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Mitteldeulsche Sountags⸗Zeitung.
Nr. 12.
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* S RSS 0 Unterhaltungs-Cril. 5
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A Die Kommune.
Sertrümmert ist der erste Bau, Den unsere Brüder kühn errichtet, Noch war der Frühling allzurauh, Es liegt die junge Saat vernichtet,
Die junge Saat,
Sum freien Staat,
Zu Ehr und Ruhm
Dem Menschentum Sum gleichen Recht für Alle.
Ein Kampf war es wie nie vorher, Sein oder Vichtsein klang die Frage, Hier fiel das Vorrecht, liebeleer, Die neue Seit dort in die Waage,
Die neue Seit,
Die uns befreit
Von Druck und Last,
Von Müh und Hast Will gleiches Recht für Alle!
Der Knechtschaft Schergen siegten ob, Sie wälzten sich im Blut der Roten, Und so wie sie der blaue Mob;— Sur Rache rufen drum die Toten!
Zur Rache d— Vein!
Sum Sieg allein,
Trotz Feindes Wut
Mit heilger Glut Sum gleichen Recht für Alle! Ein andrer Frühling kommt wohl bald Um allem Schlaf ein End zu machen, Dann wird, ein Phönix an Gestalt, Aus seinem Traum das Volk erwachen,
Aus seinem Traum;
Giebt weiten Raum
Der Weisheit Rat
Dem freien Staat, Dem gleichen Recht für Alle.
A. Geib.
Ein Hlick in den„Zukunstsstaat“.
Von Dr. Robert Michels.
8(Fortsetzung.)
Am zweiten Tage des Kongresses im Zu⸗ kunftsstaat, will sagen in Imola, sammelten sich plötzlich große Menschenmassen— die Zeitungen sprachen später von sieben Tausend— längs dem viale dei Capuceini(Kapuzinerallée) Eingang der Stadt hinter der Porta Bologna, Männer und Frauen, mit roten Bändern und Schleifen und vor Aufregung geröteten Gesichtern. Wie man beobachtet haben will, hatten manche von ihnen sogar lange in Wachspapierfutterale eingewickelte Stangen mit, die wie Mauern⸗ brecher aus den bösen Zeiten des Mittelalters aussahen. Das war um drei Uhr Nachmittags. Wenige Minuten darauf begannen schon die Glocken der Stadt Sturm zu läuten. In aller Hast sah man den Bürgermeister von Imola nach der bedrohten Stelle hinstürzen. Er war in Amtstracht und hatte die dreifarbige Schärpe umgeschlungen. Und doch gewahrte man in seinem Knopfloch gleichzeitig ebenfalls die rote Insurgentenschleife und an seiner Uhrkette hing sogar ein Medaillon, auf welchem der trotzige Kopf des bekannten Bandenhäuptliungs Karl Marx abkonferfeit war.— Himmel, wie soll man sich das alles erklären? Ist das Aufruhr? Oder der Ueberfall einer Räuberbande? So etwas soll doch, sagt man, in Italien an der Tagesordnung sein! Armes Imola, wie wirst du heimgesucht! Das kommt davon, daß du diesen sozialdemokratischen„Führern“ erlaubt hast, ihren Kongreß in deinen Mauern abzuhalten. Die Kerls haben nun schon seit Jahren das „arme Volk“ aufgehetzt und gegen Tron, Altar und Geldsack aufgewiegelt und nun hat man die Frucht ihrer verbrecherischen Reden in diesem Ueberfall organisierter Horden selbst vor Augen. Imola ist ein wohlhabendes Städtchen? Aha! Also wollen sietes plündern. Rette sich wer kann! Aber seht doch einmal den Bürgermeister! Was
macht der denn? Fällt der da einem der In⸗ surgenten um den Hals und küßt ihn auf beide Wangen. Und der blonde Michaels oder Michels oder wie dieser Mann, der den Kongreß ier als Berichterstatter des Worwärts oder orwaerts mitmacht, mit seinem barbarisch klingenden deutschen Namen sonst heißen mag, ist auch dabei und unterhält sich sogar ganz friedlich mit so einer wilden Amazone, aus deren schwarzen Haaren dunkelrote, wie mit wahrem Menschenblut gefärbte Bänder flattern! Und seine Frau, die kleine braunhaarige com- pagna) Gisella, steht sogar in freunds caftlichser Unterhaltung mit so einem blutdürstig aussehen⸗ den, mit einem der vorher beschriebenen Spieße bewaffneten Mann, der ausschaut, als wolle er gleich ganz Imola mit Petroleum begießen und an allen vier Ecken anzünden. Und was machen denn diese früheren Bourgeois⸗Gelehrten, welche den ganzen alten Plunder zum Teufel werfend, sich mit Leib und Seele dem Prole⸗ tariat verpfändet haben, die Universttätspro⸗ fessoren Enrico Ferri, der Kriminalist, Ettore Ciccotti, der Historiker, und Luigi Majno, der Zivilrechtler usw. unter dieser Rotte Kora? Sind sie wirklich schon so weit heruntergekom⸗ men, daß sie, die ehemaligen„Zierden italischer Gelehrsamkeit“ sich nun sogar zu Rebellen führern degradieren? Doch was war das? Da ent⸗ hüllten die braunen Männer eben plötzlich ihre Spieße und es zeigte sich, daß es... Fahnen waren. Aber furchtbar rote Fahnen, blutige Zeichen der menschenmordenden Revolution, welche die„heilige, segensreiche Ordnung“ über den Haufen werfen will. Aber diese Leute sind also doch unbewaffnet? Ach was, sie werden in ihren Taschen wohl schon spitzige Dolche und zweiläufige Pistolen haben? Herr⸗ gott, steh uns bei! Nun geht's los. Sieh, jetzt ordnen ste sich, musterhaft, ganz militärisch, je zu viert in eine ganz endlos lange Reihe. Da ist ja auch Musik dabei. Eins, zwei, dret, vier, fünf Chöre! Nun ja, die werden wohl zum Sturm blasen. Man weiß ja, wie sehr die Musik„den Mut der Truppen“ belebt! Aber die vordersten Sektionen der Kolonnen bestehen ja aus lauter Frauen? Warum denn nicht? Diese wilden Gesichter!„Da werden Weiber zu Hyänen und treiben mit Entsetzen“ ... Jetzt wird es aber ungemütlich! Die Schaaren setzen sich in Bewegung und die vorderste Musikbande spielt die aufrührerische Arbeiter⸗ hymne. Weithin schallt der verbotene Text:
„Auf Genossen! Auf, ihr Frauen,
„Schließet eure tapfren Reihen!
„Unser stolzes freies Banner
„Soll die sonn'ge Zukunft weihen!
„Nur das Werk der eignen Söhne
„Wird der Sieg der Arbeit sein.
„Laßt uns leben von der Arbeit
„Oder sterben im Verein!— Begeistert drängt alles vorwärts. Die Augen blitzen, die Wangen glühen, die Fahnen und Bänder flattern im Winde. Heilige Madonna, sei uns armen Sündern gnädig! Aber, wie sonderbar! Noch hat immer kein einziger der Räuber seinen Dolch aus dem Wams gezogen, ja, auf ihren Gesichtern liegt sogar eigentlich mehr der Ausdruck stolzer Freude als grimmigen Hasses ausgeprägt. Und die Tore der Stadt öffnen sich vor ihnen, und die Polizei tritt lächelnd bei Seite und in allen Häusern sind die Balkone und Fenster dicht besetzt. Und siehe, da 5 8 aus den Fenstern eines alten Patrizierpalastes, von den Händen eines hüb⸗ schen jungen Mädchens in ersmefarbener Seiden⸗ toilette entsandt, sogar ein ganzes Bündel roter Nelken, triumphierend mitten unter die Schaar der Eindringlinge. Sollte da der ganze Ueber⸗ fen 2 etwa am Ende gar ein... Festzug ein?—
Ein Festzug? Ja, es war ein Festzug, und was für einer! Die organisierten Land⸗ arbeiter der Umgegend von Imola hatten das Bedürfnis gefühlt, die Männer, welche im Parlament und in den Arbeiterkammern, im Gerichts saal und in der Studierstube tag aus tag ein für die Emanzipation des Proletariats gekämpft hatten und nun, vom Proletariat des
) compagna heißt Genossin.
ganzen Italien entsandt, hier in Imola zur Be⸗ ratung versammelt waren, zu sehen und ihnen ihren dankbaren Gruß zu entbieten. Aber da⸗ mit war der Grund des Aufzuges noch nicht erschöpft. Diese tapferen Arbeiter wollten Banzer f. auch aller Welt zeigen, welchem anner sie folgten und von welcher Seite aus sie ihre Befreiung vom Joche des Kapitals erwarteten. Ihre öffentliche Kräfteentfaltung sollte Gegnern wie Freunden ein richtiges Bild von der Stärke der sozialistischen Bewegung in und um Imola geben. Und nun waren sie herangeeilt, diese braven Männer, aus Land und Stadt, Gehöft und Dorf. Und nicht nur aus Imola und Umgegend, aus allen Teilen der großen Provinzen der Emilia und der Romagna, ja, selbst vom entfernten Toscana, überallher, von wo die Kosten einer Reise nach Imola auch nur einigermaßen zu erschwingen gewesen, waren Schaaren klassenbewußter Pro⸗ letarier zusammengeströmt. Wie viel Opfer⸗ freudigkeit, wie viel wahrhaft rührende Ein⸗ fachheit der Sitten— im guten Sinne des Wortes— lag in diesem Besuch der organi⸗ sterten Arbeiterschaft in Imola! Vielen war die Eisenbahnfahrt zu teuer gewesen. Sie hätten nicht kommen können. Aber kommen mußten sie einfach. Da gab es ein einfaches Mittel: sie kamen zu Fuß. Tagelang mar⸗ schierten sie, ein Stuͤckchen trockenes Brot und etwas Wurst in den Taschen, barfüßig, ihre Schuhe auf dem Rücken. Die Nacht brachten sie auf den Steinfließen der Kirchen zu und, wenn sie nichts mehr zu essen hatten, so hungerten sie eben. So war der Besuch in Imola für viele nur mit härtesten Entbehrungen zu erkaufen gewesen. Und doch! Nun sie am Ziel waren, und die Frucht ihrer Mühen kosten sollten, wollten sie wenigstens an diesem einen Tag einmal vergessen, daß sie arme abgerackerte Arbeitssklaven waren. Freude glänzte auf ihren Gesichtern und mit Stolz zählten fie die vierzig Fahnen sozialistischer und geweikschaftlicher Vereine und bewunderten die vornehmen gold⸗ durchwirkten Banner, welche der Stadt Imola und den drei naheliegenden, ebenfalls in den Händen einer sozialistischen Gemeindeverwaltung befindlichen Städten von Budrio, Reggio⸗Emilia und Molinella gehörten und die dem ganzen Festzug beinah etwas„obrigkeitlich Anerkanntes“ verliehen. Es waren viel prächtige Gestalten, die sich da zusammengefunden hatten. Am meisten Aufsehen erregten die organisterten Reisarbeiterinnen von Molinella mit ihren sonn verbrannten, fast schwarzen Gesichtern, in denen sich der Ausdruck kindlicher Gutmütigkeit mit beinah hart zu nennender Energie mischte, Mädchen, welche ob ihrer jahrelangen, mit be⸗ wundernswerter Standhaftigkeit ausgehaltenen Lohnkämpfe mit den Großgrundbesitzern, welche ihnen für ihre furchtbare, schwer gesundheits⸗ schädliche Arbeit in den mit Malariabacillen geschwängerten, sumpfigen Reisfeldern mit wahren Hungerlöhnen(bis zu 50 Pfg. pro Tag) zahlen wollten, zu den erhebendsten Beispielen eines aufstrebenden Proletariats gehören. Ihre Augen leuchteten wie ein Feuer, Feuer der Freude, aber auch Feuer der Sehnsucht, Freude, daß sie diesen Tag erleben durften, Sehnsucht, daß es immer so werden möge wie heute. Und so, wie diese tapferen Frauen, gefolgt von der Masse der Landarbeiter, denen sich die Fabrikarbeiter der Stadt und ein Teil der Kongressisten anschlossen, nun unter den Klängen der Arbeiterhymne erhobenen Hauptes durch die Straßen der Stadt zogen, einer Stadt, die ihnen gehörte, da konnte man sie wohl mit dem kämpfenden Proletariat der ganzen Welt überhaupt vergleichen, welches ja ebenfalls er⸗ hobenen Hauptes vorwärts dringt durch die Welt, die ihm zwar noch nicht gehört, von der es aber weiß, daß sie ihm einmal gehören wird, wenn es nur erst im ganzen so opferfreudig und so klassenbewußt ist wie diese italienischen Reismädchen es jetzt schon sind. Auch ihm werden sich dann, wie jenen in Imola, freudig Bürger und Gelehrte anschließen und stolz darauf sein, von ihm mit dem Wort Genosse angeredet zu werden.(Schluß folgt.)
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