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Nr. 47.

Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung.

Seite 5.

tag hatte sich der Kaufmannsgehilfe Leop. Strauß wegen Betrugs zu verantworten, weil er das erwähnte Fest besucht und dort getanzt hatte, ohne sich eine Eintrittskarte zu lösen, er benutzte vielmehr die Karte eines andern. Später kam dies heraus und Strauß auf die Anklagebank. Der Amtsanwalt bezeichnet das Verhalten des Angeklagten als einen recht plumpen Betrug, durch den der Verein um 1.50 Mk. geschädigt worden sei. Er wolle da⸗ von absehen, Gefängnisstrafe zu beantragen, aber zur Warnung müsse der Angeklagte eine angemessene Geldstrafe erhalten. Er beantragte 50 Mk., worauf das Gericht erkannte. So kommt dem Unglücksmenschen jeder Tanz auf 25. Mk. zu stehen und er wird an das Fest denken. Mußte man wegen derartiger Baga⸗ telle zum Kadi laufen?

ch. Lauterbach. Die Versammlung des Wahl vereins am Samstag bei Gastwirt Keutzer war sehr zahlreich besucht und die Diskussion, welche sich um allgemeine Parteifragen drehte, recht lebhaft. Es wurde beschlossen, von jetzt ab monatlich zwei Versammlungen abzuhalten.

Aus dem Rreise Wetzlar.

s. Parteiversammlung. Zu der regelmäßigen Parteiversammlung des Wetzlarer Kreises, die am Sonntag, den 8. November, im Lokale Orbig in Gießen tagte, hatten sich die Genossen recht zahlreich eingefunden, auch der Kreis Altenkirchen war vertreten. Als erster Punkt steht der Bericht des Vertrauensmannes auf der Tagesordnung, den Genosse Fauth erstattet. Danach wurde im verflossenen Jahre eine lebhafte Tätig⸗ keit infolge der Reichstagswahl entfaltet. Etwa 30000 Flugblätter, Broschüren und Kalender verteilt, wo es irgend möglich war, setzte auch die mündliche Agitation ein. Die Ausgaben belaufen sich auf 892.90 Mk., die durch 460 Mk. Einnahmen aus dem Kreise und durch einen Zuschuß des Parteivorstandes von 500 Mk. gedeckt wurden, so daß noch ein Bestand von 71.54 Mk. bleibt. Im Ganzen betragen die Wahlkosten zirka 800 Mk., was bei dem ausgedehnten Wahlkreise als ein sehr niedriger Betrag bezeichnet werden muß. Die Kontrolleure bestätigen die Richtigkeit der Abrechnung, worauf dem Vertrauensmanne Decharge erteilt wird. Im Weiteren erstattet Fauth Bericht vom Parteitag in Dresden. Er schildert die bekannten Verhandlungen und

Debatten und bemerkt dabei, daß wohl jeder Teilnehmer

dieses Parteitages diesen unbefriedigt verlassen habe. An den Bericht schließt sich eine lebhafte Diskussion, die mit der Annahme folgender Resolution endet:

Mit den Beschlüssen des Parteitags und der Hal⸗ tung unseres Delegierten erklärt sich die Versammlung einverstanden. Allerdings bedauert die Versammlung die heftigen persönlichen Debatten und hofft, daß solche in Zukunft unterbleiben.

Nach einer längeren Debatte über die Presse, in der von allen Seiten die Ausgestaltung unseres Par⸗ teiblattes gewünscht wurde, schritt man zur Wahl des Vertrauensmannes. Fauth wurde einstimmig wieder⸗ gewählt. Mit einem Hoch auf die Sozialdemokratie schloß der Vorsitzende die Versammlung.

h. Landtagswahl. Welcher der Kandi⸗ daten bei den Urwahlen vom 12. November die Mehrheit erlangte, läßt sich mit absoluter Sicherheit nicht feststellen, da eine Anzahl Wahlmänner unsicher sind. Doch sollen die Konservativen mit Bestimmtheit auf den Sieg rechnen.

h. Eine Bußtags⸗Kapuzinade richtete das Wetzlarer Amtsblatt am Dienstag an seine Leser, die meistens diesen Tag dadurch heiligen, daß sie in hellen Schaaren den preußischen Marken entfliehen und drüben im HessischenErbauung suchen. Ein bischen Politik wurde auch in die Predigt eingeflochten, und gesagt, daß ein nicht geringer Teil der drei Millionen sozial⸗ demokratischer Stimmen darauf zurückzuführen sei, daß hier am schärfsten, rücksichtslosesten kritisiert werde. Selbstkritik verlangt der Bußprediger, er meint: Wenn dieser Geist der Selbstkritik in unserm Volk mehr erwachte, dann würde der Geist der Diesseitigkeit, der Genußsucht in allen Stunden, der sozialen Ver⸗ ständnislosigkeit auf der einen, der Verbitterung auf der andern Seite zurückgedrängt werden. Nun, daß die Arbeiter nicht zu üppig werden, dafür sorgen die Riesenlöhne und die Lebensmittelteuerung. Aber an die oberen Zehntausend, an diejenigen, die bei der Land⸗ tagswahl nie in der dritten Klasse wählen, an diese sollte der Anzeiger seine Mahnung zur Selbstkritik richten. Sie könnte auch gewissen Ordnungsblättern, die fort⸗ gesetzt und bewußt die Sozialdemokratie verdächtigen, nichts schaden! 1

h. Frauenagitation für den Krieger⸗

werein. Wenn sonst Frauen für die Sozial-

demokratie öffentlich tätig sind, rümpfen die Ordnungsleute darüber die Nase.Die Frau gehört in's Haus, soll sich nicht um Politik kümmern. So heißt es immer. Ein Wetzlarer Kriegerverein schickt aber die Wittwe eines Kameraden bei den Reservisten herum, um diese als neue Mitglieder zu gewinnen. Man scheint dort also die Frauenagitation für sehr zweckdienlich zu halten.

h. Vortrag. Die Lesevereinigung Wetzlar hält am Montag den 23. November ihren dritten diesjährigen Vortragsabend ab. Herr Privat⸗Docent Dr. Oesterreich aus Marburg wird überMeine Reisen in Mazedonien und Albanien sprechen. Der Vortrag wird durch Vorführung von Lichtbildern unterstützt werden. Eintrittskarten kosten im Vorverkauf 20 Pfg.

Aus dem Rreise Marburg⸗Rirchhain.

* Die Stadtverordnetenwahlen finden am Dienstag in Marburg statt. Um die Mandate im Stadtparlament streitet fast nur dashonette Bürgertum, weil die meisten Arbeiter ein Wahlrecht nicht besitzen. Bezeich⸗ nend ist, daß der Bürgermeister in Bezug auf eine aufgestellte Kandidatur die des Spedi⸗ teurs Heppe erklärte, sein Amt niederlegen zu wollen, falls dieser gewählt würde! Das ist einefreie Wahl! Unsere Genossen halten Montag Versammlung ab; ob sie sich an der Wahl beteiligen, ist fraglich.

* Zur Landtagswahl. Nach ent⸗ gültigen Feststellungen wurden bei den Urwahlen 71 konservative, 66 nationalliberale und 48 bündlerische Wahlmänner gewählt. Es wird also aller Wahrscheinlichkeit nach der Landrat v. Negelein gewählt; denn die Bündler werden sicher nicht den nationalliberalen Pro⸗ fessor Lehmann wählen. Im Kreise Kirchhain⸗Frankenberg stehen sich zwei konser⸗ vative Kandidaten gegenüber; die Kirchhainer wollen den Regierungsrat Schenk v. Schweins⸗ berg durchdrücken.

In dem Kindesunterschiebungs⸗Prozeß, der gegenwärtig in Berlin gegen das gräfliche Ehepaar Kwilecki verhandelt wird, sind die Zeugenvernehmungen so ziemlich beendet. Das Urteil dürfte indessen kaum noch in dieser Woche zu erwarten sein. Wie es ausfallen wird, dar⸗ über läßt sich kaum Bestimmtes vermuten; klar nachgewiesen konnte bisher der Gräfin die ihr zur Last gelegte Tat nicht werden.

Auf der Schwebebahn in Elberfeld

hat sich neulich ein Unfall ereignet. An der Loher⸗Brücke, unmittelbar an der Station, ent⸗

stand gegen 8 Uhr abends infolge Kurzschlusses

unmittelbar neben dem Wagenführerstande Feuer, und die Flammen loderten fußhoch empor. Die bestürzten Wageninsassen liefen zur Türe und drückten sie auf. Hierbei wurde ein Mädchen aus dem Wagen hinausgedrängt und stürzte in die Tiefe. Glücklicherweise fiel das Kind in ein Netz, wie solche unter säntlichen Stattonen hindurchgezogen bis vier Meter zu beiden Seiten über die Bahnsteige hinausragen. Die Kleine konnte nach dem Bahnsteig hinauf gezogen werden; sie hatte keinerlei Schaden erlitten. Der stark verqualmte Wagen schob sich langsam in die Station hinein, wo die Fahrgäste stch in Sicherheit brachten. Der Unfall verursachte eine längere Betriebsstörung. Es geht wohl nicht gut an, diesen Vorfall gegen die Schwebe⸗ bahnen auszubeuten. Wenn sich ein ähnliches Unglück im Betriebe einer Straßenbahn ereignet hätte, so wäre das aus dem Wagen gedrängte Mädchen der Gefahr, überfahren zu werden, ausgesetzt gewesen.

Kleine Mitteilungen.

* Schneefälle werden aus dem Vogelsberg, Westerwald sowie auch aus der Rhön gemeldet.

. Opfer der Arbeit. Dem 19 jährigen Bahn⸗ arbeiter Reinheimer wurden im Darmstäd ter Bahn⸗ hofe beide Beine abgefahren. Der Verunglückte wollte dem nahenden Schnellzug ausweichen und wurde hierbei von einer Rangiermaschine erfaßt. Am Montag wurde der in der Zuckerfabrit in Groß⸗Gerau be⸗

schäftigte, verheiratete Sattler Wagner beim Niemen⸗ auflegen von der Maschine erfaßt und in Stücke ge⸗ rissen.

* Schlagfertige Ehefrau. In Großfelden bei Marburg erschlug am Dienstag die Frau des Maures Weiershäuser ihren dem Trunke ergebenen Mann mit einem Backscheit.

* Ertrunken. In der Dill wurde am Samstag die Leiche eines Wiesenwärters aus Niederscheld aufgefunden. Er soll am Abend vorher im angetrunkenen Zustande in den Fluß gefallen sein.

n Eine Schlafende. Aus Bremen wurde am Montag berichte: Gesine Meyer in Grambke, ein pathologisches Rätsel, die 18 Jahre lang in einem schlafähnlichen Zustand verbracht hat, ist plötzlich beim Klang der Feuerglocke erwacht; sie ist bei völlig klarem Verstand.

* In Saarlouis wurde ein Gefreiter von einem Rekruten erstochen. Diesem wird vielleicht vorher von dem Gefreiten übel mitgespielt worden sein.

Wahlkreis Alsfeld⸗Lauterbach. Sonntag, den 29. November, nachmittags, findet auf der Pfefferhöhe in Alsfeld die Kreiskonferenz statt.

Tagesordnung: 1. Bericht des Kreisvertrauens manns und Neuwahl desselben. 2. Bericht des Vor⸗

sitzenden. 3. Rechnungsablage. 4. Vorstandswahl. 5. Verschiedene Anträge. Um zahlreiche Beteiligung ersucht

Der Vertrauensmann.

Versammlungskalender.

Samstag, den 21. November.

Gießen. Soz.⸗dem. Wahl verein. Abends 9 Uhr Versammlung bei Orbig. T.⸗O.:Aus dem deut⸗ schen Heere. Ref. Gen. Vetters.

Montag, den 23. November.

Gießen. Schneiderverband. Abends 9 Uhr Versammlung bei Orbig.

Marburg. Oeßfentl. Wählerversammlung im Jesberg'schen Lokale. ö

Samstag, den 28. November.

Marburg. Wahlverein. Abends 9 Uhr Ver⸗ sammlung bei Jesberg. T.⸗O.: Partei und Ge⸗ werkschaft. Ref. Vetters⸗Gießen.

Quittung.

Für die streikenden Weber in Crimmit⸗ schau gingen bei mir ein: Gesammelt von den Krof⸗ dorfer Genossen Mk. 6.50; Frl. B. 0,50;(Durch die Red. d. Mitteld. Sonnt.⸗Ztg.) Aus Wieseck: Mk. 10,.

A. Bock.

Briefkasten.

Zwei ungenannte Einsender in Wetzlar. Daß Sie allen Grund haben, sich über Herrn Oh len⸗ burger und die in der Fabrik herrschenden Zustände zu beschweren, glauben wir ganz gerne, weil uns schon öfters Klagen darüber zugingen. Sollen wir aber in der Zeitung darauf eingehen, so müssen Sie uns erstens bestimmte Fälle angeben und möglichst dabei Zeugen benennen, vor allen Dingen aber Ihren Namen nennen. Wir müssen unter allen Umständen wissen, mit wem wir es zu tun haben; Sie können aber sicher sein, daß wir Ihren Namen niemandem preisgeben, keinem Staats⸗ anwalt und keinem Gerichte!

J. H.⸗Ltrbch. Wenn der Pfarrer die Schul⸗ jugend von dem Tanzboden verweisen wollte, hatte er unseres Erachtens ganz recht; es ist schlimm genug. wenn ihm dabei in der berichteten rohen Weise ent⸗ gegengetreten wurde. Wir halten es nicht für nötig, davon weiter Notiz zu nehmen.

e.. Marktberichte.

Auf dem Wochenmarkte in Gießen kosteten am 19. November: Butter per Pfd. Mk. 1,00 1,15, Hühnereier 1 St. 89 Pfg., Enteneter 1 St. 80 Pfg., Gänseeier 1 St. 00 00 Pfg., Käse pr St. 68 Pfg., Käsematte 2 St. 56 Pfg., Erbsen per Liter 21 Pfg., Linsen per Liter 32 Pfg., Kartoffeln per 100 Kilo 5,00 5,50 Mk., Zwiebeln per Ztr. Mk. 4,50 5,00, Milch per Liter 18 Pfg., Tauben per Paar Mk. 0,70 bis 0,90, Hühner per St. Mk. 1,301,80, Hahnen per St. Mk. 0,70 1,50, Enten per St. Mk. 1,70 bis 2,20, Gänse per Pfd. 56 60 Pfg.

Getreide und Futtermittel. In Frankfurt notierten am 16. November pr. Doppelzentner: Weizen (Wetterauer) Mk. 16.20 16.30, russischer Mk. 16.60 bis 17.60, La Plata Mk. 00.00-00.00, Roggen, hiesiger neuer Mk. 13.25 13.50, russischer Mk. 14.25 bis 14.50, Gerste, hiesige Mk. 15.25 15.75, fräntische Mk. 15.70 16, Riedgerste Mk. 15.75 16.25, Hafer, hiesiger neuer Mk. 13.00 13.75.