Ausgabe 
22.11.1903
 
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Seite 2.

1.

Mitteldeussche Sonntags⸗Zeitung.

die Verhandlung als wahr. Nicht der An⸗ geklagte war es, der den Wahrheitsbeweis führte; Bilse lehnte es ab, sich auf einen Wahrheits⸗ beweis für einen Rom an einzulassen, und betonte das Recht jedes Schriftstellers, aus der Wirklich⸗ keit den Stoff für seine Phantastegebilde zu entnehmen: den Klägern selbst fiel das peinliche Geschäft des Wahrheitsbeweises zu. Eine nette Galerie von Ehrenmännern zog da an den Ge⸗ richtsschranken vorüber: ein Major, der von der Frau seines Rittmeisters kommandiert wird; ein ehebrecherischer Offizier, der die Frau seines Kameraden und Freundes verführt und dafür mit einem Verweis bestraft wird; ein Rittmeisterehepaar, das sich die Pantoffeln an den Kopf zu werfen pflegt und sich vor allen Leuten beschimpftzein Oberleutnant, der während eines Kastnofestes die Frau seines besoffenen Kameraden nach Hause geleitet und sie dort verführt; ein Leutnant, der sich von seinemVerhältnis mit Lebensmitteln unterstützen läßt; ein Rittmeister, dessen Frau die Offiziere kommandiert und anpfeift, ihn öffentlich wegen seiner falschen Kommandos zur Rede stellt, widerrechtlich Schwadronspferde bor ihren Privatwagen spannen läßt; eine ganze Reihe leichtsinniger Schuldenmacher; ein Ober⸗ leutnant, der seinen Burschen so roh mißhandelt, daß dieser aus Verzweiflung desertiert; ein Leutnant, der Bälle zu Schweinigeleien besucht, und so fort mit Grazie. Diese ganze nette Gesellschaft, die, mit bürgerlichen Ehrbegriffen gemessen, so bedenkliche Sprünge und Risse zeigt, ist nach wie vor würdig, der bevorzugtesten und privilegiertesten Kaste anzugehören, Pächter des empfindlichstenEhr begriffs zu sein; der Leutnant aber, der, wie es ein als Zeuge ver⸗ nommener Rittmeister zugestand, durchaus kein Pamphlet schreiben wollte, sondern seinem ge⸗ quälten Herzen Luft zu machen suchte, hat diese Ehrbegriffe verletzt! Uns Zivilisten kann's recht sein; Prozesse wie dieser sind geeignet, dem ohnehin längst verblaßten Nimbus der Offizierskaste völlig den Garaus zu machen.

Aber noch eine andere Konsequenz hat diefer Prozeß. Wenn es bei dem Urteil bleibt, wird man keinen Roman und kein Theaterstück mehr schreiben dürfen, in dem korrupte Staatsmänner, exzedierende Offiziere oder schwindlerische Bank⸗ direktoren vorkommen Die Welt des Dichters wird fortan aus lauter Ehrenmännern bestehen müssen. Denn wenn er von einem Schurken spricht, so wird er fürchten müssen, daß sich gleich ein Dutzend getroffen fühlt. Gelingt es ihnen dann, glaubhaft nachzuweisen, daß sie wirk⸗ lich Schurken sind, so gibt's Gefängnis aber nicht für sie, sondern für deu unglücklichen Po⸗ eten. Von der Dichtkunst hat der junge Schiller einmal gesagt, sie übernehme Schwert und ful. und reiße die Laster vor ihren Richter⸗ uhl.

Was hiermit verboten wird! von Rechts wegen! Der verdonnerte Dichter hat sich bei dem Urteil beruhigt und wird demnächst den vor⸗ nehmsten Rock an den Nagel hängen.

Politische Rundschau.

Gießen, 19. November.

Die Ersatzwahl für Göhre

hat am Dienstag im Wahlkreise Mittweida stattgefunden. Unser Genosse Stücklen wurde mit 16040 Stimmen gewählt, der national⸗ liberale Gegenkandidat Rüdiger erhielt 10517. Am 16. Juni wurden für Göhre 19270 und für den Liberalen 11478 Stimmen abgegeben. Es war also, wie immer bei den Ersatzwahlen, eine erheblich schwächere Wahlbeteiligung zu verzeichnen als bei den Hauptwahlen; wir haben 3000, die Gegner 1000 Siimmen weniger aufgebracht. Wir können mit diesem Resultete trotz der erheblichen Stimmeneinbuße zufrieden 555 denn die Gegner hofften durch den Um⸗ tand, daß Göhre infolge der Parteistreitigkeiten das Mandat niedergelegt hatte, wieder Ober⸗ wasser zu bekommen und den Kreis zu erobern. Ihre Rechnung hat sich als falsch erwiesen,

Mittweida gehört zum sicheren Bestande der Sozialdemokratie.

Im 23. sächsischen Kreise, der durch den Tod unseres Franz Hofmann erledigt ist, wird von unserer Seite Genosse Adolf Hoff⸗ mann⸗Berlin als Kandidat aufgestellt.

Sozialdemokratische Wahlerfolge.

Bei der Stadtverordnetenwahl in Ber n⸗ burg(Anhalt) eroberten unsre Parteigenossen mit 1189 bis 1213 Stimmen zu den im Jahre 1901 eroberten 5 Mandaten noch 5 weitere hinzu. Im Bernburger Gemeinderat sttzen jetzt 10 Sozialdemokraten. Bei den Gemeinde⸗ ratswahlen in Graz(Oesterreich) siegten die sechs sozialdemokratischen Kandidaten.

Im badischen Landtag

sind die Parteien nach den nunmehr abge⸗ schlossenen Wahlen in folgender Stärke ver⸗ treten: Nationalliberale 26; Zentrum 23; Sozialdemokraten 6; Hemokraten 5; Antisemiten 1. Unsere Abgeordneten sind folgende: Eichhorn, Redakteur in Mannheim; Horst, Metallarbeiter in Durlach; Kramer, Kassier in Mannheim; Lehmann, Buchhalter in Mannheim; Lutz, Apotheker in Baden⸗Baden; Süßkind, Kaufmann in Mannheim. Durch den Rücktritt vom Mandat sind ausgeschieden: Dreesbach, Fendrich und Geiß, während Adolf Geck in Pforzheim unterlag. Es hat mithin in unserer Landtagsfraktion ein unge⸗ mein starker Wechsel stattgefunden, insofern volle zwei Drittel ihres jetzigen Bestandes erst neugewählte Mitglieder sind, während nur Kramer, der 1897, und Eichhorn, der 1901 gewählt wurde, ihr schon früher angehörten. Hoffen wir, daß die Vertreter der Sozialdemo⸗ kratie im badischen Parlament auch fernerhin eine eifrige und erfolgreiche Tätigkeit entfalten im Sinne einer freiheitlichen und fortschrittlichen

Entwicklung ihres Heimatlandes, wie ganz be⸗

sonders zum Wohle seiner werktätigen Volks⸗ schichten!

Zum Schergen Rußlands

gibt sich das deutsche Reich her. Gegen unsere Genossen Braun und Naragrotzki in Königsberg i. Pr. ist ein Verfahren wegen angeblicherGeheimbündelei eröffnet worden. Die Beiden sollen sich der Beihilfe zum Hochverrat gegen die russische Regie⸗ rung und Beihilfe zur Beleidigung des russischen Kaisers schuldig gemacht 1115 und zwar dadurch, daß sie sozialdemokratische Schriften in russischer Sprache nach Rußland verschickten. Daß diese Schriftenhochverräte⸗ risch sein sollen, ist von vornherein ausge⸗ schlossen, denn der Begriff des Hochverrats ist nur gegeben, wenn zur Gewalttätigkeit aufge⸗ fordert wird. Wir Sozialdemokraten verwerfen aber grundsätzlich jede Gewalttätigkeit. Die ganze Aktion wird voraussichtlich wie das Hornberger Schießen ausgehen. Bei diesem Vorgehen handelt es sich jedenfalls darum, einen Schlag gegen die literarische sozialdemo⸗ kratische Bewegung zu führen, die in der letzten Zeit mehr erstarkt ist und die man mit den bekannten Mitteln preußischerGermanisierungs⸗ Politik, nämlich mit Gefängnis, Haussuchung, Preß⸗Unterdrückung ꝛc. vernichten möchte.

Wie es einem gerechten Richter ergeht.

In Militsch im Regierungsbezirk Breslau amtierte der Assessor Simon als stellvertre⸗ tender Vorsitzender des Schöffengerichts. Der Mann vertrat die merkwürdige Ansicht, daß alle Parteten vor dem Gericht gleich seien. Er hatte einen Gendarmen, der Verteiler sozial⸗ demokratischer Flugblätter sistiert hatte, gefragt: wie es komme, daß er immer nur sozial⸗ demokratische Flugblattverbreiter angehalten und aufgeschrieben habe, während alle Parteien Propagandablätter verteilten. Der Gendarm erwiderte hierauf kurz und deut⸗ lich, das sei auf Anordnung des Land⸗ rats geschehen.

Hierauf erklärt der Vorsttzende: Ueber die Zulässigkeit dieser Handlungen entscheiden nicht die Verwaltungsbehörden, sondern das Gesetz

und die Cerichte. Eine Ausnahme für die

Sozialdemokratie gebe es dabei nicht, den

diese sei eine gleichberechtigte politische

Partei wie Freisinnige und Konservative.

Es erfolgte Freispruch, aber der Gendarm erstattete dem Landrat Bericht, dieser den höheren Instanzen. Und derErfolg war, daß dem 1 75 5 vom Landgerichtspräsident mitgeteilt wurde: g a f

Nach einer Verfügung des Herrn Justiz⸗ ministers vom 13. d. M. und der Verfügung des Oberlandesgerichts-Prästdenten vom 14. Oktober werden Sie, Herr Gerichtsassessor, von der Verwaltung der bei dem Amtsgericht in Militsch erledigten Richterstelle entbunden.

Zugleich verfügte der Justizminister, daß Herr Simon niemals wieder eine be⸗ soldete Richterstelle erhalten dürfe.

Also eine offenbare Maßregelung und zwar deswegen, weil der Richter alle Preußen vor dem Gesetz für gleich ansah, wie es zwar in der Verfassung steht,oben aber nicht gebilligt und meistens von der Justiz nicht gehandhabt wird.

Die Kirche hat einen guten Magen.

Die Kirche in Preußen wird bekanntlich, wie in noch anderen Bundesstaaten, vom Staate unterhalten und zwar mit dem Gelde aller Steuerzahler. Die christliche Kirche scheut sich nicht, aus dem Säckel, in den Christen, Heiden, Juden und andere Preußen steuern müssen, jährlich Milltonen zu nehmen. Der Staat zahlt für kirchliche Zwecke pro Jahr nach dem letzten Etat folgende Summen:

Für den evangelisch. Oberkirchenrat die 155 Konsistorien

evangelische Geistliche u. Kirchen

diverse Zwecke der evang. Kirche

Bistümer und die zu denselben

gehörigen Institute

kathol. Geistliche und Kirchen

diverse katholische Zwecke

gesetzliche Verpflichtungen des

Staates zum Neubau von Kirchen, Pfarrgebäuden ꝛc. leistungsfähige evangelische, re⸗ formierte, katholische und altkath. Kirchengemeinden Unterstützungsfonds für Geistliche aller Bekenntnisse, sowie deren Hinterbliebene Für Stolgebühren in der evangel. Rei Summa Ein nettes Sümmchen, das alljährlich in den Magen der Kirche wandert! Wenn heute in Preußen die Reaktionäre und matten Fort⸗ schrittler wieder gewählt werden, so können sie

198 815, Mk. 1429 132,38 1741 628,72 7110 403,. 1256 333,80

1366 387,79 3638 400,.

2479000, 46 800,

1552 949,25 1500 000,.

in löblicher Gesinnungsgemeinschaft nach dem

Muster des FrankfurterFreisinnigen Funck

durch neue Mehrbewilligungen denkirchlichen

Notstand heben und obige Millionen um ein paar weitere vermehren.

Stöckerianer und Hirschelianer.

Ueber die Antisemiten von Hirschel'scher Farbe zog vor einigen Tagen das Organ der Christlich⸗Sozialen, das in Berlin erscheinende Volk, gehörig los. Bei der Abgeordneten⸗ wahl in Karlsruhe⸗Land hatten nämlich, wie wir in der letzten Nummer schon mitteilten, die Antisemiten zu Gunsten unseres Genossen Jutz gegen den Konservativen den Ausschlag gegeben. Dieses Verhalten hat den Zorn des Stöcker⸗Organs erregt und es wirft den christ⸗ lichen antisemitischen Brüdern artige Liebens⸗ würdigkeiten an den Kopf. Unter anderem sagt es den Karlsruher Antisemiten, daß ste sich in ihrer radikalen Agitation kaum von den Sozial⸗ demokraten unterschieden, vergißt ganz, daß Hirschel nebst Anhang bei den Reichstagswahlen für Stöcker in's Geschirr ging. Zum Schluß ruft das Blatt aus:

. 22

22 312 849,95 MRBk.

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Das ist die Frucht des Wirkens

der Köhler, Hirschel und Genossen. Daß sie jetzt nicht mehr in einem Partei⸗ verbande mit Liebermann v. Sonnenberg stehen, ist nur die äußere Bestätigung einer innerlich längst konstatierten Tatsache. Der Radikalismus führt sie ganz folgerichtig immer näher der Sozialdemokratie.

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