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Mitteldeuische Sountags⸗Zeitung.
Nr. N 25.
Die Ergebnisse an den einzelnen Orten des Kreifes sind für uns fast durchweg günstiger als bei der letzten Wahl. Wir verweisen auf die Tabelle auf der 8. Seite. In Gießen beträgt unsere Zunahme ca. 300 Stimmen, die Liberalen gewannen dagegen 500. Eine große Anzahl Wähler sind nicht an die Urne gegangen, diese gehören zweifellos zum größten Teile der Arbeiterschaft an; es muß alles getan werden, um die Säumigen zur Wahl heran zu ziehen!— Aehnlich liegt es auch in Heuchelheim, wo wir fast keinen Stimmen⸗ gewinn zu verzeichnen haben. Lollar weist einen ganz leidlichen Fortschritt auf, doch sind hier sicher auch noch Reserven vorhanden. Wenig Gewinn oder gar keinen brachte uns ferner Grünberg, Lich, Ortenberg. Das ist sehr erklärlich, denn in diesen Orten ist das Beamten- und Philistertum vorherrschend. — Wieseck hielt sich recht gut, auch in Klein⸗ linden, Großenlinden, Leihgeistern und— in der antisemitischen Hochburg Lang⸗ göns haben wir erfreulichen Zuwachs. Den besten aber in Staufenberg, Reiskirchen, Rüddingshausen und einer Anzahl kleinerer Orte.— Nun Genossen, überall fleißig agitirt! Bei nachhaltiger Arbeit muß uns der Sieg zufallen!
Gießener Angelegenheiten.
— Die Nationalliberalen in frei⸗ sinniger Beleuchtung. Wie weit der heutige„Freisinn“ in Gießen heruntergekommen ist, indem er sich mit den nationalliberalen Reaktionären verbündete, zeigt am besten die Art, wie die Freisinnigen früher die national⸗ liberale Partei beurteilten. In einem im „Gieß. Anz.“ veröffentlichten Wahlaufrufe der
reisinnigen, vom 19. Februar 1890, heißt es wörtlich:
„Das Deutsche Reich und die Grundlagen des Staatswesens sind solange in Gefahr, solange die nationalliberale Partei im Parlament existiert! Die National⸗ liberalen haben gegen ihr feierliches Versprechen, an der Verfassung nicht zu rütteln, die Legislaturperiode von 3 auf 5 Jahre verlängert! Die national⸗ liberale Partei wird schon lange von al len Parteien als die Partei der„Grundsatz⸗ losigkeit und Gesinnungslosigkeit“ bezeichnet. Die nationalliberalen Parteiführer Gießens haben in dem heute zu Ende gehenden Wahlkampf durch Schimpfen, Lügen und Verleumdungen ihre Fahne so besudelt, daß di selbe nicht noch mehr beschmutzt werden kann!“
In diesen Sätzen liegt zugleich eine Ver⸗ urteilung des heutigen Freisinns, der mit unter der besudelten Fahne kämpft, wie sie schärfer nicht gedacht werden kann. Wer sich wirklich freiheitliche Grundsätze bewahrt hat, der stimmt nicht für den Drehscheibenmann, sondern für den Sozialdemokraten, der niemals ein Titelchen der Voksrechte und Volksfreiheiten preisgeben wird.
— Ueber die Kampfesweise der Sozialdemokraten heulmeierte jüngst der „Gieß. Anz.“, der dabei seinen Lesern vor⸗ schwindelte, daß unsere Genossen nur die geg⸗ nerischen Versammlungen zu stören beabsichtigten. Diesen törichten Verdächtigungen sei entgegen⸗ gestellt, wie der Bündler Dr. Hahn über die sozialdemokratischen Redner urteilt. Dieser antwortete kürzlich in Lehe auf eine Anfrage:
„Ich muß mit Vergnügen konstatieren, daß das Verhalten der Sozialdemokraten in meinen Versamm⸗ lungen ein geradezu musterhaftes war. Es steckt in diesen Leuten eine Disziplin, um die ich sie beneide. In meinen Anhängern steckt leider eine solche Disziplin noch lange nicht. Weiter muß ich konstatieren, daß die sozialdemokratischen Redner, die mir entgegengetreten sind, mit einer Ruhe, Sachlichkeit und Schlagfertigkeit diskutiert haben, die meine volle Bewunderung findet. Auch er⸗ kläre ich, daß die Ausführungen der sozialdemokratischen Redner auf einer ganz andern geistigen Höhe standen, als die Ausführungen liberaler Redner, die weiter nichts zu tun wissen, als sich in persönlichen Angriffen zu ergehen.“
Dr. Hahn ist doch gewiß kein Freund der Sozialdemokratie, das hat ihn aber nicht abge—
halten, uns Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Er unterscheidet sich dadurch sehr vorteilhaft von den Soldschreibern im Gießener Amts⸗ blatte, die neulich unsere Partei in so gemeiner Weise verdächtigten.
—„Arbeiter.“ Der Gießener„evan⸗ gelische Arbeiter⸗Verein“ fordert⸗ vor der Hauptwahl seine Mitglieder auf, für den Millionär Heyligenstädt, der als National⸗ liberaler natürlich für Knebelgesetze cegen die Arbeiter zu haben ist, zu stimmen. Die alte Geschichte von den Kälbern, die ihre Metzger selber wählen. Ob übrigens dem Vorstand des Vereins nur ein einziger Arbeiter angehört?
* Ueber die Lohnverhältnisse in dem Lollarer Buderus'schen Eisen⸗ werk sind uns in der letzten Zeit viele Klagen zugegangen. Vor Kurzem berichtete uns ein Arbeiter, daß er in acht Arbeitstagen den Riesenlohn von 14 Mark erzielt habe! Daß es da den Arbeitern schwer wird,„zufrieden“ zu sein, kann man sich denken. Da hatten es die Kommerzien⸗ und Gerichtsräte in den liberalen Versammlungeu allerdings nötig, Zu⸗ friedenheit als die größte Tugend für den Arbeiter natürlich— hinzustellen. Wer mit solchen Löhnen den Lebensunterhalt einer Familie bestreiten soll, muß von dieser Tugend schon eine gehörige Portion besitzen.
Aus dem Rreise Friedberg⸗Püdingen.
* Glänzender Erfolg der Sozialdemo⸗ kratie ist das Wahlergebnis im Friedberger Kreise. Unser Genosse Busold erhielt 6329 Stimmen und kommt mit den Grafen Oriola in Stichwahl.
Aus dem Rreise Alsfesd-Cauterbach.
Das Wahlresultat im Kreise Alsfeld⸗ Lauterbach ist Stichwahl zwischen dem bisherigen Abg. Bindewald(Antis.) und dem liberalen Kreisrat Wallau. Letzterer erhielt 5623, Bindewald 5 406, unser Genosse Michels 1132 und der Zentrumsmann 495 Stimmen. Unsere Stimmenzahl weist seit der letzten Wahl eine, trotz der geringen Agitation, die unsererseits entfaltet werden konnte, recht erfreuliche Steigerung auf. 1898 wurden nur 809 sozialdemokra⸗ tische Stimmen abgegeben.— Selbstverständlich wäre, wie gesagt, für uns ein noch bedeutend günstigeres Resultat zu erreichen gewesen, wenn eine systematische und nachhaltige Agitation hätte betrieben werden können. Leider fehlten uns die rednerischen Kräfte. Aber in iesem Kreise sind unsere Aussichten für die Zukunft gar nicht ungünstig; bei gründlicher Bearbeitung wird's uns möglich sein, die bürgerlichen Parteien aus dem Felde zu schlagen, wenn auch deren Stimmenzahl bei der diesmaligen Wahl einiges Wachstum aufweist. — Unsere Stellung für die Stichwahl ist gegeben, sie kann nicht anders sein als: Wahlenthaltung.
Aus dem Rreise Wetzlar.
h. Zur Flugblattverteilung im Gießener Kreise, wollen sich für nächsten Sonntag die Genossen unseres Kreises, soviel immer können, zur Verfügung stellen. Meldungen in der Wirtschaft Orbig am Sams⸗ tag Abend oder spätestens am Sonntag Morgen, dann aber recht frühzeitig.
s. Wahlbetrachtungen aus dem Wahlkreise Wetzlar⸗ Altenkirchen. Das Resultat steht fest, der Nationalliberale Krämer kommt mit dem Zentrumsmann Breidebach in die Stichwahl. Aller Vor⸗ aussicht nach wird auch Krämer gewählt. Die Stimmen für unseren alten Bebel sind um fast 25 Prozent, die der gesamten bürger⸗ lichen Parteien nur um knapp 10 Prozent gestiegen; ein Beweis dafür, daß der sozialistische Gedanke auch hier dauernd die Köpfe erfaßt, trotz aller Widerstände.— Noch niemals ist in einem Wahlkampf mit Saalabtreibungen, Verweigerung von Annoncen-Aufnahmen und Versammlungsanzeigen in den„unparteiischen“ Zeitungen, mit Lügen, infamen Verleumdungen und Fälschungen in Flugblättern und Ver⸗ sammlungen von Seiten der Gegner gegen die Sozialdemokratie so gearbeitet worden, als in diesem Wahlkampf. Jene Partei, die am meisten gelogen und verleumdet hat, die Kampfmittel schriftlich und mündlich gebrauchte, die jeder anständige Mensch verschmäht, die antisemitische nämlich, hat die richtige Antwort erhalten. Noch zwei Stunden vor Festsiellung
des Wahlresultats hat Thomas Reuther, der
berühmte Antisemiten⸗Agitator, jubelnd die Gewißheit ausgesprochen, daß„seine Partei in die Stichwahl kommt und— siegen wird!“ Und nun 2 Nach 2 jähriger Arbeit, die dem An tisemiten⸗Bund— oder einem anderen Bund? — ein Heidengeld gekostet und teutsche Mannes⸗ lungen verbraucht hat— ein Durchfall für Reuther und Giese zum ohnmächtig werden! Dahin, dahin!
Es erscheint als sicher, daß Krämer in der Stichwahl siegen wird. Nicht eine Stimme darf das Zentrum von unseren Ge⸗ nossen kriegen! Von allen Parteien unseres Wahlkreises ist keine so ge⸗ fährlichals das Kultur⸗und Arbeiter⸗ feindliche Zentrum! Sollten unsere Ge⸗ nossen sich überhaupt an der Stichwahl beteiligen, empfiehlt es sich leere Stimmzettel als Protest abzugeben.
Der Wahlausfall zeigt nur, daß der Gedanke des Sozialismus auch hier stetig zu wachsen beginnt,— aber das Resultat dieser Wahl mit einem Zuwachs von 25 Prozent zeigt uns, wieviel wir noch zu tun haben. Die nächsten 5 Jahre von heute an, müssen zum Ausbau einer Parte ⸗Organisation ausgenutzt werden, die bei der uächsten Wahl tadellos funktioniert.
h.„Versammlungsfreiheit“. Nicht genug, daß uns im Wetzlarer Kreise alle Ver⸗ sammlungslokale abgetrieben wurden, auch Versammlungen im Freien wurden uns un⸗ möglich gemacht. Auf Anmeldung einer Ver⸗ samulung im Freien in Burgsolms erhielt der Einberufer folgendes Schreiben:
Braunfels, den 12. Juni 1903. Die für Burgsolms auf den 14. ds.
Mts. angesetzte Volksversammlung, die unter
freiem Himmel stattfinden soll, darf nach§ 9
des Vereinsgesetzes ohne polizeiliche Geneh⸗
migung nicht abgehalten werden. Die Ge⸗ nehmigung wird versagt, weil aus der Ab⸗ haltung der Versammlung Gefahr für die öffentliche Sicherheit und Ordnung zu be⸗ fürchten ist. Der Dunsch'sche Garten, der als Versammlungsplatz angegeben ist, grenzt an die Ortsstraße, auf der sich, da der Platz beschränkt ist, die Menschen stauen, so daß der öffentliche Verkehr gehindert ist. Außer⸗ dem ist durch die vielen Wahlversammlungen, die in letzter Zeit in Burgsolms und Um⸗ gegend abgehalten worden sind, die Stim⸗ mung so erregt, daß Schlägereien zwischen den Anhängern der verschiedenen Parteien und Tumulte zu befürchten sind.
Der Bürgermeister: Weber.
Bei aller Fürsorglichkeit, die die Behörde für die Ruhe der Wähler an den Tag legt, muß die Arbeiterschaft das Verbot als eine Beeinträchtigung ihrer ohnehin kümmerlichen Rechte empfinden. Die Wahl hat aber gezeigt, daß solche Mittelchen den Fortschritt unserer Sache nicht aufhalten.
t. Aus dem Wahlkreise Dillenburg-Her⸗ born. Die Würfel sind vorläufig gefallen und wir können stolz auf das von uns erzielte Resultat sein, unser Kandidat August Bebel erhielt 1295 Stimmen gegen 841 im Jahr 1898. Der Apotheker Dr. Burk⸗ hardt kommt mit Amtsgerichtsrat Hoffmann(natl.) in Stichwahl. Die Nationalliberalen sind, wenn sie unterliegen, selbst schuld, sie waren zu wenig rührig, hatten auch in ihrem Agitator einen nicht glücklichen Griff getan, was sie ja auch in verschiedenen Versamm⸗ lungen, wo es„raus mit dem Schulmeister“ hien, hören mußten. Dagegen hatte der teure Gottesmann Burk⸗ hardt das ganze Heer der Mucker auf seiner Seite zu der Wühlarbeit und Verhetzung der Arbeiter. Es war keine christliche Kampfesweise, die der„christliche“ Kandidat beliebte und die Arbeiter des Dillkreises find zu bedauern, daß sie auf die Leimruten der Pharlsäer gekrochen sind.— Die sogenannten Gläubigen sind mit Blindheit geschlagen, sonst hätten sie den Wolf in Schafskleidern erkannt.— In den letzten Tagen war die Bewegung sehr lebendig. Mucker aus allen Kreisen durchstreiften die Ortschaften und fingen die armen Schäflein unter dem Deckmantel der Frömmigkeit für das neue christlich soziale Pabsttum ein, in dem Stöcker als Pabst tronen, herrschen und— schwören wird. Unser Genosse Trott⸗Haiger trat leider erst in den letzten Tagen den christlich⸗sozialen Bauernfängeru ent⸗ gegen. In Frohnhausen(Dill) lernte derselbe so recht die christlich⸗sozlale Kampfesweise kennen; Burkhardt fühlte sich dort so recht sicher, pöbelte alle Parteien und besonders unsere an und ließ alle gegnerischen Redner


