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Nr. 21. Mitteldentsche Sountags⸗Zeitung. Seite 3. die Klerikalen. Da ein Sieg des Zentrums Nach dieser hochnotpeinlichen politischen in der noch ausstehenden Wahl zur I. Wähler⸗[ Gewissensfolter erfolgte dann die heilige Von Nah und Fern. lasse ausgeschlossen ist, so wird der Villinger] Absolution. Solche ungehörige Pfaffen⸗ Hessisches.
Bürgerausschuß künftig 37 Nationalliberale, 16 Angehörige des Zentrums, 4 Sozialdemo⸗ kraten und 11 Demokraten umfassen.
Preußische Polizeiweisheit.
Eine Glanzleistung polizeilicher„Gentalität“ vollbrachte in einer Wahlvereinsversammlung in Hannover der überwachende Polizeikommissar. Als der Vorsitzende sich auf wenige Minuten entfernte und dem Schriftführer die Leitung der Versammlung übertrug, erkannte die Polizei⸗
weisheit des Kommissars darin einen Verstoß
gegen das Vereinsgesetz und fragte, wo der Vorsitzende sei, der müsse da sitzen bleiben! Einige Minuten später hatte die Versammlung dem Redner stürmisch Bravo zugerufen. Der Kommissar sah diesen Beifall als Unruhe an. Nach Erwiderung des Vorsitzenden auf die kuriose Auffassung, meinte der Kommissar, jeder Bravorufer sei ein selbständiger Redner, und der Vorsitzende müsse eventuell Namen, Stand und Wohnung dieses„selbständigen Redners“ angeben. Die Redner hätten sich zum Wort zu melden. In Hannover besteht eine Schutz⸗ mannsschule.
Konsum⸗Genossenschaftstag.
Vergangene Woche tagte in Dresden der erste Genossenschaftstag. Es waren 260 Ge⸗ nossenschaften durch 650 Delegierte vertreten, auch Delegierte ausländischer Genossenschaften waren erschienen. Auch ein Vertreter der säch⸗ sischen Regierung war anwesend, die Reichs⸗ regierung hatte aber eine Vertretung abgelehnt. Ueber den Stand der Genossenschaftsbewegung referierte Kauf mann⸗ Hamburg. Eine Reso⸗ lution gelangte zur Annahme, welche eine un⸗ parteiische Behandlung der Konsumvereine von den Regierungen verlangt. Als Vorstands⸗ mitglieder in den Gesamt verband deutscher Konsumvereine wurden Barth⸗München, Radestock⸗Dresden und Schmidchen⸗ Harburg gewählt.
Gewerkschaftl. u. Arbeiterbewegung.
+ Wie christliche Gewerkschaften entstehen. Einen interessanten Beitrag zur Gründungsgeschichte der christlichen Gewerk⸗ schaftsorganisation liefert das Verbandsorgan
der deutschen Glasarbeiter unter der Marke:
„Politik im Beichtstuhl“: f
Ort der Handlung: Kirche eines Fabrikortes bei Saarbrücken. a
Personen: Ein katholischer Kaplan, ein Glasarbeiter. Zeit: Erste Hälfte des April 1903.
Kaplan(als Beichtvater): Was machen Sie Sonn⸗ tags morgens, weil Sie nicht in die Kirche kommen?
Beichtender: Ich lese.
Kaplan: Was ist das für ein Blatt?
Beichtender: Den„Fachgenossen“.
Kaplan: Was ist das für ein Blatt?
Beichtender: Eine Zeitung für die deutschen Glas⸗ arbeiter.
Kaplan: Ist das ein Verband?
Beichtender: Ja.
Kaplan: Gehören Sie diesem Verband auch an?
Beichtender: Ja.
Kaplan: Wo hat der Verband seinen Sitz?
Beichtender: In Berlin.
Kaplan: Mein Gott! Wissen Sie denn nicht, daß das Sozialdemokraten sind— diese sind ja gegen unsre Religion! Sie müssen unbedingt austreten. Verbrennen Sie alle Schriften davon. Wollen Sie mir das ver⸗ sprechen?
Beichtender: Ja.
Kaplan: Sind hier noch mehr Arbeiter in diesem Verbande?
Beichtender: Ja.
Kaplan: Haben auch schon von diesen gebeichtet?
Beichtender: Ja.
Kaplan: Sagen Sie zu diesen, wenn sie nicht aus⸗ treten, ist ihre Beichte ungültig. Sagen Sie ihnen weiter, daß wir in nächster Zeit einen christlichen Verband hier gründen, das kostet pro Monat nur 30 Pf., ist also gar nicht teuer; treten Sie bei den Sozialdemokraten aus, dann kommen Sie später zu uns! Wollen Sie mir das alles versprechen?
Beichtender: Ja.
Manipulationen kommen viel mehr vor als man glaubt, sie kommen nur in den seltensten Fällen ans Tageslicht.
K. Eisenbahner⸗ Konferenz in Frankfurt. Nachdem der preußische Eisen⸗ bahnminister Budde unlängst Frankfurt mit einem Besuche beehrt, und dabei vermutlich von allem Gesehenen die besten Eindrücke erhielt, tagte am Sonntag, den 17. Mai, eine Konfe⸗ renz der Untergebenen des Herrn Eisenbahn⸗ ministers, gemeinsam mit Vertretern der Ge⸗ werkschaftskartelle, die von der Leitung des deutschen Eisenbahner-Verbandes für Mittel⸗ und Süddeutschland einberufen war, in den Mauern Frankfurts. Da offizieller Empfang verbeten war, so unterblieb eine Begrüßung durch die Behörden. Durch Delegierte waren vertreten die Orte: Arheiligen, Darmstadt, Frankfurt, Friedberg, Gießen, Homburg, Hanau, Höchst, Neu⸗Isenburg, Mainz, Mann⸗ heim, München und Pfungstadt. Entschuldi⸗ gungsschreiben und Sympatiekundgebungen gingen ein von Aschaffenburg, Bingen und Frankenthal. Der Bayerische Eisenbahner⸗ Verband war durch ein Mitglied des Vorstands vertreten. Nach erschöpfender Aussprache ge⸗ langte folgende Resolution zur einstimmigen Annahme:„Die heute in Frankfurt tagende Konferenz der Vertreter der Kartelle von Mittel⸗ und Süddeutschland hält die Agitation unter den Eisenbahnern für unbedingte Pflicht der Gewerkschaftskartelle. Die einzelnen Ver⸗ treter versprechen, in ihren Bezirken ihr Mög⸗ lichstes zur Gründung von Ortsgruppen des Hamburger Verbandes zu tun.“
Sozialdemokratische Reichstagskandidaturen
in Oberhessen und den angrenzenden Wahlkreisen.
Wahlkreis Gießen ⸗Grünberg⸗Nidda: Eduard Krumm, Kaufmann und Stadt⸗ verordneter in Gießen.
Wahlkreis Friedberg⸗Büdingen: Heinrich Busold, Schreinermeister und Stadtverordneter in Friedberg.
Wahlkreis Alsfeld⸗ Lauterbach ⸗ Schotten: Dr. phil. Robert Michels in Marburg. Wahlkreis Wetzlar ⸗Altenkirchen: August Bebel in Berlin. Wahlkreis Marburg ⸗Kirchhain: Paul Bader, Schriftsteller in München. Wahlkreis 1 e(4. nass.): Robert Habicht, Schreiner in Frankfurt. Wahlkreis Dillenburg⸗ Herborn(5. nass.): August Bebel in Berlin. Wahlkreis St. Goarshausen⸗Nassau(3. n.): F. A. Vetters, Redakteur in Gießen.
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Nur noch zwei Tage liegen die Wählerlisten aus!
Wer nicht in der Wählerliste steht, darf nicht wählen und verliert somit sein Wahlrecht! Deshalb nehme man Einsicht von der Wählerliste! Jedem Wähler muß gestattet werden, auch für andere die Liste einzusehen. Einer schriftlichen Vollmacht dazu bedarf es nicht. Auch Frauen können für ihre Männer die Wahlliste einsehen. — Ueber die Wahlberechtigung haben wir in der vorigen Nummer das Nötige gesagt. Hinzugefügt sei noch, daß Invaliden- und Altersrente keine Armenunterstützung ist und die Empfänger solcher Rente selbstverständlich wahl⸗— berechtigt sind.
— Staatliche Entschädigung für Verluste durch Maul⸗ und Klauen⸗ seuche. Der Petitionsausschuß der Zweiten Kammer beschäftigte sich am Mittwoch voriger Woche mit dem Antrag Schönberger und Genossen, der eine feste Summe in den Etat eingesetzt wissen will, aus welcher Entschädi⸗ gungen für an der Maul- und Klauenseuche zu Grunde gegangenes Rindvieh gezahlt werden sollen. In der Sitzung des Ausschusses, welcher Oberregierungsrat v. Hölzinger beiwohnte, kam unter Abänderung des Antrags Schönberger eine Verständigung dahin zu stande: Die Regierung erklärt sich mit der Uebernahme der jetzigen und früheren Schäden aus Verlusten an Maul- und Klauenseuche einverstanden, wenn die Kammer darein willigt, daß die hiersür erforderlichen Beträge aus den laufenden, etats⸗ mäßig für die Landwirtschaft zu bewilligenden Mitteln bestritten werden, ohne diese zu erhöhen. Die Vorlage dieser Summe aus der Staats⸗ kasse kann sofort erfolgen.
— Warenhäuser in Hessen. Die hessische Regierung hat über die Warenhäuser eine Statistik aufgenommen und deren Ergeb— nisse in einer Denkschrift niedergelegt. Die Statistik umfaßte 151 Geschäfte, darunter waren aber nur dref, die ein Einkommen von 250000 Mark und darüber vermuten lassen. Unter die Bestimmungen des preußischen Warenhausstenergesetzes würde sogar nur ein einziger dieser Betriebe fallen. Für die Städte Darmstadt, Mainz, Offenbach, Worms, Bingen und Friedberg wurde festgestellt, wie sich die Zahl und das Durchschnittseinkommen der Kleinhandelsbetriebe seit Bestehen jener Waren⸗ häuser verändert hat. Hierbei gelangte man zu dem Ergebnis, daß die Frage, in welcher Weise etwa die Neugründung kleiner und mittlerer Betriebe einerseits und das Eingehen bestandener Betriebe andererseits durch das Entstehen und die Entwickelung der Warenhäuser beeinflußt wird, kaum zu beantworten sei, da die viel⸗ gestaltigen Gründe, die zur Neugründung oder zum Eingehen bestimmter Betriebe innerhalb des Zeitraums des Bestehens eines Warenhauses Anlaß gegeben haben, im einzelnen kaum fest⸗ stellbar sind und es doch sehr gewagt erscheint, ein nach Auftreten der Warenhäuser etwa zu konstatierendes Zurückgehen der Anzahl der neugegründeten kleineren und mittleren Betriebe oder das Eingehen einzelner Kleinbetriebe lediglich auf die Entstehung der Warenhäuser zurückzu⸗ führen. Um zu zeigen, daß die preußische Warenhaussteuergesetzgebung für Hessen kein nachahmenswertes Beispiel bilden könne, wird der Stand der Gesetzgebung in Preußen und den anderen größeren Bundesstaaten einer Be⸗ trachtung unterzogen. Dabei betont die Denk⸗ schrift, daß die Grundzüge des preußischen Warenhaussteuergesetzes, dessen Handhabung in der Praxis auf große Schwierigkeiten stoße, sich noch kein anderer Bundesstaat zu eigen gemacht habe.
Gießener Angelegenheiten.
— Die äunpolitischen“ Krieger vereine. Das Präsidium der Kriegerkamerad⸗ schaft„Hassia“ hat an die Vereinsvorstände ein Rundschreiben gerichtet, in dem es die Mitglieder der militärischen Vereine auffordert, im bevorstehenden Wahlkampf gegen die Sozial⸗ demokratie zusammenzustehen.— Und bei dieser Stellungnahme haben die Kriegervereine noch die Stirn, sich als„unpolitisch“ zu be⸗ zeichnen. Wie viele Arbeiter sind noch— leider!— Mitglieder von Kriegervereinen. Die Sozialdemokratie ist aber die einzige Partei, welche im Reichstage die Interessen der Arbeiter vertritt, die Kriegervereinsmitglieder, soweit sie Arbeiter sind, würden somit gegen ihre eigenen materiellen und politischen Interessen handeln, wenn sie der Aufforderung des Vereinspräsidiums Folge leisten würden. Dieser ÜUkas wird den Kriegervereinen gar nichts nutzen und uns ebensowenig schaden. Denn immer mehr wird jeder vernünftige Arbeiter zu der Erkenntnis


