*
e
—
—
Seite 2.
Mitteldeulsche Sountags⸗ Zeitung.
Nr. 51.
klagebank zerren und mit sch weren Strafen be⸗ legen, die Unternehmer aber, welche die Kämpfe provoziert, den Haß und die Erbitterung erzeugt haben, frei ausgehen und noch von Polizei und Gendarm in Schutz genommen werden. Diesen Zustand der Dinge können sich die deutschen Arbeiter auf die Dauer un⸗ möglich gefallen lassen. In Meißen, wo die Töpfer⸗ industrie sehr hoch entwickelt ist, wird an die Arbeiter die Aufforderung gerichtet, sie sollten aus ihrem Ver⸗ baud austreten, widrigenfalls sie insgesamt auf die Straße geworfen würden. Zu meiner großen Ueber⸗ raschung folgten die Arbeiter dieser brutalen Forder⸗ ung, sie traten einmütig aus. Und was geschah? Ihnen wurde trotzdem am vorigen Sonnabend gekündigt und sie werden jetzt kurz vor Weihnachten aufs Pflaster geworfen. Kann es etwas Gemeineres, Nie⸗ derträchtigeres, etwas Wortbrüchigeres und Ehr⸗ loseres geben?(Große Unruhe rechts, lebhaftes Bravo! bei den Sozialdemokraten.) Wenn Zuchthaus⸗ gesetze an der Ordnung wären— hier wären sie am Platze gegen diese elenden Männer. Und derartige Beispiele kommen von Jahr zu Jahr in Deutschland an allen Ecken und Enden vor. Sie haben keinen Be⸗ griff davon, welche Gemütsstimmung die Hunderttausende von Arbeitern erfaßt, die in dieser Weise behandelt werden. Aus solchen Taten heraus ist allerdings das Sie erschreckende Anwachsen der Sozialdemokratie durch⸗ aus erklärlich.“
In Crimmitsch au stehen jetzt 7000 Arbeiter in der 16. Woche im Streik. Die Arbeiter sind ausgesperrt worden, weil sie eine Verkürzung der Arbeitszeit von 11 ouf 10 Stunden, eine Verlängerung der Mittagspause von einer Stunde auf eineinhalb Stunden, und eine Lohnerhöhung von 5 bis 10 Prozent gefordert hatten. Die Löhne in Crimmitschau sind schlecht. Selbst die „Kölnische Zeitung“ hat darauf hingewiesen, daß im Rheinland höhere Löhne gezahlt werden. Die Arbeitgeber haben bei der Aussperrung von ihrer Macht Gebrauch gemacht. Sie haben den Arbeitern den Krieg erklärt, in diesem Krieg aber müssen nun auch die Waffen gleich sein. Es ist die verdammte Pflicht und Schuldigkeit des Staates und der Behörden, daß sie sich neutral ver⸗ halten. Die Crimmitschauer Behörden haben sich aber zu Gunsten der Arbeitgeber in unerhörter Weise eingemischt. Die paar Arbeitgeber haben es leicht, sich zu verständigen. Die tausende von Arbeitern müssen aber in Massenversammlungen zusammenkommen, und dieses Zusammenkommen wird ihnen jetzt unmöglich ge⸗ macht. Wir sind das ja von Sachsen gewöhnt. Mir ist kein Fall bekannt, daß ein höherer sächsischer Staats⸗ beamter einmal auf die Seite der Arbeiter getreten wäre, immer auf Seite der Unternehmer, Unterdrücker und Aus⸗ beuter. Anfangs hat ja der Crimmitschauer Bürger⸗ meister vermitteln wollen; die Arbeitgeber haben es zurückgewiesen, ebenso wie eine Vermittlung des Ge⸗ werbegerichts. Ausschreitungen sind dabei so gut wie gar nicht vorgekommen. Ich kann Ihnen(nach rechts) nur sagen, die Selbstbeherrschung, welche die Crimmit⸗ schauer Arbeiter bewiesen haben, hätten Sie in ähn⸗ lichen Fällen nicht beobachtet. Man ist zu einer neuen Ausmessung der Säle geschritten; Säle, die nach be⸗ hördlicher Schätzung für 1000 Persauen Raum bieten, sollen jetzt nur für 900 Personen Platz haben, gerade als ob die Arbeiter während der langen Hungerwochen um so viel dicker geworden wären. Zu solchen Mitteln greifen die Behörden gegen die armen Arbeiter. Dieses Vorgehen ist ja erklärlich, wenn man hört, daß der Bürgermeister von Crimmitschau der Schwiegersohn elner der reichsten Fabrikanten ist, daß ein großer Teil der Fabrikanten in der Stadtverordnetenversammlung und im Stadtrat sitzt. In den letzten Tagen ist nun ein Ukas der Amtshauptmannschaft ergangen, in dem jedes Tanzvergnügen, jede Versammlung untersagt, sozusagen der kleine Belagerungs zustand über Crimmit⸗ schau verhängt wird. Mit Gewalt will man die Arbe ter unter die Füße der Unternehmer drücken. Ist das nicht skandalös? Ist das nicht ein Mißbrauch der Amtsge— walt? Die Auszahlung der Unterstützungsgelder geschieht in zahlreichen Lokalen, aber trotz der vielen Lokale sind natürlich Ansammlungen dabei nicht zu vermeiden. Von der Polizei wird aber jede Ansammlung vor den Türen verboten, und in den Lokalen dürfen außer dem Komitee nicht mehr als 6 Streikende zur Empfangnahme der Gelder auf einmal sich aufhalten. In jedem Lokal sind zwei Gendarmen postiert, welche diesen sechs Leuten sogar jede Unterhaltung verbieten. Das ist standalös, das ist mit einem Wort echt sächsisch.(Der sächsische Geheimrat Fischer widerspricht hier lebhaft und es entsteht ein heftiger Disput zwischen ihm und dem in seiner Nähe sitzenden sozialdemokratischen Abgeordneten.) Man hat die Flugblätter der Arbeiter konfisziert und sie selbst ins Gefängnis geworfen; aber als ein Fabrikant einen Arbeiter anfaßte und ihm seinen Rock zerriß, da hat der Staatsanwalt das Einschreiten abgelehnt. Das sind empörende Zustände für die sächsische Arbeiter⸗ klasse! Das soziale und wirtschaftliche Leben Crimmit⸗ schaus wird vollständig vernichtet, hunderte und aber⸗ hunderte von kleinen Geschäftsleuten gehen bankerott,
die Hauswirte bekommen keine Miete, die Industrie hat den schwersten Schaden. Die Hartnäckigkeit des Unter⸗ nehmertums, wo die Textilindustrie wie nie blüht, ist unbegreiflich. Dabei ist alle Erfahrung dafür, daß die Abkürzung der Arbeitszeit von 11 auf 10 Stunden keinen Schaden bringt; keine einzige Industrie der Welt ist bis heute durch Arbeiterschutzmaßregeln in ihrem Bestand angetastet worden, sondern, sobald sie sich an⸗ gepaßt hat, floriert sie wie nie. Die Unternehmer sagen: Gegen den 10 Stundentag hätten wir nichts, aber er müßte gesetzlich für alle eingeführt wrrden. Jawohl, wenn wir hier einen Antrag ein⸗ bringen, stimmen Sie, die Unternehmer, ihn nieder.
In seinen weiteren Ausführungen wies Bebel auf die Schwäche Deutschlands gegenüber Rußland hin, das ein Heer von Polizeibe⸗ amten in Deutschland unterhält, denen die deutsche Polizei zur Verfügung steht und Hand⸗ langerdienste leistet. Unser Genosse schloß mit den Worten:„Nach allen Seiten hin haben sich also unsere Zustände höchst unerfreulich gestaltet. Die Masse der Bevölkerung aber verlangt immer dringender, neben der Sicherung ihrer materiellen Wohlfahrt, geistige Freiheit und Gerechtigkeit. Nicht„rückwärts“, sondern„vorwärts“ lautet die Losung. Sie würden gut tun, Ihre Maß⸗ nahmen danach einzurichten.“
Wir bedauern nur, daß uns der zur Ver⸗ fügung stehende knappe Raum zwingt, von einer vollständigen Wiedergabe der Rede unseres bewährten Vorkämpfers Abstand zu nehmen. Selbstverständlich würden wir in diesem Falle auch die Rede Bülows, mit der er Bebel autwortete, wörtlich abdrucken, unsere Leser könnten dann leichter beurteilen, ob sie wirklich das begeisterte Lob verdient, das ihr von der gesamten bürgerlichen Presse ge⸗ zollt wird.
Also der Reichskanzler antwortete. Aber auf etwas, was Bebel nicht gesagt hatte. Vielleicht dachte er sich vorher, daß Bebel es sagen würde und hatte sich darauf eine feine Rede aufgebaut. Die Polizeidienste für Rußland wagte er nicht in Abrede zu stellen, er beklagt sich nur über Bebels„maß⸗ losen“ Ton gegenüber der„befreundeten Macht“. — Der Hauptinhalt seiner Rede bildete eine Kritik des Zukunftsstaates! Er stellte sich dabei gewissermaßen als zweiter Vater der berühmten Spar-Agnes vor, die Eugen Richter vor mehr als zehn Jahren zur
Welt gebracht hat. Offenbar hat Graf Bülow
die„Zukunftsbilder“ und„Irrlehren“ Richters eingehend studiert und daraus die Weisheit entnommen, die er nun im Reichstage unter dem Beifallsgebrüll der Geldsack⸗Mehrheit ver⸗ kündete. Eine Probe davon ist der schöne Satz:„Wenn die Diktatur des Proletariats einmal die Teilung aller Güter erzwänge, risse morgen doch schon wieder Ungleichheit ein“. Damit glaubt der deutsche Reichskanzler den Sozialismus vernichtet zu haben. Er machte noch etliche Witze, über welche die Mehrheit sich fürchterlich freute, z. B. den, daß Bebel kein Engel sei und Aehnliches. Etwas Sachliches, ernst zu nehmendes kam aber nicht zu Tage, trotz allen rednerischen
Aufwandes. Natürlich auch der Dresdener Parteitag mußte herhalten! Was in aller
Welt geht denn der den Reichskanzler an? Aufgabe des ersten Beamten im Reich wäre vielmehr, für gesunde Zustände im Reich zu sorgen, die an jenen Zuständen geübte Kritik zu beachten und zu prüfen, wo zum Wohle der Gesamtheit gebessert werden kann. Von dieser Pflicht sich durch billige Witze zu drücken, das kann schließlich einer, den man für einen weniger großen Geist hält als den Grafen Bülow und der für weniger Geld zu haben ist.
Viel weniger interessant war die Debatte am Freitag. Zuerst hielt der Führer der Na⸗ tionalliberalen, Dr. Sattler eine langweilig nüchterne Geschäftsrede, der jeder höhere Standpunkt fehlte. Deutlich hervor trat das Bestreben, die Konkurrenz mit dem Zentrum in Bewilligungseifer und Loyalität gegen oben aufrecht zu erhalten. Die Nationalliberalen sind natürlich für die Finanzreform und für die Ostmarkenzulage, die ste durch eine Anti⸗ welfenpolitik noch ergänzt haben möchten. Der. neue Kriegsminister, General v. Einem,
begann seine mit heißem Bemühen vorher aus⸗ gearbeitete Rede beinahe mit derselben Wend⸗ ung, mit der der neue Schatzsekretär begonnen hatte. Auch er hättes lieber über erfreulich ere Dinge gesprochen, als über Forbach und über die Soldatenmißhandlungen. Bemänteln läßt sich da nichts mehr. Als er feierlich erklärte, daß kein zweites Forbach kommen werde, be⸗ gegnete er Aeußerungen des Zweifels.„So lange kein zweiter Bil se kommt!“ antwortete Genosse Bebel am Montag.
Herr Eugen Richter beschränkte sich im Wesentlichen auf eine finanztechnische Rede. Seine Bemerkungen über den Militarismus waren recht oberflächlicher Natur. Ausdrücklich versicherte er, daß er die Vorgänge in Forbach nicht für typisch halte. Seine bürgerliche Kritik richtete sich in der Hauptsache gegen die Ka⸗ dettenanstalten und Unterofftziersschulen und bestand in der Klage, daß das bürgerliche Element bei der Besetzung der Offtziersstellen zurückgesetzt werde.
Junker Kardorff jammert noch immer über das verlorene Sozialistengesetz, daß nur durch ein Mißverständnis nicht verlängert wor⸗ den sei. Dabei sieht er ein, daß mit Aus⸗ weisungen nichts zu machen ist, und so verlangt er in seiner übergroßen Milde nur, daß jedem Sozialdemokraten auf 5 Jahre das aktive und passive Wahlrecht genommen werde. Das ist sicherlich ein probates Mittel, die 3 Millionen sozialdemokratischer Stimmen loszuwerden.
*
Am Montag gab Bebel den flachen Witze⸗ machern, deren Zukunftsstaatskindereien die einzige letzte Zuflucht vor der vernichtenden sozialistischen Kritik der Gegenwart gewesen war, die gebührende Antwort. Er übertraf sich dabei noch gegenüber seiner ersten Rede sowohl in Schönheit und Wucht der Sprache, als packender Schärfe des Inhalts. In einer beinahe 3 stündigen Rede, von der ersten bis zur letzten Minute in gleicher Frische, zerpflückte er die Argumente, die seitens der Gegner vorgebracht worden waren.
Zunächst wandte er sich gegen Bülow. Die rechte Seite des Hauses suchte diesem zwar anfänglich durch Hohnlachen über Bebels Vorwürfe zu Hilfe zu kommen, aber je gewaltiger und wuchtiger Bebels Anklagen her⸗ niedersausten, um so stiller wurden die vorlauten Herren! Es traf ja den Nagel auf den Kopf, als Bebel sagte, was der Reichskanzler gegen uns vorgebracht, sei lauter altes abgestandenes Zeug gewesen— und das eine, was neu war, seine Kritik des Sozialismus, sei für einen ersten Staatsmann des Reichs am Anfang des 20. Jahrhunderts einfach bejammernswert.
Nach Ausführungen gegen den Kriegsminister über Soldatenmißhandlungen sowie über die russische Spitzel⸗ wirtschaft in Deutschland stellte Bebel die Aeußerungen des Reichskanzlers bezüglich der künftigen Sozilal⸗ politik in das richtige Licht. Er fragte: Wo bleibt die endliche Zusicherung der wichtigsten Grund ⸗ rechte der Arbeiter: der Koalitions⸗, der Ver⸗ eins⸗ und Versammlungsfreiheit? Das sind Forder⸗ ungen der gesamten Arbeiterschaft Deutschlands ohne Unterschied der Parteistellung— Bülow aber bringt das keinen Kummer, seine Zukunftsstaatswitze macht er fort und die Gegenwart läßt er so zukunftslos, wie sie war. Daß die Rechte sich freute, als Bebel auf den Terrorismus hinwies, den der Staat gegen Be⸗ amte ausübt, denen die Meinungsfreiheit völlig ge⸗ nommen ist, kann freilich nicht überraschen. Als aber Bebel darauf hinwies, wie der Dresdener Parteitag, von dessen Terrorismus unsre Gegner so viel faseln, ein Jungbrunnen für die Partei gewesen, der uns nur genützt und nicht das geringste geschadet, wie die Nach⸗ wahl in Mittweida beweist, da verbargen die Mehr⸗ heitsparteien ihre Verlegenheit nur schlecht hinter einem erzwungenen Lachen.
Bebel zerpflückt dann das bei unsern Gegnern so beliebte und vom Reichskanzler wieder aufgewärmte Gerede von dem„Mangel an positiver Tätig⸗ keit“ unsrer Fraktion. Die platten, haltlosen Ein⸗ würfe Bülows vernichtete Bebel bis auf den letzten Rest. Es sind ja alles„olle Kamellen“, was Bülow da vorgebracht hatte; schon zur Zeit des Sozialisten⸗ gesetzes hatte Eugen Richter diese Methode des Kampfes erfunden. Seine erste Schrift dieser Art: die Irrlehren der Sozialdemokratie sind der Leitfaden für all den Schnickschnack geblieben, den die bürgerlichen Parteien gegen uns vorbringen. Mit welchem Ersolge, das zeigt ja am besten das Los des Erfinders dieser Kampf⸗ methode, eben Eugen Richters!
Und auf diese neue gewaltige Anklage, diese neue bittere Kritik des ganzen Regierungs- und Wirtschafts⸗ systems wußte Bülow wieder nichts anderes zu er⸗ widern, als, die alten Witzeleien, kleinliche Sticheleien
ccc.
rener. eue e e e


