldenlast des Reiches und der Einzelstaaten ins Ungeheure gestiegen sei. Bei dem Reiche allein sind die Schulden jetzt auf über drei Milliarden angewachsen, an Zinsen müssen jährlich mehr als hundert Millionen Mark aufgebracht werden, in der Hauptsa ge durch die auf dem ärmeren Volke schwer lastenden indirekten Steuern. Die Rechtsprechung karakterisierte Redner, indem er auf die zahl⸗ reichen Duellaffairen und die gelinde Bestrafung der Duellverbrecher hinwies, denen er die über⸗ aus harten Urteile gegen streikende Arbeiter und sozialdemokratische Redakteure gegenüberstellte. Viele sensationelle Ereignisse des letzten Jahres zeigen den sittlichen und moralischen Verfall

in den besitzenden Kreisen, sind aber zugleich

Beweis dafür, daß uns unserSchweineglück ncht verlassen hat. Trotzdem von hüöchster

Stelle aus beinahe alle 14 Tage aufs Neue der Kreuzzunx gegen die Sozialdemokratie ge- werde, haben wir bei verschiedenen.

vredigt 0 Wahlen, die stattgefunden, sehr gut abgeschnitten. Die sozialdemokratische Presse wie auch die Gewerkschaften machten gute Fortschritte. Wir lönnen wohl zuversichtlich in den Wahlkampf ziehen. Doch bedarf es der angestrengiesten. Arbeit! Jeder einzelne Genosse muß sein Teil. dazu leisten. Gewaltig rüsten die Gegner und besonders in unserm Kreise steht uns ein harter Kampf bevor, darum frisch an die Arheit! An das Referat schloß sich eine lebhafte Dis⸗ kusston, an der sich die Gen. Beckmann, Krumm, Fourier, Bock, Gabriel und noch andere be⸗ teiligten. Rüth widersprach der Ansicht Vetters, daß man bei Stichwahlen zwischen Gegnern für den freisinnigen Kandidaten eintreten solle. Dem gegenüber hielt der Referent seine Meinung gestützt auf die Parteitagsbeschlüsse auf⸗ recht. Im Weiteren wurden verschtedene Wünsche bezüglich der Berichterstattung über städtische Angelegenheiten in derM. S.⸗Ztg. vorge⸗ bracht, deren Erfüllung zugesagt wurde,

Auslande bi

Der Vortrag der Frau Dr. David am vergangenen Samstag war sehr zahlreich besucht. Bie Gaal⸗Kalamität trat auch hier wieder zu Tage; eine ziemliche Anzahl Besucher mußten mit Stehplätzen fürlieb nehmen. Die Vortragende erörterte das Thema: Wie schützen wir uns vor der Verteuerung der Lebensmittel durch Ringe und Kartelle? sehr gründlich und eingehend. Sie wies zunächst darauf hin, wie schwer es heutzutage dem Arbeiter sel, seine Lebenshaltung einigermaßen menschenwürbig zu gestalten; die Prelse der notwendigsten Lebens⸗ mittel steigen, während die Löhne sinkende Tendenz zeigen. Besonders unangenehm wird jede Hausfrau die ganz bedeutende, in der letzten Zeit erfolgte Preissteigerung bestimmter Artikel, der Seife, Kohle und anderer Bedürf⸗ nisse empfunden haben. Woher kam das 2 Heute haben wir die freie Konkurrenz, es kann jeder ein Geschäft treiben, während früher die Gesetzgebung dem freien Wettbewerb Beschräuk⸗ ungen auferlegte. Die Wirkung der freien Konkurrenz ist, daß jeder Fabrikant heute für den Weltmarkt produziere, während früher der kleine Handwerksmeister nur auf Bestellung arbeitete. Kein Unternehmer weiß, ob er seine Ware alle und zu dem von ihm angesetzten Preise los wird. Das ist das Unternehmer⸗ Risiko und er nimmt die Risiko⸗Prämie für sich in Auspruch, das heißt, er will mehr an seiner Ware verdienen, als zur Bestreitung der Produkttonskosten und des üblichen Gewinnes notwendig sei. Der Fabrikant muß der Kund⸗ schoft nachlaufen, Scharen von Reisenden über⸗ fluten das Land, riesige Reklame wird eutfaltet. Die Kosten dafür müssen in den Pleisen der Waren mit bezahlt werden. Es haben sich Vereinigungen, Kartelle und Ringe der Produ⸗ zenten gebildet, deren angeblicher Zweck die Regelung der Produktion ist. Diese Vereini⸗ gungen nehmen ihren Mitgliedern die Kosten des Vertriebs ab, die Ristkoprämie fällt weg und eine Verbilligung der Waren müßte die Folge sein. Wir erleben aber im Gegenteil Verleuerung der Preise. Ja, die Preistreiberei erscheint als der eigentliche Zweck der Ringe. Ste diktieren dem ganzen Volke die Preise; ihre Verteuerungspolittk findet kaum eine Grenze. Dagegen 1 00 diePatrioten nach dem

iger. Zucker, Kohlen, Koks, Roh⸗ eisen, kostet im Auslande noch nicht die Hälfte des Preises, wie in Deutschlaud selbst. Wie können sich die Konsumenten gegen solche Ausbeutung schützen? Am besten durch Kon⸗ sumgenossenschaften. Diese können vor⸗ teilhafter einkaufen, die Spesen sind geringer als beim Kleinhandel, durch den sich Mancher eine Existenz gründet. Der Unternehmergewinn fällt bis zu einem gewissen Grade weg. Mit der Entwickelung verkleinern sich die Kosten, je mehr Mitglieder, desto mehr Vorteile. Größere Genossenschaften machten sich bereits an die Produktion, sie sind in der Lage, auf die Arbeitsverhältnisse besondern Einfluß au, zuüben. Die englische Großeinkaussgesellschaft besitze eigene Theeplantagen mit 600 Arbeitern, in Sidney besitze sie Talg und Seifenfabri⸗ ken. Dadurch hat jedes Mitglied bedeutende Vorteile. Würden sich alle deutschen Konsum⸗ vereine an die Großeinkaufsgesellschaft an⸗ schließen, wären wir in der Lage, der Ausbeu⸗ tung durch die Ringe der Großkapitalisten wirk⸗ sam entgegen zu wirken. Keineswegs dürfen die Arbeiter auf ihre Gewerkschaften verzichten. Diese brauchen sie, um die Verschlechterung der Arbeitsverhältnisse zu verhüten. Dazu leisten ihnen aber auch die Genossenschaften Hilfe; in ber Leipziger Konsumbäckerei ist der 8 Stundentag eingeführt, während die Bäcker⸗ meister erklären, der 12 Stundentag ruiniert sie. Jede Hausfrau wisse, daß ihre Kundschaft für ihren Krämer einen bedeutenden Wert repräsentiere. Vereint stellen die Kon⸗ sumenten eine ungeheure Macht dar, die zum Segen der Gesamtheit benutzt werden könne. Mit einem Appel an die Anwesenden, dem Konsumverein Gießen sich anzu- schließen, schloßedie Vortragende unter lebhaftem

eifall. In der Diskussion betonte Genosse Krumm, daß er es zwar den Arbeitern nicht verdenken

könne, wenn sie sich durch Kousumvereine wirt⸗ schaftliche Vorteile zu verschaffen suchten; in erster Linie müßten sie sich aber politisch und gewerlschaftlich betätigen. Aufklärung über politische und wirtschaftliche Fragen sei nötig. Dann müsse sich die Arbeiterklasse von dem der Einfluß gegnerischen Presse freimachen und die Presse unterstützen, die Arbeiterinteressen vertrete. Nach einer kurzen Antwort der Re⸗ ferentin schloß die Versammlung. 4

175 Bürgermeister Mecum hat eine Eingabe an den Landtag gerichtet, in der ge⸗ fordert wird, das Ausstellen und Aushängen von Waren an Sonntagen zu gestatten. Dieser Forderung, die ausführlich begründet wird, kann man nur zustimmen.

Im nattonalsozialen Verein sprach sich Herr Dr. Vogt am Schlusse seines Vortrages über die politische Lage für ein Zu⸗

sammengehen der Linken bei den nächsten Reichs⸗

tagswahlen aus. Genosse Vetters, der an⸗ wesend war, bemerkte, das die Stellung der Sozialdemokratie durch die Beschlüsse des Münchener Parteitages festgelegt sei.

Aus dem Rreise gießen.

In Trohe fand am Sonntag eine gut besuchte Versammlung des Arbeiter-Bildungs⸗ vereins statt. Nach der Rechnungsablage wurde die Vorstandswahl vorgenommen, welche die Wiederwahl der bisherigen Vorstandsmitglieder ergab. Im weiteren wurde beschlossen, bei der Konferenz zu beautragen, daß das Kreis fest am 14. Juni in Trohe stattfinden soll. Damit soll zugleich das zehnjährige Stiftungs⸗ fest unseres Vereins verbunden sein, wir hoffen deshalb, daß die zustimmt.

r. Mit dergesicherten Existenz der Arbeiter so schreibt man auz Watzen⸗ born⸗Steinberg sieht es für die Ar⸗ beiter des Gießener Braunstein⸗Bergwerkes auch höchst windig aus. Das beweist wieder der am 15. Januar erfolgte Lohnabzug. Seither wurde ein Stundenlohn von 26 und 27 Pfg. bezahlt, von dem doch bei den hohen Lebensmittelpreisen gar nichts mehr abzuzwacken wäre. Trotzdem erfolgten Abzüge von 4, 5 und 6 Pfg. die Stunde, so daß ein Teil Ar⸗ beiter 12 bis 13 Mk. für vierzehn Tage er⸗ hielten. Das sollen nach den Erklärungen der BetriebsleitungAkkordlöhne sein. Alle Ar⸗ beiter wissen längst, was es mit dem berühmten Akkordsystem auf sich hat. 1. sich nicht auf, um eine Besserung ihrer Lage durch gewerkschaftliche Organisation herbei⸗ zuführen. Besonders bedauerlich bleibt, daß immer noch eine 11 Anzahl Arbeiter die arbeiterfeindlichen Blätter vom Schlage des Gießener Anzeiger lesen, anstatt die Arbeiter⸗ presse zu unterstützen. Gehe doch mal ein Ar⸗ beiter hin zu dem Amtsblatt, ob es wagt, gegen das Ausbeutertum und für die Arbeiter alzu Darum hinaus mit dieser Sorte Blätter und hinein in die gewerkschaftliche und politische Organtsation! Für den Arbeiter heißt es:.

Willst Du ein frei Geschlecht Nicht länger bleiben Knecht,

Mußt für Dein gutes Necht

Du selber stehn!

aus dem Nreise sriedberg-Büdingen. v. Ein schrecklicher Unglücksfall

Opfer siel, ereignete sich am Mittwoch früh an der Bahustation Eschersheim. Der Maurer Prott aus Vilbel beging die schon oft gerügte Unvorsichtigkeit, von dem noch in Be wegung befindlichen Zuge herabzuspringen. Er glitt dabei aus, kam unter die Räder und wurde gräßlich verstümmelt, daß sein Tod on fort eintrat. Prott hat sich jederzeit an den Parteiarbeiten eifrig beteiligt. Er hinterläßt wie dieVolksst. mitteilt, eine Frau mit 4 Kindern, von denen das Jüngste erst 65 Wochen alt ist. 8 17

p. Von der katholischen Toler and und die Art, wie das Centrum den Wahlkampf zu führen gedenkt, davon legte eine Versammlung Zeugnis ab, die von Seiten unserer Genossen am 11. Jauuar

Konferenz dem Antrage

Trotzdem raffen sie

5

dem einer unserer Parteigenossen zum