Ausgabe 
20.9.1903
 
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Nr. 38.

Mitteldentsche Sountags⸗Zeitung.

Seite 5.

20 Pfg. von unserer Expedition zu beziehen ist. Wir empfehlen die i

Anschaffung desDie preußischen Landtagswahlen betitelten Schrift⸗ chens jedem Parteigenossen und Wähler.

Unglücksfall. Ein Schreinerlehrling

stürzte bei Hinaufschaffen von Brettern aus

dem Fenster auf die Straße hinab. Er trug sehr schwere Verletzungen davon, daß seine Verbringung in die Klinik notwendig wurde.

Aus dem Nreise Marburg⸗Nirchhain.

W. Ueber unsern Parteitag berichten natürlich die Kreis⸗ und Ordnungsblätter in der bekannten Art. DieOberhessische Zeitung leistet sich ebenfallsBerichte, die alles andere eher als objektiv sind. Es heißt da an einer Stelle:

Daß verhältnismäßig so wenig Gebrauch von der Anlegung des Maulkorbes ge⸗ macht wird, liegt daran, daß 99 Prozent aller Genossen gedankenlos den Führern nach⸗ laufen, die es nicht versäumen, aufhetzende Stichworte in die Masse zu schleudern und in dieser skrupellosen und marktschreierischen Weise für ihre Sache Propaganda zu machen.

Wenn weniger Redefreiheit gestattet wäre, würde der biedere Oberhesse ganz stcher über Unterdrückung der Redefreiheit schreien. Daß die Masse der Genossen den Führern gedanken⸗ los nachläuft, dafür sind doch die Debatten in Dresden wirklich kein Beweis. Das Um ge⸗ kehrte ist eher richtig, die Massen sagen den Führen, was sie tun und nicht tun sollen. Ge⸗ dankenlose Nachläufer sind die Wählermassen der konservativen Parteien, denn sonst wäre deren Herrschaft unmöglich. Aufzuhetzen brauchen die Führer die Massen nicht, das besorgen schon die herrlichen Zustände im Reich, die Junker und ihr Anhang mitsamt den Kreisblättern.

Bh. Frömmigkeit eigener Art legte der Schneidermeister Herkrod in Marburg an den Tag. Er wurde verhaftet, weil er in dem Verdacht steht, sein Pflegekind, einen Knaben von 8 Jahren, derart mißhaadelt zu haben, daß das Kind schwere Verletzungen am Unterleib davon trug, an denen es gestorben ist. Und dieser Mann ging jeden Sonntag in die Kirche, kannte also ganz gewiß das Wort: Lasset die Kindlein zu mir kommen. Es ist immer die alte Geschichte: gerade diejenigen Leute, die nach außenhin den Schein tiefer Frömmigkeit und Religiosität zu erwecken suchen, befolgen die Gebote der Nächstenliebe, Mensch⸗ lichkeit und Barmherzigkeit am aller wenigsten.

Sturmwetter.

Aus verschiedenen Teilen der Rheinprovinz laufen Meldungen ein über die Schäden, die am Freitag die Stürme dort anrichteten. In Aachen verursachte der mehrere Stunden anhal⸗ tende orkanartige Sturm größere Verheerungen. Dort, wie auch in Köln wurden durch herab⸗ geschleuderte Dachfenster und Ziegel mehrere Personen zum Teil schwer verletzt. In Köln war der elektrische Straßenverkehr durch das Herabfallen von Bäumen auf die Drähte der Oberleitung teilweise unterbrochen. In Reisholz bei Düsseldorf wurde ein Fabrik⸗ schornstein umgeworfen und dadurch ein Arbeiter getötet und vier verwundet. Auch in Ober⸗ hessen richtete der Sturm vielfach Schaden an; die Landwirtschafts⸗Ausstellung in Gie ßen, die ohnehin durch das Regenwetter beeinträgt wurde, hatte ebenfalls darunter zu leiden.

Abschaffung der Taufe

haben die ganz Frommen durchgesetzt aber blos bei Schiffen. StattSchiffstaufe soll es jetzt in der offiziellen SpracheNamensgebung heißen. Diese welterschütternde Nachricht macht die Runde durch die Zeitungen. Zu wünschen ware, daß außer den Schiffstaufen noch die von den frommen Weinbauern am Rhein, der Mosel, Saar ꝛc. gern geübten Weintaufen ebenfalls abgeschafft würde. Wenn einst ver⸗

kündet wiro, daß auch die Taufe aus den Weinkellern verbannt ist, dann wird man sich weit über die Kreise der Orthodoxen hinaus freuen.

Kleine Mitteilungen.

e Einen Selbstmordversuch unternahm am Sonntag eine Frau in Braunfels, indem sie sich in den ziemlich tiefen Brunnen stürzte. Es gelang jedoch 10 offenbar geistesgestörte Frau noch lebend herauszu⸗ ziehen.

* Bergarbeiter-Tod. In dem Schachte der Grubevon der Heydt bei Saarbrücken riß am Sonntag das Drahtseil der Förderschale und vier in derselben befindliche Schachtzimmerhauer stürzten 87 Meter in die Tiefe. Sie wurden förmlich zersch met⸗ tert. Drei- von ihnen sind verheiratet, einer hinterläßt acht unversorgte Kinder. Das Drahtseil war erst acht Tage in Gebrauch. Ferner wurden auf der Laura⸗ grube bei Beuthen(Oberschl.) zwei Bergleute verschüttet, von denen der eine sofort getötet wurde. Ferner sind am Mittwoch auf der Zeche König Ludwig bei Reck⸗ linghausen zwei Bergleute tötlich verunglückt.

Gewerkschaftl. u. Arbeiterbewegung.

T Die ausgesperrten Schreiner- und Bauarbeiter in Kassel, die nunmehr ein halbes Jahr im Kampfe stehen, werden fort⸗ gesetzt von bürgerlichen Blättern verleumdet. Da liest man oft mancherlei Gewalttätigkeiten, die Ausgesperrte oder Streikende gegen Arbeits⸗ willige begangen haben sollen. Derartige Schauergeschichten machen von Kassel aus die Runde durch alle arbeiterfeindlichen Blätter, und da natürlich nicht jede derartige Schwindelnach⸗ richt von kompetenter Seite richtig gestellt werden kann, so wird der Zweck solcher un⸗ wahren Nachrichten, den ehrsamen Bürger gruseln zum machen, in den meisten Fällen er⸗ reicht. Erst kürzlich brachte ein Kasseler Blatt wie wir aus unserem dortigen Parteiorgan sehen eine Mitteilung, wonach ein Tischler, als er von der Arbeit nach Hause ging, von drei streikenden Arbeitern überfallen und durch zwei Messerstiche verwundet worden sein soll. Um dem betreffenden Blatte sein unsauberes Handwerk zu legen, verlangte der Vertrauens⸗ mann der Tischler von der Redaktion eine ent⸗ sprechende Berichtigung. Da kam er aber schön an. Hinausgewiesen wurde er. Am anderen Tage mußte sich das betreffende Blatt aber doch zu der Mitteilung bequemen, daß seine, die Stteikenden schwer beschuldigende Notiz sich in vollem Umfange nicht bestätige.

Die Massenaussperrung der Textilarbeiter in Crimmitschau dauert noch immer fort. Unterstützung ist dringend notwendig.

Partei-Uachrichten.

Verstorben ist in Dresden eine st lle, aber eifrige Partelgenossin, die Gräfin Adele v. Oriola. Die Verstorbene ist aus Idealismus und beeinflußt durch verschiedene Nebenumstände, Sozialdemokratin ge⸗ wor den. Sie gehörte seit einigen Jahren dem Sszial⸗ demokratischen Verein in Dresden⸗Altstadt an und brachte allen Vorgängen lebhaftes Interesse entgegen, wenn sie auch in der Oeffentlichkeit nicht mit tätig sein konnte. Sie hat auch viel materielle Opfer für die Partei und für die Armen gebracht, die ihre Sympathie in vollem Maße besaßen. Mit dem Abg. für den Wahlkreis Friedberg, Graf Oriola soll, wie wir früher hörten, die Verstorbene entfernt verwandt sein.

Wegen Zeugnisverweigerung wurde auch Genosse Leimpeters in Bochum, der Redakteur der Bergarbeiterztg. am Sonntag verhaftet. Es ist wahrscheinlich, daß es sich um die Veröffentlichung eines Geheimberichts durch die Bergarbeiter⸗Zeitung handelt, den der königl. Polizeikommissar Korten zu Bochum an den Regierungspräsidenten zu Arnsberg erstattet hat. Den Bemühungen seines Rechtsanwalts gelang es, die Haftentlassung zu erwirken, die am Mittwoch erfolgte.

Eine Festschrift zum Parteitag ist im Verlag von Kaden und Comp. erschienen. Sie enthält reiches Material aus der Parteigeschichte in verschiedenen interessanten Artikeln und Abbildungen, außerdem Por⸗ traits von Marx, Wittich, Kegel ꝛe. Preis 30 Pfg. Ferner haben die Dresdener Genossen eine Ulkzeitung, Das große Mißverständnis betitelt, heraus⸗ gegeben, das mit gutem Humor schwebende Parteifragen behandelt und in Karikaturen, Artikeln und Inseraten bekannte Genossen hänselt. Dieses Schriftchen kostet nur 20 Pfg. Bestellungen nimmt die Exp. d. Mitteld. Sonnt.⸗Ztg. entgegen. a

Versammlungskalender.

Samstag, den 19. September. Gießen. Holzarbeiter. Abends 9 Uhr Versau en. lung bei LöbWiener Hof. Metallarbeiter. Abends 9 Uhr Versammlung bei Orbig. Montag, den 21. September. Gießen. Freie Turnerschaft. Abends ¼9 Uhr Versammlung im VereinslokalPfau. wichtiger Tagesordnung(Stiftungsfest ꝛc.) wird um zahlreiches Erscheinen ersucht. Samstag, den 26. September.

Marburg. Wahlverein. Abends 9 Uhr Ver⸗ sammlung bei Jesberg. Ausgabe der Mitglieds⸗ karten.

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Vom Parteitag (Fortsetzung von Seite 2)

In der Vormittagssitzung am Mittwoch er⸗ klärte Mehring vor der Abstimmung über die Resolution des Vorstandes, daß die Angriffe gegen ihn ein wohlvorbereiteter Ueberfall aus dem Hinterhalt wären. Er sei wehrlos, da er Gegenmaterial nicht zur Hand habe. Er werde später auf alles antworten. Er lege seine Tätigkeit an derLeipziger Volkszeitung und derNeuen Zeit nieder, bis die Genossen ihn wieder rufen. Es folgen viele und lange per⸗ sönliche Bemerkungen. Die Differenz Vor⸗ wärts⸗Bebel wurde kurz und glatt erledigt.

Ueber die Polenfrage berichtet Genosse Gerisch. Die Verhandlungen sind gescheitert, weil die polnischen Genossen nicht von der ie des polnischen Reiches lassen wollten.

Haltung des Vorstandes in dieser Sache zuge⸗ stimmt.

mentarischen Bericht der sozialdemokratischen Reichstagsfraktion. Redner warnt vor einer Häufung kleinlicher Anträge und vor einer Ueberschätzung des Parlamentarismus überhaupt. Es müsse für die Zukunft daran festgehalten werden, daß die Agitation von Mann zu Mann die Hauptsache sei als Stütze unserer Parlamentsaktion.

Nachdem eine Reihe Redner ihre zu diesem Punkt gestellten Anträge begründet, sagt der Referent Stadthagen in seinem Schlußwort, daß die Fraktion gezwungen sei, zu allen Ge⸗ setzentwürfen, die dem Parlamente von der Regierung vorgelegt werden, eingehend Stellung zu nehmen. An allen Gesetzesvorlagen und Anträgen wurde Kritik geübt, selten war die Möglichkeit gegeben, die von unserer Fraktion ausgearbeiteten Gesetzentwürfe im Plenum zur Debatte zu bringen. Redner hob hervor, wie fruchtbar und segensreich diese fortwährende Kritik gewesen sei.

Donnerstag Vormittag kam die Frage der Taktik zur Verhandlung. Bebel entwickelt hierbei in einer fast 3 stündigen Rede seinen Standpunkt, wie er ihn in den Artikeln der Neue Zeit vertreten hat.

Briefkasten.

St.⸗Alsfeld. Allerdings unterliegen die Betriebs⸗ und Fabrikkrankenkassen ebenso wie die Ortskrankenkassen den Bestimmungen des Krankenversicherungsgesetzes. Der von Ihnen mitgeteilte Paragraph des Statuts betr. Doppelversicherung steht den Vorschriften des Gesetzes (S 26a) nicht entgegen.

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Letzte Nachrichten. Der englische Kolonialminister Chamber⸗ lain ist zurückgetreten, ebenso Ritchies und Lord Hamilton.

P- ͤ Empfehlenswerte sozialistische Schriften. Die Kolportage⸗Kommission des Wahlvereins Gießen, Wirtschaft Orbig empfiehlt: Der Neue⸗Welt⸗Kalender für 1904. Reicher Inhalt und viele Illustrationen. Preis 40 Pfg.

Sozialistische Monatshefte. Jeden Monat ein zirka 80 Seiten starkes Heft. Preis pro Heft 50 Pfg⸗ Freie Stunden. Beste Romanlitteratur. Illu⸗

striert. Wöchentlich ein Heft. A 10 Pfg.

Nach kurzer Debatte darüber wird der

Gen. Stadthagen erstattet den parla⸗