Ausgabe 
22.3.1903
 
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Seite 2.

Mtteldeutsche Sonntags⸗ Zeitung.

Nr. 12. 2

schlechterung der Lebenslage des Volkes unter⸗ breitet. Die Zahl der An emahnten stieg innerhalb 10 Jahren um 76007= 30,1%; die Zahl der mit Pfandbriefen an die guten Zeiten Erinnerten stieg um 54244 38,5% die Zahl derjenigen, die selbst nach dem Empfang der Pfandbriefe nicht zu za h⸗ len vermochten und denen deshalb die Möbel usw. mit den bekannten schönen Marken beklebt wurden, stieg um 44561 47,5%; und die Zahl der armen Teufel, bei denen der pfiffigste Gerichtsvollzieher schon ar nichts mehr holen konnte, stieg um 421= 345/

Wer zweifelt noch daran, daß sich die Zeiten gebessert haben für die Wohlhabenden und die Gerichtsvollzieher! Die Reichen sind reicher geworden und die zweite Steuerabteilung, der 1885 92,78% aller Steuerpflichtigen angehörten, hat in einem Zeitraum von 18 Jahren 1,18% an die erste Abteilung(Einkommen über Mark 2600) abgegeben. Ein glänzender Aufstieg des Proletariats!

Zu den Reichstagswahlen. IV.

Die Antisemiten. Ehe wir nun, nachdem wir in der narleu

Nummer die Nationgllihe re eocletzten Hecbacc tpngechterabeit in ihren Be⸗

en.

Kae gelen derten, weiter nach links zu den Greisinnigen ꝛc. übergehen, müssen wir uns zunächst mit den Antisemiten und dem Zentrum befassen. Erstere müssen wir sogar etwas ausführlicher behandeln, nicht wegen ihrer Bedeutung denn die ist gering sondern weil diese Partei in allen Wahlkreisen unseres Verbreitungsgebietes in Betracht kommt und ihr namentlich viele Kleinbauern und Handwerker anhängen, hier und da auch noch mancher Arbeiter nachläuft.

Im Reichstage waren die Antisemiten mit 10 Abgeordneten vertreten, die aber wieder in mehrere Gruppen gespalten waren. Antisemi⸗ tische Stimmen wurden 1898 242046 abgegeben, 41414 weniger als 1893.(In der amtlichen Statistik werden 284.300 angegeben, dann sind aber ca. 48000 christlich⸗soziale mit eingerechnet.) Von einer antisemitischen Partei kann erst seit dem Auftreten des ehemaligen Hofpredigers Stöcker gesprochen werden, der im Anfang des Jahres 1878 die christlich⸗s oziale Partei gründete. 1890 gewann der Antisemitismus durch Böckel in Hessen Terrain; einige Jahre später fiel ihm ein großer Teil des sächsischen Spießer⸗ tums in die Arme.

Wie schon ihr Name besagt(Anti= gegen; Semiten heißen die Völker im südlichen Vorder⸗ asten, die angeblichen Nachkommen von Sem, Noahs ältestem Sohne, wozu also auch die Juden gehören) richtet sich die Agitation der Antisemiten vornehmlich gegen die Juden und deren vermeintlichen oder mindestens überschätzten Einfluß im politischen und wirtschaftlichen Leben. In dem Antisemitismus erblickte der ökonomisch schlechter gestellte Teil des Mittelstandes, die Kleinbauern, Kleinhandwerker und der niedere Beamtenstand sein Heil. Während der Sozi⸗ alismus die Verhältnisse erkannt hat und das ganze kapitalistische Wirtschaftssystem be⸗ kämpft, wendet sich der Antisemitismus blos gegen einige seinen Anhängern besonders uabe⸗ quem gewordene Erscheinungen, nur gegen einen Teil der dem Mittelstande gefährlichen obfapftalistischen Konkurrenz, nämlich gegen

von den Juden geübte. Jene Schichten werden aber bald erkennen müssen und haben zum Teil schon erkannt, daß die übermächtige wirtschaftliche Kraft ihrer Konkurrenten ihnen e ist, nicht deren jüdisches Glaubens⸗

ekenntnis oder semitische Abstammung.

Die Juden waren ehemals ein ackerbau⸗ treibendes Volk und unter ihnen gab es die Handwerke, die auf beginnender Kultur sich entwickeln: Spinner, Weber, Töpfer, Schmiede, Ziegler, Schreiner, Bauarbeiter ꝛc. Erst mit ihrer Unterjochung und mit ihrer Zerstreuung in fremde Lande, wandten ste sich in ausge⸗ dehnterem Maße den Gewerben und dem Handel, noch später auch den Wissenschaften zu. Früh⸗

zeitig wurden die Juden durch die Christen verfolgt. Vertreter einer älteren Kultur und ausgestattet mit höherer Intelligenz, verbot man ihnen den Betrieb des Landbaues und des Handwerks und trteb ste so dem Schacher und dem Haudel in die Arme. Zahlreiche Verfolgungen, denen sie in den christlichen Staaten ausgesetzt waren und wobei Zehntausende der ihren grausam gemartert, getötet, Hunderttausende ihrer Habe beraubt wurden, beförderten ihren engen Zusammen⸗ schluß. Man machte sie rechtlos. Geld und Gold waren die einzigen Mittel, durch die ste sich vor Verfolgungen schützen konnten, deshalb suchten sie möglichst viel davon zu erlangen. Das konnten sie bei dem Handel, der viele Jahrhunderte lang die einzige Beschäftigung war, welche man ihnen erlaubt hatte. Hierin brachten sie es daher, unterstützt durch natür⸗ liche Anlagen zu Fähigkeiten, wegen der ste von ihren christlichen Konkurrenten gefürchtet werden. Dadurch kam es auch, daß sie weite Gebiete des Handels in den Händen haben, was natürlich den Neid anderer Interessenkreise hervorruft.

So sieht ein großer Teil unserer Kleinbauern im Juden den Feind. weil Juden es sind, die

129. N N*. ˖ vorzugsweise vie Geschafle mit ihnen machen

Handwerker und Kaufleute sehen im Juden den Feind, weil der Handel mit Fabrikaten, die früher das Handwerk fertigte, wie Schuh⸗ und Kleiderwaren ꝛc., vielfach in den Händen von Juden ist, oder weil die Handelsgeschäfte der Juden den sogenannten christlichen Kaufleuten Konkurrenz machen. Der Student ist Autisemit, weil der jüdische Student in der Regel viel fleißiger ist wie der ehrsame Germane, der bei Kneipgelagen, beim Kartenspiel und auf der Mensur die Zeit totschlägt. Aehnliche Gründe sprechen gegen die Konkurrenz, der jüdischen Aerzte und Rechtsanwälte. Ein großer Teil des Adels, der Offiziere wie der Grundherren sind Antisemiten, weil Juden ihre Gläubiger sind und die adeligen Grundherren öfter ihre Söhne mit einer geldbegnadeten Tochter Israels verehelichen müssen, um die gesellschaftliche Verschwendungssucht jener befriedigen zu können.

Alle diese gegen die Juden aufgebrachten Elemente erkennen nicht denn ihr Klassen⸗ standpunkt erhält sie in der Bornirtheit daß, wenn heute sämtliche Juden verschwinden würden, an ihre Stelle sofort sogenannte Christen träten, die das Ausbeutungsgeschäft genau mit demselben Erfolg für die Mehrzahl ihrer Konkurrenten fortsetzten.

Die Tätigkeit der Antisemiten im Reichs⸗ tage wollen wir in der nächsten Nr. einer kurzen Betrachtung unterziehen.

politische Rundschau. Gießen, den 19. März.

Musterpatrioten.

Vorige Woche kennzeichnete Bebel im Reichstage die Prozentpatrioten ganz richtig, indem er hinwies auf das Anerbieten Krupps an Napoleon III., diesemErbfeind, dessen Angriff auf Preußen wegen der Luxemburger Angelegenheit grade damals zu fürchten war, Kanonen liefern zu wollen. Der Brief, den Bebel im Auge hat, lautet in der Uebersetzung:

Sire! Ermutigt durch das Interesse, welches Eure erhabene Majestät für einen einfachen Industriellen und die glücklichen Er⸗ gebnisse seiner Bemühungen und seiner uner- hörten Opfer bewiesen haben, wage ich von Neuem, mich Allerhöchstderselben zu nahen, geruhen zu wollen, dem beifolgenden Atlas anzunehmen. Er enthält eine Sammlung von Zeichnungen verschiedener in meinen Werkstätten ausgeführten Gegenstände. Ich gebe mich der

offnung hin, daß besonders die vier letzten Seiten, welche die Gußstahlkanonen dar⸗ stellen, die ich für verschiedene hohe Regierungen Europas angefertigt habe, einen Augenblick die Aufmerksamkeit Eurer Majestät auf sich lenken dürften und meine Kühnheit entschuldigen werden. Mit dem tiefsten Respekt, mit der

größten Bewunderung bin ich Eurer Majestät untertänigster und ergebenster Diener.

Dieselben Kanonen, mittels welchen nur, nach der Behauptung des freisinnigen Volks⸗ parteilers Eickhoff, seiner Zeit der Sieg über Frankreich erfochten werden konnte, sind vorher dem Franzosenkalser durch Krupp und seinem Agenten Haas angeboten worden. Aber darum waren Krupp und alle seine Nachkommen doch Ehren männer und Patrioten, denen das Reich zu Dank verpflichtet ist, auch nach freistnnig⸗ volksparteilicher Auffassung!

Doch nicht nur Kanonen, auch Gewehre werden von den deutschen Prozentpatrioten Jedem geliefert, der sie kaufen und bezahlen will. Ueber die Waffenfabrik Mauser im württembergischen Schwarzwald wird soeben berichte: Im laufenden Jahre bringt die Fabrik zunächst noch eine Lieferung für die preußische Militärverwaltung zum Abschluß. Im Uebrigen ist den Betkteben des Unter⸗ nehmens durch die Bestellung der ottomanischen Regierung auf 200 000 Infanteriegewehr für die Jahre 1803/04 volle Beschäftigung gesichert.

Man sieht, auch der deutsche Gewehr⸗ patriotismus muß international sein, um den

Aktienbesitzern eine fette Rente zu garantieren. 5 Wettrüsten zur See.

Wie schwer von allen Völkern die geradezu tolle Vermehrung der Land und Wasserstreit⸗ kräfte empfunden wird, zeigt eine Aeußerung des englischen Finanzsekretärs der Marine, Forster, die dieser bei Begründung der Marine⸗ voranschläge im engl. Unterhause tat. Er er⸗ klärte dort am Montag, als Staatsbürger be⸗ dauere er, daß die große und bittere Rivalität unter den Nationen andauern solle, welche diese gewaltigen unproduktiven Ausgaben nötig mache. Die Admiralität sei nicht stolz auf die Höhe der Anschläge, die unter den bestehenden Verhältnissen notwendig seien. Nach dem Bauprogramm sollen drei neue Schlachtschiffe gebaut werden, die ähnlichen Schiffen fremder Marinen in jeder Beziehung überlegen seien. Jedes würde viel mäch⸗ tigere Geschütze als bisher erhalten. Und was wird die Folge sein? Die andern Nationen werden noch mehr und bessere Schiffe, noch wirksamere Geschütze sich anzuschaffen suchen, immer toller wird die Hetzjagd! Die Völker aber seufzen unter der Riesenlast; ste werden vom Militarismus und Marinismus bis auf den letzten Tropfen ausgesaugt.

Aus der Ferienkolonie.

Einer scheußlichen Soldatenmiß⸗ handlung machte sich der Wachtmeister Fuchs beim 1. Garde⸗Ulanen-Regiment in Potsdam schuldig. In der 5. Eskadron des Regiments diente im zweiten Jahre als Freiwilliger der Ulan Würzberg, der im vorigen Monat zu dienstlichen Rügen Veranlassung gegeben hatte. Der Wachtmeister Fuchs hat nun dem Manne gegenüberseine Dienstgewalt in unerhörter Weise gemißbraucht. Zwei Unteroffiziere mußten Würz⸗ berg halten und über einen Tisch legen, während ein Gefreiter mit einem Stock un barm⸗ herzig auf ihn einschlagen mußte. Würzberg wurde infolge dieser Mißhandlung krank und kam ins Lazarett, aus dem er am 16. Februar als geheilt entlassen wurde, aber noch als Revierkranker dienstfrei verblieb. Dem Ulan war infolge der Mißhandlungen das Soldatenleben völlig verleidet worden, er ent⸗ fernte sich heimlich aus der Kaserne und begab

ch in den Wald, wo er sich erhängte. Die

verrohten Stellvertreter Gottes wurden natür⸗ lich verhaftet. Was nützt aber nun ihre Be⸗ strafung? Das 9 ihrer Ouälerei ist dahin. Fast hat es den 0 als ob die Sitten im Heere immer mehr verwilderten, so viele Fälle von Ausschreitungeu wurden in der letzten Zeit mitgeteilt.

Söoldaten⸗Selbstmorde haben sich wieder zwei auf einmal in Hannover ereignet. Der Ulan Hinrich von der ersten Schwadron des Königs⸗Ulanen⸗Regiments erschoß sich mit setnem Karabiner, den er mit Wasser geladen hatte. Ferner beging der Füstlier Kühne von

der zweiten Kompagnie des Infanterie⸗Regi⸗