Ausgabe 
20.9.1903
 
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Nr. 38.

Mitteldentsche Sountags⸗Zeitung.

Seite 3.

Neuer Hunnenprozeß in Sicht.

Während der Wahlagitation soll Genosse Kunert, der Abgeordnete für Halle, das ost⸗ astatische Expeditionskorps beleidigt haben, indem er in einer Versammlung u. A. sagte:Unsere Soldaten haben das Land verwüstet, geplündert und Frauen geschändet. Daß sich Kunert nicht in diesem Sinne geäußert haben kann, liegt auf der Hand; gleichwohl erklärten die überwachen⸗ den Beamten, daß diese Worte gefallen seien. Auch der Staatsanwalt stellte sich auf diesen Standpunkt und beantragte gegen Kunert drei Monate ab une Da Kunert nunmehr mit den gegebenen Verhältnissen rechnen mußte, erklärte er, er wolle auch darüber Beweis bringen, daß tatsächlich die Soldaten geplündert und Frauen geschändet hätten. Er beantragte deshalb die Ladung deutscher und ausländischer Kriegsberichterstatter und Einforderung der Strafakten der Soldaten des Expeditionskorps. Das Gericht beschloß daraufhin Vertagung und gab Kunert 3 Wochen Zeit, damit er die zu ladenden Zeugen angeben könne. In den Hunnenprozessen gegen die drei Vorwärts⸗ Redakteure, die zusammen zu 17 Monaten Ge⸗ fängnis verurteilt wurden, wurde die Antretung des Wahrheitsbeweises bekanntlich nicht gestattet. Vielleicht ist es jetzt möglich, die Taten der Helden von der gepanzerten Faust durch Zeugen⸗ eide feststellen zu lassen. Kunert ersucht die⸗ jenigen(frühere Mitglieder des Expeditionskorps), die bestimmte und einwandfreie Zeugnisse über Plünderungen ꝛc. abgeben können, sich mit ihm in Verbindung zu setzen. Seine Adresse ist: Fritz Kunert, Berlin S W., Lindenstr. 69.

Vernichtung von Arbeiterexistenzen durch das Unternehmertum.

Wie das Unternehmertum mißliebige Arbeiter wirtschaftlich boykottiert, darüber wird ein bezeichnender und krasser Fall aus O ber⸗ chlesien gemeldet. Ein in einem Bergwerk beschäftigter Arbeiter ließ, da er sich mit einem Steiger nicht vertragen konnte, sich die Ent⸗ lassungspapiere aushändigen. Zwei Monate hindurch irrte er dann arbeitslos umher, und es konnte ihm trotz größter Bemühungen nicht gelingen, Anstellung zu erhalten. Als er ein⸗ mal auf einer Grube wieder abgewiesen wurde, bat er den Beamten, ihm doch mitzuteilen, aus was für einer Veranlassung man ihn überall abweise. Lächelnd deutete der Beamte auf ein in dem Entlassungsschein befindliches= Zeichen mit den Worten:So lange Sie das Zeichen haben werden, erhalten Sie nirgends Beschäftigung. Nun verlangt der Arbeiter von dem Steiger, der die Ent⸗ lassungspaptere seinerzeit ausgestellt hatte, den Lohnausfall für 50 Schichten a Mk. 3.60, da er durch dessen Verschulden keine Arbeit erhalten habe. Es existiert also eine Abmachung unter den Grubenbaronen, wonach sie vermittels ge⸗ heimer Zeichen mißliebige Arbeiter brotlos machen und aushungern.

Bei der Dessauer Nachwahl

haben die Freisinnigen das Mandat mit knapper Mehrheit behauptet. Die Bündler und Konservativen haben den Freisinnskandi⸗

daten Schrader in der Stichwahl durchgedrückt.

Unser Genosse Käppler erhielt am Freitag 13046 Stimmen, während Schrader 14192 er⸗ hielt. Die Wahl Schraders bezeichneten wir bereits in letzter Nummer als wahrscheinlich.

Bezirkstagswahlen im Elsaß

haben am Sonntag stattgefunden und unserer Partei gute Erfolge gebracht. So erhielt im Kanton Straßburg⸗Süd Redakteur Pei⸗ rotes(Sozialist) 1346, das Landesausschuß⸗ mitglied Jehl, bisheriger Vertreter und gemein⸗ samer Kandidat der Rechtsliberalen und des Zentrumsvereins, sowie der Erwerbs⸗ und Mittelstandspartei 856, Bierbrauer Frey ß (Demokrat) 626 Stimmen. Keiner der Kandi⸗

daten erhielt die erforderliche Mehrheit. Im Kanton Mühl hausen⸗Nord erhielt Land⸗ wirt Buber(Demokrat) 462, Bürgermeister Gegauf⸗Wittenheim

(gemeinsamer Kandidat

der Klerikalen und Rechtsliberalen) 1476, der Geschäftsagent Fries(unabhängiger Klerikaler) 718, Redakteur Martin(Sozialist) 1662 Stim men. In diesen beiden Kreisen stehen also unsere Genossen in aussichtsvoller Stich⸗ wahl. Auch in den übrigen Kreisen stiegen die soztaldemokratischen Stimmen.

Die Sozialdemokratie im hohen Norden

macht ebenfalls recht erfreuliche Fortschritte. Bei den in den letzten Wochen stattgefundenen Wahlen zum Storthing, dem norwegi⸗ schen Reichstage, haben unsere Partei⸗ genossen bedeutende Erfolge zu verzeichnen. Die von ihnen aufgebrachte Stimmenzahl hatte sich schon bis zum 3. September mehr als ver⸗ doppelt und fünf Mandate hatten sie errungen, während sie vorher keins besaßen. Zweifellos werden bis die Wahlen beendigt sind in Norwegen wird nicht an einem Tage im ganzen Lande gewählt, es wählt vielmehr ein Kreis nach dem andern noch weitere Erfolge zu verzeichnen sein. Im Amt Tromsö wurden drei Sozialdemokraten gewählt. Also im änßersten Norden des Landes, im Reich der Mitternachtssonne, hat die Idee des Sozialismus triumphiert. Könnte die weltumfassende Be⸗ deutung unserer Bewegung erhebender zum Ausdruck kommen als in diesen Erfolgen im Grenzland menschlicher Kultur?

Der Aufstand auf dem Balkan

nimmt immer größere Ausdehnung an. Stets bedenklicher wird die Lage und in den türkischen Staaten, in denen das mohammedanische Element überwiegt, wird leidenschaftlich für einen Krieg mit Bulgarien agitiert. Die Bevölkerung wird von Tag zu Tag kriegslustiger gestimmt. Der russtsche Rubel scheint eifrig im Rollen zu sein. Fast täglich finden Kämpfe der türkischen Truppen mit den Aufständischen statt und von beiden Seiten wird geräubert, gemordet und geplündert. Die Berichte lassen erkennen, daß von den türkischen Soldaten noch mehr Gewalttaten verübt werden als von den aufständischen Bulgaren, die gewiß die besten Brüder auch nicht sind. Bei Kruschervo fand ein Gefecht statt, in dem von 200 Insurgenten 90 fielen; in einem andern bei Klipowa in der Nähe von Monastir wurden von 300 mehr als der dritte Teil getötet. In Bulgarien sind die Reserven einberufen worden und sind bereits in großer Zahl eingerückt. Fürst Ferdinand ist wieder in Sofia eingetroffen.

Peter von Serbien,

der König von Mördersgnaden wird seiner Königswürde nicht froh. Unter dem Offizier⸗ korps herrscht eine tiefgehende Gärung, weil die Mörder des Alexander nicht aus der Armee entfernt, sondern im Gegenteil in jeder Bezieh⸗ ung bevorzugt werden. Zahlreiche Offtziere sind verhaftet worden, weil sie an einer Ver⸗ chwörung gegen den König und die Mörder beteiligt sein sollen. Bei einer Truppenschau in Banjitza trat, als König Peter die Front abritt, ein Oberleutnant des 7. Infanterieregi⸗ ments aus der Front und sagte zum König: Das Blut unseres ermordeten Königs schreit zum Himmel um Rache. Unsere unschuldigen Kameraden sind eingekerkert, während die Mör⸗ der frei umherlaufen. Der König seikreide⸗ bleich geworden und habe den Oberleutnant sofort verhaften lassen. Auch in der Bevölkerung greift die Gärung um sich, man nimmt Partet für die verhafteten Offiziere und es ist gar nicht unmöglich, daß man heute oder morgen den König wieder zum Teufel jagt. Das wäre auch ganz vernünftig von den Serben, nue sollten ste nicht so töricht sein, sich wieder einen neuen König aufhalsen zu lassen.

Die deutschen Gewerbe⸗Gerichte

hielten am 11. September in Dresden ihre Verbandsversammlung ab, zu der zahl⸗ reiche Delegirte von den Arbeiter- und Arbeit⸗

geberbeisitzern, sowie auch Vorsitzende von Ge⸗

werbe⸗Gerichten erschienen sind. Nach der Er⸗ öffnung durch den Vorsitzenden des Dresdener Gewerbegerichts Dr. Stübing hält Oberbürger⸗ meister Hartenstein⸗Ludwigsburg ein Referat über die Praxis des Proportional⸗Wahl⸗ system bei den Wahlen zu den Gewerbe⸗Ge⸗ richten. Er bespricht die verschiedenen An⸗ regungen zur Vertretung der Minoritäten im deutschen Reiche im Allgemeinen und bei den Gewerbe⸗Gerichten im Besonderen, beleuchtet dann die Entstehungsgeschichte der nun gelten⸗ den Bestimmungen und skizziert die Verhand⸗ lungen in der Kommission und im Plenum des Reichstages. Redner ist erstaunt, daß bei verhältnismäßig so wenigen Gewerbe⸗Gerichten das neue System der Wahl eingeführt wurde, um so mehr, als im Auslande das Verhältnts⸗ Wahlsystem vielfach adoptiert wurde. Referent kann sich der Anschauung nicht verschließen, daß die Darlegungen Molkenbuhrs und Hochs im Reichstage mehr Beachtung verdient hätten, vor Allem die Einwürfe gegen die nicht obli⸗ gatorische Einführung des Systems und gegen das Fehlen von Grundsätzen über die Vornahme der Proportinal. Redner übt eingehende Kritik an den Wahlformen verschiedener Gewerbegerichte.

Buchdrucker Massini⸗Berlin meinte, die Arbeiter und ihre parlamentarischen Vertreter müssen sich gegen Verhältniswahlen erklären, so lange sie nicht obligatorisch sind, rügt den Wirrwarr und die Willkür, wie das Gesetz ausgelegt wird und die Statuten, welche sich in dieser Hinsicht die Städte gegeben haben. Recht und Billigkeit soll herrschen; aber bei den Wahlen zur Vertretung des Reiches, Staates und der Gemeinden fällt es Niemandem ein, Recht und Billigkeit zu üben, Verhältnis⸗ wahl einzuführen. Deshalb begreift es die Bevölkerung nicht, daß nur bei den Gewerbe⸗ gerichten der Sinn für Recht und Billigkeit so stark zum Ausdruck kommt. Er schildert, wie man das Proportional⸗Wahlsystem nur dort einführt, wo man die moderne Arbeiterbewegung zu schädigen hofft, am Majoritätsprinzipe aber strenge festhält, wo man eine Minder⸗ heit modern organisierter Arbeiter vom Gewerbegerichte aus schließ en kann. Redner bespricht dann die einstimmig anerkannte Ob⸗ jektivität der Gewerberichter aus dem Lager der Arbeiter, so daß es sicherlich nicht erforder⸗ lich ist, gerade bei den Gewerbegerichten mit der Einfuͤhrung des Proportional⸗Wahlsystems zu beginnen.

Abg. Körsten⸗Berlin erklärt, die freien Gewerkschaften seien für das Proportional⸗ Wahlsystem, das beweist schon, daß die An⸗ regung für dieses System aus Frankfurt a. M. kommt, aus einer Stadt mit nursozialdemo⸗ kratischen Arbeiter⸗Beisitzern. Wir wollen aber, daß das System nicht nur gegen die modernen Gewerkschaften, sondern auch zu ihren Gunsten angewandt, daß es obligatorisch oder überhaupt nicht sei. Ein Beschluß wird über den Gegen⸗ stand nicht gefaßt. Es folgen noch mehrere Referate.

Vor dem Verbandstage hatten die Arbeit⸗ nehmerbeisitzer eine Vorbesprechung, in der die wichtigsten auf dem Verbandstage zur Verhand⸗ lung stehenden Punkte vorberaten wurden. Bezüglich der Kaufmannsgerichte sprachen sich die Arbeitnehmer für Anschluß der kaufmänni⸗ schen Streitfälle an die Gewerbegerichte aus.

Rechtssprechung.

Flugschriften⸗Verteilung am Sonn⸗ tag. Oft genug sind schon Genossen von uns und auch andere Leute bestraft worden, weil ste am Sonntag Flugschriften verteilten. Auch bei der letzten Reichstagswahl ist von ver⸗ schiedenen Polizeibehörden diese Tätigkeit als ein Verstoß gegen die Oberpräsidialverordnung, betreffend die äußere Heilighaltung des Sonn⸗ tags, aufgefaßt: worden. Die Verteiler wurden demgemäß in Geldstrafen genommen, welche von den Schöffengerichten bestätigt wurden. Die Strafkammer des Dortmunder Landgerichts beschäftigte sich kürzlich ebenfalls mit zwei der⸗ artigen Fällen. Die Angeklagten bestritten die

Rechtsgültigkeit der erwähnten Verordnung, die