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Nr. 38.
Gießen, den 20. September 1903.
10. Jahrg.
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Kirchenplaß 11, Schloßgasse.
Sonnt
Mitteldeutsche
8 ⸗Jeitung.
Redaktionsschluß: Donnerstag Nachmittag 4 U
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2 Juserate Die ögespalt. Bei mindesteng
Unser Parteitag.
Am Sonntag Abend ist in dem großen Saale des„Trianon“ in Dresden unser e Parteitag eröffnet worden. Seit dem Falle des Sozlalistengesetzes ist es der erste Parteitag der sozialdemokratischen Partei, der in Sachsen abgehalten wird. Vor langer Zeit, als die sozialdemokratische Bewegung noch in den Kinderschuhen steckte, fand allerdings einmal ein ähnlicher Kongreß in Dresden statt, es war derjenige der sozialdemokratischen Ar⸗ beiterpartei, der sog.„Eisenacher“, der im Sommer 1871 dort tagte. Bisher erschien es nicht rätlich, den Parteitag in Sachsen abzu⸗ halten, weil auf dem Gebiete des Vereins⸗ und Versammlungsrechtes die reine Polizeiwillkür herrschte. Jedem Redner konnte von dem über⸗ wachenden Polizisten ohne weitere Begründung der Maßnahme das Wort entzogen werden, auch die Gefahr der Auflösung der Versamm⸗ lung war in Sachsen viel eher vorhanden, als im übrigen Deutschland. Außerdem waren bei den in Sachsen herrschenden Polizeimaximen Behelligungen der Ausländer zu erwarten, die die sozialdemokratischen Parteitage als Gäste zu besuchen pflegen. N
In diesen Verhältnissen ist einige Besserung eingetreten und deshalb bestimmte der Münchener Parteitag Dresden als den Ort des diesjährigen. Nach unsern glänzenden Wahlerfolgen in Sachsen muß die Hauptstadt dieses Landes für die Ab⸗ haltung der Partei⸗Heerschau als besonders geeignet erscheinen.
Der Parteitag ist durch Delegierte stark beschickt, die Mandatsprüfungskommisston stellte
später die Anwesenheit von 280 Delegierten
fest. Außerdem sind die meisten Abgeordneten erschienen, auch der Parteivorstand ist vollzählig zur Stelle, so daß der Parteitag 336 berechtigte Teilnehmer aufweist. Zahlreiche Gäste der ausländischen Sozialdemokratie überbringen die Grüße der Bruderparteien. Etwa 70 Vertreter der Presse nehmen an den für ste aufgestellten Tischen Platz. N Zur Begrüßung des netagz besteigt Abg. Aug. Kaden(Dresden) um Uhr die Tribüne. Seine im Einleitungssatz ausge⸗ sprochene Aufforderung:„Auf Grund des sächsi⸗ schen Vereinsgesetzes ersuche ich die Minder⸗ jährigen, den Saal zu verlassen“, wird mit großer Heiterkeit aufgenommen. Kaden fährt dann fort: Im Namen des Lokalkomitees heiße ich Sie herzlichst willkommen auf einem Boden, wo die deutsche Sozialdemokratie für immer heimatsberechtigt geworden ist. Die sächsischen Genossen haben sich der Ehre, daß der Parteitag in Dresden stattfindet, würdig gezeigt, indem sie Ihnen von den 23 sächsischen Mandaten 22 als Morgengabe entgegenbrachten.(Lebhaftes Bravo!) 1871 hatten wir bei der Reichstags wahl etwas über 100 000 Stimmen, und was ist in diesen 32 Jahren erreicht: Ueber 3 Mil⸗ ltonen Stimmen und 81 Mandate! Sachsen ist jetzt sozia⸗demokratisch und muß und wird es bleiben.(Bravo!) Möge nach diesen Er⸗ folgen das Bestreben obwalten, die Partei nach innen zu befestigen, damit wir allen Stürmen zum Trotz gewappnet sind. Unsere Gegner setzen ihre ganze Hoffnung auf einen Zwiespalt in unsern Reihen; in unsrer Hand liegt es,
daß sie sich täuschen. Wir haben dem Volke ein tatkräftiges Wirken für seine Wohlfahrt feierlichst zugesichert und das Volk hat uns durch seine Stimmen sein Vertrauen bewiesen. Diesem Vertrauen müssen wir durch Einigkeit und innere Kraft genügen.(Bravo!) Redner schließt: Unsre Parole muß dieselbe bleiben, wie seit fast 40 Jahren: Auf zum Kampf, auf zum Steg!
Hierauf nimmt Bebel das Wort, von stürmischem Beifall empfangen. Er dankt dem Vorredner für seine schwungvollen und gut gemeinten Worte. Wenn jemand, so könne Dresden und Sachsen jubeln über den großen Wahlerfolg, der auch die kühnsten Erwartungen übertroffen habe. Die Wahlen in Sachsen bilden ein einzig in der Parteigeschichte da⸗ stehendes Kapitel. In Sachsen hat das Volks⸗ gericht deutlich ausgesprochen: Die da regieren sind nicht die, von denen wir regiert sein wollen. Das sächsische Volksgericht hat die moralische Depossedierung derer bedeutet, die heute das Heft in der Hand haben. Das Volksgericht hat endlich denen einen Denkzettel gegeben, die uns jahrzehntelang gehudelt und gebüttelt. Gar oft habe ich mich gefragt, wann endlich wird in Sachsen dem Proletariat der Gedulds⸗ faden reißen? Was sich nämlich Sachsen gegen die Arbeiterschaft herausgenommen hat, das steht einzig da.(Sehr richtig!) Vor 20 Jahren etwa erklärte die offiziellste Persönlichkeit, der Minister des Innern— ich selbst habe die Worte gehört— die Gesetze des Landes gelten natürlich für alle, aber einzelne Gesetze müssen besonders gegen die Sozialdemokraten ange⸗ wendet werden.(Pfui ⸗Rufe.) Jetzt endlich hat man den Regierenden zugerufen: Nehmt euch in acht, jetzt ist das Maß unsers Unmutes voll! 1898 war ich mit dem Wahlerfolge nicht zu⸗ frieden. Ich sagte: Die Sachsen sind famose Kerle, aber sie sind noch zu„gemietlich“(große Heiterkeit), sie müssen Galle, Zorn und Leiden⸗ schaft ins Blut bekommen.(Heiterkeit.) Jetzt endlich ist mein Wunsch erfüllt. Die Herrschen⸗ den haben einen Denkzettel bekommen, den sie so bald nicht vergessen werden. Die drei Millionen über 25 Jahre alten Männer sie wußten genau, was sie taten, als sie uns wählten. Wenn unsere Parteigenossen hier und da unsere Ziele nicht voll entschleiert haben sollten, unsere Gegner haben es ja getan und tagaus tagein in den glühendsten Farben ge⸗ schildert, was wir für eine von Gott und Teufel verlassene Gesellschaft sind.(Stürmische Heiter⸗ keit.) Bebel giebt einen historischen Rückblick über die Entwickelung unserer Partei in Sachsen und spricht die Hoffnung aus, daß uns die eroberten Positionen in Sachsen niemals wieder verloren gehen. Damit erklärt er den Parteitag für eröffnet.
Als Vorsitzende werden Singer und Kaden gewählt. Dann folgt noch die Wahl der Kommissionen und die endgültige Festsetzung der Tagesordnung.
Am Montag, dem ersten Verhandlungstage begrüßt Singer, der kurz nach 9 Uhr die Sitzung eröffnet, die ausländischen Delegierten und dankt für die vielen Beweise der Solidarität, welche anläßlich der Wahlen die deutsche Sozial⸗ demokratie von den ausländischen Bruderparteien erhielt.— Eine Reihe ausländischer Delegterten
übermitteln die Grüße der von ihnen vertretenen Bruderparteien, so Dr. Adler-Wien, Nemec⸗ Prag, Tak⸗Amsterdam, Jones⸗England, Wilshire-Amerika.— Viele Begrüßungs⸗ telegramme sind eingelaufen. Den Bericht des Vorstandes
giebt Abg. Pfannkuch. Er verweist auf den gedruckten Bericht und gedenkt der Kämpfe gegen den Zolltarif. Bei den Reichstagswahlen suchte der Vorstand nach Möglichkeit dem Ver⸗ langen nach Rednern zu entsprechen. Die Mitglieder der Fraktion seien in erster Linie für diese Agitation in Bereitschaft gesetzt worden. Freilich hätten sich die Abgeordneten in erster Linie nur für ihre Wahlkreise und Heimat⸗ provinz zur Verfügung gestellt. Bedingungslos hätten sich nur Bebel und Singer zur Ver⸗ fügung gestellt, diese hätten in der Wahlagitation fast Uebermenschliches geleistet.— Die Ein⸗ richtung von Arbeitersekretariaten sei zunächst Aufgabe der Gewerkschaften; die Schaffung von Parteiarbeitersekretariaten sei vor allem in Gegenden augebracht, wo die Organisation noch schwach sei. Die Partei⸗ presse hat infolge der Agitation bei den Reichstagswahlen einen großen Aufschwung genommen.
Dasselbe konstatiert auch Gen. Gerisch, der den Kassenbericht gibt. Er bemerkt, daß unsere Parteiblätter im letzten Jahre zirka 130000 neue Abonnenten gewonnen und jetzt einen Abonnentenstand von zusammen rund 550000 zu verzeichnen haben. Im letzten Jahre habe sich auch die Opferfreudigkeit der Genossen in schöner Weise bewährt, es sei außerdem noch viel geleistet worden, was in der Abrech⸗ nung nicht zum Ausdruck komme. So sollte es immer bleiben!— Meister berichtet für die Kontrolleure und konstatiert, daß alles in bester Ordnung befunden worden sei. Nach einer kurzen Diskussion, die sich an den Bericht schloß, wird die Frage der
„Mitarbeit von Parteigenossen an
der bürgerlichen Presse“ erörtert, die innerhalb des Vorstands⸗ berichtes als selbständiger Punkt der Tages⸗ ordnung behandelt wurde. Hierüber berichtet ebenfalls Pfannkuch, der den hierzu vom Vorstand gestellten Antrag begründet. Danach kann es mit den Interessen der Partei nicht für vereinbar erachtet werden, daß Parteigenossen als Redakteure und Mitarbeiter an bürgerlichen Preßunternehmungen tätig sind, in denen an der sozialdemokratischen Partei gehässige oder hämische Kritik geübt wird. Im übrigen ist die Mitarbeit an bürgerlichen Blättern zulässig, wenn der Genosse durch seine Stellung nicht genötigt wird, gegen die sozialdemokratische Partei zu schreiben oder gegen dieselbe gerichtete Angriffe aufzunehmen. Doch sollten solchen Genossen keine Vertrauensstellungen übertragen werden, weil solche sie früher oder später in Konflikt mit sich und der Partei bringen müssen. Gegen diesen Antrag, der früher als eine„Er⸗ klärung“ des Vorstandes veröffentlicht wurde, wandten sich mehrere Genossen, so Dr. Braun (Berlin), Göhre, Heine und Andere, die dadurch die Meinungsfreiheit in der Partei gefährdet sehen. Die Entscheidung befinde sich in Uebereinstimmung mit dem Gefühl der großen Masse und hat die Zustimmung der Parteipresse und der Parteikreise gefunden.
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