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Mitteldentsche Sountags⸗Zeitung
Nr. 21.
kommen, daß sein Platz nicht in einer hurra⸗ patriotischen Vereinigung sein kann, wo er blos für andere Leute den Hansjörg machen soll.
— Wegen Soldatenmißhandlung war der Unteroffizier Krähling von der 9. Komp. des Gießener Infanterie⸗Regiments zu 3 Monaten Gefängnis und Degradation verurteilt worden. Gegen das Urteil legte er Berufung ein, das Oberkriegsgericht in Frank⸗ fab erkannte jedoch auf Verwerfung der⸗ elben.
— Der Gießener Anzeiger sucht sich den Anschein zu geben, als ob er sich mit seiner neulich verkündeten„Elend⸗Theorie“ nicht ganz scheußlich blamiert habe. In seiner Samstags⸗ nun mer beschäftigt er sich mit einem Artikel aus Hardens„Zukunft“ und sagt dabei:
„Darin stellt der Verfasser u. a. die wunderschöne Behauptung auf, Schimpfen sei Menspenrecht, worin man niemanden stören dürfe. Dieser Satz wird ja namentlich auf sozialdemokratischen Redaktionen behagen, die mit ein paar Dutzend uichtssagender Schlag⸗ worte von kautschukartiger Dehnbarkeit, wie „Elend“ u. dergl., gern Fangball spielen und, auf ihre hohle Phrasendrescherei auf⸗ merksam gemacht, in genialen Konzertstücken auf dem Schimpfklarinett zu brillieren suchen, worin sie zu stören allerdings niemanden beikommen wird.“
Was das Schimpfen betrifft, so haben die „Ordnungs“ blätter von jeher ihr gutes Teil gegen die Sozialdemokratie geleistet. Oder soll das etwa eine Schmeichelei für unseren Genossen Krumm sein, wenn der Anzeiger ihm vorwirft, er sei materieller Vorteile wegen bei unserer Partei? Freilich, die Soziademokratie „schimpkt“, wenn sie die Wahrheit sagt, denn diese können die Reptilien niemals vertragen. — Im Uebrigen zeigt obige Auslassung des Anzeigers, daß in der Schulstraße das geistige Elend weiter um sich greift. Das ist allerdings für die Allgemeinheit nicht so schlimm, als das leider nur zu ausgedehnte materi⸗ elle Elend der arbeitenden Beoblkerung.
— Ein liberaler Kandidat hat sich bis jetzt noch immer nicht gefunden. Nun, das schadet nicht, es wird ja keiner g e braucht. Der„Kl. Pr.“ wurde von hier geschrieben, daß die Freisiunigen und Nationalliberalen selbständige Zählkandidaten aufstellen würden.
Aus dem Rreise gießen.
— Sechs Wählerversammlungen wurden von unserer Partei am Sonntag und Montag abgehalten und zwar in Villingen, Hungen, Utphe, Inheiden, Lollar und Trais⸗Horloff. In den ersten beiden Orten sprach Gen. Krumm vor zahlreichen Zuhörern, die seinen Ausführungen allseitig zustimmten. Dagegen stieß Gen. Vetters, der in Utphe und Inheiden sprach, auf Oppo⸗ sition. Mehrere Antisemiten waren anwesend, die gegen einzelne Ausführungen unseres Genossen Widerspruch erhoben, sowie eine Reihe Anfragen stellten. Letztere beantwortete Vetters eingehend und widerlegte die vor— gebrachten Einwände. Es muß aber anerkannt werden, daß sich die Diskusston durchaus in parla l nentarischen Formen bewegte. Nicht so anständig ging's in Inheiden zu. Dort machte ein Antisemit schon während der Rede unseres Genossen fortwährend Zwischenrufe, als er aber, nachdem Vetters geendet, aufgefordert wurde, nun⸗ mehr das Wost zu ergreifen und seine Ansichten vor⸗ zubringen, stammelte er unverständliches Zeug und schimpfte schließlich. Auch ein anderer Versammlungs⸗ teilnehmer beteiligte sich an der Schimpferei und als diesen der Vorsitzende ersuchte, sich ruhig zu verhalten, schrie er:„Was daut ihr denn häi, bleibt in Gaise!“ und redete etwas davon, daß Erlaubnis zur Versamm⸗ lung nicht eingeholt worden sei. Vetters erklärte, daß niemand etwas zu erlauben habe und schließlich stellte sich heraus, daß der unruhige Gast— der Herr Bürgermeister von Inheiden war. Von unserer Seite wurde das Bedauern ausgesprochen, daß sich das Dorfoberhaupt derartig aufführte, denn nicht allein, daß er durch Lärm die Versammlung störte, er bedrohte sogar einen jüngeren Mann, der sich eine Bemerkung erlaubt hatte, mit Schlägen. Am Ende löste er die Versammluug ohne jeden Grund auf!— Natürlich wird des soz.⸗dem. Wahlkomitee hiergegen Beschwerde erheben und dem Herrn wird klar gemacht werden, daß er die Gesetze nicht so einfach beiseite schieben kann.— Der Besuch und Verlauf der Vesammlungen in Lollar und Traishorloff war gut— nur in Lollar hätte der Besuch etwas stärker sein dürfen— und die Reden unseres Genossen wurden beifällig aufgenommen,
Der„Hungener Landpost“, dem Verordnungs⸗ blättchen für den Amtsgerichtsbezirk Hungen liegt unsere Versammlung vom Sonntag bös im Magen. Ein von Entstellungen und Verdrehungen zeugender Bericht giebt von dem Aerger des Blättchens, welches unser Genosse Krumm als ein„Mogelblatt der öffentlichen Meinung“ bezeichnete, Zeugnis. Direkt gelogen ist es natürlich, daß Krumm für eine Gehaltserhöhung hessischer Minister eingetreten sel. Daß wir keine Stimme bekommen in Hungen, scheint dem Amtsblatt⸗ schreiber sicher; warten wirs in aller Seelenruhe ab, nach dem 16. Juni können wir uns noch ein Mal mit der Landpost darüber unterhalten.
— Antisemitische Wahlagitation. Aus Steinberg schreibt man uns: Die Ver⸗ mutung, welche Sie in der vorletzten Nr. der Zeitung aussprachen in Bezug auf die Agitattons⸗ weise der Antisemiten hat sich voll und ganz bewahrheitet. Am Mittwoch(13.) fand in Watzenborn eine Versammlung des Bauern⸗ vereins statt. Die Einladung dazu war mündlich erfolgt, damit Nichtmitglieder fern blieben. Referent war Herr Abg. Hirschel-Offenbach und ein Verbandsrevisor. Diese betrieben ihre Mittelstandsretterei, indem sie den ca. 40 Anwesenden klar zu machen suchten, daß, wenn sie ihre Ein⸗ und Verkäufe genossenschaftlich betreiben würden, sie einen bedeutenden Nutzen hätten. Da aber schon derartige Verbände hier bestehen, erweckten sie wenig Sympathie. Als beide mit diesem Thema zu Ende waren, da schnitt Herr Hirschel die Politik an. Speziell die Tätigkeit unserer Genossen im hessischen Landtag hat er in einer verlogenen und jammervollen Weise kritisiert. Nur unsere Genossen seien Schuld daran, daß in Hessen alle Steuern nicht ausreichten, denn ste bewilligten alles z. B. Gehaltserhöhung der höchsten Staatsbeamten, die Forderung für das Theater zu Darmstadt usw.— Er konnte sich die Dinge leisten, weil kein Geuosse von uns da war.
D. In Wieseck besteht seit längerer Zeit ein Konflikt zwischen dem Bürgermeister und der Gemeinde⸗ vertretung, der am Samstag d. M. vor dem Provinzial⸗ ausschusse zum Austrag gebracht wurde. Es handelt sich um die Mehrforderung des Bürgermeisters für Bureau⸗ kosten in der Höhe von 700 Mark. Die Gesamthöhe der Bureaukosten würde sich dann auf 2000 Mark belaufen; und wie es heißt, habe das Kreisamt die Gemeindevertretung ersucht, die Kosten in dieser Höhe — 50 Pfg. jährlich auf den Kopf der Einwohnerzahl— festzusetzen. Nach wiederholter Verhandlung hat die Gemeindevertretung die Forderung abgelehnt, nach Ansicht der gesamten Bürgerschaft mit Recht, da die Gemeinde bedeutende Summen für die Einrichtung der Wasserleitung und den Schulbau aufzubringen hat, Man fragt sich auch, warum der Bürgermeister nicht vor seiner Wiederwahl mit dieser Forderung hervortrat, sondern erst kurz danach. Der Gemeindevertretung wurde vom Kreisamt eine Strafe von 10 Mk. wegen ihres ablehnenden Verhaltens auferlegt, weshalb diese Klage vor dem Provinzialausschuß führte. Dieser entschied am Samstag, daß die Gemeindevertretung der Forderung stattzugeben habe. In der Bürgerschaft wird diese Ent⸗ scheidung als ein Eingriff in die Rechte der Gemeinde⸗ vertretung und der Stenerzahler aufgefaßt. Man sagt sich ferner, daß wenn der Bürgermeister, dessen Amt nach dem Gesetz doch ein Ehrenamt sein soll, mit 1200 Mk. Bureaukosten und etwa ebensoviel Neben⸗ bezügen nicht zufrieden ist, solle er dem Beispiel des Lollarer Bürgermeisters folgen, und das Amt seinen Mitbürgern zur Ve fügung stellen. Jedenfalls findet das Verhalten des Gemeinderats allgemeine Billigung und die hiesigen Bürger werden sich noch weiter mit der Sache befassen und sie zum ordnungsgemäßen Aus⸗ trag bringen.
Aus dem Rreise Weßlar.
— Das Wetzlarer Amtsblatt brachte dieser Tage einen wohl on Max Lorenz oder von Viktor Schweinburg bezogenen Artikel, in dem das heutige Steuerwesen und besonders das indirekte Steuersystem als musterhaft und gerecht hingestellt wird. Die Tatsache, daß dabei der Millionär nur ein Prozent, der arme Teufel mit 8—900 Mk. Jahreseinkommen aber 7—8 Prozent seines Einkommens leisten muß, braucht das Blatt nicht zu wissen. Demnächst wird es vielleicht seinen Lesern erzählen, die Arbeiter schwelgen im Ueberfluß und die armen Millionäre haben mit bitterster Not zu kämpfen.
h. Wegen der Lahnkanalisation waren am Sonntag zahlreiche Interessenten in Limburg ver⸗ sammelt, darunter auch Vertreter der hessischen und preußischen Regierung. Es wurde ein Lahnkanalverein
gegründet und eine Resolution beschlossen, in welcher die Kanalisation im Interesse der Erhaltung der im Lahn⸗ und Dilltal angesiedelten Unternehmungen gefordert und der Erwartung Ausdruck gegeben wird, daß die Regierung das Projekt der Lahnkanalisation nachträglich in den Plan der wasserwirtschaftlichen Vorlage aufnimmt.
Zur Wahlbewegungin Wetzlar⸗Alten⸗ kirchen. Wie klein die Naionalliberalen das Wörtchen „liberal“ schreiben, konnte man in ihrer Versammlung am Freitag, den 15. Mai, in Breitscheid sehen. Nachdem der Abgeordnete Lürgermeister Krämer ein paar einleitende Worte geredet, hielt sein Freund Abge⸗ ordneter Wammhof aus Osnabrück ein Referat über den Zolltarif, seine Wirkungen und Obstruktion der Sozialdemokraten. Unser Genosse Bartels aus Wetzlar nahm das Wort— wie bei den Antisemiten erhielt er nur/ Stunde Redezeit. Das Benehmen eines Teils der Versammelten war bei seinen Ausführungen so „liberal“, daß es die beiden Herren Abgeordneten, so⸗ wie den Vorstand peinlich berührte. Man suchte durch Getrampel sowie„Raus“⸗Rufen Genossen Bartels „jeistig“ zu widerlegen. Er hielt aber tapfer Stand und nützte seine Viertelstunde bis auf die Sekunde aus, rechtfertigte die Haltung der Partei im Reichstage bei der sogenannten Obstruktion wie überhaupt beim Zoll⸗ tarif, setzte seine Wirkungen für das Volk auseinander, sowie die Lasten der Bewilligungen für Heer, Marine ꝛc. Ihm antwortete Abg. Wammhof, der in loyaler, sach— licher Weise zugab, daß„wenn es nach ihm ginge, er schon deshalb die Redefreiheit nicht be chränken würde, weil ihm die Sozialdemokraten diese immer gewähren.“ Er versuchte dann die ihm entgegengehaltenen statistischen Beweise des Genossen Bartels zwar nicht zu widerlegen, aber abzuschwächen. Der Beifall der vorher trampelnden Herren war ihm sicher. Unbekannt dürfte es aber sein, daß das überhaupt erste offizielle Auftreten eines Sozialdemokraten dort die Wirkung haben wird(wie sich Genosse Bartels wider Erwarten nach der Ver⸗ sammlung überzeugen konnte), daß wir auch dort bereits Fuß gefaßt und Stimmen bekommen werden.
Eine von unserer Partei zum Sonntag(17.) Nach⸗ mittag 3 Uhr einberufene Versammlung in Oden⸗ hausen war glänzend besucht. Der Referent Genosse Bartels beleuchtete in seinen 2 stündigen Ausführungen das ganze Sündenregister der bürgerlichen Parteien im Reichstag und der Regierung, ihre Volksfeindschaft be⸗ sonders beim Zolltarif. Vor allem zerpflückte er das Lügengewebe, das jene Parteien auch in diesem Wahl⸗ kreise gegen die Sozialdemokratie mit Verleumdungen spinnen. Er schloß unter lauten Beifall aller An⸗ wesenden. Trotz wiederholter Aufforderung des Vor⸗ sitzenden an Gegner von der unbeschränkten Redefreiheit Gebrauch zu machen, meldete sich Niemand zum Wort. Nach Schluß der Versammlung blieben die Genossen noch lange beisammen und sangen unsere Freiheitslieder. Es war ein schöner Erfolg.
Die Qual der Reichstagswahl? „Der Wahltag naht, wen wirst du wählen. „Die Frage kann mich garnicht quälen!“ „Wählst Krämer, nationallib'ral,
„Der so b liebt ist überall?
„Meln'st nicht, das wär' der rechte Mann
„Auf den man sich verlassen kann?“
A.„Laßt bloß die ewige„Krämerei!“ „Die zieht nicht mehr, jetzt ist's vorbei. „Ich danke schön für solche Wahl. „Herr Krämer, der ist allemal „Hu! Hu! zu scharf in seiner Rede „Liegt mit den Gegnern stets in Fehde „Und reden kann er, Donner Knall! „Hi! Hi! mit großem Redeschwall!
S.„Den wählst du nicht! Dann will ich nennen Dir einen Mann, den wirst du kennen, Herrn Rintelen, den schwarzen Mann Vom Zentrum, was der leisten kann.— Ja die Partei hat Geist und Blick Für Welt⸗Pump⸗Kolonial⸗Pol'tik
A. Schluß Schultz! ich möchte dich doch bitten, „Zu schweigen von den Jesuiten. „Das Zentrum, das 5 Jahr regiert „Hat's arme Volk schön angeschmiert. „Es schlug den Armsten in's Gesicht Den Zolltarif!— Schwarz wähl ich nicht!
S.„Wie steht es denn mit Dr. Giese?
Der redet doch für's Volk so süße,
Will's retten von der roten Rotte
Und schwärmt deshalb für Herr und Flotte? Will von den Juden uns befreien.
Das muß ein starker Mann doch sein!?
A. Schultz höre auf mit deinem Prahlen Von diesem Mann. Das Volk muß zahsen Die ganze Flottenschwärmerei. 7 Die Fabrikanten schmunzeln froh dabei— Und jeder ob nun Jude oder Christ Sieht was die Flotte für ein Rebbach ist.
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