Ausgabe 
18.10.1903
 
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Seite 6.

Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung.

Nr. 42.

1. Es können nur Preußen wählen.

2. Die Stimmabgabe ist keine geheime, sondern eine öffentliche. f 3. Die Wahl ist eine indirekte, das heißt die Wähler wählen nicht den Abgeord⸗ neten, sondern sie wählen Wahlmänner, welche später den bezw. die Abgeordneten zu wählen haben; deshalb nennt man

die Wähler Urwähler.

Die Wähler sind in drei Klassen eingeteilt und wählt jede Klasse für sich die Wahlmänner. 1 i

Die drei Klassen. Die Urwähler eines jeden Bezirks werden nach Maßgabe der von ihnen zu entrichtenden direkten Staats-, Gemeinde-, Kreis⸗, Bezirks⸗ und Provinzial⸗ steuern in drei Abteilungen geteilt und zwar so, daß auf jede Abteilung ein Drittel der Gesamtsumme der Steuerbeträge aller Urwähler entfällt. Die Einteilung der Urwähler in drei Klassen geschieht in folgender Weise:

Zunächst haben die Behörden die Urwahl⸗ bezirke abzugrenzen. Kein Urwahlbezirk darf weniger als 750 und mehr als 1749 Seelen zählen. Auf jede Vollzahl von 250 Seelen ist ein Wahlmann zu wählen. Es kann also kein Wahlbezirk weniger als drei und mehr als sechs Wahlmänner wählen. Zählt ein Bezirk z. B. 1300 Seelen, so entfallen auf ihn 5 Wahlmänner. Mit der Bekanntmachung der Wahlbezirke bestimmt die Behörde zugleich, wie⸗ viel Wahlmänner in den einzelnen Bezirken für jede Klasse zu wählen sind. Sind z. B. fünf Wahlmänner zu wählen, so entfallen auf die dritte und erste Abteilung je zwei Wählmänner, den fünften Wahlmann wählt die zweite Ab⸗ teilung. Sind vier Wahlmänner zu wählen, so wählt die zweite Abteilung zwei, die erste und dritte Abteilung je einen. Auf alle Fälle muß im Ganzen auf jede Abteilung ein Drittel der Wahlmänner entfallen.

Wahlberechtigt ist jeder selbständige Preuße, welcher am Tage der Urwahl das 24. Lebensjahr vollendet hat und mindestens sechs Monate in der Gemeinde seinen Wohnsitz oder Anfenthalt hat. f

Alsunselbständig gilt bei der Land⸗ tagswahl, wer Soldat ist, sich in einer Straf anstalt befindet, wer in Konkurs geraten oder unter Vormundschaft gestellt ist.

Nicht wahlberechtigt ist ferner, wer durch richterliches Erkenntnis die bürgerlichen Ehrenrechte verloren hat, oder wer zur Zeit der Anfertigung der Wählerlisten Armenunterstützung aus öffentlichen Mit⸗ teln empfängt. Früher bezogene Armenunter⸗ stützung hat den Verlust des Wahlrechts nicht zur Folge.

Offenlegen der Wählerliste. Für jeden Urwahlbezirk ist eine besondere Liste aller Urwähler aufzustellen. Diese Listen müssen drei Tage zu jedermanns Einsicht in einem oder mehreren Lokalen offen gelegt werden. Wer nicht iu dieser Liste steht, muß sich innerhalb dieser drei Tage melden, wenn er sein Wahl⸗ recht ausüben will.

Bei dieser ersten Offenlegung kann man noch nicht sehen, zu welcher Klasse die Wähler gehören. Erst nach Beendigung der Auslegung schreitet die Behörde zur Klassen⸗ einteilung. Ist dies geschehen, so muß die nach Klassen geordnete Liste nochmals drei Tage offen gelegt werden, damit diejenigen, welche glauben in eine unrechte Klasse eingereiht zu sein, Einspruch gegen die Richtigkeit der Liste erheben können. Hierbei ist zu beachten: Wer zu einer Staatssteuer nicht veranlagt ist, erhält einen fingterten Steuersatz von 3 Mk. in Ansatz gebracht. Doch können solche Personen niemals in der zweiten oder ersten Abteilung wählen, auch wenn sie vermöge ihrer Gesamtsteuersumme in die höhere Klasse gehörten.

Obwohl wir, soweit das Verbreitungsgebiet unseres Blattes in Betracht kommt, Erfolge bei einer etwaigen Wahlbeteiligung kaum er⸗ warten können, so schadet es doch durchaus nicht, wenn sich unsere preußischen Genossen ein wenig mit dem sogenannten Wahlrecht und dem verzwickten Wahlverfahren bekannt machen.

* S N SSS 50 Unterhaltungs-Ceil.

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Der Sieg des Schwachen.

Erzählung von Melchior Meyr.

3.(Fortsetzung.)

Die Sache war: der Alte hatte recht mit seiner Ironie. Sibylle war gegenwärtig ohne Mitbewerberinnen; denn Tobias hätte zwar in früherer Zeit andere haben können, dermalen aber war jede, die er Si ylle hätte vorziehen müssen, versehen, und diese die einzige Mögliche. Der Gedanke, durch die Heirat der Zuchtrute des Alten zu entgehen und sein eigener Herr zu werden, hatte unvermerkt auf die Gestalt des Mädchens eine modifizierende Einwirkung geübt. Die Schulter war niedrig geworden, daß man sie von der andern kaum unterscheiden konnte; das robuste Gesicht, letzthin schon von Wunsch und Sehnsucht erweicht und durchglänzt, erlangte in der Verliebtheit, die er sich immer größer denken mußte, einen beinahe schönen Ausdruck. Noch eine Zusammenkunft und da⸗ zu die Beihilfe guter Geister und Sibylle war glücklich, der Schneider gefangen.

Da geschah es, daß die bisherige Pfarrmagd ihren Dienst verließ und an ihre Stelle ein Mädchen kam, die, aus dem benachbarten Kessel⸗ tal gebürtig, das letzte Jahr in Ulm gedient hatte und der Pfarrerin von dort rekomman⸗ diert worden war. Tobias, der dem geistlichen Herrn einen ausgebesserten Rock heimzutragen

hatte, sah sie, sprach sie und kam als ein

Verwandelter nach Hause.

Barbara, rieserisch Bäbe, war aus einem protestantischen Dorfe jenes Tales, das von bewaldeten Anhöhen eingeschlossen war, von der kleinen mühlentreibenden Kessel durchströmt ist, und dessen Bewohner, obwohl sie einzelne Aus⸗ drücke und Manieren für sich haben, im ganzen von den Riesern wenig verschieden sind. Als Kind unbemittelter Eltern, hatte sie früh dienen müssen, aber gute Häuser gefunden und als regsames Mädchen endlich in der Stadt ihre Geschicklichkeit vervollkommnet. Bei dem Ruf in das Dorf war ihre Neigung zum Landleben wieder erwacht, und sie gab ihr nach viel⸗ leicht getrieben von dem Geschick, das eben hier eine Lebenswendung für sie bereit hatte.

Das Mädchen gehörte zu den glücklichen Geschöpfen, die mit Gesundheit und Tüchtigkeit an Leib und Seele eine gewinnende natürliche Anmut verbinden. Stattlich, wohlgebaut und von gedrungenen Formen, in ihrem Benehmen stcher und ruhig, flößte sie auf den ersten An⸗ blick Vertrauen ein. Der Kopf war mehr rund als oval, die Stirn nicht sehr hoch, weil die urkräftigen dunklen Haare etwas tiefer als gewöhnlich heruntergingen. Mit dunkelbraunen Augen und einem Gesicht, dessen frisches Rot sich ins Bräunliche verlief, war sie, was man auch im Riesa schwarzbrauns Deandel zu nennen und nach Gebühr zu schätzen pflegt.

Die Anmüt in ihrem Wesen beruhte in an⸗ geborener Gutmütigkeit und einer natürlichen Schlauheit, die sie in ihren verschiedenen Dienst⸗ verhältnissen ausgebildet hatte. Sie half gern, nahm sich gern der Bedrängten an, erreichte aber auch gern selber ihre Zwecke, die wesent⸗ lich praktisch waren und am Ende darauf hinausgingen, in einem guten Dienste bei steti⸗ gem Fleiße das bisher ersparte Sümmchen Jahr für Jahr zu vermehren, um endlich, wenn's Gottes Wille wäre, einen braven Mann damit 8 zu machen. Vergnügten Sinnes von

atur, wurde sie leicht heiter und zeigte beim Lachen hinter frischen, siunlich behaglichen Lippen schöne mittelgroße Zähne. Wenn sie eines leiden mochte, sah sie es mit unverhohle⸗ nem Wohlwollen und einer Art von mütterlichem Ausdruck an; hatte sie aber entschiedenes Ge⸗ fallen an jemand und wollte sie selber gefallen, so gewann ihr Gesicht ein Glanz bis zum Rosi⸗ gen, ihre Stimme eine Weichheit bis zum Süßen.

Ich glaube durch diese naturgetreue Schilder⸗ ung unseren Tobias gerechtfertigt zu haben, wenn er aus dem Pfarrhaus mit Empfindungen heimging, die ihm durchaus neu waren, die er aber sogleich als dierechte Liebe erkannte und mit freudigem Schreck als langersehntes Glück begrüßte, trotzdem daß ein lebhaftes Beben ihn auch schon das damit verbundene Verhäng⸗ nisvolle ahnen ließ. Zu seiner Bezauberung mochte das dunkle Gefühl beigetragen haben, daß dieses Mädchen eben an sich hatte, was ihm fehlte, daß er ihr sich anvertrauen und an ihr eine Ergänzung finden konnte. Die Bäbe gab sich allerdings nicht viel mit Einbildungen

und Erwägungen ab. Sie war eine von denen, die wissen, was sie wollen; und was ihr recht und gut schien, das führte sie mit geräuschloser

Festigkeit aus, ohne sich durch den Gedanken,,

was wohl andere Leute dazu sagen möchten,

allzuviel beunruhigen lassen. Ihre Fassung zu verlieren, lag nicht in ihrem Wesen, vielmehr

konnte sie im Notfall entschlossen auftreten und

kräftig ihre Rechte wahren. Von alledem er⸗ hielt der junge Schneider eine Ahnung, als er sie in Abwesenheit der Pfarrleute vor sich stehen sah und nach den ersten Fragen und Antworten in ein kleines Gespräch mit ihr kam. sich ihrer Statur, ihrer schönen Rundheit und

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Er freute

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und ihrer teilnehmenden Reden. Als aber der 1

nette Bursch, das gute, feine, an ihr mit offen⸗ barem Wohlgefallen hängende Gesicht auch vor ihren Augen Gnade fand und sie sich nicht er⸗

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wehren konnte, ihn mit liebevollen Blicken an⸗ zusehen und ihrer Stimme dabei einen holderen

Klang zu geben da war er fertig. 1 9

Die ersten Stunden nach der Zusammenkunft 4 vergingen dem erregbaren Herzen in einem

förmlichen Rausche.

Als die Wogen der Ge⸗

fühle zu sinken begannen, fing er an zu über⸗

legen und erkanute klar das Aengstliche seiner Lage. Sibylle erschien ihm jetzt fatal,

hatte und aussah wie ein Frauenzimmer? Aber

ja, sofern sie ihn zum Manne begehrte, recht eigentlich anmaßend. Wie konnte er eine solche Person heiraten er, den die Bäbe angelächelt, die Bäbe, die Schönste, die er je gesehen, die in ihrem städtischen Kleide etwas Vornehmes

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die Sibylle wollte der Vater und hatte, wie es schien, seinen Kopf darauf gesetzt; und die

Bäbe, das wußte er aus dem Gespräch, hatte

nur noch eine Mutter und einen Stiefvater, die

sich kaum selber durchbringen konnten, und von ihnen so gut wie nichts zu hoffen. sche Tracht, in seinen Augen einen Vorzug, war dem Alten zuwider; denn dieser war ein

ganzer Bauernschneider, fand nur die Rieser Tracht schön, legte selber die kurzen Lederhosen

nie ab und hatte auch dem Sohne lauge tuchee nicht früher gestattet, als bis der junge Schuster 1

des Dorfes ihm vorangegangen. Das gab einen bösen Handel, wenn er diesem Maune sagte, er wolle nicht Sibylle, sondern die

Pfarrmagd! Aber es mußte gleichwohl heraus 1 aus ihm, wenn's einmal nicht anders ging 1 ie

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denn die Sibylle nahm er nicht um ganze Welt nicht.

Fürs erste konnte er freilich Ruhe haben. Er brauchte ja dem Alten nichts zu sagen, kounte

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sein Glück für sich behalten und mit der Sibylle 9 die Sache hinziehen, sich durch Ausreden helfen! 3

Unterdessen fiel etwas vor; ihm oder der

Bäbe stand unverhofft ein Glück an, und alles machte sich endlich von selber wer wußte das? Er wollte die schöne Pfarrmagd vor⸗

derhand im stillen lieben, ganz im geheimen,

so daß niemand etwas davon wußte, als sie beide. Aber dazu mußte er natürlich vor allem erfahren, ob denn sie auch wirklich ihn mochte. 8

Zwei Begegnungen, zwei kurze Unterhaltungen ohue Zeugen, die ihm sein gutes Glück bescherte, 1 gaben ihm in dieser Hinstcht Gewißheit. In der ersten redete er von gleichgültigen Dingen, 8 aber seine Augen sprachen mit einer Deutlichkeit, daß die Bäbe seinen ganzen Zustand erkannte. Es sah ordentlich komisch aus, wie er ste anguckte,

als ob er gar nicht genug bekommen könnte aber die Bäbe fand das nicht komisch, sondern diese Liebe rührte ihr Herz; und zum erstenma zuckte auch in ihr der holde Blitz auf, der u bezeugt, daß wir fortan nicht mehr uns sel

Die stadi⸗

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