Mitteldeutsche Sonutags⸗Zeitung.
Sozialdemokratie lebe
hoch, hoch, hoch!“.
Sonst tönt der Ruf wo Freunde leben, Die sich dem Klassenkampf geweiht, wo die Idee vom Freiheitsstreben Den Menschen gold'ne Worte leiht!
Im großen Heere der Proleten, Die sich zum letzten Krieg ermannt, Zu brechen ihre Sklavenketten,
Ist er als Schlachtruf wohl bekannt.
Doch was uns bei dem heißen Ringen Nur möglich schien in weiter Ferne: Zu Bromberg ließ den Ruf erklingen Sin Füsilier in der Kaserne!—
Haum hörten nun die Vorgesetzten Von dieser umsturzschwang'ren Tat, Als sie sich fürchterlich entsetzten! Schon wackelte der ganze Staat!—
Der Frevel ward sogleich gerochen, Die Strafe folgte auf den Fuß; Für das was der Soldat verbrochen Er siebzehn Monat brummen muß! Was half's ihm, daß er angegeben Betrunkenheit als Grund allein: Denn wer die Sozi hoch läßt leben Der kann doch nicht besoffen sein!— W. 8
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„Die
Ein Narr des 19. Jahrhunderts. Von Heinrich Zschokke. 3(Fortsetzung)
Indem trat der Bote meines Schenkwirts vom Schlosse in den Kreis der Bäume. Der junge Mensch zog den kleinen Rundfilz ab und sagte:„Herr, es wünscht dich ein Fremder auf der Durchreise zu sprechen. Er sagt, er sei einer der ältesten und besten Freunde.“
Olivier sah auf und fragte:„Durchreise? ist er zu Fuß?“
„Nein, er kam mit der Post.“
„Wie heißt er? Woher ist er?“
„Das will er nicht sagen.“
„Er soll mich ruhig lassen. Ich will ihn nicht sehen!“ rief Olivier und machte dem Jüngling eine Bewegung mit der Hand, sich fortzubegeben.
„Aber du mußt mich doch sehen, Olivier!“ ri f ich und trat hervor und verneigte mich mit einer Entschuldigung gegen das Frauenzimmer. Er, ohne sich zu bewegen, ohne meinen Gruß zu erwidern, drehte verdießlich den Kopf nach mir, musterte mich eine Weile mit scharfem Blick, ward ernster, legte das Buch weg, trat näher gegen mich vor und sagte:„Mit wem habe ich zu sprechen?“
„Wie, Achilles kennt seinen Patroklus nicht mehr?“ entgegnete ich ihm.
„O Popoi!“ fuhr er hochbestürzt auf, indem er die Arme auseinander breitete.„Sei will⸗ kommen, mein edler Patroklus im französischen Frack und gepuderten Haar!“— Damit lag er an meiner Brust. Trotz seiner sarkastischen Anrede wurden er und ich bewegt und zu Tränen weich. In dieser Umarmung ver⸗ schwand ein Zwischenraum von zwanzig Jahren. Wir atmeten wieder wie an den Ufern der Leine, wie zu Bovenden, Nörten und auf den Schloßtrümmern von Gleichen.
Darauf führte er mich mit freudeleuchtenden Augen zu der reizenden jungen Mutter, die verschämt errötete, und sagte zu ihr:„Sieh, dies ist Norbert, du kennst ihn ja aus mancher meiner Erzählungen!“ und zu mir:„Das ist mein liebes Weib.“
Sle lächelte mich mit einem wahrhaften Engelslächeln unter ihren Locken an und sagte mit einer Miene und einer Stimme, in der noch unendlich mehr Güte lag als in ihrem Worte:„Edler Freund meines Oliviers, sei mir recht sehr willkommen. Ich habe lange
schon das Vergnügen deiner persönlichen Be⸗ kanntschaft gewünscht.“
Ich wollte etwas Verbindliches erwidern, aber ich gestehe, das überraschende, trauliche Du, welches mir Unbekannten, von so lieblichen Lippen und so unbefangen hingesprochen, ent⸗ gegenklang, stieß mich einen Augenblick lang aus aller Fassung.
„Meine Gnädige,“ stammelte ich endlich, „ich habe mit dem Umweg von mehr denn zwanzig Meilen das Glück nicht zu teuer erkauft, Sie und Ihren Herrn Gemahl, meinen ältesten Freund.. 8.
„Holla, Norbert!“ unterbrach mich Olivier lachend,„nur gleich beim Anfang ein vorläufiges Wort, eine Bitte: nenne meine Frau, wie du deinen Gott nennst, einfach„du“. Störe die schlichten Sitten von Flyeln nicht mit den Schnörkeln deutscher Zeremonien⸗ und Kompli⸗ mentenmeister; das gäbe unleidlichen Mißklang in unsern Ohren. Bilde dir jetzt ein, du seiest von Deutschland und Europa zweitausend Jahre oder zweitausend Meilen weit geschieden und lebest wieder in einer ganz natürlichen Welt,
etwa, wenn du willst, im Zeitalter des viel⸗
weisen Odysseus.“
„Also, Olivier,“ sagte ich,„und du begreifst es, mit einer so liebenswürdigen Frau du und du zu sein, läßt man sich nicht zweimal bitten — also, Frau Baronin, du...“
„Noch e nmal halt!“ rief Olivier laut lachend dazwischen.„Deine Baronin sieht zum Du wie dein französischer Frack und der rasierte Bart zum Patroklusnamen. Meine Bauern sind nicht mehr Leibeigene, sondern Freiherren; ich und meine Frau sind aber nicht mehr und nicht minder Barone, als es meine Bauern sind. Nenne meine Amalie, wie sie hier jeder nennt, Mutter— der edelste Name des Weibes— oder Frau.“
„Es scheint,“ versetzte ich,„ihr lieben Leute habt hier mitten im Königreiche eine neue Republik gegründet und allen Adel abgeschafft.“
„Richtig, allen, bis auf den Adel der Ge⸗ sinnungen!“ antwortete Olivier.„Und daraus siehst du, wir sind hier zu Lande noch unendlich aristokratischer als in eurem Deutschland. Denn bei euch dort trägt der Gemütsadel wahrhaftig wenig ein, und der Geburtsadel sinkt auch in den Kot, wohin er von Rechts wegen gehört.“
„Um Verzeihung, du bist etwas jakobinisch gelaunt!“ entgegnete ich.„Wer sagt dir, daß der Geburtsadel bei uns in der öffentlichen Meinung fällt?“
„O Popot!“ rief er,„muß ich denn dich noch belehren? Ich kannte vor Jahren noch einen armen, lumpigen Juden, den eure frommen Christen lieber ungeboren als geboren gesehen hätten. Ee schacherte sich aber so piel zusammen, daß er bald Briefe von der Post mit dem Prädikat Edelgeboren erhielt. Nach einigen Jahren war er ein reicher Mann; und die höflichen Deutschen begriffen sogleich, daß der Mann von äußerst guter Geburt sein müsse. Alles schrieb ihm von da an sogleich als einem Wohlgeborenen Herrn Bankier. Der Bankier half aber mit seinen Dukaten Finanzministern und völkerbeglückenden Kriegsministern aus der Geldklemme. Auf der Stelle ward der nützliche Millionär ein Hochwohlgeborener Herr Baron von und zu.— Diese Aufklärung der Deutschen, dieser Spott mit dem Adelwesen führt in wenigen Jahrhunderten weiter als du glaubst. Ich hoffe aber, ist der Geburtsadel bei euch null, wird der Gemütsadel sich wieder gültig machen.“
Die Baronin, um ihren Säugling in Ruhe zu bringen und mein Zimmer zu ordnen, verlteß uns mit den Kindern. Olivier führte mich durch seinen Garten, dessen Beete mit den schönsten Blumen zefüllt waren. Um einen Springbrunnen standen auf hohen Sockeln von schwarzem Gestein weiße marmorne Brustbilder mit goldenen Unterschriften. Ich las da: Sokrates, Cincinnatus, Kolumbus, Luther, Bartholomeo des las Casas, Rousseau, Franklin, Peter der Große.
„Ich sehe, du liebst noch gute Gesellschaft!“ sagte ich.„Kann man unter den Lebendigen Liebenswürdigere finden als dein niedliches Weib mit den beiden Amoretten und unter den
Toten Ehrwürdigere als diese da?“
„Hast du an meinem guten Geschmack ge⸗
zweifelt?“ antwortete Olivier. 5
„Das eben nicht; aber, Olivier, du ziehst dich doch, höre ich, von aller Welt zurück!“ versetzte ih.
„Eben weil ich nur gute Gesellschaft liebe, die nirgends weniger in Europa daheim ist als in der Gesellschaft von gutem Ton.“
„Doch wirst du zugeben, lieber Olivier, daß 8 Flyeln noch gute Gesellschaft mög⸗ ich sei.“
„Allerdings, Norbert, nur möchte ich keine Jahre und Geldsummen verschwenden, um sie zu suchen. Laß uns davon abbrechen. Ihr Europäer seid von der heiligen Einfalt der Natur, wie im Wichtigsten, so im Geringsten, so ungeheuer abgewichen, seit Jahrtausenden zu solchen verkünstelten Tieren veraltet, daß euch die Unnatur zur vollen Natur geworden ist und ihr einen schlichten Menschen gar nicht mehr versteht. Ihr seid Zerrbilder des menschlichen Geschlechts geworden, von außen und von innen, daß einem gesunden Wesen mitten unter euch grauen muß. Nein, du ehrlicher Norbert, brechen wir davon ab. Du würdest mich gar nicht verstehen, wenn ich redete. Ich schätze dich, ich liebe dich, ich bedaure dich.“
„Bedauern? Warum das?“
„Weil du unter Narren lebst und wider dein Wissen mit Narr sein mußt.“
Bei diesen Worten Oliviers merkte ich, daß er zu seiner fixen Idee überging. Es ward mir unheimlich bei ihm. Ich wollte ihn auf andere Gegenstände leiten, sah ängstlich umher und fing an, da mir eben sein Bart wieder auffiel, seinen Bart zu loben, und wie er ihm so wohl stehe.„Seit wann läßt du ihn wachsen?“ fragte ich.
„Seit ich zur Vernunft zurückkehrte und den Mut hatte, vernünftig zu sein.— Gefällt er
dir auch wirklich, Norbert? Warum trägst V
ihn nicht auch?“ Ich zuckte die Achseln und sagte:„Wenn's allgemeine Sitte wäre, ich trüge ihn mit Freuden.“ „Da haben wir's! Weil also die Narrheit Sitte ist, die Natur mit dem Barbiermesser
auch am Kinn des Mannes mit Stumpf und
Stiel auszurotten, hast du nicht eiumal den Mut, auch nur in dieser Kleinigkeit vernünftig zu sein. Diesen Schmuck des Mannes gab Mutter Natur so wenig vergebens als die Locken des Hauptes. Aber der Mensch in seinem Wahnsinn bildete sich ein, weiser als der Schöpfer zu sein, und schmierte Seife ums Kinn und glättete es mit dem Messer. Solauge die Nationen nicht ganz von der Natur abgefallen waren, behielten sie noch den Bart bei. Trotz⸗
dem, daß ihn noch Crristus und die Apostel
trugen, erklärte ihn erst Papst Gregor VII. in den Bann. Und doch behielten ihn die Geist⸗ lichen am längsten bei, wie heut' noch die Kapuziner. Aber als alte Gecken begannen, sich ihres grauen Haares zu schämen, fingen sie an, es am Kinn zu veitilgen und auf dem Kopf unter Perücken zu verstecken. Weil man sich gegenseitig in allem zu belügen gewohnt war, suchte man sich auch um das Alter zu belügen. Greise hüpften mit blonden Haupt⸗ haaren und glattem Kinn wie weibische Jüng⸗ linge, und das machte auch ihre Gemütsart weibischer. Und alle andern folgten, weil ste zur Wahrheit keinen Mut hatten. Stelle mir neben die Heldengestalt eines Achilles, Alexander oder Julius Cäsar einen unserer heutigen Ge⸗ neralfeldmarschall⸗Leutnants in ihrer geschmack⸗ losen Uniform, einen unserer Elegants mit dickem Halstuch und Zierbengel im Tanzmeister⸗ schritt neben einen Ankinous; dich, Herr Geheim⸗ rat von Norbert, neben einen Senator des alten Griechenlands oder Roms, muß man da nicht über unsere Karikaturen aus vollem Halse lachen?“
„Du hast recht, Olivier,“ sagte ich verlegen, „und wer wird leugnen, daß die altrömische oder griechische Tracht edler als die unsrige sei? Allein bei uns im Norden, wir Europäer, immer der festanschließenden Kleider gewohnt und bedürftig, würden uns bei dem malerischen Faltenwurf der etwas unbehaglich fühlen.“ 8
(Fortsetzung folgt.)
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Orientalen und Südländer N 1
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