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Nr. 47.
Mitteldentsche Sonntags⸗Zeitung.
Seite 3.
Nun, diese wird sich für die Parteigenossen⸗
dcn der„Politiker“ vom Pücklerschen Geiste chönstens bedanken. Diese Leute sind zu be⸗ schränkt und berbohrt, um den Soztalismus begreifen zu können. Mag sein, daß zahlreiche Wähler, welche früher den Antisemiten nach⸗ liefen, sich zur Sozialdemokratie wandten. Dahin hat ste aber ihre eigene bessere Erkenntnis gebracht, nicht etwa die Agitation der antise⸗ mitischen Führer.
Gewalttätige Nomanisten.
In Italien führt unser Genosse Ferri einen heftigen Kampf gegen eine Reihe dunkler Ehrenmänner aus der„besseren“ Gesellschaft, die Staatsgelder als ihr Eigentum betrachtet haben. Unter anderem erklärte Ferri im „Avanti“:„Senator Roux und dessen Blatt seten bestochene Werkzeuge des Ministers des Innern.“— Der Sohn des Angegriffenen überfiel daraufhin Ferri in dessen Hausflur und versetzte ihm einen Schlag. Er kam aber damit bei Ferri bös an. Dieser verprügelte ihn derart, daß das Herrchen ärztliche Behand⸗ lung in Anspruch nehmen mußte. W
Soziales, Gewerkschaftliches, Arbeiterbewegung.
Ende des Berliner Metallarbeiter⸗ Ausstandes. In einer am Donnerstag ab⸗ gehaltenen großen Versammlung stimmte nach eingehender Besprechung der Lage die Mehrheit gegen Fortführung des Streiks. Die Strei⸗ kenden kehren zur Arbeit zurück, ohne trotz acht⸗ wöchentlichen heldenmütigen Kampfes einen Sieg errungen zu haben. Die Gegner sind aber durch den Kampf auch dermaßen mürbe ge⸗ worden, daß sie sich's ein nächstes mal sehr wohl überlegen werden, ob sie den Kampf von neuem aufnehmen oder ob sie sich nicht lieber mit ihren Arbeitern einigen sollen. Insofern ist auch dieser Kampf nicht ganz erfolglos gewesen.— Die Berliner Metallwarenfabrikanten versandten ein Rundschreiben, nach welchem u. a. mitgeteilt wird, daß bei bedingungsloser Aufnahme der
0 Arbeit die Ausständigen zu den vor dem Aus⸗
stande bestehenden Bedingungen in möglichst 1 0 0 Zahl wieder eingestellt werden sollen. aßregelungen finden nicht statt, doch sollen
die bisherigen Arbeitswilligen unter keinen Um⸗ ständen entlassen werden.
Die Maurer in Solingen befinden
sich seit mehreren Wochen im Streik. Jetzt
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haben die„christlichen“ Maurer beschlossen, den Streik für beendigt zu erklären. Dieser Be⸗ schluß ist aber praktisch von gar keiner Bedeu⸗ tung, denn von den Christlichen waren nämlich nur vier Mann am Streik beteiligt. Diese vier Mann haben nun anständigerweise erklärt, nach wie vor auf keinem Bau anzufangen, der
vom Zentralverband gesperrt ist.— Zuzug von Maurern ist von Solingen unter allen Umständen fernzuhalten.
von Nah und Lern.
Hessisches.
— Prinzessin Elisabeth, das acht Jahr alte einzige Töchterchen des Großherzogs,
it plötzlich in Skiernewicze bei Warschau, 55 es mit seinem Vater gereist war, ge⸗ storben. wurde, war die unmittelbare Todesursache eeine starke Vergiftung durch e Seit einer Woche war die Prinzessin an Unter⸗ leibstyphus erkrankt, der jedenfalls nach außen⸗ hin wenig bemerkbar
Wie durch die Obduktion festgestellt
geworden war. Am Montag früh trat heftiger Brechdurchfall (cholera nostras) ein, der in wenigen Stunden
den Tod herbeiführte.— Die Leiche wurde nach
Darmstadt überführt und dort am Donnerstag
Nachmtttag beigesetzt.— Der schmerzliche Verlust, der den Großherzog betroffen hat, hat überall
lebhafteste Teilnahme hervorgerufen. — Aus dem Landtage. Der Finanz⸗ ausschuß der zweiten Kammer verhandelte
vorige Woche über den Antrag der Sozial-
demokraten und des Zentrums betreffend Auf⸗ hebung der Brückengelder. Die Regie⸗ rung erklärt, sie könne auf eine Einnahme von 180000 bis 200 000 Mk. nicht verzichten, zumal die Erbauung der Mainzer Brücke ausdrücklich nur unter der Bedingung erfolgte, daß das Brückengeld weiter bezahlt werde. Die Abgg. Molthan und Ulrich vertreten die Anträge, während die übrigen Mitglieder des Ausschusses teilweise der Auffassungen der Regierung zu⸗ stimmen; teilweise sind sie der Ansicht, einen aus den dermaligen Reinüberschüssen des Brückengeldes zu bildenden sog. Ablösungsfonds zu schaffen, der wenigstens einen bestimmten 1 fixlere, bis zu dem die Erhebung des
rückengeldes aufhören muß. Ein Beschluß wurde zunächst nicht gefaßt, doch sollen durch eine Aufstellung der seit Erbauung des Brücke erreichten Ueberschüsse Unterlagen beschaffen werden für die Beurteilung der Höhe der er⸗ forderlichen Summe, mit der die Abschaffung des Brückengeldes erreicht werden könnte.
— Maßregelung von Eisenbahn⸗ arbeitern in Hessen. An die hessische Regierung hat unser Genosse Landtagsabg. Cramer folgende Anfrage gerichtet:
„Es dürfte Großherzoglicher Regierung und den Herrn Abgeordneten noch in Erinuerung sein, daß erst Anfang dieses Jahres seitens einer Anzahl Abgeordneten in der Zweiten Kammer Klage geführt wurde über die Be⸗ handlung der Arbeiter, insbesondere über die Gewährleistung des heiligsten Rechtes der Ar⸗ beiter, des Koalitionsrechtes, seitens der Ver⸗ waltung der Wagenreparaturwerkstätte in Darmstadt.
Es wurde damals von Seiner Exzellenz dem Herren Finanzminister eine nicht nur nicht befriedigende, sondern eine geradezu überraschende Antwort gegeben; dem Sinne nach wurde erklärt, alle Verwaltungsangelegenheiten, so auch die hier vorgebrachten, regelten sich nach preußischen Verwaltungsgrundsätzen und die Regierung sei vertragsmäßig außer Lage hier vermittelnd drein zu reden.
Es mag dennoch in manchen Abgeordneten damals die Hoffnung erweckt worden sein, daß die diesbezüglichen Auseinandersetzungen in der Kammer seitens der Werkstätte⸗Verwaltung nicht ganz unbeachtet bleiben würden, und man darf sagen, diese Hoffnung wäre auch noch bei einer auf einigermaßen rechtlichen Grundlage basirenden Betriebsgemeinschaft ganz berechtigt.
Vorkommnisse neueren Datums aber, die den ergebenst Unterzeichneten zu dieser Anfrage nötigen, sind so recht geeignet, jede Hoffnung auf Rücksichtnahme seitens unseres Teilhabers völlig zu zerstören.
Seit ungefähr 14 Tagen ist in jener Werk⸗ stätte eine Hetze gegen Arbeiter im Gange, welche dem Hamburger Eisenbahner⸗Verband angehören, die kaum glaublich, aber leider wahr ist. 5
Der Herr Betriebsinspektor Scheer hatte eine größere Anzahl Arbeiter, von denen er infolge Verrats annahm, daß sie Mit⸗ glieder des Hamburger Eisenbahner-Verbandes sind, einzeln zu sich aufs Bureau rufen lassen und mit ihnen eine wahre Tortur angestellt. Unter Anwendung unbeschreiblicher Droh⸗ ungen wurden die Veute nach ihrer Zugehörig⸗ keit zum Hamburger Eisenbahner⸗Verband ge⸗ fragt, nicht gefragt, sondern gefoltert. Einige hatten den Mut dies als ihr gutes Recht zu reklamieren und einzugestehen, die größere Zahl stellte es in Abrede, aus Furcht vor der ihnen drohenden Entlassung. Glaubhaft ver⸗ bürgt erscheint sogar die Tatsache, daß der Herr Betriebsinspektor einen dieser Leute nahezu eine Stunde in ein separates Zimmer einsperrte und ihn hier so lange gefangen hielt, bis das weitere Verhör beendigt war. Das Ergebnis dieser grauen⸗ haften Untersuchung war, daß dret dieser Leute unter Auszahlung ihres Lohnanspruches von 14 Tagen sofort entlassen wurden, während einem, einem Familienvater mit sechs Kindern, ee gekündigt wurde. Weitere Entlassungen sollen noch nachträglich erfolgt sein und über einer weiteren Anzahl schwebt das Damokles⸗
schwert. tüchtigsten Arbeitern gezählt werden können und sich stets tadellos geführt haben.
Der Unterzeichnete erlaubt sich demgemäß an Großherzogliche Regierung die Frage zu richten:
Hat Großherzogliche Regierung Kenntnis von diesem Vorgang und welche Schritte gedenkt sie zu tun um derartige Mißstände zu beseitigen? Insbesondere gehört es zu den Befugnissen eines Verwaltungsbeamten, die Geldmittel der Be⸗ triebsgemeinschaft für nicht geleistete Arbeit aufzuwenden?“
Danach geht's ja bei der Eisenbahnverwal⸗ tung in Darmstadt geradezu russisch zu!
Die Gemaßregelten sollen zu den
Die Interpellation war ein Gebot der Not⸗
wendigkeit und unsere Abgeordneten werden nicht versäumen, dieses Verfahren bei der Be⸗ sprechung der Anfrage gründlich zu beleuchten. Hier ist die rücksichtsloseste Sprache am Platze.
Gießener Angelegenheiten.
— Von einer„Niederlage der Sozialdemokratie“, die sie bei den preußi⸗ schen Landtagswahlen erlitten haben soll, er⸗ zählte, wie viele andere„Ordnungs“blätter auch der„Gieß. Anzeiger“ seinen Lesern. Ja, für ihn ist der Ausgang dieses Wahlkampfes sogar ein Beweis dafür, daß es mit unserer Partei immer mehr bergab gehe und sie ihrem vollständigen Zerfall nahe sei. Das Amtsbl itt hats gleich im voraus gewußt— wozu nach unserer Meinung allerdings nicht viel gehörte — daß wir keine Eissege erzielen würden. Und warum? Hören wir:
„... Die absolute Niederlage der Sozialdemokraten ist im wesentlichen eine Folge der unerquicklichen Er⸗ gebnisse des Dresdener Parteitages, die die zahllosen Mitläufer der sozialistischen Partei stutzig machen mußten und eine allgemeine Unzufriedenheit in der ganzen Partei herbeigeführt haben. Dazu kam dann noch der sehr erfolgreiche, die Arbeiterinteressen aufs energischste vertretende antisozialistische Frankfurter Kon⸗ greß, der vielen die Augen geöffnet haben mag und der die inneren Schwächen des sozialdemokratischen Gedankens noch mehr klarlegte als der Dresdener Parteitag mit seinem Rattenkönig von Angriffen, Verteidigungs- und Rechtfertigungsversuchen, die immer noch nicht zu Ende gekommen sind. Das übrige tat dann noch das bekannte preußische Wahlsystem, mit dem allerdings doch wohl über kurz oder lang aufgeräumt werden muß. Jeden⸗ falls aber bröckelts allmählich immer mehr und mehr an der Vasallenmasse des Diktators Bebel und der „Revisionismus“ ist drauf und dran, das alte Joch innerhalb des„Genossentums“ zu lockern.“
Wir glauben ganz gerne, daß der im letzten Satze ausgesprochene Gedanke dem Wunsche des Amtsblattes entspricht. Die Sozialdemo⸗
kratie hats aber nicht so eilig mit der Zer⸗
bröckelung. Wie oft haben ihr die kapitalistischen Soldschreiber schon den Untergang prophezeit! Das hat aber ihr Wachstum nicht gehindert. Und der Kongreß der„Gelben“ in Frankfurt soll vielen„die Augen geöffnet“ haben! Aller⸗ dings, denkenden Arbeitern werden die Augen darüber geöffnet worden sein, daß eine Gesell⸗ schaft, welche der brotwucherische Zöllnerbund begrüßend antelegraphiert, an der sogar Bauern⸗ bündler, z. B. der 7 Mark⸗Zöllner Schrempf, teilgenommen haben, die Arbeiterinteressen nicht vertreten kann. Das werden auch jedenfalls die wenigen ehrlichen Arbeitervertreter, die da⸗ bei waren, bald einsehen.— Gestegt hat bei den preußischen Landtagswahlen der große Geldsack; es ist töricht, von einer Niederlage der Sozialdemokratie reden zu wollen. Im Gegenteil, eine oberflächliche Zählung der Stimmen zeigt, daß unsere Partei in den Wahlkreisen, wo wir uns beteiligt haben, das Vielfache der Stimmen aufgebracht hat, welche die Gegner auf sich vereinigten.
— Höhere Fleischpreise stellte dieser Tage die„Allgemeine Fleischerzeitung“ in Aussicht. Sie verwies darauf, daß auf dem Berliner Viehmarkte seit zwei Jahren die Preise für Rindvieh um 11 Prozent, bei Kälbern so⸗
ar um 30 Prozent gestiegen seien. Einen so 1 7 50 Preisaufschlag könnten die Metzger nicht allein tragen und sie müßten zur Erhöhung der Fleischpreise schreiten.— Also eine weitere Verschlechterung der Ernährung für die Arbelter⸗ bevölkerung, die sich schon jetzt kaum einen


