Ausgabe 
20.12.1903
 
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Nr. 51.

Mitteldentsche Sountags⸗Zeitung.

Seite 5.

der frühere Freund ans Messer geliefert. Be⸗ sonders abstoßend wirkt es auf jeden anständigen Menschen, wenn als Grund für solche aus ge⸗ meiner Rachsucht erfolgte Angeber ei verletztes

patriotisches Empfinden angeführt wird. Und

das geschieht in Hunderten von Fällen! Ein Majestätsbeleidigungsprozeß, der am Dienstag Abend im Anschluß an den Wahl⸗ krawall⸗Prozeß hier verhandelt wurde, mußte in jedem Zuhörer den lebhaften Wunsch nach baldiger Beseitigung des§ 95 des Strafgesetz⸗ buchs wachrufen. Als Angeklagter erschien der 63 Jahre alte Wirt Kohl aus Burggräfen⸗ rode, derselbe, dessen Wirtschaft von den Krieger⸗ vereinlern demoliert worden war und der des⸗ halb gegen Kost und Moscherosch als Nebenkläger auftrat. Von diesen war nun Kohl denunziert worden und sie traten als Belastungszeugen auf. Mehrere Zeugen beschworen Kohl's an⸗ gebliche Aeußerung, weshalb die Verurteilung des alten unbescholtenen Mannes zu 2a Monaten Gefängnis erfolgte.

Auch auf das Gericht hatte die rachsüchtige Denunziation den unangenehmsten Eindruck gemacht. Der Vorsitzende leitete die Begrün⸗ dung des Urteils mit den Worten ein:Der vorliegende Fall hat nicht die Sympathie des Gerichts. Es kann nicht erkennen, daß die Anzeige gegen den Angeklagten aus Patrio⸗ lismus geschah; dieser Prozeß gereicht seinen Urhebern keineswegs zur Ehre. Weil aber das Gericht mit beeideten Zeugenaussagen zu rechnen hatte, mußte Verurteilung eintreten.

Für den alten Mann kann die Strafe die verhängnisvollsten Folgen haben. Was kümmer! sich aber der Denunziant darum? Man sollte meinen, daß selbst ein Kriegerverein, der etwas auf Reinlichkeit hält, sich verpflichtet fühlen müßte, einen solchen Menschen aus seinen Reihen zu entfernen, denn wer ist sicher vor ihm? Unsere Freunde mögen aber aus diesem Falle wieder die Lehre ziehen, daß man seine Worte recht vorsichtig abwägen muß. Wir kämpfen nicht gegen einzelne Personen, sondern gegen die heutige Ordnung der Dinge.

Aus dem Rreise gießen.

Aus Watzenborn⸗Steinberg. In der gut besuchten Versammlung des Wahlvereins gab Genosse Häuser ein Referat über das Parteiprogramm, woran sich eine lebhafte Diskussion schloß. Dann kam die Kalenderver⸗ breitung zur Sprache, wobei bedauert wurde, daß die Herausgabe des Kalenders vom Landes⸗ komitee so spät erfolgt, er müsse mindestens drei Wochen früher erscheinen. Im Verschiedenen erstattete Gen. Pfaff Bericht über die Tätig⸗ keit unserer Genossen im Gemeinderat. Hierbei wurde das Verhalten des Genossen Schäfer in der Frage des Bürgermeistergehaltes einer Kritik unterzogen. Im Laufe der Diskussion teilte der Vorsitzende die Antwort des Gemeinderats mit auf den vom Verein gestellten Antrag betr. die Oeffentlichkeit der de Sie Das von tiefer Weisheit zeugende Schriftstück lautete folgendermaßen:

Auf das Schreiben von obengenannten Verein, welches

uns unter dem 28. November 1903 zu gegangen ist,

teilen wir mit, daß Anträge von Vereinen welche einen

politischen Charakter besitzen, jeglicher Art von uns in

Gemeinde⸗Angelegenheiten keine Berücksichtigung noch

Erledigung finden können.

Groß h. Bürg erm st. Watzenborn⸗Steinberg. 29, So, damit glauben nun die Herren uns los zu sein. Also auf Anträge politischer Vereine läßt man sich nicht ein! Wohl aber auf diejenigen eines Rauchklubs oder Fastnachtsvereins? Eine solche Entscheidung hätten wir nicht für möglich ge⸗ halten, wenn wir auch gerne zugeben, daß den Herren bei unserem Antrage etwas ungemütlich geworden ist. Wenn sie aber die Oeffentlichkeit scheuen uns soll's recht sein. Wie berechtigt unser Verlangen ist, zeigt wieder der Beschluß in Bezug auf den Bürgermeistergehalt. Bei Beratung des Voranschlags verlangt man auf einmal eine Gehaltserhöhung des Bürgermeisters auf 1000 Mk. Von diesem Antrag wußten die Gemeindevertreter vorher nichts, deshalb wollten unsere Genossen den Punkt vertagt wissen. Dem gab aber die Mehrheit nicht statt,

sondern bewilligte nach langem Hin und Her

850 M.(ohne die Nebeneinkünfte). Also der Herr Bürgermeister verbessert seine Lage ohne Streik! Verlangen die Arbeiter einige Groschen mehr, so sind sie die Begehrlichen und Unzu⸗ friedenen! Schließlich muß auch gefordert werden, daß den Mitgliedern des Gemeinderats die Tagesordnung zwei Tage vor der Sitzung zugeht, wie es die Landgemeinde⸗Ordnung vor⸗ schreibt. 90

aus dem Preise Alsseld-Cauterbach E

* Wohnungsnot. Zu dem Artikel in der letzten Nummer, in dem behauptet wurde, daß der Betroffene es selbst zum Teil ver⸗ schulde, wenn er keine Wohnung bekam, be⸗ merkt unser Gewährsmann, daß sich sein Artikel eden die Wohnungsnot richte, die wirklich estehe. Es ksei schon vorgekommen, daß elr⸗ beiter auf den nächsten Ort ziehen mußten, weil sie in Alsfeld keine Wohnung bekamen. Daß der in Frage kommende Einwohner sein Mißgeschick selbst verschuldet habe, könne man nicht behaupten. In dem betreffenden Hause sei es sehr oft zu Streitigkeiten gekommen. Es gehe nicht an, Privatangelegenheiten des Mannes breitzutreten; Tatsache sei, daß er seine Miete stets bezahlt habe.

Aus dem Rreise Wetzlar.

Vom Amt entfernt. Aus Krof⸗ dorf wird uns mitgeleilt, daß Bürgermeister Lichtenthäler vorläufig vom Amt suspendiert sei. Die Verfehlungen, die er sich hat zu Schulden kommen lassen und die schon früher einmal in unserm Blatte erwähnt wurden, sollen sich als so schwere charakterisieren, daß gericht⸗ cht Verfolgung mit Sicherheit zu erwarten

eht.

[ Christlich⸗soziale Kultur? Auch in den ch ristlich⸗sozialen Zeitungen wird wie in der übrigen Presse unablässig die Mär vomsozialdemokratischen Trrorismus verbreitet. Geht man aber den dafür als Beweisstücke angeführten Geschichten anf den Grund, so er weisen sie sich zum Teil als Schwindel oder höchstens harmlose Vorkommnisse. Die Christlich⸗Sozialen täten besser, der sehr oft in Erscheinung tretender Roheit in ihren und den Kreisen ihrer Mitläufer zu steuern, die ste mit Heuchelei zudecken. Bei der letzten Landtags⸗ wahl wurden in Frohnhausen(Dillkreis) 3 christliche und 1 natl. Wahlmänner gewählt. Die drei Burckhardt⸗ Wahlmänner zogen es vor, der Wahl fern zu bleiben, während der natl. Wahlmann wählt. Aus christlicher Nächstenliebe warfen ihm nun abends die frommen Fro hnhauser sämtliche Fenster ein, wahrscheinlich ein Prü fungsexamen ihrer christlich⸗sozialen Erziehung. Auch bei der Reichstagswahl zeigte sich schon in Frohnhausen christ lich⸗soztale Kultur, damals wurde unser Genosse Trott täglich bedroht und die nationalliberalen Redner mit Steine geworfen.

Aus dem Rreise Marburg-Rirchhain.

r Bei der Stadtverordnetenstich⸗ wahl in der dritten Wählerklasse, die am Donnerstag stattfand, gingen als gewählt hervor: Kreissekretär Voß, Hotelier Brune, Metzger Brauer und Schlosser Laubscheer. Sie erhielten 251 266 Stimmen. Unsere Partei⸗ genossen hatten gar keine Veranlassung für diesen oder jenen der Stichwahlkandidaten ein⸗ zutreten und sie blieben deshalb der Wahl fern. Die drei ersten der Gewählten waren von den Beamten aufgestellt; von der sogenannten Rat⸗ hauspartei kam nur einer, Laubscheer, durch. Hoffentlich werden es sich unsere Genossen und Arbeiter Marburgs angeiegen sein lassen, dafür zu sorgen, daß sie zur nächsten Wahl nachdrücklicher und mit größerem Erfolge in die Wahl der Stadtvertretung eingreifen können.

o- Der Konsum⸗Verein für Mar⸗ burg und Umgegend hielt am Montag seine erste General⸗Versammlung im neuen Geschäfts⸗ jahre ab, welche ziemlich gut besucht war. Der Geschäftsführer erläuterte in längerer Aus⸗ führung den gedruckt vorliegenden Geschäfts⸗ bericht für das Jahr 1902/03 und konstatierte, daß das abgelaufene Jahr ein zufriedenstellendes ist, betont aber hauptsächlich, daß die Mitglieder sich reger als bisher an der Einzahlung des

Geschäfts⸗Anteils beteiligen möchten. Die Spar⸗

kasse hat sich gut entwickelt. Die Summe der

inlagen ist ziemlich hoch. Der Verein hat vier Verkaufsstellen, zwei in Marburg und je eine in Ockershausen und Cappel. Der Rein⸗ gewinn betrug 1715,83 Mk. Die Versammlung genehmigt auf Vorschlag die Verteilung von 4% Dividende auf Warenmarken, 4% Zinsen auf Geschäftsanteile, 2% Rückvergütung auf Fleisch⸗ marken und 100 Mk. Vergütung an Auffsichtsrat und Kontrolleur. Zugang während des Ge⸗ schäftsjahres 99, mithin am 30. September 171 Mitglieder. An Stelle des Kontrolleurs Christoph Weber, welcher freiwillig zurückge⸗ treten ist, wurde Louis Prophet gewählt. Zu Aufsichtsratsmitgliedern wurden neugewählt Frau G. Michels und Jakob Mudersbach in Ockershausen. Nach einer regen Aussprache über die Errichtung einer eigenen Bäckerei wurde Vorstand und Auffsichtsrat beauftragt, einer der der nächsten Versammlungen Vorschläge zu unterbreiten. Die Auszahlung der Dividende erfolgt Sonntag, den 20. Dezember von nach⸗ mittags 3 Uhr ab in der Verkaufsstelle Metzger⸗ gasse 6, gegen Vorzeigung des Mitgliedsbuches.

Kleine Mitteilungen.

* Opfer der Arbeit. Auf dem Frankfurter Güterbahnhof wurde am Sonntag früh der verheiratete Rangierer Leon aus Griesheim von einer Abteilung Wagen überfahren und sofort getödtet. Bei einer großen Explostion in Grevenbroich bei Köln am Montag nachmittag blieben 4 Arbeiter todt, zahlreiche wurden schwer verletzt. Durch Einsturz eines Schachtes in Hamburg wurden 2 Arbeiter getödtet. Zwei Bergleute getödtet! Auf der GrubeHandstein bei Dillenburg wurden am Samstag die Bergleute Krumm und Schäfer durch herabfall⸗ endes Gestein getötet.

* Jugendlicher Retter verunglückt. In Höhr bei Vallendar brach am Donnerstag beim Schlitt⸗ schuhlaufen der achtjährige Sohn des Buchbind ers Wager ein. Sein fünf Jahre alter Bruder suchte ihn zu retten, geriet dabei unter's Eis und ertrank. Der ältere Knabe wurde durch herbeieilende Leute gerettet.

* Selbstmord einer ganzen Familie. In Meißen vergiftete sich der in der dortigen Jutespinnerei befchäftigte Arbeiter Bienert nebst seiner Frau und 6 Kindern mit Karbol. Frau und Kinder find todt, während der Mann noch lebend ins Krankenhaus ge⸗ bracht wurde.

Partei-Uachrichten.

Kalender verteilung. Den Genossen im Kreise Gießen zur Nachricht, daß die Kalender am Sonntag noch nicht eingetroffen waren, die Verteilung muß deshalb diesen Sonntag(20.) stattsinden. Zahlreiche Beteiligung notwendig!

Der Vertrauensmann.

Versammlungskalender.

Samstag, den 19. Dezember. Gießen. Soz.⸗dem. Wahlverein. Abends 9 Uhr Versammlung bei Orbig. Sonntag, den 20. Dezember. Gießen. Freie Turnerschaft. Mitgliederver⸗ sammlung, Nachmittags 3 Uhr Lonys Bierkeller. Montag, den 21. Dezember.

Gießen. Schneiderverband. Abends 9 Uhr Versammlung bei Orbig. Heuchelheim. Arb. ⸗Bild.⸗Verein. Abends

8 ½ Uhr Versammlung bei Wirt Hch. Volk mann.

Quittung.

Für die ausgesperrten Weber in Crimmit⸗ schau gingen ein: Brauer⸗Verband Gießen 20 Mk. Küfer⸗Verband Gießen 10 Mk. Glaser Gießen 10 Mk. Heuchelheim 5 Mk. Beamt. der Ortskrankenk. 5,50 Mk. M. 1 Mk. Wieseck 2 te R. 12,90 Mk. Alt⸗Buseck 2 te R. 13,30 Mk. Lich 1 Mk.

Wetzlar. A. R. 60.(darunter L. Nr. 002211 Mk. 11.80).

An unsere Leser und Spediteure! Die uächste Nr. unseres Blattes gelaugt der Feier⸗ tage wegen bereits am Mittwoch, den 23. De⸗ zember zur Ausgabe.

Die Expedition derMitteldeutschen Sonntagszeitung.

Brieftasten.

Mehrere Einsendungen mußten zurückgestellt werden.