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Mtteldentsche Sonntag s⸗Zeitune.
Nr. 2.
Handwerk verhängnißvoll werden, wenn nämlich durch die Zollpolitik den Produzenten von Fertigfabrikalen, die auf die auswärtigen Märkte angewiesen sind, der Vertrieb dieser Erzeugnisse im Auslande erschwert wird, so muß die nächste Folge hiervon sein, daß sie den großen Vorrat von Waren, über den sie in Folge der Massenfabrikation bei Beginn der Hemmnisse noch verfügen, im Inlande abzusetzen suchen werden. Hierunter würden alle zu leiden haben, die bisher nicht für den Fernabsatz, sondern für den Ortsbedarf produzierten, in erster Reihe die Handwerker. f Ferner würden aber die für eine Reihe von Fertigfabrikaten vorgesehenen Schutzzölle be⸗ wirken, daß die fabrikmäße Herstellung, die Massenproduktion sich erst recht auch denjenigen Gebrauchsgegenständen zuwendet, die heute noch handwerksmaͤßig erzeugt werden. Die Ent⸗ wicklung nach dieser Richtung kann somit nur dazu führen, daß das Handwerk aus der Stellung, die es heute noch inne hat, vollends
verdrängt wird, und daß der hohe Zolltarif
geradezu einen weiteren Ruin des Mittelstandes herbeiführt, den man schützen zu wollen vorgiebt.
Dieser Rückschlag wird um so empfindlicher werden, als sich das Handwerk unter der Geltung der gegenwärtigen Handelsverträge in einem gedeihlichen Zustande befand. 5
Der Verfasser untersucht dann, wie die einzelnen Handwerke: Maurer, Glaser und Anstreicher, Dachdecker, Tischler, Metallgewerbe, Schuhmacher, Gerber, Sattler, Müller, Bäcker, und Konditoren, Seifensieder, Buchbinder, durch die betreffenden Zollsätze des neuen Tarifs benachteiligt werden, und schließt:
„Der neue deutsche Zolltarif, wie er heute vorliegt, bedeutet für den Handwerker:
1. Verteuerung seiner Ernährung, Kleidung und Wohnung,
2. Verteuerung der von ihm gebrauchten Materialien und Handwerkszeuge,
3. Verminderung der Arbeitsgelegenheit.
Bekommen wir aber neue und gute Handels⸗ verträge, so wird die Unternehmungslust, welche heute einen Rückschlag erfahren hat, sich überall wieder beleben, neue Anlagen werden errichtet werden, die Lebenshaltung des Arbeiters und des Mittelstandes wird steigen und der kleine Mann wird wieder in den Stand gesetzt werden, dem Handwerker seine Erzeugnisse zu lohnenden Preisen abzukaufen.“
Die Wahlbewegung.
Einen vernünftigen Beschluß faßte die demokratische Partei in Mainz. Der Vor⸗ standsausschuß derselben beschloß einstimmig keinen eigenen Kandidaten aufzustellen, sondern für die Wahl unseres Genossen Dr. Da vid einzutreten. 2
In Frankfurt haben die National⸗ liberalen den Rechtsanwalt Dr. Oswalt als Kandidaten aufgestellt. Oswalt fiel schon im Jahre 1890 gegen unseren Genossen Schmidt durch. Bei der letzten Wahl dagegen hatten sich die sämtlichen„Ordnungs“leute auf den Stadtrat Flinsch als Mischmaschkandidat geeinigt, unterlagen aber auch mit diesem.
Politische Rundschau. Gießen, den 21. Mai.
Nach 40 Jahren.
Am 16. Mai waren 40 Jahre verflossen, daß Lassalle den Allgemeinen deut⸗ schen Arbeiterverein gründete. Seine Hauptforderung, die er schon in seinem„Offenen Antwortschreiben“ erhoben hatte, das allgemeine gleiche direkte und geheime Wahlrecht ist, schon wenig Jahre nach der Gründung des Allgem. deutschen Arbeitervereins verwirklicht. Und die Arbeiter haben seitdem gezeigt, daß ste in diesem Zeichen zu siegen verstehen. Unaufhaltsam ging der Siegeslauf der Sozialdemokratie vorwärts und die bevorstehende Wahl wird wieder zeigen, daß die Aufklärung der Massen weitere Fort⸗ schritte gemacht hat, daß wiederum Hundert—
tausende Wähler mehr als vor 5 Jahren von sind Notwendigkeit des Sozialismus überzeugt ind.
Ungleiches Wahlrecht.
Dieser Tage brachte der Vorwärts eine Zusammenstellung der 10 an Bevölkerungszahl größten und der 10 kleinsten Wahlkreise. Da⸗ nach hatten die zehn größten durchschnittlich 490813 Einwohner, dagegen beträgt die Ein⸗ wohnerzahl der zehn kleinsten im Durchschnitt nur 61707. Nach der Reichsverfassung soll auf je 100000 Einwohner ein Abgeordneter entfallen; nach der heutigen Bevölkerungszahl kämen durchschnittlich 142000 Einwohner auf einen Wahlkreis. Der sechste Berliner Kreis zählt als der größte 696 608 Einwohner, der kleinste, Schaumburg⸗Lippe nur 43 132! Berlin VI. hat also die fünfzehnfache Einwohnerzahl des Wahlkreises Schaumburg-Lippe; und die durchschnittliche Einwohnerzahl der zehn größten Wahlkreise ist achtmal so groß wie die der zehn kleinsten. Da das Verhältnis der Wahlberech⸗ tigten in beiden Kreisen der Einwohnerzahl entsprechend ist(durchschnittlich entfällt auf etwa 4 Einwohner ein Wahlberechtigter), so würde die Stimme eines Wählers in Schaumburg⸗ Lippe ebenso schwer wiegen wie 15 Stimmen in Berlin VI. Nach dem Reichswahlgesetz müßte Berlin VI. nicht einen, sondern sieben Abgeord⸗ nete wählen. Unter den heutigen Verhält⸗ nissen ist überhaupt eine Benachteiligung der großstädtischen Wähler zu konstatiren. Eine Neueinteilung der Wahlkreise im Geiste der Verfassung würde diese verschiedene Wertung der städtischen und der ländlichen Stimmen ausgleichen. Das ist aber auch gerade der Grund, weshalb die rechtsstehenden Parteien sich mit Hand und Fuß gegen eine Aenderung der Wahlkreisordnung sträuben.
Die neuen Kanonen.
Gegenwärtig werden ein Teil der Feld⸗ geschütze zu Rohrrücklaufgeschütze umgeändert. Damit sollen dann im Sommer größere Schieß⸗ übungen vorgenommen werden und die dabei erzielten Resulta:e sollen zur Begründung der neuen Artillerie-Vorlage dienen. Für die Wähler heißt's also: die Taschen zuhalten und keinen bewilligungseifrigen Abgeordneten gewählt!
Kriegsminister Goßler
ist gegangen worden. Er soll es mit dem Kaiser gründlich verdorben haben und als Beweis dafür wird angeführt, daß der Kaiser gegenüber dem Versuch einer hochgestellten Persönlichkeit, nach der Rückkehr aus Italien dem Kriegsminister eine Abschiedsaudienz zu erwirken, wörtlich erklärt habe: Ach was, ich will ihn gar nicht mehr sehen! Weiter wird behauptet, daß die persönlichen Beziehungen des Kriegsministers sich seit Monaten auf die unumgänglichsten Formen beschränkten und daß der Kaiser schließlich mit dem Kriegsminister nur noch durch Vermittlung des Militärkabinetts verkehrte.—
Militärischer Geist.
Aus München schrieb man dieser Tage der„Frkftr. Ztg.“:„In dem Prozeß eines hiesigen Industriellen gegen eine Dame wegen Erpressung hatte der Anwalt der Dame den Industriellen in der Gerichtsverhandlung scharf mitgenommen. Rechtsanwalt und Industrieller waren Reserveoffiziere. Der Industrielle forderte den Rechtsanwalt. Dieser legte die Sache dem Ehreurate vor, und der Ehrenrat entschied, der Anwalt brauche sich nicht zu duellieren. Nun ist der Rechtsanwalt mit schlichtem Abschied als Reserveofftzier entlassen worden und zwar deshalb, weil er einen Offtzier (eben jenen Industriellen) in der Gerichtssttzung angegriffen hat. Da haben also Rechtsanwälte, welche Reserveoffiziere sind, gebundene Hände, wenn sie gegen einen Reserveoffizier zu plaidieren haben, wie denn überhaupt jedem Reserveofftzier die Ausübung seines bürgerlichen Berufs er⸗ heblich durch die von ihm geforderten Rücksichten auf seine militärische Stellung erschwert werden muß.“— Noch verderblicher aber muß der
Umstand wirken, daß von oben herab der Zwang ausgeübt wird, die Gesetze zu mißachten und zu verletzen.
Von der deutschen Rechtspflege.
Eln überaus hartes Urteil fällte die Straf⸗ kammer in München⸗Gladbach. Sie verurteilte den Arbeiter Stumpf, welcher bei einem Streik Arbeitswillige durch Drohungen von der Weiterarbeit abhielt, sich seiner Ver⸗ haftung widersetzte und in der Gefängniszelle Alles zertrümmerte, zu 18 Monaten Ge⸗ fängnis und 4 Wochen Haft. Der Arbeiter Gottfried Müller, welcher sich„an den Drohungen beteiligte“, erhielt drei Monate Gefängnis.— Damit vergleiche man das Urteil gegen die Marburger Studenten, welche um Weihnachten einen wirklichen Aufruhr in⸗ szenierten, das Rathaus verbarrikadierten, Polizisten und Gensdarmen mißhandelten. Nur einigen dieser Aufrührer— nicht allen!— wurden bekanntlich lächerlich geringfügige Geld⸗ strafen in der Höhe von 5, 10 und 20 Mark auferlegt.— Zu demselben Kapitel gehört ein merkwürdiger vor dem Schöffengericht in Aug s⸗ burg verhandelter Fall. Eine Hausbe⸗ sitzers gattin, die auf dem Wochenmarkt drei Eier gestohlen hatte und vor nicht langer Zeit wegen Diebstahls schon zweimal vorbestraft worden ist, wurde freigesprochen. Das Gericht ließ die famose Ausrede gelten, daß die Angeklagte die drei Eier nur zum Zweck gestohlen habe, um ihr unheilbares Frauenleiden los zu werden, was ihr eine„alte unbekannte Frau“ geraten haben will!!— Da besonders in den Kreisen der Arbeiterfrauen Frauenleiden häufig vorkommen, dürfen diese zur Heilung ihres Leidens tüchtig Eier stehlen. Eine„alte Frau“, die ihnen das ausdrücklich„verschreibt“ wird sich schon finden.—
Der Arme soll sich einrichten.
Dieser Tage hat der Kaiser in Bitsch im Unterelsaß, wo er sich aufhielt, in der Antwort auf eine Rede des Landesausschuß⸗Präsidenten gesagt: Er wisse, daß das Bitscher Land nicht Teich sei. Wer apm sei, lerne ichn wenigem einrichten. Er wisse, daß die Bewohner ihm treue Untertanen seien, und Treue, Zucht und Ordunng— hier machte er eine Pause, dann winkte er der versammelten Geistlichkeit mit dem Marschallstab zu— und christliche Gestnnung seten aber auch nötig. Der Kaiser hat recht: Wer arm ist, muß sich mit wenigem, sogar mit sehr wenigem einrichten. — Umgekehrt finden wir, daß manche Leute sich selbs mit hohen Einnahmen nicht begnügen, sondern ein Einkommen von selbst vielen cen auf Kosten des Volkes zu steigern uchen.—
Von der Not der Landwirtschaft.
Cine große Bauernhochzeit ist kürzlich, wie das„Hamburger Echo“ berichtet, in Oberwarfe (Oldenburg) gefeiert worden. Ungefähr 700 Familien waren dazu eingeladen, so daß auf 1500 bis 2000 Gäste angerechnet wurde. 2000 Flaschen Wein waren angeschafft und 2000 Pfund Fleisch zum Belag für Butterbröte. Die Zahl der Butterkuchen und„Klaben“ war schier unendlich. 35 Musiker von der Infanterie⸗ kapelle in Oldenburg stellten die Musik.
Sozialistische Gemeindewahlsiege in Baden.
Kürzlich haben in Baden Gemeindewahlen stattgefunden, bei denen unsere Partei bemerkens⸗ werte Erfolge erzielte. In Rheinau erhielt die sozialdemokratische Liste 101 Stimmen, die vereinigten Bürgerlichen bekamen nur 44—52. — In Heddesheim siegte in der III. Wähler⸗ klasse die sozialdemokratische Liste mit 94 gegen 93 Stimmen.— In Villingen stellten die Nationalliberalen, Demokraten und Sozialisten eine gemeinsame Liste für die Klasse der Nieder⸗ besteuerten auf, um den seit langen Jahren maß⸗ gebend gewesenden Einfluß des Zentrums in der Stadtverwaltung zu brechen. Die Wähler⸗ schaft entschied gegen das Letztere, und auch in der Klasse der Mittelbesteuerten unterlagen
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