Ausgabe 
20.12.1903
 
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Nr. 51. Mitteldeutsche Sonutags⸗Zeitung. Seite 3. auf den Dresdner Parteitag und einige leere Phrasen. Fideles Festungsgefängnis. Wachtmeister. So übersetzen die Stellver⸗ Die Weisheit der Regierenden und der beschränkte Un⸗ Der Domänenpächter Falkenhagen, der treter Gottes die Verordnungen gegen die

tertanenverstand ihrer Kritiker spielten dabei die Haupt⸗ rolle, Und das öde Gesalbadere darüber, das auch von wissenschaftlichen Gegnern unserer Partei schon lange als lächerlich bezeichnet worden ist, begann von neuem, wobei Bülow offenbarte, daß er nicht einmal vom Abe des Sozialismus eine Ahnung hat, da er von Be⸗ seltigung des Privateigentums sprach während unser Programm nur die Beseitigung des Privateigentums an Produktionsmitteln kennt. Welch' großer Unterschied zwischen diesen beiden Forderungen liegt, hat Bülow wirklich nicht begriffen! 5

Ehe die deutsche Volksvertretung am Diens⸗ tag in die Ferien ging, beleuchtete Genosse Stolle nochmals das Vorgehen der Unter⸗ nehmer in Crimmitschau und der sächsischen Regierung. Was sonst noch in der kurzen Tag⸗ ung vorgebracht wurdr, ist von keiner großen Bedeutung. Für die Arbeiterklasse war die Debatte immerhin lehrreich. Sie sieht daraus, wer ihre Interessen vertritt und zugleich, welch' große Geister das deutsche Volk regieren.Unser die Welt trotz alledem!

politische Rundschau.

Gießen, den 18. Dezemb er. Ein sozialdemokratischer Vizefeldwebel.

EinPatriot, konservativer Abgeordneter 0 kürzlich mit der nötigen Entrüstung em Berliner Junkerblatte, daß der preußischen Armee ein leibhaftiger sozialdemokra⸗ tischer Vizefeldwebel der Reserve ange⸗ höre, der bei der letzten Reichstagswahl in einem Wahlkreise der Provinz Sachsen als Kandidat auftrat und um ein Haar gewählt worden wäre. Aus Wahlaufrufen hat der kon⸗ servatibe Biedermann die grauenhafte Tatsache erfahren; er konnte sie nicht fassen, wandte sich um Auskunft an das zuständige Bezirks⸗ kommando, und hier wurde ihm das Unglaub⸗ liche bestätigt. Ja, mehr als das: der sozial⸗ demokratische Vizefeldwebel wurde sogar a m Tage nach der Stichwahl zu einer Uebung einberufen und das Bezirksamt gab ihm das Zeugnis, daß er sich während seiner militärischen Dienstzeit vorzüglich geführt habe; eine Entfernung von seinem Dienstgrade sei nach den bestehenhen Bedingungen nicht möglich, obgleich er schon wegen Majestätsbeleidigung durch die Presse mit neun Monaten Gefängnis bestraft sei. Der sehr geängstigte Kreuzzeitungs⸗ mann schließt hieraus, daß eine höchst bedenk⸗ liche Lücke im Militärstrafgesetzbuch vorhanden sei. So werde die Disziplin erschüttert, und schließlich könnte vie ganze militärische Herr⸗ lichkeit zum Teufel gehen. 5 Der Fall liegt nun aber noch viel schlimmer, als der konservative Staatsretter ihn darstellt. Der grauenerweckende Mensch ist der Partei⸗ genosse Heinrich Schulz, gegenwärtig leiten⸗ der Redakteur an derBremer Bürgerztg.. Schulz war Reichstagskandidat für den Wahl kreis Erfurt⸗Schleusingen⸗Ziegenrück. Nur 90 Stimmen fehlten ihm bei der Stichwahl am 25. Juni, sonst hätte er zum wahrscheinlich noch größeren Entsetzen des konservativen Landtagsabgeordneten als sozialdemokratischer Reichstagsabgeordneter seine Landwehrübung antreten und einen kriegsstarken Halbzug führen müssen. Schulz ist zudem, wie er selbst im Bremer Parteiblatt mitteilt, nicht nur einmal, sondern viermal mit Gefängnis bestraft, im Ganzen mußte er 12 Monate brummen. Nach⸗ dem er bei der erwähnten Uebung 8 Tage lang die Pflichten eines höheren Stellver⸗ treters Gottes tadellos erfüllt hatte, wurde er plötzlich mit dem Zeugnis:Führung fehr gut entlassen.. Solche Zustände müssen natürlich jedem Patrioten eine Gänsehaut verursachen. Aber bei genauem Zusehen dürfte man in noch ganz andern Kreisen Sozialdemokraten finden; berschiedene Offtziere gingen schon offen zur Sozialdemokratie über; und warum sollte es nicht unter dem Offizierskorps einsichtige Leute geben, welche die Richtigkeit der sozialdemo⸗ kratischen Grundsätze erkennen? Sehr zahlreich werden sie allerdings nicht sein!

wegen Duellmords am Landrat v. Ben⸗ nigsen für sechs Jahre in Weichselmünde auf Festung ist, hat sich jetzt wegen Bedrohung und Beleidigung des Festungskommandeurs vor dem Schöffengericht in Danzig zu verant⸗ worten. Die Herren Festungsgefangenen hatten sich Ende September einen fröhlichen Tag ge⸗ macht und in angeheiterter Stimmung die Fenster mit Lampions behängt. Das Kom⸗ mando hatte dieinnere Illumination der Geister geduldet, der äußeren aber widersetzte es sich. Falkenhagen wollte sich in der Trun⸗ kenheit die Wegnahme nicht gefallen lassen, verrammelte die Türe von innen und drohte, jeden über den Haufen zu stechen, der seine Stube betrete. Es geht also auf Festung kreuzfidel zu. Wenn sich etwa ein wegen eines geringfügigen Vergehens im Ge⸗ fängnis befindlicher Mensch sagen wir mal ein Arbeiter, der einen Streikbrecher schief an⸗ gesehen hat nur die Hälfte von dem er⸗ laubte, was sich der noble Duellmörder heraus⸗ nahm, er würde sofort in Eisen gelegt und wegen Meuterei zu Zuchthausstrafe verdonnert.

Aus der Kaserne.

Einmin der schwerer Fall wurde vorige Woche vor dem Kriegsgericht in Breslau abgeurteilt. Der Gefreite Wenzel vom 156. Infanterte⸗Regiment in Brieg hat in seiner Eigenschaft als Rekrutenausbilder den Rekruten Mock mit dem eisernen Zielstock über die Nase geschlagen, weil er schlecht zielte. Er be⸗ kam nur vierzehn Tage Mittelarrest. Es wurde nämlichein minder schwerer Fall an⸗ genommen, trotz der schweren Eisenstange!

Der spuckende Unteroffizier. Vor dem Kriegsgericht in Halle wurde der Unter⸗ offizier Kirchner vom Infanterie⸗Regiment 153 wegen Mißhandlung Untergebener zu 1 Jahr und 2 Monaten Gefängnis und Degra⸗ datton verurteilt. Dieser Mensch hatte die ange⸗ nehme Gewohnheit, bei jeder Kleinigkeit seinen Untergebenen ins Gesicht zu spucken. Außerdem wurden ihm eine große Anzahl Mißhandlungen nachgewiesen. Warum auch diese Verhandlung unter Ausschluß der Heffent⸗ lichkeit geführt wurde, ist unverständlich.

Wegen Mißhandlung in 976 Fällen hatte sich am Montag der erst 26 Jahre alte Leutnant Schilling vor dem Kriegsgericht in Metz zu verantworten. Die Verhandlung fandwegen Gefährdung militärischer In⸗ teressen unter Ausschluß der Oeffentlichkeit statt. Nicht weniger als 91 Zeugen und Sach⸗ verständige waren zu vernehmen. Der Ange⸗ klagte wurde in 676 Fällen der Mißhandlung für schuldig befunden und zu einem Jahr und drei Monaten Gefängnis und Dienstent⸗ lassung verurteilt. Das ist angesichts der großen Zahl Mißhaudlungen gewiß milde. Trotzdem muß es sich schon um sehr schwere Fälle gehandelt haben, wenn gegen einen Offi⸗ zter diese Strafe verhängt wird.

Haut Sie aber unter vier Augen! Einen schätzenswerten Beitrag zu dem Kapitel von den Soldatenmißhandlungen lieferte eine vorige Woche stattgehabte Sitzung des Ober⸗ kriegsgerichts in Breslau. Rechtsanwalt Blick führte nämlich als Verteidiger eines jetzt zur Reserve entlassenen Unterofftziers Geisler vom Schlesischen Leibkürassierregiment(welcher einen im Dienst etwas schwerfälligen Soldaten des öftern mißhandelt hatte, so daß der Mann schließlich desertierte) aus, der inzwischen aus dem Dienst geschiedene Wachtmeister Peucker habe instruktionsgemäß den im Stall ver⸗ sammelten Unteroffizieren die königliche Ordre vorgelesen, welche sich entschtieden gegen die Mißhandlung der Soldaten kehrt und dieselbe streng verbietet; als die Verlesung beendet, habe der Wachtmeister aber aus eigener Macht⸗ vollkommenheit das den kaiserlichen Intentionen direkt widersprechende Resumé daran geknüpft: Haut Sie aber unter vier Augen! Tat⸗ sächlich hatten denn auch andere Unteroffiztere fich ebenfalls Mißhandlungen zu schulden kommen, lassen, insbesondere aber auch der

Mißhandlungen in die Praxis! Der Fall zeigt so recht, daß mit Verordnungen allen das Uebel nicht bekämpft wird. Der Unter⸗ offizier bekam ganze 3 Wochen gelinden Arrest!

Unter einer neuen Flagge

haben sich eine Anzahl rückständiger Elemente im Reichstage zusammengefunden. Wie berichtet wird, beabstchtigen Antisemiten, die Abgeord⸗ neten des Bundes der Landwirte, die bayeri⸗ schen Bauernbündler und die Christlich⸗Sozialen sich alsWirtschaftliche Vereinigung unter der Führung des Abgeordneten Lieber⸗ mann von Sonnenberg zusammen zu schließen. Das volksfeindliche Wesen der neuenPartei werden die Wähler im Laufe der Legislatur⸗ periode hoffentlich erkennen und wenn der Bund so lange hält ihr bei den nächsten Wahlen den Laufpaß geben.

Soziales, Gewerkschaftliches, Arbeiterbewegung.

Die Porzellanarbeiter in Schlierbach bei Gelnhausen befinden sich schon seit einigen Wochen im Streik. Es handelt sich hier um die dem Fürsten von Isenburg-Birstein gehörige Schlierbacher Steingutfabrik, in der ca. 300 Arbeiter beschäftigusind. Die Differenzen entstanden dadurch, daß von dem Unternehmer die Organisationsfreiheit der Arbeiter ange⸗ tastet wurde. Aber die Vernichtung ihrer Or⸗ ganisation am Platze konnten und durften die Arbeiter sich nicht gefallen lassen, denn dies hätte zur sichern Folge: Verschlechterung der Lohn⸗ und Arbeitsverhältnisse. Einmütig traten die Arbeiter in den ihnen aufge⸗ zwungenen Kampf, nachdem alle Versuche zur friedlichen Beilegung der Differenzen gescheitert waren. Einmütig und kampfesfreudig stehen die Arbeiter noch jetzt im Kampfe. Die Situa⸗ tion ist günstig für sie; ihre gute Zentralor⸗ ganisation bietet ihnen noch lange Zeit Rück⸗ halt zum Ausharren. Doch ist sebstverständlich, daß die Unterstützungen nur zum Teil den Lohnausfall decken können und so ist auch hier Unterstützung dringend notwendig, besonders jetzt vor Weihnachteu. Beiträge nimmt das Hanauer Gewerkschaftskartell eutgegen, Adr.: Jean Hofmann, Hanau, Rosengasse 13.

Gewerbegerichtswahlen. Mit einem glänzenden Siege der freien Gewerk⸗ schaften endeten die Gewerbegerichtswahlen in Köln. Der Wahlkampf war ein äußerst leb⸗ hafter, die Beteiligung eine zahlreichere als je. Es kam auch, wie wir in voriger Nummer bereits mitteilten, an einem Wahllokale zu Differenzen infolge des gewaltigen Andranges. Aber der Versuch der Zentrumsleute, das Gewerbegericht zu erobern, wurde zurückge- schlagen; die freien Gewerkschaften siegten mit fast der doppelten Stimmenzahl: 9500 Stimmen gegen 5000 der christlichen Gewerkschaften. Auch bei den Gewerbegerichtswahlen in Dort⸗ mund siegten die sozialdemokratischen Kandi⸗ daten über diejenigen der verbündeten christlichen und Hirsch⸗Dunkerschen Gewerkschaften. In Frankfurt a. M. wollen die Gewerbege⸗ richtswahlen Anfangs März nach dem Pro⸗ portional system stattfinden.

Kohlenabsatzmangel soll die Ursache sein, daß auf den Braunkohlengruben in Voelpke bei Magdeburg 100 Bergleuten gekündigt wurde. Zahlreiche Familienväter mit zusammen 200 Kindern sind dadurch brotlos geworden. Mangel an Absatz, wo Hunderttausende Fa⸗ milten notwendig das Brennmaterial brauchten, es aber nicht kaufen können und frieren müssen! Das sist die sogenanntegottgewollte Ord nung!

Ein allgemeiner deutscher Kranken⸗ kassentag ist von der geschäftsführenden Kasse des Zentralverbandes deutscher Orts⸗Kranken⸗ kassen für Montag, den 25. Januar 1904 ein⸗

berufen worden. Einziger Verhandlungsgegen⸗