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Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung⸗
Nr. 12.
dem Verhältnis der ztrantenkassen zu den
Apotheken und schließlich mit der„An⸗ gliederung der Kranken versicherung an die Invalidenversicherung.“ Ueber letzteren Punkt referierte Fräß dor f⸗Dresden, der in einer Resolution die Verschmelzung der a Arbeiterversicherung forderte. Die
esolution wurde angenommen. Der Kon⸗ greß erledigte dann noch eine große Anzahl Anträge, die meistens Forderungen und Wünsche zu der Krankenkassengesetz⸗Novelle betreffen.
Pon Nah und Fern.
Hessisches. Mittelstandsretter.
Unter den Namen„Wirtschaftliche Vereinigung“ hat sich im Hess. Landtag eine neue Partei zusammengetan. Eigentlich sollte man meinen, es gäbe deren dort genug. Doch es ist nur ein neuer Name für eine alte Sache. Die Vereinigung will keine Fraktion sein, sondern nur die„gemeinsame Vertretung und Behandlung der wirtschaftspolitischen
Fragen“ bewirken. Schutz der Bauern und
Ihre Devise ist: des Mittelstandes! Formell bilden ihr Mit⸗ eine Fraktion nicht, im
glieder allerdings a wesentlichen aber ist. die Vereinigung doch
weiter nichts-als eine Fraktion, da sie Beschlüsse
faßt und ihre Mitglieder darauf verpflichtet.
Die Farbe erhält die„Vereinigung“ durch den Bauernbund, dessen Abgeordnete ihr alle beige⸗ treten sind; dazu kommen eine Anzahl agrart⸗ scher Nationalliberale und einige„Wilde“, die in ländlichen Bezirken gewählt und im Grunde nichts als reine Agrarier sind. Wie die von der Vereinigung beabsichtigte„Mittelstands⸗ politik“ aussehen wird, läßt sich danach unschwer ermessen.— Interessant ist der Beitritt der nationalliberalen Agrarier. Daß sie nebenbei in ihrer„Fraktion“ bleiben, meint die„Fftr. Ztg.“, ist bezeichnend für Charakter und Be⸗ deutung der nationalliberalen Partei. Es ist ja bekannt genug, daß die in der Vereinigung domintrenden Bauernbündler mit der national⸗ liberalen Partei ganz und gar nicht harmoniren. Wenn dennoch nationalliberale Abgeordnete ihnen Schleppträgerdienste leisten dürfen, ohne daß die Fraktion ihr Veto eingelegt und zur Geltung bringt, so ist damit für die Oeffent⸗ lichteit nur erneut der Nachweis erbracht, daß von einer Disziplin der nationalliberalen Partei Hessens gar keine Rede mehr ist, weder im Parlament noch im Lande. Sie geht rettungs⸗ los dem Verfall entgegen. *
Die Wahlprüfungskommission der Zweiten Kammer erklärte die Wahl des natl. Abg. Heidenreich für ungiltig. Dagegen wurden sowohl die Wahl Ulrich's als Orb's (Offenbach⸗Land) für giltig erklärt. Ebenso wurde die Wahl des Antisemiten Hirschel⸗ Grünberg für giltig erklärt.— Herr Hirschel kann von Glück sagen, handelte es sich hier doch nur um eine einzige Stimme. Ferner wurden die Wahlen der beiden freisinnigen Abg. Säng und Langenbach(Darmstadt) für ungiltig erklärt.
Gießener Angelegenheiten.
— Die Gewerbegerichtswahl am Samstag brachte für die freien Gewerkschaften — soweit die Wahl der Arbeitnehmerbeisitzer in Betracht kommt— einen geradezu glän⸗ zenden Erfolg. Während ihre Liste vor drei Jahren nur 239 Stimmen erhielt, brachte sie diesmal 763 Stimmen auf, mehr als das Dreifache der letzten Wahl. Für die Liste des evangelischen Arbeitervereins wurden nur 69 Stimmen abgegeben. Letztere erhalten also — nach, den Grundsätzen der Verhältniswahl— einen, die freien Gewerkschaften elf Beisttzer. Auch die Arbeitgeber beteiligten sich zahl⸗ reicher als beim letzten Male an der Wahl. Für die Liste des Gewerbevereins wurden 84, für diejenige des Gewerkschaftskartells 13 Stim⸗ men, im Ganzen also 97 abgegeben. Mithin entfallen auf erstere 10, auf letztere 2 Beisitzer.
— Besonders lebhafte Agitation wurde nicht entfaltet, erst am Wahltage selbst wurde auf beiden Seiten mehr gearbeitet. Das Gewerk⸗ schaftskartell verbreitete im Laufe der Woche ein Flugblatt, in welchem auf die Bedeutung der Gewerbegerichte hingewiesen und dabei be⸗ merkt wurde, daß katholische und evangelische Arbeitervereine, als Organisationen, die unter der Führung von Geistlichen stehen, nicht in der Lage wären, die Arbeiterinteressen zu vertreten. Darauf erschien im„Anzeiger“ folgendes In⸗ serat der Christlichen:
„Die Verbreitung eines nach Form und Inhalt äußerst gehässigen Flugblattes der hiesigen sogenannten freien, in Wirklichkeit aber sozialdemokratischen Gewerkschaften ver⸗ anlaßt uns, alle Arbeiter, welche treu zu unserer Sache halten und zu den neutr alen Gewerkschaften stehen, aufzufordern, mit um so größerem Eifer sich an der Wahl zu be⸗ teiligen und nur den von uns vorgeschlagenen Kandidaten ihre Stimme zu geben.“
Durch dieses pfäffische Machwerk erreichten sie aber das Gegenteil von dem was sie wollten. Denn wer das Inserat las, wollte natürlich das Flugblatt haben und so kam es, daß dieses bald vergriffen war und sicher nicht wenig zu dem guten Erfolge der freien Gewerkschaften beigetragen hat.— Uebrigens leistete sich der Wahlausschuß der Christlichen mit jenem Inserat mehrere Unwahrheiten oder die Herren haben keine Ahnung von der Gewerkschaftsbewegung. Denn die christlichen Gewerkschaften sind nicht „neutral“ und wollen es nicht sein, wie schon ihr Name besagt; der katholische Gesellenverein ist überhaupt nicht als Gewerkschaft anzusehen, er ist eben eine religibse Verbindung. Da⸗ gegen wird in den freien Gewerkschaften kein Mensch nach seinem politischen oder religiösen Glaubensbekenntnis gefragt; sie sind in dieser Beziehung wirklich neutral, nicht sozialdemo⸗ kratisch, wie in jenem Inserat gefabelt wird.
— Märzfeier. Eine so zahlreiche Be⸗ teiligung hat die Märzfeier in Gießen wohl noch nie aufzuweisen gehabt, als es am Sonntag der Fall war. Das einladende Wetter mag auch mit dazu beigetragen haben, daß Hunderte von Genossen aus Gießen, Heuchelheim, Glei⸗ berg, Krofdorf ꝛc. nach Textors Terrasse hinaus pilgerten, deren geräumiger Saal sich rasch füllte. Viele konnten im Saale keinen Platz bekommen. Nachdem die Gesangvereine einige Lieder vorgetragen, ergriff Gen. Dr. Michels⸗ Marburg das Wort, um in markiger und klarer Rede die Bedeutung des 18. März für die Arbeiterschaft zu schildern.
Karl Marx— führte er etwa aus— habe nachgewiesen, daß die Geschichte nicht ausgefüllt werde durch die Kämpfe der einzelnen Nationen mit einander, sondern daß sie sich darstelle als eine Reihe von Klassenkämpfen. Eine beherrschte, emporstrebende Klasse suche die herrschende zu verdrängen und sich an ihre Stelle zu setzen. Die französische Revolution stellt die Befreiung des Bürgertums von der Herrschaft des Adels dar. Napoleon, der Er⸗ oberer, warf die bürgerliche Emanzipation nieder, pflanzte ste aber zugleich in andere Länder fort. Auch in Deutschland zog mit ihm ein freierer Geist ein. Mit den Franzosen wurden jedoch die wenigen Freiheiten wieder niedergeworfen; der Feudal⸗ und Polizeistaat befestigte sich wieder, seine stickige Luft lag drückend auf dem Volke. Da brach 1848 in Frankreich, das immer der Nährboden freiheitlicher Ideen ge⸗ wesen, der Sturm los. König Louis Philipp wurde verjagt; Frankreich zur Republik erklärt. Die Funken des in Paris lodernden Brandes schlugen überall hin. Man ahmte in andern Ländern das Beispiel Frankreichs nach. In Deutschland, das in eine Reihe kleiner, despo⸗ tisch regierter Staaten zerfiel, kam es zu Auf⸗ ständen. Namentlich in den Rheinlanden, die französisch angehaucht, damals nichts von Preußen wissen wollten. Das preußische Gottes⸗ gnadentum war von Gott verlassen. König Friedrich Wilhelm IV. in Berlin geriet in Angst. Er gab nach, suchte zu beruhigen. Aus Dankbarkeit zog die Menge vor das Schloß. Hier wurden zwei Schüsse auf das Volk abge⸗
geben, man weiß uicht von wem. Das Volk schöpfte Mißtrauen, es sah sich verraten. Ueber⸗ all wuchsen jetzt die Barrikaden empor. Redner schilderte nun den Kampf am 18. März, in dem die Arbeiter wie die Löwen kämpften— aber nur für die Interessen der Bourgeoiste. Die Forderungen der Arbeiter wurden in den Hintergrund gedrückt. Das Bürgertum war zufrieden, als die beengenden Fesseln, die es am Profitmachen hinderten, beiseite geräumt waren. Feige und knechtselig wie es war, wagte es nicht die Republik zu proklamieren aus Furcht vor den Arbeitern. Diese, ohne Ziel und Programm vertrauten ihm.— Heute haben wir andere Zeiten, andere Wege. Wir ehren die 48er Kämpfer, nachahmen können wir ihnen nicht. Für uns heißt es heute: Zusammen⸗ halt! Aufklärung! Organisation! Nur auf diesem Wege kommen wir zum Ziele!
Die trefflichen Worte des Redners wurden mit lebhaftem Beifall aufgenommen. Weitere Gesangsvorträge und Musikstücke folgten, bis kurz nach Eintritt der Dunkelheit die Feier endete. Sie lieferte den Beweis für das regere politische Leben, daß sich in der letzten Zeit in erfreulicher Weise innerhalb der Arbeiterkreise bemerkbar macht.
— Das Gießener Amtsblatt tritt für bessere Bezahlung unserer Parteibeamten ein! Sein Darmstädter Politikus schreibt, nach⸗ dem er die Sozialdemokratie im hessischen Land⸗ tag als äußerst bewilligungseifrig hingestellt hat, folgendes:
„Es wäre übrigens eine interessante Frage, ob Herr Ulrich diese seine Beamtensympa⸗ thien allein auf die hesstschen Beamten be⸗ schränkt oder ob er die Strahlen seiner Gunst auch auf die meist recht kärglich besol⸗ deten sozialdemokratischen Parteibeamten leuchten lassen will. Bisher hat man nichts davon vernommen, daß er auf den Partei⸗ tagen denselben Eifer für deren Besserstellung entwickelt hätte!“ b
Merkwürdig, sonst heißt es doch immer, die Agitatoren mästen sich von den Arbeiter⸗ groschen! Bald so, bald so, wies trefft!
— Der Konsumverein für Gteßen und Umgegend hält diesen Sonntag(22.), Vormittags 10 Uhr, im„Postkeller“ eine außerordentliche Generalbersammlung ab. Auf der Tagesordnung stehen Ersatzwahlen des Vorstandes sowie Erörterung sonstiger Ange⸗ legenheiten der Genossenschaft.
— Besichtigung des Siechenhauses. Der hiesige Sanitätsverein ladet zu einer Besichtigung des nunmehr fertiggestellten Stechen⸗ hauses an der Licherstraße für diesen Sonntag (22.) nachmittags 2 Uhr ein. Jedermann kann sich hieran beteiligen. Zusammenkunft am Haupteingang des Siechenhauses; Entree wird nicht verlangt.
— Mordversuch. Am Sonntag machte der Tagelöhner Röder von hier in der neuen Kaserne einen Mordversuch auf seine Ehefrau, die sich dort bei ihrer mit einem Sergeanten verheirateten Tochter aufhielt. Röder feuerte aus einem Revolver mehrere Schüsse auf die
beiden Frauen ab, traf ste aber nicht lebens⸗
gefährlich. Auch der zur Begleitung mitgegebene Posten wurde dabei leicht verletzt. Ehelicher 1 soll die Ursache zu der Tat Röders ein.
— Ein sinnstörender Druckfehler ist im Leitartikel unserer vorigen Nummer stehen geblieben. In der 3. Spalte muß es in der 14, Zeile von oben statt„Niedersten“ Widerstand heißen; der betr. Satz lautet also richtig:„Denn mit Recht hat der italienische Genosse S. Merlino einmal ausgeführt, daß auch das Bewußtsein moralischen Unrechts den Widerstand der besitzenden Klassen lähmen kann, ꝛc.
aus dem Rreise gießen.
— Von der Agitation. Die Versamm⸗ lungen, welche unsererseits am Donnerstag und Frei⸗ tag vorige Woche in Bergheim bei Ortenberg und in Oberlais stattfanden, waren stark besucht. In beiden Versammlungen wurden die Ausführungen unseres Ge⸗ nossen Krumm beifällig aufgenommen.— Wie schon in der letzten Nr. mitgeteilt, konnten wir in Gedern kein Lokal erhalten; dort werden später, wenn die Jahreszeit günstiger geworden ist, einfach Versammlungen im Freien abgehalten werden.


