Seile 6.
Mitteldeuilsche Sountags⸗Zeitung.
Nr. 21.
Ge 7 Unterhaltungs-Ceil. 1
Im Eisenwerke.
Tiefblauer Himmel und Sonnenschein. Der Zug hat soeben Montchanin passiert. Dort unten vor uns erhebt sich eine schwarze, undurchdringliche Wolke, die schwerfällig aus der Erde emporzusteigen scheint und den Himmel verdunkelt. Das ist der Rauch der Hochöfen. Je näher wir kommen, desto deutlicher vermögen wir zu unterscheiden. Hundert Riesenschlote 11 ern Rauchschlangen in die Luft; andere, ie nicht so hoch sind, almen weniger geräusch— voll und speien nur stoßweise Dampf aus. Dies alles durchdringt sich, breitet sich aus, schwebt in der Luft, hüllt die Stadt ein, erfüllt die Straßen, verbirgt den Himmel und erstickt das Sonnnenlicht. Es ist fast dunkel hier. Kohlenstaub fliegt umher, beißt in die Augen und beschmutzt die Haut und die Wäsche. Die Häuser sind schwarz, als wären sie mit Kienruß eingerieben, das Pflaster sieht schwarz aus, die ensterscheiben sind mit Kohlenstaub bedeckt. in Geruch von Rauch, Teer und Kohlen schwebt überall und bedrückt die Brust. Zu⸗ weilen benimmt uns der Dunst eines wahren Höllenfeuers den Atem, und vergeblich sucht man dann die reine, frische Luft unter einem freien Himmel. Man sieht nur dort oben die dicke, düstere Wolke schweben und die feinen Atome der umherfliegendeu Kohlenstaubteilchen flimmern.
Ein dumpfes, ununterbrochenes Getöse läßt die Erde erzittern, ein Lärm, der sich aus Geräuschen zusammensetzt und den in jedem Augenblick ein schrecklicher Stoß unterbricht,
unter dem die ganze Stadt zu erbeben scheink.
Wir nähern uns jetzt den Arbeitsstatten.
Welch, Zauberhafter Aählick! Das ist das Königreich des Eisen, in dem Seine Majestät das Feuer herrscht!
Feuer sieht man überall. So weit das Auge reicht, erstrecken sich ungeheuere Gebäude, so hoch wie Berge und bis zum Giebel hinauf angefüllt mit Maschinen, die sich drehen, fallen, wieder aufsteigen, sich kreuzen, sich unermüdlich regen und dabei keuchen, pfeifen, knarren und kreischen. Und alle arbeiten mit Feuer. Hier stieht man schwelende Kohlenglut, dort mächtige Flammen, weiterhin Blöcke glühenden Eisens, welche die Ofen verlassen, in die Maschinen gehen, wieder herauskommen, hundert Mal dahin zurückkehren, immer wieder die Gestalt verändern und noch immer in Rotglut strahlen. Gefräßige Maschinen verzehren das weiß⸗ glühende Eisen, brechen, schueiden, zersägen, sirecken und recken es lang aus; sie gestalten es schließlich zu Lokomotiven, Schiffen, Kanonen und tausenderlei anderen Dingen, die bald fein, wie von Künstlerhand getrieben, bald unge— heuerlich, wie von Riesen geformt, bald zierlich und kompliziert, bald roh und ungefügt er— scheinen.
Wir wollen versuchen, sie näher zu betrachten und ihr Entstehen zu verfolgen.
Wir treten rechts ein, wo in einem riesigen Saale vier ungeheure Maschinen arbeiten. Langsam bewegen sich die Räder, Kolben und Stangen. Was bezwecken ste? Nichts anderes, als den Oefen, in denen das Erz geschmolzen wird, Luft zuzuführen. Sie sind die ungeheuren Lungen der riesenhaften Oefen, die wir sehen. Sie atmen, nichts weiter; sie bewirken, daß die Ungeheuer leben und verzehren, was ihnen zu— geführt wird.
Da sind auch die Schmelzherde. Es sind zwef, die sich an den beiden Enden eines langen Saales erheben, turmhoch, dickbauchig, dabei laut brüllend und eine solche Glut ausstrahlend, daß noch auf hundert Meter Entfernung die Augen geblendet sind, die Haut versengt wird und wie in einem Schwitzbade atmet. Wie tobende Vulkane erscheinen sie. Das Feuer,
das sie ausspeien, ist weiß, sein Anblick uner⸗ träglich, und die Gewalt und der Lärm, womit es emporgeschleudert wird, derartig, daß man sich keine Vorstellungen davon machen kann. Hier kocht das Eisen, aus dem man Schienen macht. Ein kräftiger, ernst blickender junger Mann mit einem großen, schwarzen Filzhut beobachtet die entsetzliche Glut aufmerksam. Er sitzt vor einem Rade, das Aehnlichkeit hat mit dem Steuer eines Schiffes, und mitunter bewegt er es auch auf ähnliche Art. Sofort erhöht sich die Wut des Ungeheuers. Es speit einen wahren Orkan von Flammen aus, weil der Schmelzmeister den mächtigen Luftstrom, der beständig hindurchgeführt wird, noch vermehrt hat.
Wie ein Kapitän steht der Mann da und führt ab und zu ein Glas an die Augen, um die Farbe der Glut prüfend zu betrachten. Auf einen Wink von ihm kommt ein Wägelchen angerollt und schüttet neue Erzmassen in den tobenden Feuerschlund. Wieder prüft der Schmelzmeister die Farbe der feurigen Lohe und sucht nach einer Veränderung: Plötzlich dreht er ein anderes Rädchen und versetzt dadurch den furchtbaren Kessel in schaukelnde Bewegung. Langsam dreht er sich, während er einen blen⸗ denden Funkenregen zum Dache des Saales emporschleudert, und mit komischer Grazie, einem Elefanten vergleichbar, der sich anmutig verbeugt, läßt er einige Tropfen einer feurigen Flüssigkeit in ein Schmelzgefäß laufen, das man hinhält; dann dreht er sich lärmend zurück.
Ein Mann trägt die feuerige Masse fort. Sie bildet jetzt einen kleinen, roten Klumpen, den man unter einen durch Dampf in Bewe⸗ gung gesetzten Hammer legt. Der Hammer schlägt zu, zermalmt und hämmert das glühende Metall dünn wie ein Blättchen. Dann wird es sofort in kaltem Wasser abgekühlt. Gleich darauf wird es von einer Zange erfaßt und gebrochen; der Meister prüft die Bruchfläche, bevor er den Befehl giebt:„Ausfließen lassen!“ Der Kesseb. neigt'sich von neuem und gießt wie ein Diener, der die Gläser an der Tafel füllt, die glühende Fluten des Erzes, die er iu seinem Innern birgt, nacheinander in eine Reihe von Gußformen, die rings umher auf— gestellt, sind.
Er bewegt sich natürlich, so einfach von seinem Platze aus, wie wenn er belebt, bpeseelt wäre. Damit dieser phantastische Koloß sich bewege, seine Arbeit verrichte, sich um sich selbst drehe, genügt es, verschiedene große Hebel zu berühren oder auf kleine Knöpfe, ähnlich denen der elektrischen Laäͤutewerke, zu drücken. Eine gebeimnißvolle Kraft, ein fremdartiger Geist scheint über dem Ganzen zu schweben und die langsamen aber lei hten Bewegungen dieser selt— samen Maschine zu beherrschen.
Wir gehen hinaus. Unser Gesicht ist wie
ebraten, aus den Augen will das Blut hinaus⸗ 17 5
Zwei aus Ziegelsteinen ausgeführte turm⸗ artige Gebäude erheben sich draußen, viel zu hoch, als daß man ein Dach darüber gebaut hätte. Eine unerträgliche Hitze geht von ihnen aus. Ein mit einer eisernen Schürstange be⸗ waffneter Mann stößt damit in eine am Fuße dieser Türme befindlichen Oeffnung. Etwas, das wie Schlacken aussieht, fällt heraus. Er bohrt tiefer. Bald erscheint ein Lichtschein wie ein heller Punkt. Noch zwei Stöße und heraus⸗ stürzt ein Feuerbach, dann folgt ein Feuerstrom den in die Erde gegrabenen Rinnen und fließt unablässig. Das ist die geschmolzene, rohe Erzmasse. Man weicht vor diesem schrecklichen Strom zurück, man flüchtet in die hohen Ge⸗ bäude, wo die Lokomotiven und die großen Maschinen der Kriegsschiffe gemacht werden.
Hier sieht und unterscheidet man zuerst gar nichts. Man verliert beinahe den Kopf. Das ist ein Labyrinth von Wellen, Rädern, Riemen und Zahnrädern in voller Bewegung. Bei jedem Schritt findet man sich einem Ungeheuer gegen⸗ über, das rotglühendes oder schwarzes Eisen verarbeitet. Hier werden mannsdicke Platten zersägt, dort dringen spitze Nadeln in die Schmelzblöcke ein und durchbohren sie mit der⸗ selben Leichtigkeit, wie eine Nähnadel ein Stück
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Tuch. Weiterhin schneidet eine andere Maschine
das Eisen in dünne Blättchen, wie wenn man
mit der Schere Papier durchschneidet. Dieses ganze Rudel von lärmenden Bestien bewegt sich gleichzeitig und doch jedes auf seine eigne Art. Und immer sieht man Feuer, Feuer unter den Hämmern, Feuer in den Schmelzöfen, überall, allüberall Feuer. Und unaufhörlich übertönt ein entsetzlicher, immer wiederkehrender Schlag den Tumult der Räder, Dampfkessel, Ambosse und Maschinen aller Art und läßt den Boden er⸗ beben. Das ist der große Dampfhammer an der Arbeit.
Er befindet sich am Ende eines riesigen Gebäudes, das noch zehn oder zwölf andere Dampfhämmer enhält. Jeder fällt nach einer gewissen Pause auf einen Block weißglühenden Eisens, der dann einen Funkenregen nach allen Selten schleudert, allmählich flach wird, sich krümmt, eine gebogene oder flache Form an⸗ nimmt, ganz wie der Mensch es will.
Der große Dauepfhammer wiegt hundert⸗ tausend Kilogramm. Wie ein Berg herabstürzt, so fällt er auf ein Stück Eisen in Rotglut, das noch größer ist als er selbst. Bei jedem Zusammenprall sprühen Garben von Feuerfunken umher, und man sieht, wie die Masse, welche das Ungetüm bearbeitet, immer dünner wird.
Mit fast grazlöser Leichtigkeit steigt er empor und fällt dann wieder herab; ein einziger Mann setzt ihn in Bewegung, indem er einen Hebel berührt; und so erinnert dieser Maschinenkoloß an jene wilden Tiere, die— wie die Märchen erzählen— von Kinderhand gezähmt wurden.
Wir betreten jetzt das Walzwerk, das einen noch seltsameren Anblick bietet. Rote Schlangen ringeln sich am Boden, die einen dünn wie Fäden, die anderen dick wie Kabeltaue. So gleichen die ersteren endlosen Regenwürmern, die letzteren entsetzlichen Riesenschlangen. Hier macht man die Schienen für die Eisenbahnen.
Männer, welche vor den Augen einen Schirm tragen und deren Hände, Arme und Beine mit feuerfesten Stoffen umhüllt sind, werfen den Maschinen glühendes Eisen in den geöffneten Rachen. Die Maschine erfaßt es, reckt und dehnt es, bis es ganz schmal geworden. Es krümmt sich dabei wie ein verwundetes Reptil, scheint sich zu wehren, giebt endlich nach und wird länger, immer länger, so oft es von dem eisernen Schlunde erfaßt und wieder ausge— worfen wird. b 5
Unfähig, Widerstand zu leisten, dehnt sich die rote eckige Stahlmasse unter dem Druck der Maschine aus und verwandelt sich in wenigen Sekunden in eine Stange. Eine Riesensäge schneidet sie genau ab, andere Stangen folgen ihr in endlosem Zuge, ohne daß etwas die ent- setzliche Arbeit unterbricht oder verlangsamt.
Endlich verlassen wir die Werkstätten, ebenso schwarz wie die Heizer, erschöpft und fast ge⸗ blendet. Und über unseren Häuptern breitete sich die dicke Rauch⸗ und Dampfwolke aus, die sich langsam bis hoch am Himmel emporhebt.
O, wie sehnt man sich jetzt nach einigen Blumen, nach einem Bach und frischem Gras, in das man sich werfen kann, ohne etwas denken zu müssen und ohne einen anderen Laut um sich zu hören, als das Murmeln des Wassers oder das Krähen eines Hahnes in der Ferne.
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Auch ein Oild aus dem Kechtsstaate. Eine Irrenhausgeschichte.
(Fortsetzung.) 2.
Meine Mutter, die anfangs N. nachgegeben und gerichtliche Aussagen zu Gunsten der Verlobten gemacht hatte, bereute anderntags ihre unrichtigen Aussagen und versuchte, mich wieder von der Anstalt zu holen. Es wurde ihr aber von der Anstalt frech vorgelogen, ich sei zu aufgeregt, trotzdem ich mich von Anfang an durchaus 1 vernünftig gehalten hatte.— Nach 6 Wochen kamen die Gerichts⸗ herren: der Amtsrichter und der Kreisphlstkus Dr. S. von der Anstalt und„protokollierte“; ich sah ihn aber während der ganzen Zeit nicht schreiben. Diese befragten mich nun um
die Art meiner Beschäftigung in der Anstalt,
ließen jedoch meinen mündlichen Bericht über
N. s Ueberfall unbeachtet, als ob es meine
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