Ausgabe 
21.6.1903
 
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Seite 2.

Mtteldentsche Sonntags⸗Zeitung.

Nr. 25. 5

Derstaatserhaltende Liberalismus.

Kürzlich beleuchtete unser Hamburger Partei⸗ organ in einem längeren Artikel die klägliche Rolle, welche der Liberalismus und besonders die nationalliberale Partei in Deutschland spielt und führte dabei sehr richtig aus:

Alles, was an wahrhaft liberalen poli⸗ tischen Forderungen noch der Erfüllung harrt und das ist sehr viel hat die Sozial- demokratie in ihr Programm aufge⸗ nommen. Allgemeines gleiches und direktes Wahlrecht; Selbstbestimmung und Selbst⸗ verwaltung des Volkes; Wahl der Behörden durch bas Volk sowie Verant⸗ wortlichkeit und Haftbarkeit derselben; Ab⸗ schaffung der stehenden Heere; Freiheit der Meinungsäußerung und des Rechtes der Vereinigung und Versammlung; Trennung der Kirche vom Staat und der Schule von der Kirche; wahrhaft volks⸗ tümliche Reform der Rechtspflege usw. sind ursprünglich liberale Forderungen. Wer aber könnte sich noch darüber täuschen, daß der Liberalismus in all' seinen Schat⸗ tirungen weder die Fähigkeit noch den guten Willen mehr hat, für die Verwirk⸗ lichung dieser Forderungen einzutreten! erleben seit Jahren, daß Liberale im Bunde mit den Konservativen ganz offen die Ver⸗ nichtung des bestehenden Reichstags⸗ wahlrechtes anstreben. Selbst im gegenwärtigen Wahlkampfe haben national⸗ liberale Kandidaten sich unumwunden zu diesem Attentat auf eines der wichtigsten Volksrechte bekannt. Nicht eine einzige der liberalen Richtungen, auch nicht der Richter'scheFrei⸗ sinn, ist jemals ernstlich und ehrlich für die Ausdehnung des allgemeinen, gleichen und direkten Wahlrechtes auf alle Wahlen und Abstimmungen eingetreten. Wic die National⸗ liberalen gemeinsam mit den Konservativen den Wahlrechtsraub in Sachsen ver⸗ brochen, wie sie in Sachsen und Meiningen das Kommunalwahlrecht verschlechtert und im verflossenen Jahre im hessischen Landtag sich entschieden gegen das allgemeine, gleiche und direkte Wahlrecht für die Landtagswahlen aus⸗ gesprochen haben, so hat auch derFreisinn sich als Feind dieses Wahlrechtes erwiesen, und zwar entgegen der betr. Forderung in seinem Parteiprogramm. Es sei nur erinnert an den Wahlrechtsraub, den derFreisinn in schles⸗ wig⸗holsteinischen Städten dadurch begangen hat, daß er den Zensus für die Gemeindewahl erhöhte, umdie Arbeiter aus der Gemeinde⸗ vertretung fernzuhalten.

Der Liberalismus rühmt sich, den Arbeltern das Koalitionsrecht verschafft zu haben. Tatsache ist, daß er dieses Recht gewährte, als selbst die reaktionäre Staatsgewalt dasselbe nicht mehr verweigern konnte. Aber er ver⸗ zält sich zu diesem Rechte wie zu allen anderen Volksrechten und Volksfreiheiten; ste sollen ihm dienen zur Dekoration des sogenannten bürgerlichen Staates. Die Nationalliberalen haben sich man denke an die Zucht⸗ hausgesetz⸗Vorlage als fanatische Feinde dieses Rechtes ganz offen erwiesen, in welchem Maße, das haben wir ja gerade in Hamburg⸗Altona nun schon Jahre hindurch sattsam erfahren. Das nationalliberale Unternehmertum hat hier den unerhör⸗ testen Terrorismus geübt, um den Ar⸗ beitern den Gebrauch des Koalitionsrechtes un⸗ möglich zu machen. Und die Masse derFrei⸗ sinnigen nimmt denselben Standtpunkt ein; auch sie läßt das Koalitionsrecht nur gelten auf dem Papier.

Es ist weiter daran zu erinnern, daß schon öfter Nationalliberale ihre Bereitwilligkeit bekundet haben, mit den Konservativen und Ultramotanen gemeinsame 5 8 zu einer Be⸗ schränkung des Rechtes der Freizügigkeit zu machen.

Gewiß, der Liberalismus ist dem völligen moralischen und prinzipiellen Bankrott verfallen und die Reichstagswahlen haben ihm seinen nahen gänzlichen bevorstehenden Untergang,

Wir

der aber seibstverschuldet ist, deutlich vor Augen geführt.

Politische Rundschau.

Gießen, den 18. Juni.

Was ehrliche Gegner über die Sozialdemokratie sagen.

Den Sozialdemokraten verdanken wir es, daß wir noch ein kampffähiges Heer haben. Ohne die sozialdemokra⸗ tische Arbeiterbewegung hätten wir keine Arbeiterschutzgesetze und wären die Löhne überall unter das Existenz⸗ minimum gesunken. Hätten die Arbeiter ins⸗ gesammt den Landjunkern und Geistlichen ge⸗ Heiner gleich jenen gottesfürchtigen sächsischen

einewebern, die sich mit 400 Mk. Familien⸗ einkommen begnügen, dafür aber nicht mehr im Stande sind, den Pflug zu führen und die Muskel zu regieren, dann würde der Himmel einige Millionen Engel mehr haben, das Vater⸗ land aber zu Grunde gehen.

Das schrieben vor einiger Zeit die konser vativen Grenzboten. 1

Mag die gegenwärtige Wirtschafts⸗ ordnung den höchsten Anforderungen entsprechen, christlich ist sie nicht, sondern sehr unchrist⸗ lich, selbstsüchtig und grausam Aber daß die Wirtschaftsordnung, welche die Sozialdemokraten erstreben, jenen christlichen Grundsätzen der Gerechtigkeit und Brüder⸗ lichkeit viel mehr entspricht, als die gegenwärtige kapitalistische, das kann kein Unbefangener und Klarblickender in Abrede stellen. Die Kirche hat niemals vollen und ganzen Ernst gemacht mit dem offenen Bekennt⸗ nis zu den sozialen Forderungen Jesu und der Apostel.

Das stellte der Oberkonsistorialrat a. D. Frank in Danzig fest in einer Rede, gehalten am 6. September 1900.

Verdienst bei der Landwirtschaft.

So eine Landwirtschaft bringt viel Geld, wenn man's versteht, hieß es in einem kürzlich veröffentlichten Brief eines ostelbischen Großgrundbesitzers. Dieses Wort findet seine Bestätigung in Folgendem: Im Regierungsgebäude zu Hildesheim fand am, 10. d. M. die Neuverpachtung des im Kreise Goslar belegenen Domänenvorwerks Schladen statt. Das Vorwerk ist 493,8 Hektar groß,

der Grundsteuerertrag ist auf Mk. 18 518,25 worden war.

Kindes inne, daß in dieser Anstalt Dinge vor⸗

festgesetzt.

est Das bisherige Pachtgeld beträgt Mk. 31 708.

Der bisherige Mitpächter von

Kaufmann in Linden gab mit Mk. 48 600 das 8 5 bewahren wird, und viel schlimmere Dinge

höchste Gebot ab. Mithin übersteigt der neue Pachtzins den alten jährlich um Mk. 16 892, d. h. um rund 50 Prozent. Da der Pächter genau wußte, was aus dem Vorwerk heraus⸗ zu wirtschaften ist, liegt in dieser Steigerung, auch ein Beitrag zurNot der Landwirtschaft

Ein Aufruhr⸗Prozeß.

Eine Anklage wegen Aufruhrs ist gegen eine Anzahl Textilarbeiter in Kolmar im Elsaß erhoben worden. Anlaß dazu boten die Straßenvorgänge während des Streiks in der Weberei von Kiener. Bekanntlich ist damals die Polizei in sehr rigoroser Weise gegen die Streikenden vorgegangen. Bei der gerichtlichen Verhandlung, die am 11. d. M. stattfand, konnte jedoch keinem der Angeklagten die Beteiligung an einer Zusammenrottung nachgewlesen werden. Sie wurden sämtlich freigesprochen.

Ueber die Dreyfus Affaire

hielt Jaures am Samstag Abend eine große Rede in dem Trianon⸗Theater in Paris. Er hält es für sicher, daß in eine Revision des Prozesses von Rennes eingetreten werden müsse. Die Enthüllungen über den Demissionsbrief des Generals Pellieux, welche Jaurés' letzter Kammerrede folgten, insb sondere die Fest⸗ stellungen Brissons hätten bewiesen, daß das

Kriegsministerium 1898 diesen Brief absichtlich

verheimlichte, um die Wahrheit nicht aufkom men zu lassen. Die Zeugenaussage Merciers in Rennes sei hinreichend verdächtig und die Rebision juristisch begründet. Jaures hat Vertrauen in die Loyalität des Generals André und der ganzen Regierung, daß sie den Mut besitzen die Affäre zu beenden durch Enthüllung des ganzen Verbrechens.

Zweijährige Militärdienstzeit in Frankreich.

Der französische Senat nahm am Freitag in zweiter Lesung mit 220 gegen 45 Stimmen den Gesetzentwurf an, durch den die Milttär⸗ dienstzeit auf zwei Jahre festgesetzt wird. Im Verlauf der Debatte erklärten mehrere Generäle, daß sie gegen den Entwurf stimmen würden, während Freyeinet für den Entwurf eintrat, der die Gleichheit des Dienstes für Alle aufstelle.

Wahlen in Dänemark.

Am gleichen Tage wie in Deutschland fanden auch in Dänemark die Wahlen zum Parlament (Folkething⸗ Abgeordnetenhaus) statt und auch da erzielte die Sozialdemokratie gute Erfolg. Gewählt wurden 74 von der linken Reform⸗ partei, 16 Sozialdemokraten, 12 Rechte und Freikonservasive, 11 gemäßigte Linke. Die Sozialdemokraten gewannen 6 Sitze.

Dle Sozialdemokratie in Spanien.

Bei den letzten Wahlen zu den Kortes hat die fozialdemokratische Partei zwar keinen Sitz errungen, aber sie drachte es auf 29 000 Stimmen. Im Jahre 1891 fielen erst 5000 Stimmen auf die sozialistischen Kandidaten, 1896 stieg die Zahl auf 14000, 1901 betrug sie 25 000, so daß bei der diesjährigen Wahl wieder ein erfreulicher Fortschritt zu verzeichnen war. Besonzders hervorzuheben ist der starke Zuwachs i den rein ländlichen Bezirken. Es geht überall vorwärts, wenn auch langsam!

Wieder ein Kloster⸗Skandal.

Ueber haarsträubende Greuel, die im Wiener Kloster der Schwesternvom guten Hirten von den Nonnen verübt wurden, berichtet die Wiener Arbeiter⸗Zeltung. Dieses Kloster ist nämlich eine sogenannteErziehungs⸗ anstalt für sittlich verwahrloste zunge Mädchen. Seit siebzehn Monaten ist in diesem Kloster ein jetzt noch nicht sechzehnjähriges Mädchen, H. P., festgehalten, das auf Wunsch ihrer Eltern dem Klosterzur Erziehung übergeben Zu spät wurden die Eltern des

gehen, von denen jede gute Mutter ihr Kind

verübt wurden, als die H. P., die wegen eines Jugendstreiches der Anstalt übergeben worden war, jemals angestellt hat. In dem Moment aber, da diese Erkenntnis den Eltern wurde, machten sie, und namentlich die Mutter, alle möglichen Bewühungen, um das Kind zu be⸗ freien. Da alle ihre Versuche scheiterten, wendete sie sich schließlich an die Arbeiter⸗Zeitung un Hilfe. Einer der Mitarbeiter des Blatt 8 begab sich nun Donnerstag mit der Mutter in das Klosterzum guten Hirten, um als Vertreter der Familie die Herausgabe des Kindes zu begehren. Ste wurde ihm verweigert, und zwar mit der Begründung, daß, darüber nur die Hauskommission zu entscheiden habe. Das zweite Begehren, das angehaltene Kind der Mutter vorzuführen, wurde nicht abgewiesen. Das Kind erschien und wurde nun von dem Mitarbeiter in Gegenwart der Schwester Evangelist und der Mutter bei dem Sprech⸗ gitter vernommen.

Das Mädchen war im Alter von vierzehn Jahren auf schlechte Wege geraten, weshalb es die Mutter zur Erziehung auf drei Jahre in das Kloster brachte.

Bei seiner Vernehmung vor dem Sprechgitter erzählte das Mädchen über in dieserfrommen Anstalt vorgekommmenen Greuel Folgendes:

1. daß im Klosterzum guten Hirten eine Art Zwangsjacke, dieSpanische, angewendet