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Nr. 51.
Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung.
stand wird sein:„Die Stellung der Kranu⸗ kenkassen zu den Forderungen der deutschen Aerzte.“ Als Ort der Tagung ist eine noch zu bestimmende Stadt Mittel⸗ deutschlands in Aussicht genommen. Alle Orts⸗, Betriebs⸗, Innungs⸗ und freien Hilfskassen werden um Beschickung ersucht.
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Aus dem hessischen Landtage.
Von wichtigeren Gegenständen, welche in den letzten Tagen in der Zweiten Kammer ur Beratung standen, ist eine Anfrage des bg. Molthan(Ztr.) bezüglich Her Waren⸗ häuser bemerkenswert, die am Freitag zur Verhandlung kam. Der Antragsteller will Maßregeln zur Erhöhung der Feuerstcherheit ergriffen wissen, er begründet aber seine An⸗ frage damit, daß er von„verderblichen Auswüchsen im Wirtschaftsleben“ spricht, welche die Warenhäuser herbeiführen und auf einen Ruin des Mittelstandes hinsteuern.— Die Regierung erklärt, daß eine Kommission mit Untersuchung der Sache betraut sei.
Abg. Ulrich ist mit den Vorschlägen, so⸗ weit sie die Feuersicherheit betreffen, einver⸗ standen, wünscht aber, die übrigen Wünsche genau zu prüfen. Die jetzigen Verhältnisse in Bezug auf die Feuersicherheit bedürften aller⸗ dings gründlicher Abstellung. Ihm scheine, die übrigen Vorschläge liefen mehr auf eine Besteuerung der Warenhäuser hinaus. Der Erfolg sei aber fraglich, solange das Groß⸗ kapital die Macht in Händen habe. Die Meinung, daß man den Mittelstand durch solche Vorschriften vor dem Untergang bewahren könne, sei total falsch.—
Am Montag kam die Anfrage Davids wegen der polizeilichen Maßnahmen gegen die ausgesperrten Maurer in Mainz zur Verhandlung. Die Regierung antwortet, daß weder das Kreisamt, noch die unteren Polizeiorgane ein Vorwurf treffe. Natürlich! Die Polizei erlaubt sich nie Ueber⸗ griffe!!— Demgegenüber erklärt Abg. Ade⸗ lung⸗Mainz als Augenzeuge der Vorgänge, daß das riesige Polizeiaufgebot zum Schutze der Arbeitswilligen nicht nötig war, bloß Auf⸗ regung verursacht und man sich nur der Sache der Unternehmer damit angenommen habe. An den Exzessen im August hätten sich organisterte Maurer nicht beteiligt. Ministerialrat Braun sucht das Verhalten der Behörden zu recht⸗ fertigen.
Abg. Ulrich bemerkt, daß, wie selbst gegnerische Blätter behaupten, nur durch den Uebereifer der Polizei die Exzesse her⸗ vorgerufen wurden, daß die Leute darüber empört waren, daß mit zweierlei Maß gemessen werde. Das bei den Genossen vor⸗ handene Rechtsgefühl helfe über manches hin⸗ aus, auch wir waren erregt, wollen jedoch ab⸗ warten, bis in den Verhandlungen die Schul⸗ digen festgestellt sind. Wenn man nun sage, derartige Vorfälle waren noch nicht da, so müsse Redner konstatieren, daß auch der Fall noch nicht da war, wo die Regierung duldete, daß den Arbeiterfamilien durch diese Lohn⸗ drücker das Brot weggenommen wurde. Die Poltzei hätte einfach abwarten sollen, bis Ver⸗ stöße vorkommen. Bei solchen Verhältnissen hätte sich jeder andere auch gewehrt, es war ein Existenzktampf um das tägliche Brot, in dem man gemeinsam focht in der klaren Vor⸗ aussetzung, daß man einzeln nichts ausrichten werde. Es sei bedauerlich, daß mit der Staats⸗ gewalt zu Gunsten der Kapitalisten ein solcher Mipbrauch vorgekommen sei. Ministerialrat Braun nimmt nochmals den Mainzer Ober⸗ bürgermeister in Schutz und sucht am Schluß mit ein paar Witzen die Lacher auf seine Seite zu bringen, welchen Versuch Ulrich ener⸗ gisch zurückweist, hier handele es sich nur um sehr ernste Dinge.— Die Debatte über diese e een geht noch weiter. Sie zeigt in ihrem Verlaufe, daß auch in Hessen die Be⸗ hörden stets gegen die Arbeiter und für die Unternehmer Stellung nehmen.
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Pon Nah und Fern.
Gießener Angelegenheiten.
— Eine unschöne Bettelei haben eine Anzahl hessische Staatsstützen ins Werk gesetzt. Sie veröffentlichen einen Aufruf, in⸗ dem„alle Hessen“ zur Sammlung eines Fonds aufgefordert werden, welcher dem Großherzog zur Förderung der Künste am 1. Januar überreicht werden soll, als Trost für den Tod seines Kindes. Als ob ein Vater durch Ueber⸗ reichung einer Geldsumme über den Tod seines Kindes zu trösten wäre! Die ganze Mache ist an sich schon anstößig und widerlich. Dazu kommt noch, daß von„Freiwilligkeit“ keine Rede sein kann, wenn der Bürgermeister und sonstige Amtspersonen mit den Sammel⸗ listen kommen. Aus verschiedenen Orten wird
berichtet, daß man in den Schulen den Bettel⸗
sack schwingt und die Kinder schnorren schickt. Dagegen muß mit aller Entschiedenheit pro⸗ testiert werden. Der Rummel geht wie es scheint, von Worms von dem 30fachen Millio⸗ när Heyl aus. Mögen doch die Herren in thre Tasche greifen!
— Für die Crimmitschauer Weber haben die Arbeiter von Gießen und Umgebung ebenfalls ganz leibliche Beiträge aufgebracht. Alle Gewerkschaften leisteten was sie konnten, besonders die Buchdrucker griffen tief in die Tasche. Diese schöne Betätigung der Solidarität verdient alle Anerkennung. Auch sonst im Reiche werden von den Arbeitern namhafte Summen aufgebracht, jeder empfindet, daß sich in Crimmitschau ein Klassenkampf zwischen Kapital und Arbeit abspielt. Ueber 100 000 Mk. steuerten bereits die Arbeiter eipzigs, die Berliner ebensoviel. Aber es werden auch jede Woche weit über 100000 Mk. gebraucht! Sorgen wir alle dafür, daß die tapferen Kämpfer mit ihren Kindern zum Weihnachtsfeste nicht hungern müssen. Ihre Dürftigkeit und Anspruchlosigkeit ist ohnehin sprichwörtlich!— Wie sie zu kämpfen haben, darüber können unsere Leser aus der Rede Bebels im Leitartikel näheres erfahren. Hinzuzufügen ist noch, daß der sächsische Land⸗ tag, die klassische Vertretung des Geldsacks 10000 Mark bewilligt hat für— Vermehrung der Gendarmen in Crimmitschau! Das ist das„Wohlwollen“ und die„Fürsorge“ der sächsischen Regierung für die Arbeiter!— „Wohlwollen“ zeigten auch die Fabrikanten, die am Dienstag in Cottbus zusammen waren; sie erklärten nach der Frkftr. Ztg. daß es sich nicht um den Zehnstundentag handele, sondern„daß der Streik frivol unter diesem Vorwand vom Zaune gebrochen ist, um den Klassenkampf zu entfachen und unter Verhinde⸗ rung jeder friedlichen Verständigung mit den Arbeitern die Macht der Sozialdemokratie zu stärken“.— Frecher ist wohl noch nie gelogen worden.
— Der kriegervereinliche Wahlkrawall von Burggräfenrode. Ueber die Schlacht, welche die Kriegervereins⸗Patrioten von Burggräfenrode in der Wetterau am Abend der Reichstagswahl— 16. Juni — lieferten, haben wir schon kürzlich berichtet, als in Friedberg verhandelt wurde. Merkwürdigerweise war gegen diepatriotischen Knüppelhelden eine Anklage wegen Landfriedensbruch nicht erhoben worden, was sicher ge⸗ schehen wäre, wenn das, was sich in Burggräfenrode abgespielt hat, irgendwo in Preußen passiert wäre und wenn etwa Sozialdemokraten oder Polen in nur annähernd der⸗ selben Weise ihren Gefühlen Luft gemacht hätten, wie hier die Kriegervereinler. Es kann nicht behauptet werden, daß Staatsanwaltschaft und Gerichte etwa ein Auge zugedrückt hätten, soweit wir sehen können, haben diese Objektivität beobachtet; aber über den Tatbestand haben die zu den„besseren Kreisen“ jenes Ortes gehörigen Täter alles getan um den Sachverhalt zu verdunkeln, — Vom Schöffengericht in Friedberg wurden am 22. September der Landwirt Ko st wegen Sachbeschädigung und Körperverletzung zu 250 Mk., der Landwirt Rich. Moscherosch 150 Mk., der Landwirt Richard Volz 150 Jk., der Schweizer Bender 100 Uk., der Dienst⸗ knecht Konrad Meinhard 50 Mk., der Landwirt Friedrich Dörr 100 Mk., der Bahnarbeiter Trab and 100 Mk. und der Knecht Konrad Blum 30 Mk. Geld⸗ strafe verurteilt. Nur der letztere zählt sich zu den Wählern unseres Genossen Busold, alle übrigen gehören zu den Anhängern des nationalliberalen Grafen Oriola. Gegen das Schöffeugerichtsurteil verfolgten die Angeklagten Kost und Moscherosch Berufung, ebenso der geschädigte
Wirt Kohl als Nebenkläger gegen die ersten beiden und die Staatsanwaltschaft legt Berufung ein gegen das Friedberger Urteil im vollen Umfange. Außerdem er⸗ heben Kost und Moscherosch Nebenklage gegen Stiller und Damm wegen Körperverletzung. Vor der Straf⸗ kammer in Gießen wurde nun die Sache am Dienstag zum zweiten Male verhandelt. Wir wiederholen kurz den Tatbestand.
Schon am Sonntag, den 14. Juni, als Abends eine sozialdemokratische Wählerversammlung bei dem Wirt Kohl in Burggräfenrode stattfand, kam der Krieger⸗ verein geschlossen dorthin gezogen und einzelne seiner Mitglieder, besonders der Vorsitzende Moscherosch, der⸗ selbe, welcher bei dem Tumult die Hauptrolle spielte, störten fortgesetzt die Versammlung, so daß der Redner seinen Vortrag nicht zu Ende führen konnte. Am Abend des Wahltages waren die Nationalliberalen in der Wirtschaft Dörr, die Sozialdemokraten in der Wirtschaft Kohl versammelt. Gegen 11 Uhr, als sich die älteren Gäste bei Kohl zum größten Teil bereits nach Hause begeben hatten, kamen die Nationalliberalen und Kriegervereinler aus der Dörr'schen Wirtschaft gegen die Kohl'sche mit Knüppeln bewaffnet angerückt, demo⸗ lierten dieselbe, verletzten auch die Wirtsleute. Dann zogen sie vor das Haus des Arbeiters Stiller, lärmten, schlugen die bejahrte Frau Stiller und verletzten den jungen Stiller erheblich. 2
Bei der Beweisaufnahme vor der Strafkammer suchen die Angeklagten und ihre als Zeugen vernommene Fre unde ihr Vorgehen iu günstigerem Lichte erscheinen zu lassen. Sie behaupten, den Zug nach der Kohl'schen Wir tschaft deshalb unternommen zu haben, weil vorher an die Läden der Dörr'schen Wirtschaft geklopft, mit Steinen geworfen und Kost, als er ausgetreten, geschlagen worden sei. Wer dies aber getan haben soll, können sie nicht angeben. Dagegen wird von den Zeugen, die in der Kohl'schen Wirtschaft waren, bekundet, daß sich von dort niemand entfernte und kein Mensch an einen Angriff auf die Dörr'sche Wirtschaft dachte. Rep p⸗ Friedberg erklärt, daß er am 17. Juni von einem Parteifreund nach Burggräfenrode gerufen warden sei. Nach Allem, was er dort gehört und gesehen, habe er den Eindruck gehabt, daß hier ein geplanter und organi⸗ sierter Ueberfall vorliege.
Der Ober⸗Staatsanwalt sagt in seinem Plaidoyer, es sei nichts Neues herausgekommen; daß erste Urteil sei richtig. Allerdings grenze die Tat der Angeklagten Kost und Moscherosch hart an Landfriedensbruch. Das Vorgehen gegen di Stillers war ein höchst roher Akt; hier sei Freiheits⸗ strafe am Platze. Rechtsanwalt Sinzheimer⸗Frank⸗ furt als Vertreter der Nebenkläger Kohl und Stiller sen. und Verteidiger der Angeklagten Damm und Still er jnn. tritt für Freisprechung seiner Klienten ein und verlangt für Kost und Moscherosch eine Freiheitsstrafe. Es sei nicht der Schatten eines Beweises für den an⸗ geblichen Angriff auf die Dörr'sche Wirtschaft erbracht. Als mildernder Umstand könne für die beiden Rädels⸗ führer höchstens angeführt werden, daß sie irre geführt seien, für sie standen die anderen außerhalb der Gesell⸗ schaftsordnung. Das allgemeine Rechtsempfinden sei in gröblichster Weise verletzt worden.— Rechtsanwalt Windecker⸗Friedberg Verteidiger des Kost und Mosche⸗ rosch sucht die Schuld an dem Tumult den Sozial⸗ demokraten zuzuschieben. Ein geplanter Angriff liege nicht vor; die Gegenseite habe den Angriff ausgeführt.(I) Schon bei der Versammlung sei„Klassenhetze betrieben“ worden. In dem Angriff auf die Familie Stiller findet der nationalliberale Ordnungsmann„nichts Besonderes.“ In der Urteilsbegründung wird gesagt, daß hier die Urteilsfindung schwierig ist. Das Gericht lehnt es ab, auf das politische Gebiet überzugehen, kümmert sich nicht um den Beifall der einen oder andern Seite. Fest steht, daß die Kohlsche Wirtschaft in roher Weise demoliert wurde. Wenn auch das Gericht einen geplanten Ueberfall nicht annimmt, so war es doch eine rohe Aus⸗ schreitung. Es werden verurteilt wegen Sa y be⸗ schädigung, Körperverletzung und groben Unfug: Ko st: 1 Woche Gefängnis, 150 Mk. Geldstrafe; Moscherosch: 2 Wochen Gefängnfs, 50 Mk. Geldstrafe, jeder/ der Kosten, Stiller 1 Woche Gefängnis wegen Körperverletzung.
Die nationalliberalen Knüppel helden kamen also sehr gelinde weg. Wo war aber der Bürgermeister bei dem Tumult? Seine vorgesetzte Behörde sollte nach⸗ prüfen, ob der Mann nicht seine Pflicht gröblich vern ach⸗ lässigt hat. Ihm müßte es nach unserer Meinung ein Leichtes gewesen sein, die Vorkommnisse zu verhüten.
— Denunzianten⸗Seuche. Kein Mensch in Deutschland kann sich der Tatsache verschließen, da ungs⸗Paragraphen das schmutzigste Denun⸗ ziantentum großgezogen wird. Wenn irgend eine niedrige Kreatur sich an einem früheren Freunde rächen will, der vor wer weiß wie viel Jahren im Vertrauen eine unbedachte Aeußerung getan, so wird das rasche vielleicht in Erregung gesprochene Wort der Behörde hinterbracht und
durch den Majestätsbeleidig⸗
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