Ausgabe 
20.9.1903
 
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Seite 2.

Mitteldentsche Sonntags⸗Zeitung.

Nr. 38.

Als erster Redner in der Diskusston ergreift Dr. Hch. Vraun⸗Berlin das Wort, der sich in langen Ausführungen über diese Frage ver⸗ breitet. Sle sei sehr verwickelt und nicht ohne Weiteres mit ja oder nein zu beantworten. Der Parteivorstand habe diese Streitfrage mitten in die Wahlbewegung hineingeworfen und da⸗ durch verschuldet, daß Kandidaten der Partei 9 1 sehr harmloser Artikel in bürgerlichen Blattern in unerhörter Weise deswegen beschimpft werden konnten. Das ist einzig 1e 18 jetzt in der Partet gewesen. Niemals sei weniger von Parteileuten für bürgerliche Blätter ge schrieben worden. Die Entscheidung des Partei⸗ vorstandes führe schließlich dazu, daß man einen Index verbotener Blätter aufstelle, für welche Parteigenossen nicht schreiben dürften. Der Redner greift im Weiteren heftig den Ge⸗ nossen Dr. Franz Mehring an, den er selbst vor 25 Jahren in die Partet eingeführt habe. Damals sei ihm(Braun) nicht bekannt gewesen, daß Mehring eine von niedrigen Angriffen gegen unsere Partei strotzendeGeschichte der Sozial⸗ demokratie geschrieben habe. Aus derGarten laube von 1880 verliest Redner einen Artikel Mehrings, in dem dieser der Sozialdemokratie die Attentäter Hödel und Nobiling an die Rock⸗ schöße hängt. Braun wird oft von Zwischen rufen unterbrochen, die meistens von Bebel ausgehen, sodaß der Vorsitzende Singer Bebeln ersuchte, die Zwischenrufe zu unterlassen. Braun bezeichnete zum Schluß Mehrings Tätigkeit als Verhetzung der Parteigenossen unter einander; sie gefährde den inneren Bestand der Partei.

Die Angriffe Brauns rufen natürlich heftige Entgegnungen hervor. Zuerst verteidigt Gerisch den Vorstandsbeschluß. Dann nehmen Hoffmann⸗Hamburg, Kautsky, Hoff⸗ mann-Berlin, Stadthagen, Frau Zetkin, Bebel und andere, Mehring in Schutz, während Edmund Fischer ebenfalls Mehring angriff. Von mehreren Seiten wurde betont, daß es nicht angehe, einem Parteigenossen seinen früheren gegnerischen Standpunkt vorzuhalten, nachdem er Jahrzehnte für die Partei gearbeitet und für sie wertvolle Werke gescaffen habe. Kautsky erklärte: Es handele sich hier nicht um einen persönlichen Streit Mehrings mit Harden(Her⸗ ausgeber derZukunft), sondern um eine Frage der öffentlichen Reinlichkeit. Der Misthaufen sei keine Tribüne für Annen in der Zukunft würden die schmutzigsten Angriffe gegen * Partei veröffentlicht. Mehring verdient, daß man ihm Treue bewahre, er ist einer der ersten Vertreter des wissenschaftlichen Sozialis mus, ein hervorragender Historiker, wie auch unsere Gegner anerkennen. Er kennt unsere Parteigeschichte wie kein zweiter, seine Werke für von klassischer Bedeutung und eine Zierde ür die Partei. Ich frage mich, warum wird dieser Mann nun so gehaßt? Deshalb, weil ihm das Parteiprogramm eine lebendige Wahr- heit ist, weil er für unsere alte bewährte Taktik eintritt und weil er denen entgegentritt, die diese Taktik anzweifeln.

Schließlich wendet sich Kautsky gegen die Auffassung einiger Genossen, welche glauben, durch Veröffentlichung sozialistischer Artikel in unpartelischen Blättern agitatorisch wirken zu können. Wir kennen doch alle die parteilose Presse! Unter dieser Flagge sollen nur Dumme eingefangen werden. Die Leserwelt derZu kunft könne durch solche Artikel nicht sozialistisch gemacht werden. Deshalb habe der Vorstand mit seiner Entscheidung recht.

Von Hoffmann⸗Berlin wird darauf hin⸗ gewiesen, daß Genossen, die als Redakteure an bürgerlichen Blättern tätig sind, früher oder später mit ihrer Parteigenossenschaft in Konflikt geraten müssen. Jedenfalls könne man solchen Leuten doch keine Vertrauensstellungen in der Partei einräumen. Dieser Reduer ruft ganz mit Recht den immerwährend an der Partei und den Genossen nörgelnden und kritisierenden Akademikern zu, sie möchten doch ihren Gehirn schmalz lieber dazu verwenden, die Gegner zu bekämpfen. Braun habe merkwürdigerweise von Spaltung gesprochen.Gehen Sie doch mal hin zu den arbeitenden Genossen und fragen Sie mal, wie es mit derSpaltung steht!

(Große Heiterkeit.) Meinen Sie, daß die So⸗ zialdemokratie sich spalten wird, wenn ein paar Genossen von ihren Rockschößen abgeschüttelt werden?(Stürmischer Beifall.) Zu solchen Vermutungen kann man nur kommen, wenn man keine Ahnung davon hat, wie man in den Kreisen der Arbeiter denkt. Wenn Sie wüßten, was die Arbeiter bewegt, so würden Sie auf solche Vermutungen gar nicht kommen. Versuchen Sie es einmal und Sie werden er⸗ leben, daß die Arbeiter linksum machen und Sie davonmarschieren als Führer ohne Truppen! Wie der lebhafte Beifall bewies, den diese Worte begleiteten, hat Hoffmann die Gedanken der Mehrheit des Parteitags und damit der esamten Partei treffend zum Ausdruck gebracht. Im weiteren Verlauf der Debatte sprechen noch Ülrich-Offenbach, Quarck und Zubeil. Diese drei Redner vertreten die Meinung, die in dem Antrag des Vorstandes zum Ausdruck gebracht wird.

Ulrich bemerkte u. a.:

Die Frage, ob es möglich ist, daß Genossen an Blättern mitarbeiten, die die Partei ver⸗ dächtigen und beleidigen, muß ich entschteden verneinen, eine solche Tätigkeit ist gefährlich und korrumpierend. Man sagt sich, wenn ein solcher Genosse mit seinem Namen ein Blatt verantwortlich zeichnet: Was, der Mann ist Sozialdemokrat und läßt es sich gefallen, daß in dem Blatt, für das er zeichnet, die 1 demokratischen Prinzipien in so unglaublicher Weise verhöhnt und verlästert werden? Das ist eine Moral mit doppeltem Boden. Mit Recht wird gesagt, daß damit eine Gesinnungs⸗ losigkeit groß gezogen wird, die weder innerhalb der Partei noch nach außen hin einen guten Eindruck machen kann. Gegen diese Art der Betätigung der Parteigenossenschaft müssen wir uns entschieden Verwul ber

Quarck, der sich gegen den Antrag des Vorstandes ausspricht, sagt von den Akademikern, daß der Vorstand Arbeits stellen für ste bereit halten sollte, nicht Ehrenstellen. Die Genossen seien aber viel selbst schuld, weil sie den Aka⸗ demikern immer den Vorzug geben.Wenn ein Sozialdemokrat bei uns von vornherein auftritt mit großen Artikeln:Wie ich Sozial⸗ demokrat wurde oder wenn er gleich seine ganze Lebensgeschichte veröffentlicht und mit dieser Prätentlon zu uns kommt, so ist für mich eigentlich der Fall von vornherein 10 Ein Akademiker, der zu uns kommt, hat sich zunächst ganz still in Reih' und Glied zu stellen und in den schwierigsten Positionen mit zu kämpfen.

Nachdem sich Bernhardt noch verteidigt hat und zugibt, daß sein Artikel in der Zukunft eine Entgleisung war, ergreift Bebel das Wort. Von der tündigen⸗ vom ganzen Parteitag mit Spannung verfolgten Rede können wir natürlich nur einen verschwindend kleinen Teil wiedergeben. Bebel bemerkte einleitend:

Man hat es beklagt, daß der Parteitag genötigt sei, seine kostbare Zeit mit Verhandlungen totzuschlagen, wie wir sie bisher gepflogen haben; man hat von Lite⸗ ratengezänk gesprochen. Ich begreife ja, daß die Ge⸗ nossen während gewisser Momente dieser Verhandlungen ein gewisses Gefühl des Widerwillens erfaßt hat; ich fürchte aber, auch in Zukunft werden wir noch manch⸗ mal genötigt sein, vor der weiten Oeffentlichkeit Fragen zu erörtern, von welchen wir wünschten, daß ihre Er⸗ örterung unterbliebe. Es ist nur natürlich, daß in einer großen Partei Krankheiten auftreten, ein kleiner Fäulnißprozeß sich entwickelt, ein Geschwür zu Tage tritt, das operiert werden muß, und so wenig für einen Arzt, so sind auch für uns solche Operationen nicht angenehm. Wir unterscheiden uns aber auch in dieser Hinsicht sehr vorteilhaft von allen übrigen Parteien. Wir können unsere schwarze Wäsche vor aller Welt waschen, die bürgerlichen Parteien können das nicht riskieren. Wir stehen nach solchen Operationen stets größer da, als zuvor. Wenn aber gesagt wird, es handelt sich hier um kleinliches Gezänk, so ist das unrichtig. Der Parteivorstand ist erst zu seinem, in zweistündiger Sitzung gefaßten Beschluß ge⸗ kommen, als das Maß zum Ueberlaufen voll war. Der Vorstand hat sich vorläufig nicht veranlaßt gesehen, dem Genossen Bernhard die Tätigkeit an der Morgenpost zu verbieten. Gewiß ist dies Blatt ein kapitalistisches Unternehmen und eine sehr schwere Konkurrenz für den Vorwärts. Man könnte also durchaus auf den Gedanken kommen, daß die Mitarbeit an einem solchem Blatte

die Partei schädige. Vorläufig hat sich der Vorstand zu dieser Ansicht noch nicht aufschwingen können. Ganz anders aber liegt die Sache, wenn es sich um ein Blatt wie die Zukunft handelt, das Zeit seines Besteh ens eine feindliche Haltung gegen die Partei eingenommen hat, die Partei in unanständiger, gemeiner, niederträchtiger Weise beschimpft und mit Füßen getreten hat. Ich hätte noch vor wenigen Jahren es nicht für möglich gehalten, daß es in der Partei Elemente giebt, die moralisch so tief gesunken sind, daß sie an einem Blatte wie die Zukunft mitarbeiten und mit Maximilian Witkowskl⸗Harden noch gewisse freund⸗ schaftliche Beziehungen haben!(Bravo!) Den Vater Witkowsky's hatte ich die Ehre zu kennen, den Sohn zu kennen, halte ich nicht für eine Ehre.

Bebel setzt dann in breitester Ausführlichkeit auseinander, wie er mit Mehring bekannt wurde, welche Wandlung dieser durchgemacht, erzählt, wie sich der Herausgeber derZukunft auch an ihn(Bebel) wegen Mitarbeiterschaft erfolglos gewandt habe.

Bezüglich der Akademiker, denen er immer die Stange gehalten Patte 10 man sagen: Seht euch jeden Parteigenossen an, wenn es aber ein Akademiker ist, seht ihn euch zweimal an. Gewiß, wir brauchen die Intelli⸗ genz. Er sage auch nicht, daß jene die Partei mit Absicht verderben wollen. Aber gerade als Akademiker sollten sie 15 vorsichtig sein und sich informieren, wie die Massen fühlen, wie sie denken. Eingehend bespricht Bebel viele persönliche und interne ee und wendet sich dann dem von Bernhardt in derZukunft veröffentlichten ArtikelPartei- moral zu, hierbei die Irrtümer des Verfassers nachweisend. Er schließt unter stürmischem Beifall:

Die Meinungsfreiheit kann unmöglich darin bestehen, daß jeder Beliebige in jedem gegnerischen Blatte schreiben kann, was er will, ohne auf die Partelanschauungen Rücksicht zu nehmen, wie Genosse Heine es hinstellt. Ohne die Einheit der Grundsätze, ohne die Einheit der Ueberzeugung der Ziele keine Einigkeit, keine Begeisterung für den Kampf, keine Möglichkeit, solche Stege zu er⸗ fechten, wie wir sie erfochten haben und weiter erfechten wollen und wenn auch die ganze Welt von Feinden sich gegen uns erhebt!

Am Mittwoch Vormittag wird der Antrag des Vorstandes mit 283 gegen 24 Stimmen angenommen, nachdem sech Heine, Göhre und Braun gegen die Angriffe Bebels ver⸗ teidigt haben.

Politische Rundschau.

Gießen, 17. September.

Gegen die Soldatenmißhandlungen

will die Armeeverwaltung energisch vorgehen. Diese erfreuliche Mitteilung macht eine Berliner Korrespondenz. Es derscge bei der Armee⸗ verwaltung die Auffassung, daß in der Tat die Tendenz festzustellen sei, daß die Mißhandlungen in der letzten Zeithäufiger und vor allen Dingen roher geworden seien. Es stehe dahin, ob diese bedauerliche Erscheinung auf eine tatsächliche Verschlimmerung der Ver⸗ hältnisse oder auf die häufigere Ausübung des Beschwerderechtes zurückzuführen sei. Eine Abänderung des ee eee werde aber zum Kampf gegen die oldatenmißhand⸗ lungen nicht für erforderlich gehalten.

Es sieht bisher nicht danach aus, daß es den Soldatenschindern ernsthafter an den Kragen gehen solle. Wenn die unmenschlichen Bruta⸗ litäten mit verhältnismäßig geringen Strafen belegt werden, so kann das nicht abschreckend wirken. Noch schlimmer aber ist, daß die wegen Mißhandlungen Beschwerde führenden Soldaten nur zu leicht wegen eines Fehlers sich noch einer Bestrafung aussetzen, weshalb die Furcht manche von der Beschwerde abhält. Es gibt nur ein Mittel, den Mißhandlungen radikal abzuhelfen: Man muß, wie wir schon oft betont haben, den mißhandelten Soldaten das Recht der Notwehr gegen ihre Peiniger geben und Gehorsamsverweigerungen bei un⸗ würdigen Zumutungen dürfen nicht mehr als Auflehnung gegen die Disziplin gelten. So lange nicht auch im Soldaten die Menschen⸗ würde geachtet wird, wird man der Mißhand⸗ lungen nicht Herr.

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