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Mittel deutsche Zonntags⸗geitung.
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nach Aussage des Herrn Direktors Baumann „ein tüchtiger Arbeiter gewesen ist, nicht den geringsten Anlaß zum Tadel gegeben und seine Arbeit zur vollen Zufrieden⸗ heit verrichtet hat!! Warum aber dann solche Leute auf's Pflaster werfen, die in e ihre Arbeit„vorzüglich“ genannt werden? Warum die Weigerung, sie wieder ein⸗ 1 ja sogar diesen„guten Arbeitern“ ie 14tägige Lohnentschädigung verweigern? Diese Personen hatten sich„mißliebig“ gemacht, indem sie von dem ihnen gesetzlich zugestandenen Recht der Koalitionsfreiheit Gebrauch machten und ihre Mitarbeiter aufforderten, dem deut⸗ schen Textilarbeiterverband beizutreten. Das sind nur einige wenige Beispiele, die beweisen, wie es in Wirklichkeit mit der„gesicherten Existenz“ der Arbeiter aussteht.
Totbeten der Sozialdemokratie.
In Trier fand jüngst eine Volks versamm⸗ lung statt, welche, wie wir mitteilten, aufgelöst wurde. Wie arg den Frommen in Trier diese Versammlung in die Glieder gefahren ist, be⸗ weist folgende Anzeige im„Trierer Volksfreund“: „Der Katholische Arbeite r-Verein besucht morgen Nachmittag die Kreuzwegstationen auf dem Wege zum Kreuzchen. Die Teilnehmer ver⸗ sammeln sich um 4½¼ Uhr bei dem ersten Kapellchen. Es soll dies eine Kundgebung der katholischen Arbeiterwelt sein gegen die soztaldemokratische Versammlung in der„Germania“ am verflossenen Samstag.“ Ueber den Verlauf der anttsozialistischen Wall⸗ fahrt berichtet das genannte Blatt dann weiter: „Unter großer Beteiligung besuchte gestern der katholische Arbeiter⸗Verein die Kreuzwegstation am Kreuzchen. Mit dem Rosenkranz in der Hand, zog wie eine lebende Welle, singend und betend, die Schaar katholischer Männer den Berg hinauf. Nach Erteilung des Segens durch den hochw. Herrn Präses traten die Teilnehmer in dem Bewußtsein, den religtösen Pflichten in ernster Zelt entsprochen zu haben, den Heimweg an.“
Ein neues Mittel im„geistigen“ Kampfe gegen die Sozialdemokratie, erfunden in der Stadt des heiligen Rockes! Hoffentlich bringt dieser Mißbrauch der Religion, wie er hier von dem Pfaffentum geübt wird, uns auch in dieser rückständigen Gegend einen erheblichen Stimmenzuwachs.
Die Partei der ganz Schlauen.
Von verschiedenen parteigenössischen und gegnerischen Blättern wurde bei Exörterung der Wahlaussichten als wahrscheinlich ange⸗ nommen, daß die Zahl der sozialbemokratischen Mandate sich auf ca. 6 aud vermehren werde. Diese Aussicht ist natürlich dem Offen⸗ bacher Antisemitenblatte höchst unangenehm, umsomehr, als seine eigene Partei keine Ursache hat, der Wahl mit großen Erwartungen ent⸗ gegen zu blicken und Hirschel giebt seinem Aerger dadurch Ausdruck, daß er jener Notiz hinzufügt:
„Da die Dummheit stets in der Masse vorherrschend ist, dürste sich die Hoffnung der Sozzen bewahrheiten.“
Herr Hirschel hält demnach die Angehörigen seiner Partei für sehr kluge L d sich als
den Führer davon na; f gsten. Wir meinen, ein klein wenig scheidenheit könnte ihm nicht schaden. 3 piel sprach sich schon vor 10 Jah Hamburger Antisemit, Wilh. Mar stige Be⸗ fähigung der Antisem! 1 g aus. Den Antisemilismus ckel, Al It und Konsorten nannte e f mus
der dummen Kerle“ und am Schluß einer Einsendung im„Hamb. Echo“ vom 1. Juni 1893 rief er über die Antisemiten aus:„Herr! Siehe dies Volk an! Es sind lauter Zigeuner!“— Gebessert haben sich die Antisemiten bis heute noch nicht!
Sozialistische Kongresse.
Die französischen Sozialisten, die man nach der von Jaures vertretenen Richtung als „Jaursésisten“ bezeichnet, hielten über Ostern in
Bordeaux ihren Kongreß ab, zu dem sich über 200 Delegierte eingefunden hatten. In einer Ver sammlung von mehr als 4000 Zubörern hielt Jaures eine Rede zur Begrüßung der Delegierten. Er kam dabei auch auf die Dreyfus⸗Angelegenheit zu sprechen und er⸗ klärte, es handle sich nicht um die Verteidigung eines einzelnen Mannes, sondern um die Ver⸗ teidigung der Menschlichkeit, wozu dieser Mann nur Anlaß gegeben. Der Redner erklärte ferner, der Kampf gegen die Kongre⸗ ganisten müsse bis ans Ende durchgeführt werden. Die Versammlung beschloß auf Antrag Jaurées ein Begrüßungstelegramm an die deutsche Sozialdemokratie, in dem der Hoffnung Aus⸗ druck gegeben wird, daß die deutsche Sozial⸗ demokratie siegreich aus dem bevorstehenden Wahlkampfe hervorgehen möge.— Der Kongreß selbst verhandelte dann lange über einen Antrag auf Ausschluß des früheren Ministers Mill e⸗ rand aus der Partei. Es wurde beschlossen, Millerand wegen seiner Abstimmung in der Deputiertenkammer, wodurch er sich mit dem Parteiprogramm in Widerspruch setzte, nicht aus der Partei auszuschließen, jedoch ihm einen offiziellen Tadel auszusprechen.—
Der Kongreß der belgischen Sozialisten wurde am Sonntag in Brüssel unter Teil⸗ nahme von 592 Delegierten eröffnet. Vertreter der polnischen und luxemburgischen Parteigenossen waren erschienen. Nach der Eröffnung gelangte ein Sympathietelegramm an die sozialistischen Kongresse in Bordeaux und Budapest zur Ab⸗ sendung. Darauf ergriffen verschiedene Redner das Wort zur Tagesordnung, deren Haupt⸗ punkte die Organisatlon der Sozialisten und die Erlangung des allgemeinen und gleichen Stimmrechts sind. Der Kon⸗ greß beschloß, im nächsten Jahre eine nach— haltige Bewegung zur Erreichung des allge⸗ meinen Stimmrechts in die Wege zu leiten und beauftragte die Parteileitung bis dahin die nötigen Vorbereitungen zu treffen.
— Bei dem Kongreß der ungarischen Sozialdemokratie, der ebenfalls am 1. Oster⸗ feiertag in Budapest eröffnet wurde, waren im Ganzen 280 Delegierte aus 165 Orten an⸗ wesend. Besonders zahlreich war die bäuerliche Bevölkerung aus den rumänischen, serbischen und flovakischen Landesteilen erschienen. Zu Ehren des Delegierten fand am Ostersamstag ein Fackelzug statt.
Der Kampf der holländischen Arbeiter
ist vergeblich gewesen, er hat mit ihrer vor⸗ läufigen Niederlage geendet. Die Zuchthaus— vorlage ist Gesetz geworden. Die herrschende Klasse, Mucker und Liberale im schönen Bunde haben ihre Uebermacht mißbraucht um der Ar⸗ beiterschaft das Koalitionsrecht zu nehmen. Nachdem die zweite Kammer bereits am Donners⸗ tag das Knebelgesetz angenommen hatte, hielt die erste den höchsten Feiertag der protestan⸗ tischen Christenheit, den Charfreitag, für nicht zu gut um die gesetzliche Knebelung großer Arbeiterschichten zu beschließen. Und die Re⸗ gierung hat am Sonnabend das böse Werk vollendet— am 11. April hat die Königin den Vorlagen ihre Zustimmung erteilt und die Re⸗ gierung hat sie sofort verkündet und in Kraft treten lassen. Das Osterfest stand bereits unter dem Zeichen der Zwangs- gesetze! Die Beute konnte nicht schnell genug in die Scheuer eingebracht werden.
Das Abwehrkomité der Arbeiterschaft em— pfahl bei dieser Sachlage den Arbeitern die Aufhebung des Streiks. Damit waren gewiß nicht alle Arbeiter sogleich einverstanden, doch mußten sie bei ruhiger Ueberlegung erkennen, daß eine Fortsetzung des Kampfes nutzlos sei und die Zahl der Opfer nur vergrößern würde.
Die Niederlage ist schmerzlich— aber ihrer Möglichkeit mußte von vornherein fest ins Auge geblickt werden. Die deutsche Sozialdemo⸗ kratie hat dem Experiment des Generalstreiks stets skeptisch gegenüber gestanden, und das holländische Parteiblatt„Het Volk“ hat vor dem Ausbruch lebhafte Bedenken gegen den Massenausstand geäußert. Aber selbstverständ⸗ lich mußten diese Bedenken zurücktreten, sobald das holländische Proletariat die Benutzung
dieser Waffe einmal beschlossen halte— den Kämpfenden durfte man nicht mehr mit Be⸗ denken kommen, da gab es nur noch eins: Mitkämpfen durch das Wort oder die tätige Hilfe. Und der Streik, der Kampf ist ja auch trotz seiner E nlostgkeit nicht ganz umsonst gewesen. D be ft Hollands hat den skrupellosen Gegner gezeigt, daß sie kämpfen kann, esich nicht stumm knebeln läßt. 2 ollänbischen Gel d⸗ protzen haben es doch er empfinden müssen, welche Kraft im Proletariat steckt und ziehen hoffentlich die nötigen Lehre daraus. Aber auch unsern Gen Verlauf des Kampfes, welche Fülle von Arbeit in Holland noch zu leisten ist, wenn eine Aufklärung und politische Schulung der Arbeitermasse herbei⸗ geführt werden soll.
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Die Wahlbewegung.
Nationalsozialer in der Mause⸗ rung. Herr Erdmannsdörfer, der frühere Redakteur der nationalsozialen„Hess. Landes⸗ zeitung“, hat sich im Kreise Aurich⸗Wilhelms⸗ haven als Kandidat der Freisinnigen Ver⸗ einigung aufstellen lassen. Der„Freis. Ztg.“, die von dieser Kandidatur Notiz genommen, schrieb Erdmannsdörfer, es sei unrichtig, daß er nationalsoztaler Agitator sei. Demnach hat er sich wohl den Freisinnigen zugewandt. Früher war der Mann einmal Antisemit, schrieb als solcher auch eine Broschüre„Die Juden und die Cholera“, worin er die Juden für die Cholera⸗Epidemie in Hamburg verant⸗ wortlich machte. Wie schon viele, scheint auch dieser wandlungsfähige Politiker das national⸗ soziale Parteigebilde als Durchgangs⸗Stadium zu benutzen. Möglich, daß er einst in der Nähe von Max Lorenz landet.
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Im Kreise Wiesbaden haben die Frei⸗ sinnigen wieder den bisherigen Abg. Genossen⸗ schaftsanwalt Crüger, der sich stets als sehr sozialistenfresserisch geberdete, als Kandidaten aufgestellt.
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Rechtssprechung.
Ein für Arbeitgeber und Arbeitnehmer gleich wichtiges Urteil fällte das Düsseldorfer Gewerbegericht. Ein auf einem dortigen größeren Eisenwerke beschäftigter Schlosser verlangte nach 25wöchentlicher Krankheit Wiedereinstellung in den Betrieb, wurde jedoch abgewiesen. Da nun der Paragraph 124 U der Gewerbeordnung bestimmt, daß zur Arbeit unfähige Gesellen und Gehilfen sofort entlassen werden können, kam das hiesige Gericht zu der Auffassung, daß zur Lösung des Arbeits verhältniß eine Verständigung des Arbeitnehmers erforderlich sei, welche in diesem Falle nicht erfolgt war. Dem Schlosser wurde deshalb auf seine Klage wegen unge⸗ rechtfertigter Entlassung ein angemessener Schadenersatz zugebilligt.
Stiefkinder haben keinen Anspruch auf Unfallrente, wenn ihr Stiefvater einem Betriebsunfalle zum Opfer gefallen ist. Nach einer jüngst ergangenen Entscheidung des Reichs⸗ versicherungsamtes sind die maßgebenden Mo⸗ mente für die Berechtigung des Anspruchs auf Hinterbliebenenrente nach einem; durch Unfall ums Leben gekommenen, die Blutsverwandtschaft und die Unterhaltungspflicht des Getöteten zu seinen Lebzeiten, die durch die Rente ersetzt werden soll. Zwischen leinem Stiefvater und seinem Stiefkinde besteht jedoch nach,§ 1590 B. G.⸗B. nur ein Schwägerschafts⸗, kein Ver⸗ wandtschaftsverhältnis und nach§ 1601 sind nur Verwandte verpflichtet, einander Unterhalt zu gewähren, unter Verschwägerten, besonders auch zwischen Stiefeltern und Stiefkindern, be⸗ steht keine Unterhaltspflicht.
Pon Nah und fern.
Hessisches.
Zur Reichstagswahl. Die hessischen Behörden scheinen die Annahme der Regierungs“
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