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Nr. 8.
Gießen, den 22. Februar 1903.
10 Jahru.
Redaktion: Kirchenplatz 11. Schloßgasse.
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Diesen Sonntag, den 22. Februar, vollendet unser bewährter Genosse und Führer Au gust Bebel sein 63. Lebens⸗ jahr. Wenn wir aus diesem Anlasse dem hervorragenden Vorkämpfer der Arbeiterklasse herzlich Glück wünschen, ihm für das, was er für die Arbeiterschaft getan und gelitten hat, Dank und Aner⸗ kennung zollen, so wissen wir, daß wir die Gefühle aller unserer Leser, aller Parteigenossen zum Ausdruck bringen. Möge er uns noch recht lange erhalten bleiben! Es ist unmöglich, in kurzen Worten zu schildern, welchen bedeutenden Einfluß er auf die Entwickelung der deutschen Sozialdemokratie ausübte und welchen großen Anteil er an allen ihren Kämpfen genommen. Das soll auch nicht der Zweck unserer Zeilen sein— jeder Genosse weiß ja auch ohnedies, was uns unser Bebel ist!— wir wollen bei dieser Gelegenheit nur einiges aus seiner Jugendzeit, die er in unserer Nähe, in Wetzlar verlebte, anführen. Geboren ist Bebel in Köln, wo sein Vater Unter⸗ offizier und dann Aufseher in der Straf⸗ anstalt Brauweiler war. August war erst 5—6 Jahre alt, als der Vater starb und die Mutter, Tochter des Wetzlarer Bäcker⸗ meisters Simon, mit ihren zwei Jungen nach Wetzlar zurückkehrte. Bebel besuchte hier die Volksschule. Er war noch nicht
August Bebel.
aus der Schule, als auch die Mutter vom Tode ereilt wurde; für den Rest der Schulzeit fand er bei seinem Ver⸗ wandten Schlesinger in der Hospital⸗ mühle Aufnahme. In der Schule war Bebel einer der besten Schüler, er saß zuoberst in der Klasse. Ein Schutkamerad von ihm, den wir sprachen, erzählt, daß er mit Eifer alle Bücher durchstudierte, deren er habhaft werden konnte, sogar auf der Straße herumliegende Zeitungs⸗ blätter hob er vielfach auf und las sie durch. Nach Beendigung der Schulzeit trat er bei dem Drechslermeister Ellen⸗ berger in der Krämergasse in die Lehre. Meister Ellenberger starb, ehe Bebel noch seine Lehrzeit vollendet hatte. Weder ein Gehülfe noch sonst jemand war da, der sich um das Geschäftchen hätte kümmern können und so mußte es der Lehrling Bebel etwa ein halbes Jahr lang bis zu Ende seiner Lehrzeit führen. Danach begab er sich, etwas über 17 Jahre alt, auf die Wanderschaft, bereiste Süddeutsch⸗ land und Oesterreich, kam um 1860 zurück, um sich in Wetzlar zur Musterung zu stellen. Zu der Zeit arbeitete er einige Zeit in Butzbach. Von hier aus begab er sich 1860 wieder auf die Reise und kam nach Leipzig, wo er 1864 ein Drechslergeschäft errichtete, das er bis zu seiner auf Grund des Schandgesetzes 1881
erfolgten Ausweisung inne hatte. Hier in Leipzig beteiligte er sich lebhaft am öffentlichen und politischen Leben. Schon 1862 war er Vorsitzender
des Leipziger Arbeiter⸗Bildungsvereins. Etwas später kam Liebknecht nach Leipzig. Dieser machte Bebeln mit der sozialistischen Weltanschauung und den ökonomischen Lehren von Marx und Engels bekannt, für die er nunmehr mit Feuereifer eintrat. Wir können, wie gesagt, hier nicht näher auf seine umfassende Tätigkeit und den ununterbrochenen rastlosen Kampf für die Arbeitersache eingehen, nicht die zahllosen Verfolgungen schildern, die er für seine Ueberzeugung erlitt. Wenn aber von der Partei⸗Tätigkeit einzelner Personen die Rede ist, muß August Bebel in erster Linie genannt werden. Ihm danken wir es vornehmlich, wenn der Feind Schritt um Schritt zurückwich, wenn unsere Partei zu der heutigen Macht und dem Ansehen gelangte. Wir sind stolz auf unsern Genossen! Und es ist kein Personenkultus, wenn wir ihm zu Ehren an seinem
Geburtstage aus voller Brust rufen: Hoch Bebel!
Der Wahlkampf beginnt!
Parteigenossen allerorts! Nach den Mitteilungen, die in den letzten Tagen über den Wahltermin in die Oeffent⸗ lichkeit gelangt sind, kann man mit ziem⸗ licher Sicherheit annehmen, daß die Reichs⸗ tagswahl Mitte Juni— es wurde der 17. Juni genannt— stattfinden wird. Wird dieser Zeitpunkt innegehalten, dann bleiben uns nur noch reichlich 3 Monate zu unserer Vorbereitung; diese Zeit müssen unsere Parteigenossen mit aller Kraft aus⸗ nutzen. Es gilt die Organisationen zu stärken, die Agitation vorzubereiten und vor allem die sozialdemokratische Presse immer mehr zu verbreiten. Die Zeitung ist das beste Agitationsmittel, es kehrt immer von neuem beim Leser ein und kann ihn tiefer einweihen in die Ge— dankenwelt des Sozialismus als ein Redner, dem er bei einem Vortrage einmal folgt. Schärfer und gründlicher als anderswo möglich ist, werden in der Zeitung die
denn es bedeutet genau soniel als: Hoch die Sozialdemokratie!
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Lügen und Verleumdungen der Gegner aufgedeckt und widerlegt, die politischen Schleichwege hell erleuchtet. Wir wollen kein„Stimmvieh“ haben, sondern klar— denkende und klarsehende Anhänger, die auch genau wissen, warum sie den sozialdemokratischen Stimmzettel in die Wahlurne legen!
Wir werden einen harten Kampf durch⸗ zufechten haben. Unsere gesamte Gegner⸗ schaft, die Vertretung der besitzenden Klassen, wird im Wahlkampfe gegen die Sczial⸗ demokratie jedes Mittel, auch das schäbigste anwenden, nm sich ihre Herrschaft weiter zu sichern.„Nieder mit der Sozialdemo— kratie“ ist die gemeinsame Parole aller Rückwärtser, das zeigen schon die gegen— wärtigen Vorpostenplänkeleien im Reichstage. Diesem Ansturme gegenüber müssen wir gerüstet sein und am besten rüsten wir uns durch groͤßte Verbreitung unserer Partei— presse und durch Stärkung unserer Organi— sationen! Thue ein jeder in dieser Richtung seine Schuldigkeit, suche jeder seine Freunde,
Bekannten, Mitarbeiter als Abonnenten der Mitteldeutschen Sonntags-Zeitung zu gewinnen. Wirbt jeder unserer Genossen nur einen einzigen neuen Abonnenten, so verdoppelt sich die Zahl unserer Mit— kämpfer und unser Blatt kann nachdrück— licher für die Interessen der Minderbemit— telten und Besitzlosen eintreten.
Bei der bevorstehenden Wahl gilt es abzurechnen mit den Ausbeutern und Unter— drückern des Volkes! Vergelten wir ihnen den Lebensmittelwucher und die Vergewal— tigungen!— Die Aussichten unserer Partei sind ohne Zweifel günstig, trotzdem, ja desto mehr muß jeder Einzelne von uns arbeiten soviel in seinen Kräften steht, da— mit uns der Sieg zufällt!
Darum ans Werk, Genossen! An die Arbeit mit der Zuversicht und Entschlossen— heit, die unsere Streiter stets ausgezeichnet hat. Sorgt für Aufklärung, verbreitet die Presse und vergesset den Wahlfonds nicht!
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