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Mitteldeutsche' Sonntags⸗Zeitung.
Nr. 8.
Zu den Reichstagswahlen. I.
Unter dieser Ueberschrift gedenken wir in einer Reihe von Artikeln alles das zu besprechen, was für den sozialdemokratischen Wähler zu wissen notwendig ist. Dazu gehört natürlich in erster Linie, daß er die Grundsätze und Forderungen unserer Partei wenigstens in der Hauptsache kennt; es ist aber auch not⸗ wendig, daß er sich über die Bestrebungen der gegnerischen Parteien unterrichtet, denn nur dann wird er im Stande sein, sich ein klares politisches Urteil zu bilden und erkennen, daß die Verwirklichung der sozialdemokratischen Forderungen für die Wohlfahrt der menschlichen Gesellschaft eine Notwendigkeit ist. Was die Sozialdemokratie ist und was sie will, darüber schreibt unsere Presse fast tagtäglich. Unser Blatt brachte erst in der vorigen Nummer darüber einen sehr instruktiven Artikel.
Wir wollen deshalb die Programme der gegnerischen Parteien und ihre Entwickelung in kurzen Umrissen darzulegen versuchen. Hieran anschließend wollen wir die früheren Wahl⸗ ergebnisse in den einzelnen Wahlkreisen unseres Verbreitungsgebietes besprechen und die Stärke⸗ verhältnisse der einzelnen Parteien vorführen. Fangen wir also ganz„rechts“ an und gehen nach„links“ hinüber!
Die Konservativen.
Im deutschen Reichstage sind z wei konser⸗ vative Parteien. Die eine bezeichnet sich als „Deutsch⸗Konservativ“, die andere als„Frei⸗ konservativ“, letztere neunt sich auch„Deutsche Reichspartei“. Beide Parteien erhielten bet der 98er Wahl zusammen 1202 800 Stimmen, 374000 Stimmen weniger als 1893.
Konservativ heißt erhaltend. Die Kon⸗ servativen wollen das Bestehende mit all' den Vorrechten der besitzenden Klassen erhalten; sie stemmen sich gegen Neuerungen und Ver⸗ anderungen, die eine gerechte und bessere soziale Ordnung bezwecken. Vor allem fühlt sich die deutsch⸗konservative Partei als Vertreterin der ständischen Interessen, als die Partei der altadeligen erbgesessenen, strenggläubigen Guts⸗ besitzer, obgleich auch andere bürgerliche Elemente zu ihnen gehören. Sie wünschen die Wieder⸗ herstellung der alten Adelsvorrechte. Am lieb⸗ sten beruft sich der Konservatismus auf die „göttliche Weltordnung“, wo angeblich alle Verhältnisse dieser Welt nach den Willen Gottes geordnet seien, zu allererst das Recht der höheren„Stände“ und des Besitzes. Die Konservativen sigd Feinde des allgemeinen gleichen und direkten und geheimen Wahlrechts, sie sind weiter Feinde einer wirklichen Preß⸗, Vereins⸗, Versammlungs⸗ und Koalitions⸗ freiheit, Feinde der Freizügigkeit, Feinde einer wirksamen Arbeiterschutzgesetzgebung. Von Volks⸗ bildung uns Volksaufklärung wollen sie nichts wissen. Dagegen sind sie Freunde der Arbeiter⸗ knebelung und Unterdrückung; sie schwärmen für Ausnahmegesetze gegen die Sozial⸗ demokratie; für Verteuerung der Lebensmittel durch Zölle und indirekte Steuern, für Zünft⸗ lerei; bewill'gen alle Forderungen für Militär und Marine, wollen die Beamtenherrschaft auf— richten.— In den Kreisen Wetzlar und Marburg
erziellen sie bei den letzten Wahlen noch nennes⸗
werte Stimmenzahlen.
Politische Rundschau.
Gießen, den 20. Februar.
Christliche Gewerkschaften u. Zolltarif.
In der kürzlich stattgefundenen General— versammlung des christlichen Bergarbeiter-Ver⸗ bandes, die aus triftigen Gründen unter Aus⸗ schluß der Oeffentlichkeit stattfand, wurde von einem Delegierten unter lebhaftem Beifall be⸗ hauptet, der Verband habe Tausende von Mitgliedern verloren, weil das Vereins⸗ organ für den Zolltarif Propaganda machte. Diesen Angriff auf die christliche Ver⸗ bandsleitung hat die sonst so geschwätzige Zent⸗ rumspresse natürlich unterschlagen.— Uebrigens hat Brust, der Vorsitzende des christlichen Berg⸗
arbeiterverbandes, auf der Generalversammlung fich auch„voll und ganz“ mit der Breslauer Kaiserrede einverstanden erklärt. Die Berg⸗ arbeiter⸗Zeitung macht nun mit Recht darauf aufmerksam, daß diese Rede auch die Behaup⸗ tung von der gesicherten Arbeiter⸗Exi⸗ stenz enthält. Wenn sich Brust damit„voll und ganz“ einverstanden erklärt, so spricht er damit seinem Gewerkverein auch die Exlstenz⸗ berechtigung ab. Hoffentlich werden die christ⸗ licheu Arbeiter, wenigstens soweit sie denkfähig sind, daraus die nötigen Konsequenzen ziehen.
Ein „schlichter Mann aus der Werkstatt“.
Seitdem der Kaiser den Breslauer Arbeitern geraten hat, Leute aus der Werkstatt, die keine Sozialdemokraten sind, in den Reichstag zu schicken, preisen Gegner aller Schattirungen den„schlichten Mann aus der Werkstatt“ über⸗ all als Reichstagskandidaten an und besonders sind es die Stöckerschen, welche damit Gimpel zu fangen gedenken. Am Freitag hat nun zum ersten Male ein solcher„schlichte Mann“ in Span dau sich als Reichstagskandidat den Wählern vorgestellt, aber einen fürchterlichen Reinfall erlebt. In einer großen Versammlung, der mehr als 2000 Personen beiwohnten, wurde der Schlosser Albrecht als antisozialistischer Arbeiterkandidat aufgestellt. Er hielt eine Rede von einer Viertelstunde, in der er als sein Programm lediglich die Bekämpfung der Sozialdemokratie entwickelte und immer wieder beteuerte:„Wir Deutsche fürchten Gott, sonst niemand auf der Welt!“ In der Diskusston sprachen die Genossen Litfin und Dr. Liebknecht. Sie ernteten in der zu gat drei Fünfteln aus Arbeitern der Staatswerkstätten bestehenden Versammlung stürmischen Beifall— den Machern der Kandi⸗ datur Albrecht wird wohl deutlich zum Bewußtsein gekommen sein, daß der„einfache Mann aus der Werkstatt“ keine Chancen gegen den sozialistischen Rechtsanwalt Dr. Liebknecht hat, der im Kreise der Reichstagskandidat der Sozialdemokratie ist.
Ultramontaue Toleranz.
Zentrums⸗ und sonstige Muckerblätter schreien tagtäglich über die Unduldsamkeit, welche an⸗ geblich die Sozialdemokratie Andersdenkenden gegenüber zeige. Wie es aber mit der vielge⸗ rühmten klerikalen Toleranz aussieht, dafür liefert das Vorgehen der Pfaffen in der heiligen Stadt Trier ein neues Beispiel. Dort bestehen nämlich zwet höhere Töchterschulen, die eine ist „paritätisch“ d. h. es werden darin Kinder katho⸗ lischer und auch anderer Konfession zu gleichen Bedingungen aufgenommen, die andere dagegen steht unter geistlicher Leitung. Da in der paritätischen Schule erklärlicher Weise bedeutend besser gelehrt wird, so hat die Schule unter geistlicher Leitung keinen sonderlichen Zuspruch. Um diesem Schülermangel abzuhelfen und zu⸗ gleich der verhaßten paritätischen Schule eins auszuwischen, droht der Bischof Korum kraft seines Amtes allen Kindern, welche jene Schule besuchen, mit Verweigerung der Absolution, stellt ihnen also ewiges Schmoren im Fegefeuer in Aussicht.— Dlese Blüte klerikaler Toleranz haben die Nationalliberalen zum Gegenstande einer Interpellation im preußischen Landtage gemacht. Wird kaum etwas an der Sache ändern. Die Kirche verlangt bedingungs⸗ lose Unterwerfung von ihren Angehörigen.
Zur Sicherung des Wahlgeheimnisses
werden schon Vorkehrungen getroffen. Von der Regierung sind für die Reichstagswahlen 16 Millionen Couverts zur Ausschreibung gebracht worden. Die Wahlcouverts sollen aus festem, weißen Papier gefertigt werden und auf der Innenseite durch schwarzen Ueberdruck Ae und böllige Undurchsichtigkeit erhalten.
Krupp ⸗Prozeß in Italien.
Das sozialistische Blatt in Neapel, die Propaganda“, hatte vor einiger Zeit einen Artikel unter dem Titel:„Der Kaiser und
Krupp“ veröffentlicht. Wegen dieses Artikels
wurde am Dienstag der verantwortliche Re⸗
dakteur dieses Blattes zu 2 Monaten Gefängnis und 200 Lire Geldstrafe verurteilt. Die Ge⸗ richtsverhandlung fand unter Ausschluß der Oeffentlichleit statt. Offenbar ist der Redakteur nicht wegen der bekannten, auch im„Vorw.“ veröffentlichten Schilderungen über das Leben Krupps auf Capri verurteilt worden, wie es bürgerliche Blätter darstellen wollen, sondern wegen Aeußerungen, die gegen den deutschen Kalser gerichtet waren.
Der Venezuela⸗Rummel,
das neueste glorreiche Abenteuer der deutschen Weltpolitik, hat nun durch die Unterzeichnung der Friedensprotokolle seinen Abschluß Gele ne Gleichzeitig ist die Blockade gegen Venezuela aufgehoben worden. Venezuela hat sich verpflichtet, einige Abschlagszahlungen an die Mächte zu leisten, alle übrigen Forderungen sind dem Haager Schiedsgericht zur Prüfung
der Rechtstitel und zur Vereinbarung des Zah⸗
lungsmodus überwiesen worden. Die Bedin⸗ gungen, unter denen der Frieden abgeschlossen und die Blockade aufgehoben wurde, entsprechen nicht den Bedingungen, die von den Mächten, speziell von der am schneidigsten vorgehenden Exekutionsmacht, Deutschland, in dem am 8. Dezember überreichten Ultimatum gestellt worden waren. In diesem Ultimatum war die unverzügliche Zahlung der Ansprüche verlangt. eutschland im Besonderen hatte die sofortige Zahlung von 170000 Bolivares 1360000 Mark verlangt. Nun hat sich aller⸗ dings Venezuela durch das Protokoll verpflichtet, diese Summe zu zahlen, aber keineswegs sofort. Für unsere Patrioten-Presse liegt gar kein Grund zu Jubelartikeln vor. Deutschlands Forderungen allein belaufen sich auf zirka 10 Millionen Mark. Friedens⸗Vertrag nur 30 Prozent seiner Zoll⸗ einkünfte zweier Zollstellen verpfändet, ein Be⸗ trag von zirka 4,1 Millionen Mark, in den sich aber sämtliche beteiligten Mächte teilen müssen. Es wird also lange dauern, bis die Schuld bezahlt ist. Deutschland wird dauach in Jahren nicht einmal so viel an Schuldansprüchen ein⸗ treiben, als ihm sein Flotten⸗Kreuzzug gekostet hat! Und diese Exekutionskosten werden ihm überhaupt nicht rückvergütet werden, da es ja sogar die beschlagnahmten venezolanischen Schiffe zurückgeben muß! Für die Kosten des Bankier⸗ Kreuzzuges mußz der deutsche Steuerzahler auf kommen, in erster Linie also das werktätige Volk.
Soziales.
Von der„gesicherten Existenz“ der Arbeiter. ieser Tage erschten vor dem Schöffengericht in Magdeburg ein alter Mann, der wegen Bettelns bestrafte Arbeiter Friedrich Mangelsdorf. Mangelsdorf ist ein völlig verbrauchter Mann, schnee weiß, fast taub, und lahm. Bis zum vorigen Jahre hat er sich trotzdem mit Mühe durchs Leben geschlagen und ist nie mit dem Gesetz in Konflikt geraten. Dann aber brach er völlig zusammen; der Mann, der in den Feldzügen seinem Vaterland tapfer gedient hat und sich dabei auch seinen Rheumatismus geholt haben will, mußte betteln. Doch dauerte es nicht lange, so wurde er abgefaßt und zweimal bestraft. Der alte Mann jammerte auch jetzt, wo er desselben Vergehens angeklagt vor Gericht steht, nur darnach, man solle ihn in einem Kranken- oder Siechenhause unterbringen. Geradezu herz⸗ brechend klang es, als der alte Mann auf die Frage des Vorsitzenden, warum er denn nach seiner Haftentlassung im Januar wieder gebettelt habe, antwortete:„Ich weiß ja nicht, was ick machen soll, ich habe keine Heimat, kein Obdach, keinen Pfennig, und kein Stück Brod“. Der Vorsitzende sah das ein, er meinte, es müsse entweder durch den Gefängnißgeistlichen oder die Armenverwaltung etwas für Mangelsdorf geschehen, denn es sei schrecklich, daß ein Mann, der sich sein
Leben lang gut geführt, und dem Vaterland gedient habe, jetzt auf der Straße liege. Vor⸗ läufig wandert der Arme nochmals auf drei
Wochen ins Gefängnis.
Venezuela hat durch den.
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