5.
el
90
—
ee e eee
e
Nr. 21.
Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung.
Seite 5.
S. Dann ist's mit Giese Nichts! Ein andrer Rat. Ein würdiger Pfarer ist noch Kandidat. Er heißt die Partei,— Deutschkonservativ, Die lange in unserem Wahllreise schlief. Und dieser Herr Pfarrer, Herr Heckenrot Es betet für unser tägliches Brot, Und daß unser Seele bleibe heil Damit wir am Himmel haben teil. Er tritt auch ein auf alle Fälle Für die allerhöchsten Getreldezölle. Ich saß mich kurz in einem Satze: „Er schlägt zwei Fliegen mit einer Blatze!“
A. Ist das Dein Ernst? Das ist der Mann, Der meine Stimme kriegen kann? Dem soll' ich mein Vertrauen schenken? Na! ich hab' allerlei Bedenken. — Der Zoll verteuert's„täglich Brot,“ (Dem Zoll stimmt zu Herr Heckenrot) Das„Diesseits“ muß zur Höll schön dienen! So kommts, mus man zwei Herren dienen Der Religion und Politik. Der Pfarrer hat bei mir kein Glück.
S. Na dann mein Freund, dann kann's nicht fehlen, Du wirst nun schließlich garnicht wählen? A. Das stimmt nicht ganz, ich wähle auch Aus Ueberzeugung, nicht nach Brauch! Ich wähl nicht Krämer, liberal, Nicht Giese,— ist mir ganz egal, — Nicht Rintelen, den schwarzen, Ich wähl den, der mir helfen kann, Nicht Heckenrot, nicht wenig rot, Nein, August Bebel, gänzlich rot! Ein Wetzlarer Arbeitet.
e. Aus Niederscheld schreibt man uns: Wenige Minuten von unserm Orte liegen zwei Eisenwerke, die Adolfshütte und das Schelder Eisenwerk, auf denen die meisten Arbeiter von hier beschäftigt sind. Jetzt wird nun bekannt, daß die Herren Hüttenbesitzer ein Ab⸗ kommen getroffen haben, wonach ein Arbeiter, wenn er entlassen ist, acht Wochen anderwärts gearbeitet haben muß, ehe er wieder auf einem der beiden Werke ange⸗ nommen wird. Daß ein Arbeiter etwa auf einem auswärtigen Werke Arbeit nimmt, hat auch seine Schwierigkeiten, denn die meisten haben hier ihr Heim und etwas Feld, das sie nebenher selbst bestellen. Das wissen die Hüttenbesitzer ganz gut bauen darauf ihre wohlberechneten Maßnahmen und suchen durch eine der⸗ artige Sperre die Löhne zu drücken Demgegenüber wäre es dringend notwendig, daß sich die Arbeiter in der Gewerkschaft zusammenschlössen, um ihre Interessen wahrzunehmen. Wie die Dinge jetzt liegen, ist es gar kein Wunder, wenn sie immer mehr von der Aus wande⸗ rungslust ergriffen werden und sich dorthin wenden, wo ihnen menschenwürdigere Existenzbedingungen geboten werden.
Aus dem Mreise Marburg⸗Rirchhain. Sozialdemokratische Wählerversammlung in Marburg.
R. R, Die hiesige Wahlbewegung ist nunmehr in ein ganz neues Stadium eingetreten. Der nat.⸗soziale Kandidat, v. Gerlach, der schon seit Monaten hier agitiert hatte, hatte bisher immer ungestraft von„groß⸗ artigen Erfolgen“ schreiben können. Nachdem nun aber der Sozialdemokrat, Reichstagskandidat Genosse Paul Bader aus München, hier aufgetreten ist, fällt es dem H. v. Gerlach recht schwer,„seinen Wählern“ sein Allerweltsprogramm genügend mundgerecht zu machen. Zum Beweis sei hier folgendes berichtet: 5
Am Freitag Abend fand hier die erste große Wähler⸗ versammlung unserer Partei, und zwar im Saale des Herrn Hildemann statt, in welcher sich unser Paul Bader, der als ehemaliger Redakteur der damals demo⸗ kratischen„Hessischen Landeszeitung“, vielen von ihnen bereits bekannt war, seinen Wählern vorstellte. Der große geräumige Saal war bis auf den allerletzten Fleck besetzt, viele fanden überhaupt keinen Platz mehr. Man zählte fast 400 Menschen, darunter vielleicht die knappe Hälfte Parteigenossen. Der Rest bestand aus Unent⸗ schiedenen und Anhängern des Herrn v. Gerlach. Diese letzteren mögen wohl so ziemlich vollzählig erschienen sein. Auch Anhänger der konservativen Partei waren vertreten. Punkt 9 Uhr begann Genosse Bader sein Referat. Er wies auf die Haltung der Rechts parteien im Reichstag hin und besprach dann eingehend die Frage des Militarismus. Er führte hauptsächlich die ungeheueren Ausgaben für Heer und Marine vor, wies ziffernmäßig die Schuldenlast des deutschen Reiches nach. welche in die Milliarden gehen, wies ferner auf die Millionen von Zinsen hin, welche die deutsche Bebölke⸗ rung aufzubringen hat. Besprach weiter die Nutzlosigkeit der Kavallerie⸗Regimenter in Kriegszeiten, während die⸗ selben in Friedenszeiten mit ihren Attacken nur die Felder verwüsteten und ging ferner mit der Bewilli⸗ gungslust des Zentrums schwer in's Gericht. Zum Schluß forderte er die Wähler auf, ihre Stimmen auf
lichst aufmerksam zu machen.
die sozialdemokratische Partei, als der einzig konsequent demokratischen und im weitesten Sinne des Wortes proletarischen, zu vereinigen. Nach Bader meldete sich Herr v. Gerlach zu Wort, indem er in beinah ein⸗ stündiger Rede seine bekannten Ansichten als alleinseelig⸗ machend, und zwar mit der ihm eigentümlichen Manier, als wolle er seine Waren dem Publikum zum Verkauf anpreisen, hinstellte. Die Arbeiterschaft, meinte er, müsse für die Machtfragen des Staates gewonnen werden, d. h. alle Forderungen der Regierung bezüglich Heer, Flotte, Kolonien, China-⸗Abenteuer usw. bewilligen. Er sang die alte Weise von der„großen Linken“, auf die sich die Regierung so gern stützen würde, wenn sie nur könnte, d. h. wenn die Sozialdemokratie ihre strikt antimilitaristische Haltung aufgeben und sich den Wünschen der Regierung gegenüber gefügig zeigen würde. Ihm trat Herr Dr. Robert Michels entgegen. In einer 1 stündigen Rede besprach er zunächst die einzelnen Bestandteile des Heeres, das die ganzen Klassengegen⸗ sätze der bürgerlichen Welt in sich trage und kam zu der Ueberzeugung, daß das Milizheer zur Erhaltung des Friedens vollständig ausreichend sei. Dann stellte er eine lange Reihe v. Gerlach'scher Behauptungen richtig und unterzog die neue Heilslehre der Nationalsozlalen in ihrer Theorie sowohl als in in ihrer Praxis einer schonungslosen Kritik. Die Nationalsozialen wollten gegen die Rechtsparteien ankämpfen und die„Junker⸗ herrschaft“ stürzen? Dazu hätten sie wohl das„praktische“ Mittel, diejenigen Einrichtungen, aus denen die von ihnen anscheinend so heftig befehdete Klasse stets frische Lebenskraft zieht, durch ihre Bewilligung neuer Regk⸗ menter ꝛc. stets von Neuem zu stützen?— Eine wahre Danaidenarbeit! Und dann solle man sich die Arbeit, die die Nationalsozialen bisher praktisch geleistet hätten, doch einmal bei Licht näher ansehen. Die lange Linie der Namen Werner— Sohm Lorenz—Göhre— Basser⸗ mann ꝛc. bedeutete für die junge Geschichte der Partei ebenso viele Niederlagen, die nicht gerade auf großen praktischen Blick schließen ließen. Ueberhaupt sei es lächerlich, wenn die Nationalsozialen, die noch nichts geleistet hätten, sich erdreisteten, eine so gewaltige und mittels ihres wahrhaft praktischen Blickes von Erfolg zu Erfolg eilende Partei wie die sozialdemokratische, über den Wert einer„praktischen“ Politik belehren zu wollen. Das wäre ja gerade so, als ob ein kleines Kind in Windeln einem starken erwachsenen Menschen Ratschläge geben wollte, wie er sich Ipraktisch“ anziehen sollte!
Zum Schluß fragte Dr. Michels noch, welche Klasse die
Herren Nationalsozialen dann eigentlich vertreten wollten. Etwa die.... Studenten? Die seien doch keine Klasse und außerdem bleiben die Gleichgültigen unter ihnen doch ihrer Tradition getreu, während die intelligenteren sich der Sozialdemokratie anschlössen. Redner beleuchtete dann noch verschie ene Seiten der Nationalsozialen und schloß seine Abrechnungs⸗Reide unter brausendem Beifall der Versammlung. Dr. med. Thesing beleuchtete hierauf kurz einige„Entgleisungen“ des Herrn v. Gerlach. Dann nahm dieser wiederum zur längeren Rede das Wort. Er versuchte die Rede des Dr. Michels zu widerlegen, was ihn freilich sehr schlecht gelang, seine Ausführungen sollten blos den Rückzug maskieren. Aber die Rede Dr. Michels hatte gewirkt und Herr v. Gerlach hat eher Anhänger verloren als gewonnen. Genosse Michels unterließ es denn auch nicht, He rn v. Ger⸗ lach nochmals auf die Irrtümer seiner Lehre nachdrück⸗ Die Zusammenstellung von„national“( natior alistisch!) und„sozial“ sei ebenso geschmacklos wie etwa die Zusammenstellung von Hering und... Schlagsahnue. Zum Schluß sprach noch Genosse Bader. In trefflichen Worten wies er darauf hin, was für ein Jammerleben unsere„bürger⸗ liche Linke“ bisher politisch geführt und wie wenig Ursache die Nationolsoztalen, diese Spielart des Freisinns, hätten, sich als die Retter der besitzlosen Klasse aufzu spielen. Die Versammlung, die bis nach 1 Uhr nachts gedauert hat e, endete, man kann es wohl ohne Ueber⸗ treibung sagen, mit einem kompletten Sieg unserer Sache.
A. B. Am nächsten Tage gebar die nat. soz. Hess. Landesztg. einen Bericht, an welchem, wie man später erfuhr, der ganze Redaktionsstab viele Stunden lang „gearbeitet“ hatten. Dieser Bericht entblödete sich nicht, die Tatsachen zu„verschteben“. Der Gerlachschen Rede allein war über die Hälfte desselben gewidmet. Gen. Bader wurde, wahrscheinlich um eine Aehnlichkeit mit dem politischen Vorleben v. Gerlach's zu konstruieren (Kartell der Linken 1), als ehemaliger Antisemit bezeichnet, Dr. Thesing als Sozialdemokrat„denunziert“ und dem Dr. Mivels religiös anstößige„Aeußerungen“ unter⸗ schoben.„Der Widerspruch“ hieß es weiter, dem er damit bei der Versammlung bis in die Reihen seiner Gesinnungsgenossen(111) hinein fand, dürften ihn wohl belehrt haben, daß er mit seiner Auffassung, die Volks⸗ versammlung sei ein geeigneter Ablagerungsplatz für derartige Geschmacklosigkeiten, vereinzelt dasteht.— Es muß als ein beklagenswertes Zeichen des Mangels an Mut, der in den Reihen unserer Gegner offenbar anzu⸗ treffen ist, bezeichnet werden, daß die Herren National- sozialen die? Frage, Job sie ein geeigneter Ablagerungs⸗
3
platz für die Michels'schen„Geschmacklosigkeiten“(Hiebe „schmecken“ nie gut!) sei, nicht der Versammlung selber vorgelegt haben. Sie wäre ihnen die Ant⸗ wort stcherlich nicht schuldig geblieben. Es wundert uns nur, daß die Nationalsozialen ihrerseits uns nicht mit gutem Beispiel vorangehen, indem sie es unterlassen, die Geschmacklosigkeiten ihrer demagogischen Kunststückchen bei uns abzulagern.— Diese unfeinen und unwahren persönlichen Angriffe sollten die Antwort auf die an Theorie und Praxis der Herren Nationalsozialen geübte Kritik sein. Auf so niedrigem Niveau steht die politische Moral dieser Vaterlandsretter. Freilich können wir in gewisser Hinsicht mit dem Bericht durchaus zufrieden sein, stellt er doch nicht nur einen Gradmesser für das politische Taktgefühl, sondern auch für die heillose Wut der Nationalsoztalen über die erlittene Niederlage dar.
Kleine Mitteilungen.
e Messerhelden im Offiziersrock. In der Nacht zum Sonntag wurden in Darmstadt auf der Straße zwei Radfahrer von einigen jungen Offizieren ohne jeden Grund angehalten und belästigt, wobei einer die Radfahrer mit dem blanken Säbel bedrohte. Als die Ueberfallenen um Hilfe riefen, rissen die Träger des vornehmsten Rockes aus. Nur die Personalien des Leutnants der Reserve G. v. Zeppelin, der sich in jener Gesellschaft befand, konnten festgestellt werden.
* Der Zeugleutnant Johannes Dufter des Hauptlaboratoriums in Ingolstadt wurde wegen Sitt⸗ lichkeitsverbrechens zu 8 Monaten Gefängnis und Dienst⸗ entlassung verurteilt.
e Durchgebrannter Patriot. Ein Wein⸗ händler Zschäckel in Dresden, der sich Jahre hin⸗ durch durch seinen reklamesüchtigen Patriotismus und lächerlichen Bismarckkultus bemerkbar machte, ist plötz⸗ lich verschwunden und hat Frau und Kinder in Dresden sitzen lassen. Zschäckel hat Schulden in dem netten Betrage von Mk. 1113 066 gemacht, denen nur eine verfügbare Masse von Mk. 68 303 gegenübersteht. Die Gläubiger werden also etwa 5 Proz, erhalten. Von dem Ausgerissenen hat man nie wieder gehört.
* Von dem Mörder-Prinzen Arenberg wird mitgeteilt, daß er demnächst in eine Heilanstalt überführt würde, die ministerielle Erlaubnis dazu soll schon in Hannover eingetroffen sein.
—
* Partei-Machrichten.
9
An die Parteigenosfen- in Hessen! Wir ersuchen die Vertrauensmänner und Vereinsvorsitzenden,
uns von allen Flugschriften und Wahlzeitungen, sowie
Broschüren(sozialdemokratischen und gegnerischen), die im Reichstagswahlkampf in Hessen zur Verwendung gelangen, je zwei Exemplare zuzusenden. Das Landes⸗Komitee. C. Ulrich, Offenbach, Gr. Marktstr. 23.
Wegen Majestätsbeleidigung soll gegen Genossen Dr. Lentsch von der Leipz. Volks zig. ein gerichtliches Verfahren im Gange sein.
Die Essener Kaiserrede vor Gericht. Am 15. Mai stand der Redakteur Adelung von der „Mainzer Volkszeitung“ wegen Majestätsbeleid gung vor der Strafkammer. Die Beleidigung wurde in zwei Ar⸗ tikeln gefunden, in denen der Angeklagte die Essener Kaiserrede und eine Ansprache des Kronprinzen besprach. Der Staatsanwalt beantragte drei Monate Gefängnis; die Urteilsverkündigung wurde vorläufig ausgesetzt.
Versammlungskalender.
Samstag, den 23. Mai.
Gießen. Soz.⸗dem. Wahlverein. Abends 9 Uhr Versammlung bei Orbig. Vortrag von Genosse Diehl.
Klein⸗Linden. Wählerversammlung abends 7/9 Uhr im Lokale des Herrn Hinterlang. Sonntag, den 24. Mai.
Steinberg. Arbeiterbildungs verein. Nach⸗ mittags 4 Uhr Versammlung bei Kaspar Linn. Montag, den 25. Mai.
Gießen. Schneiderverband. Abends 9 Uhr
Versammlung bei Orbig.
Weitere Wählerversammlungen finden voraussichtlich statt:; Donnerstag in Groß en-Buseck, Freitag in Gailshausen.
Driefkasten.
Verschiedene Einsendungen mußten leider nochmals zurückgestellt werden, so die aus Lollar (Arbeitsverhältuisse im Hüttenwerk betr.), ferner die über Bahnarbeiter und andere.
B...... Kontrolliert die Wählerlisten! FEC C AT
. 3*
W
—
—


