Ausgabe 
22.3.1903
 
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wie ein Blitz.

Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.

Seite 7.

Ein Narr

des 19. Jahrhunderts. Von Heinrich Zschokke.

6(Fortsetzung)

Ich kenne diese heiligen Zustände! sagte die Baronin.

Da ich mich erhob, um in die Stadt zu⸗ rückzukehren, fuhr Olivier fort, und meine Uniform an mir erblickte, durchzuckte es mich, Ekelhaft lag die Welt mit allen ihren Thorheiten, mit allen ihren Widersinnigkeiten vor mir da; nie heller sah ich den gräßlichen Abfall der Menschheit von dem Ewigen, Wahren und Heiligen als in jenem Augenblick. Ich erkannte, daß Sokrates, lebte er heut', noch einmal den Giftbecher trinken müßte; daß Cristus, lebte er heut', in jeder Stadt sein Jernsalem wiederfinden, von den christlichen Sekten einstimmig zum Kreuz geführt, von den Fürsten als Feind der alten guten Ordnung, als Volksverführer, als Schwär⸗ mer verurteilt werden müßte. Ich schauterte. Da fragte ich mich mit lauter Stimme: Hast du Mut? Der feste Wille durchdrang mich. Ich antwortete mit lauter Stimme: Ich habe Mut. Cs soll sein. Ich will ver⸗ nünftig werden, erfolge daraus, was wolle.

Am andern Morgen ich hatte einen erquickenden Schlaf getan und fast alles, was ich den Abend vorher gedacht, vergessen fiel mir dies Buch wieder in die Augen. Ich er⸗ innerte mich meines Entschlusses. Nun erkannte ich das Gefährliche meines Wagestücks. Ich ward schwankend. Und doch mußte ich die Wahrheit meiner gestrigen Ueberzeugungen anerkennen. Wer mein Jünger sein will, soll alles verleugnen. Ich durchdachte meine häus⸗ lichen und öffentlichen Verhältnisse. Ich kam mir vor wie der reiche Jüngling im Evangelium, der traurig von Christo schied. Da fragte ich mich wieder:Hast du Mut? Und mit lauter Stimme anwortete ich:Den will ich haben. Und so beschloß ich, von Stund an vernünftig zu handeln, in Kleinsten wie im Wichtigsten. Nur den ersten Schritt getan und den Hohn der Menschen nicht geachtet, wird jeder folgende Schritt leicht.

Ich zittere für dich, du edler Schwärmer 1 rief ich und drückte ihm die Hand.Nicht so, du erzählst mir doch den Ausgang deines Wagestücks?

Warum nicht? Aber so etwas muß im Freien geschehen, unterm Himmel, unter den Bäumen, im Anblick des weiten Meeres sagte Olivier.Denn, lieber Norbert, in der Stube, zwischen Wänden und Mauern sieht manches vernünftig aus, was in der freien Natur, wo sich die Seele gleichsam in das große, reine All auflöst, gar hirngespinstig und träu⸗ merisch erscheint. Und umgekehrt findet man draußen in den Umgebungen der Gottes chöpfung, wo das Ewige und Wahre bleibend steht, daß manches vollkommen richtig sei, was inner den Wänden einer Wohnstube voller häuslichen Rücksichten oder inner den Wänden eines philo⸗ sophischen Lehrsaales, eines Audienzzim ners, eines Ballsaales, eines prunkvollen Gesell⸗ schaftszimmer, wie überspanntes Wesen, wie Albernheit, wie Schwärmerei oder Verrücktheit erscheint. Also komm ins Freie!

Er nahm mich beim Arm. Die Baronin ging zu ihren Kindern. Olivier führte mich durch den Garten auf einen Hügel, wo wir im Schatten eines Felsen lagerten. Ueber uns schwammen im weiten Luftmeer die zarten Zweige der Birken, unter uns die blitzenden Wogen des Ozeans ins Unendliche.

Olivier erzählte dann ungefähr folgender⸗ maßen.

Oliviers Erzählung.

Das Schicksal begünstigte mich eben damals, als es mit meiner Vernunft zum Durchbruch kam, ganz vorzüglich. Mein Vater, dessen Ver⸗ mögensumstände durch unmäßigen Aufwand

zerrüttet worden waren, hatte mir nach seinem Tode nur ein mäßiges Erbteil Allein ich hatte die

hinterlassen.

Aussicht, nach dem Tode

meines Oheims ein sehr stattlicher Gutsbesitzer zu werden. Diese Aussichten waren aller Welt bekannt. Dazu kam noch, daß ich mit der Baronesse von Mooser, der Tochter des Kammerprästdenten, verlobt worden. Sie war eine der ersten Partien im Lande, wie man so etwas zu nennen pflegte, das heißt sie war sehr hübsch, sehr reich und Nichte des Kriegs⸗ ministers. Die Heirat wurde von meinen Verwandten und dem alten Oheim eingefädelt; ich mußte, dem Lauf der Welt gemäß, ein⸗ willigen. Nur die Kränklichkeit meines Oheims, der bei mir Vaterstelle vertrat, verzögerte die Vermählung. Major war ich schon; bei der nächsten Beförderung sollte ich Oberleutnant werden. In ein paar Jahren konnte mir das Regiment nicht fehlen.

So standen die Sachen zu jener Zeit. Ich fand nun freilich, nach meiner Genesung zur Vernunft, daß die Sachen scheinbar wider⸗ lich standen. Es ward mir unbehaglich, daß ich freier Mann mein Dasein durch Verwandte an ein Mädchen wegen Geldes, Herkunft und Protektionen hatte verkuppeln lassen, ohne zu wissen, ob das Mädchen mit seinen Eigenheiten, Ansichten, Fehlern und Neigungen zu mir ge⸗ hören könne. Die Baronesse war allerdings hübsch und gut, allein nicht um ein Haar anders, wie Frauenzimmer von eben solcher Erziehung siud und sein können: gutmütig von Natur, aber durch Verkünstelung eitel, lebens⸗ lustig, leichtsinnig, stolz auf Verwandtschaft, auf Rang, auf Schönheit, witzig, und witzig auf Unkosten des Besten in der Welt, in allem mehr französisch als deutsch. Ob sie mich wirk⸗ lich liebe wußte ich nich; daß ich für sie nicht mehr als für jedes andere gebildete und hübsche Frauenzimmer fühlte, das wußte ich.

Ein Brief durch Eilboten forderte mich zu meinem kränklichen Oheim. Ich erhielt Urlaub vom General, schied von meiner Verlobten und ihren Eltern und reiste ab. Als ich ankam, war der Oheim schon gestorben und begraben. Ein alter Verwalter übergab mir die Schlüssel zu den Schränken und das Testament. Ich entrichtete die wenigen kleinen Legate an die Dienerschaft, zog den Verwalter in mein Ge⸗ heimnis und erklärte mich öffentlich arm, alles Vermögen meines Oheims mit Schulden bedeckt.

So kehrte ich in meine Garnison zurück und machte mein Mädchen bekannt. Es war mir nur darum zu tun, die Denkart meiner Verlobten zu prüfen, und ob sie Mut genug haben werde, an meiner Seite der Welt zu entsagen und zu werden wie ich. Um die Sache noch auffallender zu machen, verkaufte ich, was ich entbehren konnte, um meine eigenen Schulden in der Stadt zu bezahlen, denn ich hatte deren in der Tat, alte und neue, eine ziemliche Menge. Meine Kameraden lachten mich aus, und besonders wenn ich vorgab, wenigstens ein ehrlicher Mann zu, bleiben. Selbst der Kammerpräsident und seine Gemahlin rieten mir's ab: ich müsse keinen Eklat machen, ich blamiere mich und ihr Haus; ich gäbe mir und ihnen ein Ridikül usw.

Ich blieb bei meinem Sinn: Redlichleit gehe über Glanz, und Armut sei keine Schande. Wer viel entbehren könne sei reich. Die Redensarten, wie man es nannte, gefielen am allerwenigsten der Baronesse. Ihre Eltern gaben mir zu verstehen, ihr Kind sei an ge⸗ wisse Aisances) gewöhnt; sie selbst wären nicht reich genug, noch während ihres Lebens mir und der Tochter ein anständig es Sort) zu machen. Kurz, nach wenigen Tagen traute man ganz unumwunden meinem eigenen Zartgefühl zu, daß ich die Verbindung freiwillig aufgeben werde. Ich nahm gar keinen Anstand, es zu tun und zu erklären, ich fände es billig, weil hier keine gegenseitige Wahl der Herzen, sondern nur eine Uebereinkunft und Geldabrechnung der Verwandten stattgefunden habe.

Meine vorgebliche Armut hatte aber noch ganz andere Wirkungen guter Art, nämlich die alten Freunde und lustigen Brüder suchten mich weniger auf. Doch tat mir's wohl, daß

*) Spr. Esangs= Bequemlichkeit, Wohlhabenheit. **) Spr. Sohr= Zustand, Loos hier soviel wie ein anständiges Leben ermögl che i.

mich einige ihrer Hochachtung noch immer wert hielten. Die meisten wurden kälter und seltener. Also mit dem Gelde hatte ich für ste das höhere Interesse verloren.Desto besser! dachte ich,und desto wahrer darfst du reden und sein.

(Fortsetzung folgt.)

Gemeinnütziges.

Keine verschimmelten Wände im Stall! In einem größeren Viehbestande verendeten zwei halbjährige Kälber nach zweitägiger Lungenentzündung. Die gesunden Kälber und zum Teil die Kühe zeigten starken Husten. Bei näherer Besichtigung des Stalles zeigten sich die Wände und Decken mit dichtem Schimmelbelag überzogen. Gründliche Reini⸗ gung und Anstrich bewirkte, daß sich die hustenden Tiere bei kräftiger Fütterung und Leinsamentränke ohne wesentliche ärztliche Be⸗ handlung bald erholten.

Größere Kartoffelgaben erweisen sich bei der Melkviehfütterung als um so nachteiliger, wenn noch andere wässerige Futter⸗ stoffe, wie Schlempe, Rüben, Rübenschnitzel, von den Tieren verzehrt werden müssen. Wenn letzeres der Fall, ist, ganz abgesehen von sich einstellenden Diarrhöen oder sogar schlempe⸗ mauke⸗ähnlichen Erkrankungen der Kühe, stets

nur auf eine wässerige, schlechtschmeckende Milch

zu rechnen. Selbst die Mitverfütterung von besten Kraftfutterstoffen(Körnerschrot, Weizen- kleie, Malzkeime, Oelkuchen) vermag daran wenig zu ändern.

Splitter.

Mancher ist nur deshalb gut, weil er keine Gelegenheit hat, schlecht zu sein. *

Ich kenne kein niedrigeres Laster, als die Selbstsucht.

Humoristisches.

Eine angenehme Hose. Bauer: Geh Alte, lang' mer amol mei' lederne Hos'n her die da⸗ hinten im Eck steht!(Fl. Bl.)

Die ideale Forderung. Bayrischer Pfarrer: Glauben kann a bayrischer Minister was er mog, aber katholisch muß er sein!

Raubritter.Wenn unsere Ahnen Geld brauchten, schlugen sie ein paar Kaufleute tot wir müssen ihre

Töchter heiraten.(Simpl.) Geschichtskalender. 22. März. 1897: Kotze und andere Duellanten

begnadigt.(Fall Kotze, Schmähbrief⸗Affaire in der Berliner Hofgesellschaft.)

23. 1895: Bismarck⸗Huldigung im Reichstage abgelehnt. Wilh. II. Entrüstungsdepesche an Bismarck.

24. 1867: Norddeutscher Reichstag eröffnet. 1884: Mignet, franz. Geschichtsschreiber, F.

25. 1898: Streik der christl. Bergarbeiter am Piesberge. 1825: Zar Alexander löst den Fürsten⸗ Rheinbund auf.

26. 1872: Urteil im Leipziger Hochverratsprozesse.

27. 1868: Zollparlament in Berlin. 1810; Glasbrenner, Satiriker,*.

23. 1901: Wilh. II. Unbotmäßigkeits rede bei Einweihung der Alexandriner⸗Kaserne in Berlin. 1849: Kaiserposse im Frankfurter Parlament.

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