Ausgabe 
19.4.1903
 
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Seite 4.

Mitteldeutsche Sountags⸗Zeftung

Nr. 16.

vorlage betr. Sicherung des Wahlgeheimnisses für sicher zu halten. In einer Anweisung der Kreisämter an die Bürgermeistereien heißt es: Der Reichstag hat den ihm vorgelegten Ent⸗ wurf einer Bekanntmachung, betreffend Abände⸗

rung des Wahlreglements vom 28. Mai 1870,

vor seiner gegenwärtigen Vertagung nicht mehr beraten, es steht jedoch zu erwarten, daß er unmittelbar nach seinem Zusammentritt dem⸗ selben seine Zustimmung erteilen wird. Im Weiteren werden die Bürgermeistereien aufgefordert, für Herstellung der Nebenräume Sorge zu tragen.

Gießener Angelegenheiten.

Die Frauen und die Reichs⸗ tagswahl. An die Frauen wendet sich ein Aufruf der Vertrauensperson der sozialdemo⸗ kratischen Frauen Deutschlands. Darin heißt es:

Genossinnen! Die in Aussicht stehenden Wahlen sind für uns Frauen von solchh eminenter Wich⸗ tigkeit, wie wohl kaum je zuvor. Wir Frauen müssen uns daher eifrig an der Agitation und allen anderen Aufgaben des Wahlkampfs beteiligen. Die bereits aufgeklärten Frauen sollten keine Gelegenheit vorüber ge en lassen, z. B. bei Gesprächen mit Nach⸗ barinnen, Arbeitskolleginnen, bei Einkäufen usw., auf die Wichtigkeit der Reichstagswahl und die Vertretung durch Sozialdemokraten hinzuweisen. Die Frauen müssen ferner, soweit sie in der Lage dazu sind, beim Flug⸗ blattverbreiten helfen, sich am Geldsammeln beteiligen, Adressen und Listen schreiben; auch am Tage der Wahl den Männern helfend zur Seite stehen. Haben wir Frauen auch noch kein Wahlrecht, so haben wir doch die Pflicht, dafür sorgen zu helfen, daß die Männer, die das Wahlrecht besitzen, es auch richtig anwenden. Wir Frauen sind durch unser Tun und Lassen mit ver⸗ antwortlich dafür, ob Arbeitslosigkeit, Hunger und Laster weiter wüten können, oder ob durch die Wahl einer großen Anzahl Sozialdemokraten der Weg gebahnt wird, Not, Unterdrückung und Unbildung aus der Welt zu schaffen und für alle ein menschenwürdiges Dasein herbeizuführen.

Darum Genossinnen! An die Arbeit! Keine Mühe gescheut, und der Erfolg wird nicht ausbleiben. Mir wollen den Wahlsieg dann in dem Bewußtsein mit⸗ feiern, daß es nicht nur unser Vorteil, sondern daß es auch mit unser Werk, die Frucht unserer Arbeit ist. Diesen Mahnungen sollten die Frauen überall die nötige Beachtung schenken, und sich soviel in ihren Kräften steht, an der Wahl⸗ bewegung beteiligen. Das Gießener Wahl⸗ komité wird voraussichtlich in den nächsten Wochen eine allgemeine Frauen⸗Versammlung einberufen, zu der eine Rednerin gewonnen und in welcher die Bedeutung der Reichstags⸗ 15 für die Frauen auseinander gesetzt werden 0

Das Fest derEintracht am 2. Oster⸗ feiertag war trotz des schlechten Wetters recht gut besucht. Es nahm den besten Verlauf und es wäre nur zu wünschen, daß bei künftigen Veranstaltungen ein etwas reichhaltigeres Pro⸗ gramm aufgestellt würde.

Die Liberalen sind mit einem Reichs⸗ tagskandidaten noch nicht auf dem Plane er⸗ schienen. Wie wir hören, wollen diesmal nicht, wie 1898, die Freisinnigen und Nationalliberalen gemeinsam in den Wahlkampf ziehen was auch wegen der Meinungsverschiedenheit in Zollfrage wohl nicht gut angeht sondern jede stellt ihren eigenen Kandidaten auf. Wer die Glücklichen sein sollen, darüber schwebt noch geheimnisvolles Dunkel.

Im Stadtheater spielt gegenwärtig das Operettenensemble des Elbinger Theaters. Zur Auf⸗ führung gelangen beliebte, gern gesehene Operetten von Millöcker, Strauß ꝛc. Die bisherigen Vorstellungen er⸗ freuten sich eines sehr zahlreichen Besuches.

Fleischbeschau. Mit dem 1. April trat bekanntlich für das ganze Deutsche Reich ein einheitliches neues Fleischbeschaugesetz in Kraft. Nach den Bestimmungen dieses Gesetzes müssen die Schlachttiere, deren Fleisch zwar nur zum eigenen Hausverbrauch bestimmt ist, die aber sich krank zeigen, vor und nach dem Schlachten von einem behördlich angestellten Fleischbeschauer untersucht werden. Die Be⸗ schaffenheit des Fleisches wird durch besondere Stempel gekennzeichnet. So bedeutet der Stempel OTaugliches Fleisch, der Stempel

bedeutetErheblich herabgesetztes(im Nahrungs- und Genuß wert herabgesetztes Fleisch,

nicht ladenreines Fleisch). Der Stempel in Form eines gleichschenkligen Dreiecks& bedeutet Untaugliches Fleisch, der Stempel U bedeutet Bedingt taugliches Fleisch und der Stempel I(mit dem WortePferd) bedeutetPferde⸗ sseisch. Auf dem Stempel ist gleichzeitig der Beschaubezirk vermerkt. Somit wäre der biedere Deutsche genügend vor Erkrankung durch schlechtes Fleisch geschützt. Ein großer Teil der arbei⸗ tenden Bevölkerung kommt überhaupt nicht in diese Gefahr, weil er das durch Zölle und Grenzsperren verteuerte Fleisch nicht mehr kaufen kann.

Aus dem Nreise gießen.

s. Ein braver Genosse wurde am Charfreitag in Watzenborn zu Grabe getragen. Genosse Ludwig Kolmer, Zigarrenmacher, wurde in der Blüte der Jahre, erst 32 Jahre alt, von einem Lungenleiden dahin⸗ gerafft. Die Beteiligung bei der Beerdigung war eine außerordentlich große. Mitarbeiter und Arbeiterinnen folgten dem Sarge in großer Anzahl, ebenso erwies der GesangvereinGermania und der Arbeiterbildungs⸗ verein dem Verstorbenen die letzte Ehre. Von letzterem Verein wurde ein Kranz mit entsprechender Widmung am Grabe niedergelegt. Der Umstand, daß dieser Kranz mit einer roten Schleife geziert war, hat bei verschie⸗ denen Armen im Geiste Aerger hervorgerufen, den ste durch haßerfüllte Ausdrücke über unsere stets stärker werdende Bewegung merken lassen. Nun, wir lassen diese Bemitleidenswerten ruhig reden und gehen darüber zur Tagesordnung über. Gänzlich unangebracht ist es aber, daß der Pastor am 1. Osterfeiertage von der Kanzel herab diesen pietätvollen Akt zum Gegenstand seiner abfälligen Kritik machte. Dazu lag nicht der geringste Anlaß vor; der hlesige Arbeiterverein hat sich nur erlaubt, was jedem Verein zusteht und wird sich auch in Zukunft von Niemand beirren lassen. Unserem verstorbenen Genossen, welcher eine Witwe mit einem Kind hinterlassen hat und zu jeder Zeit für unsere ge⸗ rechte Sache eingetreten ist, werden wir ein ehrendes Andenken bewahren.

8. Unsere Totenliste. In Lollar verstarb nach längerem Leiden unser Genosse Karl Fey in dem jugendlichen Alter von 20 Jahren an der Krankheit, die so viele Arbeiter dahinrafft, dem Lungenleiden. Unsere Freunde werden ihm ein gutes Andenken bewahren.

In Hausen feierte am 2. Ostertage unser Genosse A. Kloos und seine Gemahlin das Fest der silbernen Hochzeit. Möge dem Paar noch viele Jahre ein glückliches Zusammenleben beschieden sein!

Das erste Kreis fest der Sozialdemokraten des Wahlkreises Gießen findet am 28. Juni in Trohe statt. Damit ist zugleich die Fahnenweihe des dortigen Wahlvereins verbunden. Bis zu diesem Tage find vor⸗ ausfichtlich die Reichstagswahlen erledigt und wir hoffen und wünschen, daß sich das Fest zu einer Sieges⸗ feier für unsere Sache gestalte. Um dies aber zu erreichen, bedarf es angestrengtester Arbeit, zu welcher jeder Genosse sein Teil zu leisten verpflichtet ist.

Aus dem Nreise friedberg⸗Büdingen.

Kreiskonferenz. Die am 1. Oster⸗ feiertage im Saale zur Stadt New⸗Nork in Friedberg stattgefundene Kreiskonferenz war sehr stark besucht. Es waren 60 Dele⸗ gierte aus 40 Orten anwesend, eine gewiß stattliche Zahl fur einen Wahlkreis mit solcher Aus dehnung und überwiegend bäuerlicher Be⸗ völkerung. Gen. Kühn⸗Friedberg eröffnete um Uhr die Konferenz und teilte zunächst mit, daß Gen. Busold durch Krankheit am Er⸗ scheinen verhindert sei. Der Hauptberatungs⸗ gegenstand betraf die Wahlagitation. Gen. Repp⸗Friedberg berichtete zunächst über die seither betriebene Agitation und wie dieselbe weiter geführt werden sollte. Gen. Busold hatte in einem Schreiben an die Konferenz seiner Meinung, wie die Agitation am besten zu betreiben sei, Ausdruck gegeben. Von Gen. Repp wurden diese Anregungen noch in ver⸗ schiedenen Punkten ergänzt. Was die seitherige Tätigkeit des Zentralwahlkomitees anbelangt, muß konstatiert werden, daß dasselbe gut ge⸗ arbeitet hat. Denn wie aus dem Bericht zu ent⸗ nehmen war, sind in 56 Orten Vertrauensmänner gewonnen, welche das Nötige, unterstützt durch die einzelnen Bezirksleiter, für die be⸗ vorstehende Wahl bewerkstelligen. Die sonstigen Ausführungen des Referenten betrafen größten teils die Verhaltungsmaßregeln vor und am Tage der Wahl. An der Diskusston beteiligten sich die Gen. Armbrust⸗Vilbel, Haris⸗Himbach,

Schüttler⸗Niedereschbach, Rauther- Büdingen. Alle Redner waren darin einig, daß alle Kräfte angespannt werden müßten, um bei der Wahl dem Grafen Oriola eine empfindliche Schlappe beizubringen.

In seinem Schlußwort bemerkte Repp, daß alle Wünsche der Genossen so viel wie möglich berücksichtigt werden sollen. Er schloß mit einem Appell an die Delegierten, in ihren Orten für eine rege Agitation zu sorgen. Sodann referierte Gen. Kühn⸗Friedberg über die bevorstehende Maifeier und ermahnte die Genossen, dafür zu sorgen, daß so viel wie möglich die Arbeit am 1. Mai ruhe, wodurch man auch dem Beschlusse der Landeskonferenz Rechnung trage. Eine diesbezügliche Resolution fand einstimmige Annahme. it einem Appell zu eifriger Agitation in den nächsten Wochen schloß der Vorsitzende um 6 Uhr abends die Konferenz.

a. Von der Wahlagitation. Am Sonn⸗ tag vor 8 Tagen fand in Helden bergen eine gut⸗ besuchte Wählerversammlung statt, in der unser Reichs⸗ tagskandidat für den Kreis Friedberg, Gen. Busold, über die bevorstehende Reichstagswahl sprach. Nachdem Redner unsere Forderungen klargelegt, ging er etwas näher auf das Verhalten unseres jetzigen Vertreters, des Grafen Oriola, ein, indem er den Anwesenden aus⸗ einandersetzte, wie dieser stets mit der Regierung durch Dick und Dünn gegangen und bereitwilligst allen For⸗ derungen für Militarismus und Maxinismus, für höhere Getreidezölle usw. zugestimmt habe. Selbst bei seinem Steckenpferde im Reichstage, dem Militär⸗In⸗ validen⸗Penstonsgesetze, stimmte er nur für kaum die Hälfte der sozialdemokratischen Forderungen. Seine Fürsorglichkeit für die Kriegsinvallden ist nur Schein; wie er für das arbeitende Volk nichts übrig hat, so auch nicht für die alten Soldaten. Trotzdem wählen ihn noch viele Arbeiter und Kleinbauern, weil sie sich von seinem schönen Getue irre führen lassen. Durch Geschenke, welche er zu Wahlzeiten den verschiedenen patriotischen und kirchlichen Vereinen macht, sucht er sich bei den Bauern und kleinen Leuten einzuschmeicheln. Die Leute bedenken aber nicht, daß der Herr Graf diese Wahlausgaben wieder doppelt und dreifach als Gesetz⸗ geber verdient, wenn er für höhere Zölle usw. stimmt. Die Ausführungen unseres Genossen wurden sehr beifällig entgegengenommen. Ebenso in Rendel, wo er abends über denselben Gegenstand in einer zum größten Teile von Bauern besuchten Versammlung sprachf

Aus dem Rreise Wetzlar.

Kontrollversammlungen im Kreise Wetzlar finden statt in: Wetzlar, Land, Ersatz Reserve · Schützengarten, 21. April 9 Uhr Vormittags für Ho, Altenberg, Bahnhof Wetzlar, Garbenheim, Nauborn, Niedergirmes, Oberbiel, Steindorf. Katzenfurt, Wirt⸗ schaft Lorenz, 21. April, 1 Uhr 45 Nachmittags für Daubhausen, Dillheim, Edingen, Ehringshausen, Greifen⸗ stein, Greifenthal, Holzhausen, Katzenfurt, Ulm. Wetz⸗ lar, Land, Reserve und Landwehr, Schützengarten 23. April 9 Uhr Vormittags für Hof Altenberg, Bahn⸗ hof Wetzlar, Garbenheim, Nauborn, Niedergirmes, Ober⸗ biel, Steindorf. Aßlar, Bahnhof, 23. April 1 Uhr 15 Nachmittags für Aßlar, Berghausen, Blasbach, Klein⸗Altenstädten, Werdorf. Wetzlar, Stadt, Re⸗ serve, Schützengarten, 24. April 9 Uhr Vormittags. Wetzlar, Stadt, Ersatz⸗Reserve und Landwehr, Schützengarten, 24. April 2 Uhr Nachmittags. Wiß⸗ mar, Bahnhof, früher Krofdorf 28. April 11 Uhr 45 Vormittags für Gleiberg, Krofdorf, Launsbach, Odenhausen, Salzböden, Vetzberg, Wiß⸗ mar. Dutenhofen, Bahnhof, 28. April 8 Uhr 30 Nachmittags für Atzbach, Dorlar, Dutenhofen, Kinzen⸗ bach, Münchholzhausen. 5

h. Das sozialpolitische Gewissen der Nationalliberalen soll nach den Einsendungen, die kürzlich im Wetzlarer Kreisblatt zu lesen waren, ein sehr gutes sein. An hunderten von Beispielen können wir den Nachweis führen, daß die Nationalliberalen in sozialpolitischer Beziehung ein sehr weites Gewissen haben. So sagte der natl. Abg. Hilbck vor gar nicht langer Zeit bei Beratung des Antrages auf Einführung des zehnstündigen Normal- arbeitstages:

Ich möchte aber dem Arbeiter unter keinen Umständen das Recht verkümmern, wenn es seine Körperkräfte erlauben, auch länger zu arbeiten. Wir wollen die Kluft verringern, und ein bißchen Mehrarbeit schadet nichts, wenn sie dem Ein⸗ zelnen ermöglicht, auf diesem Wege sozlal emporzusteigen. Ich halte einen Normalarbeitstag also prinzipiell für bedenklich. Eine Ausdehnung des Schutzalters vom sechzehnten auf das achtzehnte Jahr für jugendliche

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