Ausgabe 
20.9.1903
 
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Mitteldeutsche Sonntags Seltang ·

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Nr. 38.

7 Unterhaltungs-Ceil. 7

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Ums tägliche Brot.

Erzählung aus dem Arbeiterleben von C. Hesselbach⸗Hatzfeld.

An einem sonnigen Maientage war es, als wir einen lieben Freund, einen unserer besten Mitkämpfer für die Sache des arbeitenden Volkes, zur letzten Ruhe bestatteten. Noch spät am Abend saß ein kleiner Kreis derer, die ihn besonders geschätzt und näher gekannt hatten,

einander. Immer wieder kehrte unsere Unter⸗ haltung zu unserem toten Freund zurück, der uns so früh entrissen wurde.

Er war ein stiller bescheidener Mensch ge⸗ wesen; doch mit einem beispiellosen Eifer, der sich oft fast zum Fanatismus steigerte, war er für die Ideen des Sozialismus tätig. Meister⸗ haft verstand er es, die Fehler und Schäden des heutigen Klassenstaates in drastischer Weise zu schildern, jede seiner Reden wurde zu einer wuchtigen Anklage gegen die heutige Gesellschaft und wehe dem politischen Gegner, den er stch aufs Korn nahm.

Manches derartige Vorkommnis wurde wieder in Erinnerung gebracht, bis einer aus der Runde, unser FreundCicero, dessen un⸗ zertrennlicher Freund der Verstorbene gewesen war, die Frage aufwarf, ob einer wisse, wie es kam, daß sich Schröder uns anschloß und für unsere Ideen begeisterte, denn vor etwa sieben Jahren war er noch vollständig gleich⸗ gültig in politischer Beziehung und wenn er in seinen letzten Lebensjahren mit wahrem Feuereifer die Lehren des Sozialismus propa⸗ 97155 dann war es nicht nur Liebe für seine

lassengenossen, das werktätige Volk, sondern auch ein gutes Teil bitterer Haß gegen die 7 77 Gesellschaft, der ihm die Worte in den und legte.

Ich habe, so fuhr er fort,dem Ver⸗ storbenen in bitteren Stunden beigestanden, wo die Verzweiflung sein sonst so heiteres Gemüt 5 zerstören drohte und keinem Menschen möchte ch wünschen, daß er wie Schröder durch eigene und fremde Schuld zur Erkenntnis komme.

Wir waren alle nicht wenig erstaunt, über diese rätselhaften Worte, die Cicero mit Ernst und tiefer Ergriffenheit gesprochen hatte. Ja, das war richtig, Schröder sprach selbst im Freundeskreise nie von seinen Verhältnissen und seiner Vergangenheit.

Natürlich wurde nun der Sprecher von allen Seiten bestürmt, sich näher zu erklären, wozu er auch trotz der vorgerückten Zeit bereit war und unter atemloser Spannung der Anwesenden begann:

Schröder und ich sind aus einem Orte, einem Dörfchen in Kurhessen, gebürtig und hatten, da wir gleichaltrig waren, fast stets auf einer Schulbank gesessen. Wir waren beide armer Leute Kinder und mußten schon früh helfen etwas für den Haushalt zu erwerben, wenigstens unser Essen bei den Bauern verdienen. Aus der Schule entlassen kam Schröder bei einen Gärtner in die Lehre. Meine Eltern ließen sich durch mein fortwährendes Bitten bewegen, mich das Schlosserhandwerk lernen zu lassen.

So kamen wir auseinander und nur einige⸗ mal trafen wir uns später in der Heimat wieder, wenn wir zu Weihnachten oder Pfingsten unsere alten Eltern besuchten.

Ich war in H. schon früh in die Arbeiter⸗ bewegung eingetreten und als nach einigen Jahren auch meine Eltern starben, wäre ich wohl nicht mehr so oft in unser Heimatdörfchen gekommen, wenn nicht die Eine dort gewesen wäre, die, seit ich sie einmal als schön erblühte Jungfrau gesehen, mir so unendlich lieb ge⸗ worden war, und die mein eigen zu nennen, mir als der Inbegriff alles Glückes erschien.

Sie hieß Hermine und war die Tochter unseres verstorbenen Lehrers. Doch wozu soll ich das alles erzählen. Nur einmal in meinem Leben habe ich mich mit der Frage beschäftigt: Hast du auch ein Recht dies holde Kind an deinen kampfes⸗ und dornenreichen Lebensweg zu fesseln? Da wurde ich auch schon der Antwort überhoben.

Eines Tages brachte mir die Post in zier⸗ lichem Umschlag ein Kärtchen, dessen Inhalt mich aus allen Himmeln riß: f

Hermine Werner Karl Schröder Verlobte.

Ein heißes Weh fühlte ich damals in der Brust, es preßte mir das Herz zusammen und in schlaflosen Nächten habe ich eine schöne Hoffnung begraben müssen.

Mein Freund Schröder, der allezeit heitere, freundliche Mensch, der immer von seiner schönen Stellung sprach, die er auf irgend einem Herren⸗ gut hatte, war also der Glückliche. Zur Hoch⸗ zeit geladen, ließ ich mich entschuldigen und lange Zeit sah ich meinen früheren Freund nicht wieder.

Es sind nun etwa sieben Jahre her, da erhielt ich durch einen Brief meiner Schwester die erschütternde Nachricht, daß gestern Lehrers 1 nach schwerer Krankheit gestorben sei.

a stürmten alle die längst begrabenen Er⸗ innerungen wieder auf mich ein. Ich sah sie wieder in jungfräulicher Schönheit und Frische vor mir und nun tot? Wie namenlos unglücklich mußte Schröder sein. Aller Groll gegen den einstigen Freund war vergessen, noch am selbigen Tage reiste ich ab, der Gedanke beunruhigte mich, ihn in seinen Schmerz allein zu wissen..

Ich wußte, daß Schröder seit zwei Jahren Verwalter auf VillaEden in G. war, was ich in einigen Stunden mit der Eisenbahn er⸗ reichen konnte. Bald war ich dort; doch als ich auf dem kiesbedeckten Parkwege der Wohnung Schröders, die sich in einem Seitenflügel des stattlichen Hauses befand, zuschritt, war mir doch recht schwer und bang zu Mute.

Haus und Garten war wie ausgestorben, nur die sinkende Sonne flimmerte golden durch die lichten knospenden Bäume und zeichnete

igantische Schatten auf Rasen und Wände. 800 schellte vorstchtig. Gleich darauf öffnete mir eine ältere Frau in Trauerkleidern und mit rotgeweinten Augen, Herminens Mutter. Sie erkannte auch mich sogleich und Tränen rinnen über die gefurchten schmalen Wangen. Ich reichte ihr die Hand und fragte nach meinem Freunde.Ach, jammerte sie,wie gut, daß du kommst, es ist ein Jammer mit ihm, ich fürchte um seinen Verstand. In den zwei Tagen hat er das Totenbett meines armen Kindes nicht verlassen und dann ergeht er sich zuweilen in bitteren Selbstanklagen, als ob er an ihrem Tode schuldig sei, und ich weiß doch, daß er ste stets auf den Händen getragen; ich bitte dich, versuche du es, ihn in seinem unendlichen Schmerz zu trösten, der meinen Kummer nur noch größer macht.

Damit öffnete sie die gegenüberliegende Türe und rief ins Zimmer:Karl, dein Freund Paul ist hier und will dich sprechen.

Ich war einen Schritt in das halbdunkele Zimmer getreten und Frau Werner hatte sich urückgezogen. Schröder hatte noch am Lager feines toten Weibes gesessen und bei meinem Eintritt sich halb nach mir umgewandt. Mit irrem Blick sah er mich an. Ich nannte ihn beim Namen und fügte hinzu:Ich bin da, dein alter Freund Paul. Da erst kam Leben in die hohe Gestalt und dann folgte ein Auftritt, den ich nie im Leben vergessen werde. Mit einigen hastigen Schritten war er mir entgegen⸗ gestürzt und mit einem qualvollen Aufschrei an meine Brust gesunken. Ich redete ihm zu, bat ihn, sich zu fassen und wie ein Mann den

erlust zu tragen, der ihn getroffen. Ich trat mit ihm an das Lager der Toten, die still und bleich, geschmückt mit dem Brautkranz, dalag, ein Bild des Friedens. Ein Beben ging durch den starken Mann, weinend sank er auf die Kniee, mich an seine Seite ziehend, und mit den Worten:Lieber einziger Freund, du hast sie auch geliebt, dir bin ich es schuldig, begann

er ein Geständnis seiner Schuld, die ihn so zu Boden geschmettert und die ich nur kurz an⸗ deuten will. Es war ihnen in der ersten Zeit ihrer Ehe nicht sehr gut gegangen, seine da⸗ malige Stellung hatte er bald verloren; sie waren dann nach M. gezogen, doch dort war Not und Entbehrung, besonders im Winter, ihr steter Gast gewesen, sodaß auch ihr erstes und einziges Kind im zartesten Alter starb. Dann atte er sich um die jetzige Stellung beworben, ie in der Zeitung ausgeschrieben war; die Bedingung, daß nur kinderlose Eheleute berücksichtigt würden, war ja bei ihnen leider erfüllt. So war er nach HausEden in G. gekommen und eine schöne Zeit begann für das junge Paar. Der Dienst war leicht. Hermine waltete in Haus und Küche, während der Garten unter Schröders kundiger Hand ein kleines Paradies wurde.

Hermine hatte sich bald erholt, sie blühte wieder auf wie eine Rose und nichts schien ihnen an einem bescheidenen Glück zu fehlen.

Das war eines Tages anders geworden, als die junge Frau ihrem Gatten unter Tränen wide daß sie wohl wieder Mutter werden würde.

Das war ein schwerer Schlag, was anderen ein Glück, das war für sie ein Unglück, das sie jedenfalls wieder in ihr früheres Elend zu⸗ rückwerfen würde.

Hier begann die Schuld, die mit dem Tode fand. blühenden engelguten Weibes ihre Sühne and.

Der Gedanke, wegen so etwas seine schöne Stellung zu verlieren, erbitterte Schröder der⸗ art, daß er sich soweit vergaß und einige Tage hart und kalt gegen sein unschuldiges Weib war. Hermine fühlte diese Härte, so ungerecht sie war, doppelt und in ihrer Verzweiflung hatte sie sich irgendwo Rat geholt, wie sie die Ursache ihres Unglücks beseitigte.

So häufte sich denn Schuld auf Schuld. Hermine wurde schwer krank und nach rapidem Siechtum starb sie, ein Opfer moderner Sklaverei.

Dies alles gestand mir unser Freund, der nun auch ausgekämpft und ausgelitten hat in jener Nacht, die ich mit ihm am Totenbette seines teuren Weibes durchwacht hatte.

Ich habe getan was ich konnte, ihn zu überzeugen, daß es nicht nur seine eigene Schuld sei, die sein ganzes Lebensglück zum Opfer gefordert, sondern, daß die wahren Ursachen des größten Teiles menschlichen Elends in der unvollkommenen, verderblich wirkenden kapita⸗ fd Form der heutigen Gesellschaft zu suchen nd.

Meine Worte hatten Erfolg, als wir am nächsten Tage die liebe Tote hinaus zum Fried⸗ hof trugen, und wir weinend Abschied genommen von dem Plätzchen, das sein Liebstes barg, da war er schon ein Anderer. Als die Herrschaft nach acht Tagen von der Riviera zurückkam, nahm er seine abt i er kam hier her und von da an habt ihr ihn alle 1 wie heldenmütig er gestritten hat für die Befreiung vom Joche des Kapitals.

Er ruhe in Frieden!

Wie erwirbt man die hessische Staatszugehörigkeit?

Es ist eine leider nur zu häufige Tatsache, daß bei den hessischen Landtagswahlen viele in Hessen ansässige männliche Personen, die das wohlfähige Alter haben, nicht mitwählen können, weil sie nicht hessische Staatsangehörige sind. Es muß daher ein größeres Augenmerk auf die Gewinnung von Nichthessen zur Aufnahme in den hessischen Staatsverband gerichtet werden. Da die zu diesem Schritt erforderlichen Maß⸗ nahmen nur geringe Opfer an Zeit und Geld erfordern, so mögen vor allem unsere Genossen, die bis jetzt noch von der Ausübung staatsbürgerlichen Rechte ausgeschlos⸗ sen sind, das bisher Versäumte nachholen und ungesäumt um die Aufnahme in den hessischen Staatsverband be⸗ mühen.

Zunächst ist erforderlich, daß der betr. Nichthesse sich von seiner Heimatsbehörde(dem Regierungspräfiden⸗ ten, den Bezirksämtern ꝛc.), einen Ausweis über seine bisherige Staatsangehörigkeit ausfertigen läßt. Sodann hat ec die Geburtszeugnisse für sich und seine Familien⸗ angehörigen zu beschaffen. Hat er diese Papiere erhalten,