Ausgabe 
22.2.1903
 
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Seite 4.

Mitteldentsche Sountags⸗Zeitung

Nr. 8.

Neuwahl des Vertrauensmannes. Hierzu berichtet Beckmann. Er erwähnt zunächst die im verflossenen halben Jahre stattgefundenen Landtagswahlen, bei denen wir in der Stadt Gießen ein zufriedenstellendes Resultat erz elten, während wir im Grünberger und im Schottener Kreise gar keine oder nur vereinzelte Wahl⸗ männer bekamen, infolgedessen wir zur Untätigkeit ver⸗ urteilt waren. Wenn das direkte Wahlrecht eingeführt wird, werden wir eher ein Wort mitreden können. Ferner wurden 10000 Landkalender und 6000 Berichte der Landtagsfraktion verbreitet. Bei der Flugblätterverbreitung sollten sich die Parteigenossen besser zur Verfügung stellen als es seither geschehen ist. Die Arbeit lastet fast immer allein auf einzelnen Ge⸗ nossen, die dann jeden Sonntag hinaus müssen, während die Arbeit du ch größere Beteiligung der Genossen auf dem Lande sehr viel erleichtert worden wäre und die Verbreitung viel schneller von statten gehe. Hieran schloß sich der Bericht des Kassierers. Er berichtet über eine Einnahme für das zweite Halbjahr 1902 von 449.81 Mk., eine Gesamtausgabe von 408 78 Mk. Es verbleibt also ein Bestand von 41.03 Mk. In der Unterstützungskasse wurden 189.20 Mk. vereinnahmt und für 2 Sterbefälle 40 Mk, verausgabt. Im Ganzen verfügt die Unterstützungekasse über einen Kassenbestand von 250 Mk, was angesichts dessen, daß sie erst Johre besteht, eine recht günstige Entwickelung darstellt. Die Richtigkeit der Abrechnung wird von den Revisoren bestätigt. Häuser⸗Steinberg erklärt, daß in Steinberg wohl eine Reihe von Genossen zur Verfügung ständen, die sich sehr gern an der Verbreitung beteiligten, aber sie hätten nicht gewußt, wann sie zur Stelle sein sollten. Genosse Orbig referierte hierauf überOrganisa⸗ tion und Agitation. Mit dem bisher in unserem Kreise Erreichten dürften wir keineswegs zufrieden sein. Wir sind ja wohl vorwärts gekommen, doch geht die Vorwärtsbewegung zu langsam. Die Agitation muß durchgreifender betrieben werden und dazu brauchen wir festgefügte Organisationen. Solche haben wir ja; aber die Arbeit innerhalb derselben läßt zu wünschen übrig.

wenig angenehmen, aber notwendigen und fruchtbringenden Kleinarbeit befassen. Damit würde mehr agitatorische Arbeit geleistet, als der beste Redner mit einer glänzenden Rede schaffen könne. Redner schlägt schließlich vor, daß die einzelnen Wahlvereine bestimmte Leute wählen sollen, denen die Verbreitung der Flugblätter für eine gewisse Zeitdauer übertragen werden solle. Es wird hierauf

liegenden Punkte zu behandeln. Häuser Steinberg beklagt, das unser Blatt nur einmal in der Woche er⸗ scheine. Das sei besonders bei der Wahlbewegung vom Uebel, aber auch sonst wolle eben der schon weiter vor⸗ geschrittene Arbeiter jeden Tag seine Zeitung lesen. Krumm spricht sich mit Entschiedenheit gegen eine Neugründung aus. Sei es uns jetzt gelungen, unser Blatt auf eigene Füße zu stellen, und könnten wir mit seiner Entwickelung ganz zufrieden sein, so könne dies alles durch zu gewagte Experimente in Frage gestellt werden. Mehrere weitere Redner, Diehl, Vetters, Fourier etc. sprechen sich für öfteres Erscheinen aus, Beckmann, Bock, Orbig dagegen. Man solle die Mittel für den Wahlkampf reservieren, nicht fürVersuche aufopfern, was man habe, solle man nicht preisgeben, bei den jetzigen Zuständen haben wir, wenn auch lang⸗ same, so doch ganz gute Fortschritte gemacht. In diesem Sinne sprechen sich noch Völpel und Dech aus.

Zu dem weiteren Gegenstand der Tagesordnung: Die Reichstagswahlen spricht Genosse Krumm. Er weist zunächst darauf hin, daß in diesem Kreise nur zwei gegnerische Kandidaten in Betracht kommen würden: die verbündeten Liberalen und die Antisemit n. Beide Parteien werden natürlich die größten Anstrengungen machen, das Mandat zu erobern und wir müßten daher tüchtig arbeiten. Besonders gelte es, die nötige Auf⸗ klärung über die Zollgesetzgebung auf dem Lande zu verbreiten. Redner geht ausführlich auf den Zolltarif ein, weist an vlelen Beispielen nach, daß der werktätigen Bevölkerung einschließlich der Kleinbauern ungeheuerer Scha sen zugefügt werde. Den Kleinen werde genommen, um es den Großen zu geben. Um dies dem Volke nicht merken zu lassen, sei man einer Erörterung aus dem Wege gegangen. Dazu drohen neue Militärlasten dem Volke; Erhöhung der Bier- und Tabaksteuer wird schon angekündigt. Weiter besprach Redner noch die Kolonialpolitik, Arbeiterschutzgesetze ꝛe. und forderte alle Genossen auf, im bevorstehenden Kampfe ihre Schuldig⸗ keit zu thun. Eine Debatte über dieses Referat wurde nicht gewünscht. Bezüglich der Maifeier schlug Beckmann vor, sich dem Beschlusse der Landeskonferenz anzuschließen und die Maidemonstrationen nur am 1. Mai zu begehen. Nach kurzer Debatte wird der vorgeschlagenen Resolution zugestimmt, ein Zusatz Vetters abgelehnt. Kurz nach der Reichstagswahl soll ein Kreisfest stattfinden. Mit 23 gegen 7 Stimmen wird beschlossen, dasselbe in Trohe abzuhalten. Darauf erfolgte Schluß der Konferenz.

Die einzelnen Genossen müssen sich mehr mit der zwar 1 0 bol nach erfolgter Prüfung spätestens 8 Tage vor

beschlossen, den PunktPresse zugleich mit dem vor⸗

Pon Nah und Lern.

Gießener Angelegenheiten.

Die Wahlen zum Gewerbegericht Gießen sind auf Samstag, den 14. Närz festgesetzt worden. Die Wahlen finden an diesem Tage von 12 Uhr mittags bis abends 8 Uhr im Stadtverordneten⸗Sitzungssaale statt. Es sind 24 Beisitzer zu wählen; je 12 Arbeitgeber und Arbeitnehmer. Wahlberechtigt sind die Arbeitgeber und Arbeiter, welche zur Zeit der Wahl das 25. Lebensjahr vollendet und im Gemeindebezirk der Stadt Gießen Wohnung oder Beschäftigung haben; Personen, welche zum Amte eines Schöffen unfähig sind, sind nicht wahlberechtigt.

Als Arbeiter gelten diejenigen Gesellen, Gehilfen, Fabrikarbeiter und Lehrlinge, auf welche der siebente Titel der Gewerbeordnung Anwendung findet, dess leichen Betriebsbeamte, Werkmeister und mit höheren technischen Leist⸗ ungen betraute Angestellte, deren Jahresarbeits⸗ verdienst an Lohn oder Gehalt zweitausend Mark nicht übersteigt. Hausgewer betreibende sind, sofern sie selbst mindestens 2 Arbeiter zu gewissen Zeiten des Jahres beschäftigen, als Arbeitgeber, anderufalls als Arbeiter wahl⸗ berechtigt.

Bekanntlich findet die Wahl nach den Grund⸗ sätzen der Verhältniswahl(Proportional⸗ wahl) statt. Es müssen demzufolge Wahl⸗ vorschlagslisten eingereicht werden. Jede der⸗ artige Vorschlagsliste muß von 20 Wahlberech⸗ tigten unterzeichnet sein, muß 12 Namen ent⸗ halten und bis spätestens Freitag den 27. Februar bei der Bürgermeisterei eingereicht sein. Die rechtzeitig eingereichten Vorschlagslisten werden

der Wahl in ortsüblicher Weise veröffentlicht. Diejenigen Gewerkschaften also, welche ihre Kandidaten bei dem Gewerkschaftskartell noch nicht angegeben haben, müssen das sofort nachholen, damit die Vorschlagsliste rechtzeitig eingereicht werden kann.

Recht dummes Zeug ließ sich der Gieß. Anz. über unsere am Sonntag statt⸗ gefundene Konferenz berichten. Darnach solle Krummbedauert haben,daß die soz. Partei nicht in der Lage sei, einen geeigneten Kandi⸗ daten aus Gießen für die Wahl aus dem Wahlkreise aufzustellen. Feruer hätte Krumm den Beschluß der Gießener Stadtverordneten⸗ Versammlung, die Erweiterung des Gewerbe⸗ Gerichts betreffend,verteidigt. Das ist ganz unrichtig. Diesen Beschluß hat Krumm nicht verteidigt, er fand ihn nur im Hinblick auf die allerdings sehr geringen Kostenbegreiflich. Cbensowenig hat Krumm gesagt, was ihm da wegen desgeeigneten Kandidaten in den Mund gelegt wird. Wir haben im Gegenteil in seiner Person einen sehr geeigneten Kandidaten.

Aufsichtsräte. Vorige Woche brachte die Frkftr. Ztg. folgende Notiz:Gegen den früheren Vorsitzenden der Fabrik feuerfester und säurefester Produkte A.⸗G. in Vallendar, Geh. Justizrat Dr. Reatz⸗Gießen und die anderen Aufsichtsratsmitglieder wird auf Antrag der Oberstaatsanwaltschaft in Frankfurt a. M. die gerichtliche Voruntersuchung eröffnet werden. Es wird ihnen zur Last gelegt, in der Haupt⸗ versammlung vom 2. August 1899 die Verhält⸗ nisse der Gesellschaft wissentlich unrichtig dar⸗ gestellt und außerdem dem Rägisterrichter zum Zweck der Eintragung der fünften und sechsten Million in das Handelsregister wissentlich falsche Angaben gemacht zu haben. So, so. Schon vor langer Zeit haben wir auf die merkwürdige Rolle hingewiesen, die der Herr Justizrat in dem Aufsichtsrat jener Ge⸗ sellschaft gespielt hat. Das Gießener Amtsblatt, das sichPrivatdepeschen schicken läßt, wenn irgendwo ein Sozialdemokrat einige Rosenkohl⸗ köpfchen abgerissen hat, brachte kein Wort von dieser Geschichte. Allerdings, der Herr Justiz⸗ rat ist kein Sozialdemokrat. Es lebe die Unparteilichkeit!

Wie Arbeiter behandelt werden.

W. Engelhard, Herrengarderobe-Geschäft in der Plockstraße, wurden in der letzten Verbands⸗ versammlung der Schneider lebhafte Klagen geführt. Während Herr Engelhard sich früher die größte Mühe gab, andern Arbeitgebern die besten Arbeiter wegzuholen, denen er alle mög⸗ lichen Versprechungen machte, scheint er es jetzt darauf abgesehen zu haben, allen ordentlichen Arbeitern das Arbeiten bei ihm zu verekeln. Beispielsweise war lange Zeit kein Ofen in der Werkstelle, so daß bei der Kälte sich die Schneider an den heißgemachten Bügeleisen die erstarrten Finger wärmen mußten. Endlich wurde ein Ofen beschafft, aber als Brennmaterial sollten Schlacken verwandt werden. Im Abort wurde aus Sparsamkeitsrucksichten das Wasser abge⸗ stellt, infolgedessen verstopfte sich der Kanal und ein fürchterlicher Gestauk verpestete das Haus. Noch nicht einmal für ordentliches Licht wird gesorgt. Infolgedessen verdienen die in Akkord arbeitenden Schneider wahre Jammerlöhne. Wer Abstellung der Mißstände verlangt, den steht Herr E. alsHetzer an, er drohte auch schon, zum Frühjahr dieBude zu räumen. Und dann giebt es noch Leute, die sich über dieUnzufriedenheit der Arbeiter wundern.

Ein humoristescher Abend findet Fastnachts Dienstag im Lokale Orbig statt. (Siehe Inserat.) a

Eingesandt.

Unter Bezugnahme auf den in voriger Nr. unseres Blattes enthaltenden Artikel:Schwindel⸗ krankenkassen geht uns folgendes Schreiben mit der Bitte um Aufnahme zu:Damit dieser Artikel kein Mißtrauen oder Beängstigung unter den Mitgliedern derAllgemeinen Kranken⸗ und Sterbekasse für Arbeiter aller Berufe E. H. Sitz Meißen hervorruft, sei folgendes bemerkt.:

Unsere genannte Kasse, hat keiner lei Aehn⸗ lichkeit, mit den in voriger Nummer genannten Schwindelkassen. Unsere gut organisierte Krankenkasse wurde im Jahre 1791 durch unseren jetzigen Reichstagsabgeordueten Georg Horn mit Hilfe der Arbeiter in Meißen gegründet. Seit dieser Zeit wird sie nur von Arkeitern geleitet und geführt, so wie die der Metall⸗ arbeiter, Tischler usw. Unsere Mitglieder werden nicht geprellt und haben auch das Recht in der Verwaltung mitzureden. Wer Verdacht gegen unsere Kasse hegt, dem raten wir, sich bei dem Stadtrat in Meißen über den Stand derselben zu erkundigen, wo ihm Auskunft erteilt wird. Unsere Kasse hat keine Agenten, Generalagenten ꝛc. sondern Selbst⸗ verwaltung durch die Mitglieder, sie ist eben⸗ falls gut fundiert, wie die beiden oben ge⸗ nannten Zentralkassen. Seit Juli v. Jahres wurden folgende Verwaltungsstellen in Hessen gegründet: Treis a. d. Lumda, Lollar, Daub⸗ ringen, Wieseck, Mainzlar. Wir hoffen noch in vielen Orten Verwaltungsstellen zu bekommen. Wir wollen die Genossen nicht auffordern zum Beitritt wie die feine Union, welche so viel Krankengeld auf ihren Plakaten stehen hatte, sondern raten einem jedem erst Erkundigungen einzuziehen. Auskunft erhält er, wie bemerkt, bei dem Stadtrat in Meißen, sowie bei dem Kassenführer Bruno Reinhold Meißen, Martinstr. Nr. 2. Im Auftrage sämtlicher Verwaltungsstellen in Hessen: Joh. Le mp, Vorsitzender Treis a. d. L.

aus dem Nreise Alsfesd-Cauterbach. r. Aus Alsfeld schreibt man uns: Die

lichen Umfang angenommen, es dürfte zum nächsten Quartalswechsel mancher Familie schwer werden, überhaupt eine Wohnung zu finden. Nicht wenig Familien hausen in ge⸗ radezu menschenunwürdigen Wohnungen, oft sind 45 Personen in einem Stübchen zusam⸗ mengepfercht. Von Seiten des Stadtrates ist keine Hülfe zu erwarten; als vor einiger Zeit mehrere Arbeiter in dieser Sache vorstellig wurden, erklärte ein weiser Stadtvater:Für diese Gesellschaft haben wir keinen Pfennig

Ueber die Arbeits⸗ und Lohnverhältnisse, sowie die Behandlung der Arbeiter bei der Firma

übrig! Vor zirka 3 Jahren erbaute eine Gesellschaft mehrere Arbeiterhäuser, man er⸗

Wohnungsnot hat hier einen ganz unheim⸗

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