Ausgabe 
25.1.1903
 
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Nr. 4.

Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung.

Seite 3.

schehen, kommandirte der Unteroffizter:Mann⸗ schaften'raus das Schwein bleibt hier! Hierauf zog der Unteroffizier sein Seitengewehr und befahl dem armen Menschen:Hose runter, friß das aus, was Du gemacht hast! Als der Mann sich sträubte, gab ihm sein Peiniger einen Schlag mit dem Seitenge⸗ wehr, worauf der Soldat in seiner Todesangst dem Befehl Folge leistete und seinen Kot hinunterwürgte. Er mußte sich unmittel⸗ bar darauf erbrechen und nun zwang ihn der Unmensch, auch das Erbrochene aufzu⸗ essen. Der Vorfall ist von Zeugen beobachtet worden, die menschliches Empfinden genug be⸗ saßen man weiß, was sie in der Kaserne riskirten die Scheusäligkeit zur Anzeige zu bringen. Die Beweisaufnahme muß die Be⸗ hauptungen der Anklage vollkommen erwiesen haben, das geht aus dem Urteil hervor, das gegen den Unteroffizier wegen schweren Miß⸗ brauchs der Dienstgewalt auf Jahre Ge fängnis und Degradation lautete. Der so grausam Mis handelte mußte alsunbrauch⸗ bar vom Militär entlassen werden. Mög⸗ lich, daß dte Untauglichkeit eine Folge der unmenschlichen Behandlung war.

Zu dieser Nachricht schrieb ein bekehrter Patriot der Münchener Post; der er zugleich 20 Mk. für den sozialdemokratischen Wahlfond zugehen ließ, folgendes: Es ist diese Leistung ein glänzendes Zeugnis milttärischen Gehorsams und Disziplin, worauf wir Deutsche stolz sein können und das Ausland uns stcher darum beneiden wird. Wenn der deutsche Soldat, der desKönigs Rock trägt, aufdienstlichen Befehl Dreck frißt, denselben speit, hierauf wieder frißt, können wir mit solchen Soldaten die Welt erobern. Lieb Vaterland, magst ruhig sein.

Freisinuige in Wahlrechtsfragen.

Was für unsichere Kantonisten auch die Freisinnigen und sogar die bürgerlichen Demo⸗ kraten sind, wenn es sich darum handelt, den minderbemittelten Klassen ihr Recht zu ver⸗ schaffen, das zeigte sich vorige Woche in Frankfurt g. M. In der dortigen Gemeinde⸗ vertretung haben die Freisinnigen und Demo⸗ kraten die Mehrheit. Zur Stadtverordneten⸗ Versammlung kann nur wählen, wer 1200 Mk. Einkommen versteuert. Nun lag der Antrag vor, diesen Ceusus auf 900 Me. herabzu⸗ setzen. Als es aber am Dienstag vor acht Tagen darüber zur Abstimmung kam, hatten sich 15 Mitglieder der Rathausmehrheit ge⸗ drückt, so daß der Antrag mit knapper Mehr⸗ heit abgelehnt wurde! Eine demokratische Versammlung mißbilligte wohl darauf das Verhalten ihrer Parteigenossen, das will aber nichts bedeuten, die Herren haben sich eben mitsamt dem Freisinn elend blamirt.

Schlappe von Venezuela.

Zu große Schneidigkeit entwickelte das an der venezolanischen Küste stationierte Kanonen⸗ bootPanther. Es griff nach den vorliegen⸗ den Meldungen ohne zwingende Veranlassung das Eingangsfort am Hafen von Maracaibo an und bombadierte es eine Stunde lang. Das Fort erwiederte aber das Feuer sehr heftig, weshalb derPauther das Gefecht aufgeben und sich zurückziehen mußte. Das deutsche Kanonenboot habe zwei Tote zu ver⸗

zeichnen.

Soziales.

ine Kraukenkassen⸗Reform soll be⸗ 1 1 Nach einer Zeitungsnachricht wäre dem Bundesrat eine Novelle zum Kran⸗ kenversicherungs⸗Gesetz zugegangen. Durch diese Novelle wird die Zeit der Krankenunterstützungen auf 26 Wochen und ebenso die Unterstützungsdauer nach einer Ent⸗ bindung auf 6 Wochen erhöht werden. Ferner fallen die Vorschriften fort, welche die Gewäh⸗ rung einer Krankenunterstützung bei Geschlechts⸗ krankheiten bisher ausschließen. Ehe man dieserReform zustimmen kann, muß man erfahren, ob die kleinen Besserungen nicht etwa

für eine Beschrantung der Selb verwaltung der Kassen eingehandelt werden sollen.

rr

Ueber die Polenfrage

schreibt uns ein Freund unseres Blattes:

Die Polenfrage steht mit einmal wieder im Vordergrunde des Interesses. Niemand sieht eigentlich recht, weshalb. Ist es vielleicht noch eine Miquelsche Hinterlassenschaft? Im Abge⸗ ordneten⸗Hause schlägt Minister Rheinbaben temperamentvoll aufs Pult: Wir müssen von unsern Beamten verlangen, daß sie national sind! Hie Welf, hie Waiblingen! sind die Parolen. Der Beamte muß natürlichHie Watblingen rufen. Aber haben denn nur die Deutschen das Recht,national zu sein? Ist bei den Polen Verbrechen, was von jedem preußischen Beamten als selbstverständlich vor⸗ qusgesetzt wird? Und wie stellt man sich denn zu den Deutschen in Amerika, in den russtschen Ostseeprovinzen, in Siebenbürgen? Wenn die der Regierung des von ihnen bewohnten Landes ausnationalen Gründen Opposition machen, dann ist es natürlich recht uud billig. Oh, sogar mehr als das. Die verdienen dann die begetsterungstriefendsten Reden unserer politisch so verständnisvollen und weitherzigen Alldeut⸗ schen. Aber die Polen bei uns? Ja, das ist natürlich eine andere Sache. Zwar, eine lange und nicht unrühmliche Geschichte haben sie ja hinter sich.(Ist denn die des deutschen Reiches immer so großartig? Z. B. im Zeit⸗ alter der Reformatiouskriege oder der Rhein⸗ bünde?) Und über die Teilung Polens unter die drei edeln zu diesem Zweck plötzlich rührend einigen Nachbarn kann man so seine Gedanken haben. Aber ja sehen Sie, da kommt das großeaber, vor dem in Deutschland sofort alles ehrfurchtsvoll und bescheiden verstummt, dasaber der angebetenen, abgöttig verehrten und so bombensicher feststehenden militärischen Weisheit:Aber die strategische Bedeutung dieses Besitzes für das Reich! Und das entscheidet nun über die Geschicke eines großen Volkes, über seine ganze Lebensstellung, diese Bedeutung für einen möglicherweise einmal ausbrechenden Krieg. Wenn Polen etwa selbst ständig und von Rußland bedroht wäre: was gäbe das für feine Reden über die Wichtigkeit eines solchenPufferstaates zwischen zwet nicht immer gerade in sich verliebten Nachbarn! Wie wohlwollend herablassend könnten wir dann da unsere Freundschaft anbringen und vielleicht hin und wieder auch eine kleine offne Bemerkung über die Brutalität des großen Nachbars, des täppischen russischen Bären. Nun wir aber selber so sind, wie wir es den Russen Finnland gegenüber vorwerfen da rückt natürlich diestrategische Bedeutung Polens in eine andere Beleuchtung.

Und vor dem Reichstage steht Bülow. Bei Rheinbaben rühmt man das Temperament. Das kann man beim Kanzler nicht. Aber die Sache ist einfach: Da rühmt man dann eben grade das Gegenteil: er spricht so einfach, wie jeder, der unbedingt weiß, daß seine Sache gut ist. Und wer wagt dann nun noch zu kritisieren? Ist einmal die Parolenattonal ausgegeben, dann steht natürlich jedem braven deutschen Spießbürger der Verstand à tempo still. National und Regierung wird gleichgesetzt und dann kann der Mund lustig des übergehen, dessen das Herz voll ist, besonders, wenn ein paar Glas Bier getrunken sind und die Luft voll Tabaksqualm ist, daß der äußere Blick genau ft wenig mehr unterscheiden kann, wie der geistige. Fragt daun einen solchen Bier⸗ philister, einen solchen begeisterten Käsblatt⸗ politifer einmal was heißt denn das, national? Ihr werdet staunen über die Abgründe von Weisheit die sich auftun.

Und nun überlegen wir, was die Germani⸗ sierungsstreberei bisher genützt hat. Die Polen werden genötigt, das Deutsche zu lernen. Der Deutsche aber lernt natürlich in Westpreußen z. B. kein polnisch. Das wäre ja auch unver⸗ einbar mit demPatriotismus. Natürlich ist dadurch der Pole in vielen Berufen besser zu gebrauchen.

am Verkrachen sind und machte so die gestran⸗ deten Magnaten wieder flott. Der deutsche Anstedler, der auf eigne Faust und durch eigne Tüchtigkeit schon jahrzehntelang dem Deutschtum dort einen guten Namen macht, um den küm⸗ mert man sich kaum. Wo man kann, reizt man das bekanntlich oft überempfindliche Nationalbewußtsein der Polen, das an Eitel⸗ keit grenzen kann, mit Nadelstichen und Keulen⸗ schlägen, und dann wundert man sich, wenn die Opposition dadurch in sich gefestigt, mit Agitationsmaterial versehen und so in jeder Beziehung gefördert wird. Und während man in Polen mit allen Mitteln die Polen unter⸗ kriegen möchte, zieht man sie tausendweise in's eigentliche Dentschland herein und läßt sie den höher stehenden deutschen Arbeitern eine manchmal schwer empfundene Konkur⸗ ren: machen. Vor allem sind es die Säulen der Nation, die ostelbischen Großgrundbesitzer, die dem deutschen Landarbeiter nicht das kleinste Zugeständnis machen, aber das ärmste pol⸗ nische Volk hereinziehen. Natürlich allesum die heiligsten Güter der Nation zu wahren, dieRasse rein zu halten, um den Ausdruck des Reichskanzlers zu gebrauchen. Das ist so der große Widerspiuch, in den sich die herr⸗ schenden Klassen bei uns tief verwickelt haben: Wo die Arbeiter ihre berechtigten Interessen zu vertreten suchen, da werden sie auf die schöne christliche Nächstenliebe, auf die edle Almosengeberei hingewiesen. Ist aber von den J. Teil gewiß auch berechtigten Interessen der Völker die Rede, dann verschwindet das Christen⸗ tum plötzlich in der Versenkung, dann ist ui noch vom Rassenkampf die Rede und daraus folgt dann selbstverständlich, daß Deutschland alles und andere Völker, voran die Polen, sich gar nichts zu erlauben haben.

Sieht man dann nicht, daß die Polen reifer geworden sind in den letzten Zeiten? O doch, man weist sogar mit großem Stolz darauf hin, daß sie das womöglich unsrer deutschen Herrschaft ganz allein zu danken haben. Es ist gewiß etwas Wahres daran. Aber soll denn die polnische Dankbarkeit so weit gehen, daß sie nun ein für allemal nichts Höheres kennt, als in deutscher Knechtschaft zu leben? Sich auf das geplanteZwinguri in Posen mit kindlicher Hingebung zu freuen?

Es giebt Eltern, die ihre Kinder selbst dann noch gängeln zu müssen glauben, wenn diese selbst schon längst wieder Kinder haben. Wir nennen solche Eltern höchst unverständig. Und ist es denn wirklich Staatsverbrechen, ein⸗ mal theoretisch die Frage aufzuwerfen, ob mit einem Fremdkörper außerhalb des eignen Fleisches nicht doch vielleicht leichter umzugehen wäre, als wenn er in uns eine chronische Entzündung erzeugt? Wir könnten uns auf manchen großen deutschen Dichter dabei berufen. Aber in der Politik bedeutet ja natürlich der Dichter nichts. Der hat sein Reich der Ideale. Die Politik versteht nur der Spieß⸗, Bier-, Skatbürger und das in seinen Ansichten eben so unab⸗ hängige wie vorurteilsfreie Amtsblatt.

Von Rah und Lern. Hessisches.

Zur Wahlrechtsreform in Hessen.

Die Regierung hat, wie verlautet, den neuen Gesetzentwurf über die Abänderung des Landtags⸗Wahlrechts fertiggestellt und das Manuskript dem Präsidenten der Zweiten Kammer überreicht. Der neue Gesetzentwurf, der verschiedene wichtige Abänderungen enthält, wird sofort gedruckt und den Kammermitgliedern zugestellt werden. Nachdem der Höchstkomman⸗ dirende im hessischen nationalliberalen Lager, Frhr. v. Heyl, in deutlichster Weise seiner Abneigung jeder Reorganisation des Landtags⸗ Wahlgesetzes Ausdruck gegeben, darf man neu⸗ gierig sein, wie diese Fraktion sich der neuer⸗ lichen Beratung der diesbetreffenden Vorlage gegenüber verhält. Das ist eine schwierige Situtation für die Herren, denn da hilft kein

Man kauft polnische Güter, die! Mundspitzen, es muß geffiffen werden.

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