Ausgabe 
25.1.1903
 
Einzelbild herunterladen

e 2 SFFFFPFTTPT*

2

ä

Seite 2.

Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.

Nr. 4.

und die Masse der kleinen, sich mit Vieh- und Geflügelzucht befassenden Landwirte in gleicher Weise interesstiert. So war es denn sehr ange⸗ bracht, daß der Abg. Rösicke⸗Dessau sich einmal dannach erkundigte, was denn eigentlich der Reichskanzler unterMalzgerste sich denkt. Es scheint aber, daß der Herr Graf Bülow sich gar nichts darunter denkt. Wenigstens geruhte er nicht, sich im Reichstage einzufinden, sondern ließ sich durch Herrn von Thielmann vertreten. Herr v. Thielmann scheint großen Wert darauf zu legen, sich bei seinen früheren Feinden lieb Kind zu machen; auf Klarheit dagegen dürfte er weit geringeren Wert legen. Wenigstens gab er auf Herrn Rösickes klare und bündige Frage keine ebensolche Antwort. Will die Regierung kurzer Hand alle Gerste als Malzgerste betrachten und demzufolge mit dem Mindestzoll von 4 Mark belegen? Oder will sie einen Unterschied machen? Herr v. e kann es nicht sagen, hat es nicht esagt.

5 Bei der Besprechung der Interpellation erklärten die Agrarier ihr Vertrauen zu den Herren von der Regierung, die schon einen Ausweg aus dem von den Agrariern angerichteten Kuddelmuddel finden würden. Früher war das Vertrauen der Bündler zu der Regierung nicht so stark! Genosse Wurm ergänzte in wert⸗

vollster, von gediegenster Sachkenntnis zeugender⸗

Weise die Ausführungen Rösickes und rechnete den Herren Mittelstandspolitikern an der Hand unwiderleglicher Ziffern nach, daß das Malz⸗ gersten⸗Kompromiß unweigerlich zum Ruin der kleinen Brennereien führen muß. Weiter be⸗ tonte unser Genosse, daß nach den Erklärungen des Staatsekretärs sämtliche Gerste mit

4 Mk. Mindestzoll belegt wird und daß damit

die deutschen Kleinbauern schmählich hin⸗ ters Licht geführt wurden, die jetzt die Kosten des erhöhten Zolles zu tragen haben!

Am Montag begann die

Beratung des Etats.

Der Schatzsekretär Thielmann gab ihu in Abwesenheit des Reichskanzlers die üblichen Geleitworte mit. Dabei sprach er über Vene⸗ zuela, das Defizit, das auch sparsame Finanzminister nicht verhüten könnten. Inte⸗ ressant war sein Hiaweis darauf, daß die höheren Fleischpreise 3 Millionen Mk. Mehrkosten für das Heer verur⸗ sachen. Im Hintergrunde stehen neue Steuer⸗ projekte, von denen der Minister allerdings noch nichts sagte. Als erster Redner aus dem Hause nahm der Zentrumsmann, der Urbayer Schädler das Wort. Er hatte den Auftrag, für den strengen Konstitutionalismus einzu⸗ treten. Nur schade, daß der Hauptmitschuldige an eben der Finanzpolitik, die der Zentrums⸗ redner geißelte eben das Zentrum ist. Das unehrerbietige Gelächter, mit dem die Linke Herrn Schädlersdemokratische Drohungen begleitete, mochte dem streitbaren Herrn zeigen, wie hoch seine pomphaften Worte bewertet werden. Um über den wahren Wert dieser Drohungen gar keinen Zweifel zu lassen, be⸗ kannte sich der Zentrumsredner zum Schluß mit phrasenhafter Emphase zur Weltpolitik. Einen breiten Raum in der Schädlerschen Aus⸗ führungen nahmen Betrachtungen über das be kannte Swinemünder Entrüstungs⸗ telegramm an den Prinzregenten Luitpold ein. Reichskanzler Bülow sah sich genötigt, darauf zu antworten, es mag ihm peinlich genug angekommen sein. Der Konservative Graf Stolberg will nichts für die Beschickung der Weltausstellung in St. Louis bewilligen, sagte aber auch nichts davon, daß er die Mehreinnahmen, die ihm aus den erhöhten Zöllen erwachsen, der notleidenden Reichskasse zur Verfügung stellen wollte.

Gewaltstreich des Reichstags⸗ präsidenten.

Am Dienstag eröffnete unser Genosse v. Vollmar die Debatte, der im Gegensatze zu seinem Landsmann Schädler, dem Centrums⸗ redner vom Montag 0 wirksame, und doch

sachliche Kritik an der ganzen deutschen Reichs⸗ politik übte.

Die glänzende Rede Vollmars stand im Mittelpunkt der Dienstagsverhandlung, wie sie ihren Eingang bildete. Dr. Schädler hatte tags zuvor Kritik an der Finanzverwaltung des Reichsschatzsekretärs geübt. Ganz recht, sagte Genosse v. Vollmar, die Kritik ist schon ganz gut; leider geht sie nicht weit genug. Der Hauptschuldige an dem Manko der Reichs⸗ finanzen ist nicht Herr v. Thielmann, sondern die bewilligungswütige Reichstagsmehrheit, in allererster Linie das flottenschwärmende Zen⸗ trum. Scharf ging Vollmar mit dem Zentrum ins Gericht; das hinderte ihn aber nicht, sich in Sachen der Swinemünder Katserdepesche an den bayrischen Prinzregenten nachdrücklichst allen Ausführungen Schädlers anzuschließen. Darauf kam Vollmar auf den Fall Krupp zu sprechen. Richtiger: er wollte die Reden, die anläßlich des Falles Krupp gehalten worden sind, besprechen. Aber der Geschäftsführer der Vergewaltigungsmehrheit, Präsident Graf Balle⸗ strem, hinderte ihn daran. Unglaublich, aber wahr: ein Fall, der Wochen hindurch im Mittelpunkt der inneren Politik Deutschlands gestanden hat, darf im deutschen Reichstage nicht behandelt werden! Die Vertreter des deutschen Volkes sind von ihrem gewählten Vorsitzenden zu Staatsbürgern zweiten Rechts degradiert worden, im Reichstage darf nicht Heftig hen werden, was in allen Volksver⸗ sammlungen, in allen Vereinen, an allen Stammtischen behandelt wird. Vergebens waren die stürmischen Protestrufe unsrer Ge⸗ nossen. Nach einer kurzen, aber wilden Szene, die an die heftigsten Auftritte der Kardorff⸗ Tage erinnerte, setzte Graf Ballestrem seine Maulkorbverfügung durch. Ob er dieselbe aus der Tiefe der eigenen Brust geschöpft, ob er sie mit dem Reichskanzler abgekartet hat?

Auf alle Fälle hat der Knebelgraf der Sozialdemokratie einen großen Triumph bereitet, indem er denFall nicht einmal erörtern lassen wollte, mit dem man in die deutsche Arbeiterbewegung töter als tot zu schlagen vermeinte. Nachdem der parteiische Präsident seinem eigenen Parteigenossen Schädler in der schärfsten Weise hatte gegen den Kaiser reden lassen, obwohl das von diesem angegriffene Telegramm nicht imReichsanzeiger gestanden hatte, verbot derselbe Vorsitzende unserm Ge⸗ nossen v. Vollmar mit absichtlicher und be⸗ wußter Ungerechtigkeit eine Kaiserrede zu be⸗ sprechen, welche imReichsanzeiger gestanden hatte. Jedes Recht tritt dieser Präsident mit Füßen, weshalb ihm Genosse Fischer das Wort Parteipräsident! entgegenrief. Die Aus⸗ führungen der übrigen Redner waren von keiner großen Bedeutung. Schließlich ergriff der Reichskanzler das Wort, der am Schlusse seiner Rede einen Gesetzentwurf zur Sicherung des Wahlgeheimnisses ankündigte.

Politische Rundschau. Gießen, den 22. Jauuar.

Das Spitzelunternehmen gegen den Vorwärts

hat unsere Parteikasse um 60 Mark bereichert. Wie wir schon in voriger Nummer erwähnten, versuchten Abgesandte der Berliner politischen Polizei den Redaktionsboten des Vorwärts zum Treubruch und zum Verrat von Partei- und Geschaftsgeheimnissen zu verleiten. Für diese Spitzelei wurde dem Boten von demUnbe⸗ kannten offenbar ein Polizeikommissär wöchentlich 30 Mk. versprochen und zugleich 60 Mk. Vorschuß gegeben. Diese lieferte der Bote, der scheinbar auf den Handel einge⸗ gangen war, an die Vorwärts-Redaktion ab. Der wiederholten Aufforderung an den gehörig legitimierten Geber, das Geld abzuheben, wurde keine Folge geleistet und damit erklärt sich dieser nach der Meinung des Vorwärts für die Ueber⸗ weisung des Geldes an die Parteikasse. Mögen die Steuerzahler sich merken, daß ihr Geld dazu verwandt wird, ehrliche Leute zum Verbrechen zu verleiten!

Hofnarren her!

In einem Artikel über den Verlauf der Krupp⸗ Affaire meinte der freisinnige Abg. Barth, daß es zweckmäßig wäre, wenn die Fürsten noch heute wie früher sich Hof⸗ narren hielten, die ihnen den Wahrheit sagen könnten. Wäre z. B. ein solcher am Hofe des Kaisers, so hätte es nicht geschehen können, daß der Kaiser anläßlich des Falles Krupp einen Feldzug gegen den Vorwärts unternommen hätte, wo er sich eine Niederlage holte,zum großen Leidwesen aller aufrichtigen Freunde der Monarchie. Also müssen alle guten Monarchisten dafür sorgen, daß ein Narr an den Kaiserhof kommt. Wir fürchten nur, heutzutage würde es selbst den Narren verboten sein, die Wahrheit zu sagen.

Freiheit der Wissenschaft in Deutschland.

Der Rektor der Berliner Universität, Prof. Gierke hat neulich einen Vortrag ver⸗ boten, den der Reichstagsabgeordnete Ber n⸗ stein in der freien wissenschaftlichen Studenten⸗ vereinigung überProndhon und Lassalle ein Vergleich halten wollte. Sein Verbot begründet der Herr Professor damit:er müsse zu verhindern und verhüten bestrebt sein, daß die sozialistischen Irrlehren in irgend einer Form Eingang in die jugendlichen Seelen fänden und sie vergifteten. Dann muß er den Studenten auch verbieten, ein sozialdemo⸗ kratisches Blatt oder eine sozialistische Schrift zu lesen! Ja, dieFreie Wissenschaft sieht in Deutschland merkwürdig aus, sie muß die Pickelhaube aufsetzen.

Duellmörder.

Am vorigen Mittwoch verhandelte das Schwurgericht in Karlsruhe gegen den Studenten Ruff wegen Zweikampfes. Der Angeklagte hat am 7. Oktober vorigen Jahres seinen Gegner, den Studenten Reiß, im Zwet⸗ kampf getötet. Durch diese Verhandlung erfuhr der verbrecherische Duellblödsinn wieder einmal eine grelle Beleuchtung. Wie gewöhnlich, war. dem Duell eine Wirtshaus-Rempelei voran⸗ Saen und ebenfalls wie gewöhnlich hat der Beleidtger den Beleidigten über den Haufen geschossen. So verlangt es dieEhre und dieMoral in denbesseren Kreisen. Der Mörder erhielt die lächerlich geringe Strafe von Jahren Festungshaft! Man halte diesem Urteil jene zahlreichen Verurteilungen entgegen, wo ehrliche Arbeiter zu schweren Ge⸗ fängnisstrafen verurteilt wurden, oft darum, weil sie einem Streikbrecher ein heftiges Wort zugerufen hatten! Noch berichteten die Zeitungen über die Karlsruher Verhandlung, als schon wieder ein neuer Duellmord mitgeteilt wurde. Bei Berlin wurde der Rechtsanwalt Dr. Aye aus Flensburg von dem Leutnant v. Grawert getötet. Dr. Aye soll mit Rücksicht auf seine aus Frau und 5 Kindern bestehende Familie zu den weitgehendsten Konzessionen bereit gewesen sein, trotzdem wurde aber von

dem Ehrengericht ein gütlicher Ausgleich für

unmöglich erachtet. DieEhrengerichte pfeifen auf Gesetz und Humanität. Und das sind dieselben Leute, die dann im Namen des StaatesRecht sprechen.

Aus der Ferienkolonie.

Eine geradezu empörende, niederträchtige Soldatenschinderei kam vor dem Kriegs- gericht in Rendsburg(Schleswig) am 9. Januar zur Verhandlung und der Bericht da⸗ rüber machte dieser Tage die Runde durch die Presse. Als Angeklagter erschien der Unter⸗ offizter Grosse vom Trainbataillon Nr. 9 in Rendsburg. Dieser Mensch hatte dem Rekruten Tröwe während eines Dienstes die Erlaubnis zum Austreten, worum dieser gebeten hatte, verweigert. Dadurch wurde der Mann in die schlimme Lage versetzt, seine Notdurft in die Hosen zu verrichten. 5

Nach beendigtem Dienst ließ der Unteroffizier die Mannschaften, mit Klopfpeitschen bewaffnet, in der Stube antreten und gab ihnen Befehl den Mann durchzuprügeln. Nachdem dies ge⸗

8