Ausgabe 
22.3.1903
 
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Gießen, den 22. März 1903.

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Bei mindestens

Volkswohlstand auf dem Papier.

ps. Das hessische Finanzministerium hat soeben eine Schrift über die Entwickelung der Einkommensteuer seit dem Jahre 1885 heraus⸗ Abaeseh, die allgemeine Beachtung verdient.

bgesehen von sonstigen interessanten Einzel⸗ e scheint die Schrift die Behauptungen erjenigen zu stützen, die fortgesetzt von einer Hebung des Volkswohlstandes reden. Doch bevor wir auf die Schrift selbst eingehen, zu⸗ nächst einige Vorbemerkungen: Die Steuerpflicht beginnt in Hessen bei einem jährlichen Ein⸗ kommen von 500 Mk. Alle Einkommen von 5002600 Mk. sind in der zweiten Abteilung steuerpflichtig, die in 10 verschiedene Klassen eingeteilt ist; alle Einkommen über 2600 Mk. sind in der ersten Abteilung steuerpflichtig, deren Klassenzahl eine unbeschränkte ist. Der Höchst⸗ besteuerte in Hessen, Freiherr v. Heyl in Worms, der ein Vermögen von 3031 Millionen und ein Einkommen von ca. 1750000 Mk. ver⸗ steuert, ist z. Z. in der 1728. Steuerklasse. Um je weitere 1000 Mk. avanciert er eine Klasse: 1729, 1730 usw.

Der Bearbeiter der oben erwähnten Statistik folgert aus den von ihm beigebrachten Ziffern vom allgemeinen volkswirtschaftlichen Stand⸗ punkte aus freudig zu begrüßenden Er⸗ scheinungen: einmal die starke Vermehrung der Anzahl der Steuerpflichtigen und dann fortwährendes Schieben von unten nach oben, sodann aber auch die Verschiebung in Bezug auf das Aufbringen der Einkommen⸗ steuer nach höheren Klassen im Allgemeinen und insbesondere nach der ersten Abteilung, also von den weniger leistungsfähigen nach den tragkräftigeren hin.

Deutlicher konnte sich ein Ministerialbeamter, der eigentlich nur Tatsachen anführen sollte, nicht ausdrücken, wenn er andeuten wollte: der Wohlstand nimmt zu und die Aermeren und weniger Bemittelten werden auf Kosten der Wohlhabenden entlastet.

Sehen wir uns die Ziffern an. Natürlich können wir nur einen dürftigen Auszug hier reproduzieren, nehmen doch in der Denkschrift die Ziffernkolonnen bis über zwei Meter breite Bogen ein! Also:

Steuerpflichtige Klasse: Einkommen: 1885: 1902:

ö 15 500 600 Mk. 58 577 48 298 2. 600 750 60 38 902 53 081

3. 750 900 15 26 426 51244

4. 900-1100 16407 38 401

5. 1100-1300 10542 24697

6. 1300-1500 6988 13 615

105 1500 1700 5 546 10281

8. 1700-2000 4850 8875

5 2000-2300 3780 6993

10 2300-2600 2663 6771

Ganz richtig hat der' Statistiker ausgerechnet,

daß 1885 nur 19,79% aller Einwohner steuer⸗ pflichtig waren, 1892 dagegen 25,46%. Kein

Zboeifel: der Wohlstand hat zugenommen; in 18 Jahren sind 5,67% mehr steuerpflichtig geworden! Und noch mehr: 1885 waren 92,280%

in der zweiten und 7,72% aller Pflichtigen in

der ersten Abteilung, 18 Jahre später aber war die zweite Abteilungzusammengeschmolzen auf lumpige 91,10 und die erste Abteilung

hatte sichausgewachsen auf 8,90%. Welch'! keiner eingeschätzt.

ein glänzender Beweis für das Wachstum des Wohlstandes: in fast zwei Jahrzehnten eine Differenz von 1,18]! Die Verelendungstheorie ist wieder einmal n den ad absurdum ge⸗ führt worden. Wenn der Wohlstand jeweils in 18 Jahren um 1,18ů% zunimmt, dann können sich im Jahre 2903 selbst unter dem kapitalistischen Regime vielleicht alle Menschen halbwegs sattessen.

Aber ganz abgesehen von den angegebenen Prozenten zeigt uns ja auch ein Blick auf die oben angegebenen Ziffern der Steuerpflichtigen von 1885 und 1902, daß in der Tat ein Auf⸗ stieg in höhere Lebenslagen ach nein! ein Aufstieg in höhere Steuerstufen nicht zu bestreiten ist. Es fällt uns nicht ein, etwa zu läugnen, daß für Tausende wirklich Lohn⸗ aufbesserungen während der letzten 20 Jahren eingetreten sind. Es wäre ja zum Verzweifeln, wenn die Jahrzehnte lange emsige Arbeit der Sozialdemokratie und der Gewerkschaften auf dem Lohngebiete ganz einflußlos gewesen sein sollte. Aber wir bestreiten ganz entschieden, daß die oben angeführten Vergleiche von 1885 und 1902 irgend etwas beweisen für eine Auf⸗ besserung der Lebenslage der großen Masse der Bevölkerung. Soweit wirklich Lohnaufbesse⸗ rungen eingetreten sind, hielten sie kaum Schritt mit der Steigung der Preise für Lebensmittel. Wir gehen aber noch einen Schritt weiter und behaupten, daß die Ziffern in jeder Hinsicht irreführend sind; wir stehen nicht an, zu be⸗ haupten, daß es auf Grund solcher Ziffern eine Kleinigkeit sein müßte, übers Jahr zu beweisen, daß der Wohlstand abermals be⸗ deutend zugenommen habe. Die Steuerbehörden brauchten nur die Anweisung zu erhalten, ein⸗ mal gründlich auf's Ganze zu gehen! Wie viele Hundert, wenn nicht Tausend, deren Ein⸗ kommen bisher um je 3 Mk. zu niedrig ein⸗ geschätzt worden ist, würden dann in höhere Steuerstufen avancieren!

Daß trotz alledem der Wohlstand zuge⸗ nommen hat, ist aber eine unerschütterliche Tatsache, nämlich der Wohlstand der Wohl⸗ haben den und Reichen. Dafür einige Ziffern, die uns Auskunft über die erste Ab⸗ teilung geben. Es hatten zu versteuern:

Personen Personen

6000- 10 000 Mk. 1385: 2220 1902: 3316 10000 20000 7 955 0 1913 20000 30000 5 190 7 393 530000 40 000 55 87 10 211 840 000 50000 15 30 65 105 50 000- 100 000 5 73 1 178 100 000- 200000 4 7 17 15 73 200 000- 300 000 75 4 7 11 300000 400 000 1 55 5 400 000 500 000 1 1 500000 1 Mill. 0. 6 1 Mill, und mehr 1 5 3

Hier ist klar und deutlich zu sehen, wie das Kapital heckt; wo Tauben sind, fliegen Tauben zu. Während die beigebrachten Ziffern über die zweite Abteilung gar nichts beweisen, weil die Einschätzungen der Pflichtigen in Bausch und Bogen durch die Steuerbehörden resp. Kommissionen erfolgen, beweisen die Ziffern der ersten Abteilung sehr viel, sie beruhen auf den Deklarationen der Pflichtigen und zu hoch hat sich gewiß an vergleiche, wie sich

die Einkommen in der ersten Abteilung ge⸗ steigert haben von 1885 bis 1902!

Das Finanzministerium liefert aber selbst einige Angaben, aus denen mit aller Klarheit zu ersehen ist, in welchen Kreisen der Wohl⸗ stand zunimmt. Es gehörten von allen Steuer⸗ pflichtigen an der 1. Abt. 1885: 7,72%; 2. Abt. 1885: 92,28%;

1902: 8,900 /,; 1902: 91,10%; 1885 betrug das gesamte Steueraufkommen Mk. 3920858, 1902 aber Mk. 8460 966. 1885 brachte von dem gesamten Steuerauf⸗ kommen die erste Abteilung 50,30 /, die zweite

Abteilung 49,70% auf. 1902 aber brachten

die 8,90% der Steuerpflichtigen(1. Abteilung) 63,80%, die 91,10%(2. Abteilung) der Steuer⸗ pflichttgen nur noch 36,2008! Die oberen Zehn⸗ tausend werden immer deutlicher erkennbar.

Erwähnt sei ausdrücklich, daß in der Zeit von 1885 bis 1902 eine sogenannte progresstve Einkommensteuer eingeführt worden ist, diese spielt aber bei der Verschiebung des Steuer⸗ aufkommensvon den weniger leistungsfähigen nach den tragfahigeren Klassen hin nicht die Rolle, die man ihr gern zuschreiben möchte, denn die Progression geht nicht einmal bei dem lederköniglichen Rieseneinkommen des Herrn v. Heyl bis zu 5%.

Immerhin: wir geben zu, daß man den Einwand erheben kann, unsere Beweisführung sei anfechtbar. Man kann sagen: ja worauf soll man sich denn stützen, wenn nicht auf der⸗ artige Angaben der Steuerbehörden? Bon! Stützen wir uns auf amtliche Ziffern. Aber wir setzen denjenigen, die aus den finanz⸗ ministeriellen Steuerstufennachweisen folgern, daß sich der Volkswohlstand gehoben habe, andere Ziffern amtlicher Herkunft ent⸗ gegen, die direkt das Gegenteil beweisen; Ziffern, die unsere Behauptung, daß es sich bet denSchiebungen von unten nach oben, so weit die zweite Abteilung in Betracht kommt, in der Hauptsache um schärferes Zugreifen der Steuerbehörden handelt, auf das Kräftigste unterstützen!

Fast zu gleicher Zeit mit der finanz ministe⸗ riellen Steuer⸗Denkschrift ist von der Großh. Zentralstelle für die Vandesstatistik im hessischen Staatsverlag ein statistisches Handbuch heraus⸗ gegeben worden, in dem wir ein sehr inter⸗ essantes Kapitel über die segensreiche Wirkung des hessischen Gerichts vollziehers entdeckt

haben. Hier die Quintessenz des Kapitels: Steuer⸗ Steuer⸗ Steuer⸗ Steuer⸗ pflichtige pflichtige pflichtige posten wurden erhielten wurden waren gemahnt: Pfand⸗ gepfändet: unein⸗ briefe: l bringlich: 1890/91 252342 140881 93 820 18 892 1891/92 251928 148 875 98650 19286 1892/93 258 384 158 434 102 991 20 766 1893/94 278 126 167441 105790 196386 1894/95 277845 171843 108 915 15504 1895/96 285 970 178039 112977 15986 1896/97 281731 173343 107504 15 950 1897/98 285 438 183432 115 645 18557 1898/99 294909 178 446 116 294 19656 1899/00 328 349 195125 138381 25313

Wie bescheiden nehmen sich die 1,18⸗ resp. 5, 67=prozentigenVolksaufstiege in den letzten 18 Jahren aus gegenüber den saftigen Prozenten, die uns der Gerichtsvollzieher über die Ver⸗

o Rabatt.

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