Seite 4.

Mittel dentsche Sonntags⸗Zeitung.

Nr. 42.

Von diesen zählen 159 mit einer Gesamtbe⸗ steuerung von 359,613 Mk. zu ersten und 45 mit 915 Mk. zur zweiten Abteilung. e letztere wird bekanntlich von den Steuerpflichtigen mit einem Einkommen von 600— 2600 Mark gebildet und die erste von denen über 2600 Mk.

— Bei der Landtags ⸗Ersatzwahl in Darmstadt, die am Donnerstag stattfand, wurden die nationalliberalen Wahlmänner mit 2170 Stimmen gewählt. Für die Liste unserer Genossen wurden 1365 Stimmen abgegeben, was einen sehr schönen Erfolg bedeutet. Als Kandidaten waren von unserer Seite Kassierer Friedrich und Arbeitersekretär Sparr auf⸗ gestellt. Die Freisinnigen, die erst die Mandate inne hatten, blieben mit 780 Stimmen in der Minderheit. Wären die Freisinnigen nicht so anmaßend und unklug gewesen, beide Mandate für sich zu beanspruchen, sondern hätten der weikaus stärkeren Sozialdemokratie eins über⸗ lassen, so wäre wenigstens einer der ihren ge⸗ wählt worden. Geschieht ihnen recht!

Gießener Angelegenheiten.

— Zu der„sozialdemokratischen Ausschreitung“, die vor Kurzem„gutge⸗ sinnte“ Blätter und natürlich auch der„Gieß. Anz.“ aus Sprendlingen berichteten, stellte unser Offenbacher Parteiblatt fest, daß jene zwei angebliche Sozialdemokraten, die dem Reichstagsabgeordneten Dr. Becker angerempelt haben sollten, keine Sozialdemokraten sind. Die beiden gehören weder dem sozial⸗ demokratischen Verein an, noch sind sie sonst als Parteigenossen bekannt.— Die ehrenwerten Blätter, welche so schnell mit Verdächtigungen der Sozialdemokratie bei der Hand sind, sollten sich lieber etwas mehr um die Rohheiten und Ausschreitungen bekümmern, die von Angehörigen der„gebildeten“ Klassen begangen werden, da finden sie reichlich Arbeit.

k. Eine Revision der Geschäftsführung des Konsumvereins für Gießen und Um⸗ gegend hat am Freitag durch den Verbands⸗ revisor des Verbandes süddeutscher Konsumvereine stattgefunden. Diese Revisoren sind vom Ver⸗ bande angestellt und ihre Revisionen genügen der Aufsichtsbehörde als amtliche. Erfreulicher⸗ weise konnte der Revisor feststellen, daß die Bücher sich in bester Ordnung befanden und mit den Kassenbeständen übereinstimmten. Es fanden sich nur ganz geringfügige Mängel, die leicht abzustellen sind. Der Revisor sprach seine Meinung dahin aus, daß, wenn die Mitglieder im laufenden Geschäftsjahre nur einigermaßen das Geschäft unterstützen, sich recht gute Resul⸗ tate bei dem nächsten Abschluß ergeben würden.

— Das Sozialistengesetz würde, wenn es noch in Kraft wäre, am nächsten Mittwoch 25 Jahre alt werden. Zur Erinnerung an seine Verkündung und die Kämpfe, welche unsere Partei während seiner 12 jährigen Dauer durchzumachen hatte, plant der Wahl⸗ verein eine Volksversammlung, die am Mittwoch abend voraussichlich in Lonys Bier⸗ keller stattfinden soll. Näheres wird noch durch Plakate bekannt gemacht.

— Das Stiftungsfest der„Freien Turner⸗ schaft“ am Samstag war sehr zahlreich besucht und nahm den besten Verlauf. Recht beifällige Aufnahme fanden die turnerischen Produktionen, welche bewiesen, daß sich der junge Verein bemüht, seiner Aufgabe gerecht zu werden. Es wäre zu wünschen, daß sich ihm aus den Kreisen namentlich der jüngeren Arbeiter, noch mehr Freunde der Turnsache anschlössen, denn je stärker die Mitgliederzahl, desto mehr kann auch auf diesem Gebiete geleistet werden.— Auch die übrigen Darbietungen fanden allgemeine Anerkennung, die Chöre des Gesang⸗ vereins„Eintracht“ sowohl, als die Leistungen der bei den Theaterstücken Mitwirkenden. Zwei Theaterstücke war wohl übrigens etwas zu viel des Guten; die Erledigung des Programms nahm deshalb zu lange Zeit in Anspruch.

— Rezitation. Das Gewerkschaftskartell hat auch in diesem Jahre den hier bestens be⸗ kannten Schauspieler Walkotte zu einem Vortrage gewonnen. Derselbe soll am Donners⸗ tag, den 29. ds. Mts. in Lony's Bierkeller stattfinden. Herr Wallotte, dessen Rezitationen hier stets sehr beifällige Aufnahme fanden, wird an diesem Abende„Heitere und ernste Dicht⸗

ungen“ vortragen und hoffentlich wird auch diesmal der Besuch ein recht zahlreicher.

— Als eine„Submissionsblüte“ darf man die Tatsache bezeichnen, daß bei der Vergebung von Weißbinderarbeiten für die Zentralwaschanstalt der neuen Kliniken die höchste Preisberechnung 1376 Mk., die niederste 636 Mk. also noch nicht einmal die Hälfte betrug. So wird das„Handwerk gehoben.“

— Selbstmor d. Am Mittwoch früh wurde am alten Friedhof ein gut gekleideter Mann erschossen aufgefunden. Papiere, aus denen seine Persönlichkeit ersichtlich gewesen wäre, fand man nicht bei ihm. f

— Im Gefängnis erhängt. Seit einiger Zeit saß der fürstlich Isenburg⸗Birsteinsche Rentmeister Ludwig 175 im hiesigen Arrest⸗ hause wegen Sittlichkeitsvergehen in Unter⸗ suchungshaft. Am vorigen Donnerstag früh fand man ihn in seiner Zelle erhängt vor. Seipp war früher Offizier im Inf.⸗Regt. 118 und später Polizeikommissär in Frankfurt.

Aus dem Rreise gießen.

— Wegen Majestätsbeleidigung hatte sich am Dienstag der Landwirt Engel aus Großen⸗Buseck vor der Strafkammer in Gießen zu verantworten. Er hatte am 18. August, zur Feier des Jahrestages der Schlacht von Gravelotte, die er mitgemacht hat, etwas mehr als sonst getrunken und soll dabei in der Größer'schen Wirtschaft beleidigende Aeußerungen über den Kaiser und den Groß⸗ herzog gemacht haben. Diese Bemerkungen wurden vermutlich— wie der Verteidiger an⸗ deutete— durch Engels Schwiegersohn Scheldt, der mit ihm verfeindet ist, angezeigt und gegen ersteren infolgedessen Anklage erhoben. Engel behauptete, durch jene Aeußerungen habe sich s. Zt. ein Bauer in Schwetzingen eine Strafe zugezogen und er habe diese Tatsache nur er⸗ zählt, keineswegs aber seiner Ansicht damit Ausdruck gegeben. Die Zeugen können nichts Gegenteiliges bekunden und so beantragt der Staatsanwalt selbst die Freispre chung, die auch erfolgt.— Daß es noch Leute gibt, die irgend eine harmlose Bemerkung der Behörde anzeigen, um ihren Nebenmenschen zu einer Strafe zu verhelfen, ist jedenfalls traurig genug.

Aus dem Rreise sriedberg⸗Büdingen.

n. Wegen des Ueberfalles in Villa „Saxonia“ in Bad⸗Nauheim wurde der Koch Karl Schutt in Frankfurt verhaftet. Er mußte aber, nachdem er den in der Gießener Klinik befindlichen verletzten Damen gegenübergestellt worden war, und die Damen bekundeten, daß er der Einbrecher nicht sei, wieder entlassen werden. Uebrigens sind bei dem Einbruch Wertsachen nicht abl anden gekommen. Rätsel⸗ haft bleibt, warum der Einbrecher sofort über die schlafenden Damen herfiel, statt zuerst nach Wertgegenständen Umschau zu halten.

Aus dem Nreise Wetzlar.

Zum Wahlkommissar für die Landtags⸗ wahl im Kreise Wetzlar ist der Landrat Sartorius ernannt worden.

h. Arge Verwirrung hat die Landtags⸗ kandidaten⸗Frage im Lager der Wetzlarer Nationalliberalen hervorgerufen. Von den in Vorschlag gebrachten Kandidaten hat der nat.⸗lib. Verein nun den Bergwerksdirektor Roth in Wiesbaden— wie es scheint gegen den Willen der Parteileitung— auf den Schild gehoben. Jufolgedessen ist der Vorsttzende Justizrat Aldefeld aus dem nat. lib. Verein ausgetreten. Er begründet dies im„Wetzl. Anz.“ damit, daß er Roth nicht für einen geeigneten Vertreter für unsern Kreis halte.

Bedeutet schon die Kadidaten⸗Aufste ung für die Nationalliberalen einen Heiterkeitserfolg, so kann es am Tage der Wahlmännerwahlen unter den obwaltenden Umständen leicht zu einem zweiten kommen, zu dem die Herren aber lange Gesichter machen werden.

Die Antisemiten wollen ebenfalls einen Kandidaten zum Landtage aufstellen. Sie haben am Sonntag eine Vertrauensmännerver⸗ sammlung in Wetzlar abgehalten, in welcher

der Reuthersmann aus Offenbach die nötige Wenn auch die Leute von der

Pauke hielt. Richtung Hirschel den nationalliberalen und

konservativen Rückschrittlern in der Phrasen⸗ drescherei„über“ sind, so werden sie doch kaum 1

wahl haben. Das beweist die letzte Reichstags⸗ wa

h. Tod bei der Arbeit. In dem Stein⸗ bruche am Hauserberg stürzte am Montag Vormittag der Arbeiter Rehm ab und blieb auf der Stelle tot. Er hinterläßt eine Witwe mit drei Kindern. R. wird als ein solider und fleißiger Mann geschildert.— So muß der Arbeiter für kärglichen Lohn tagtäglich sein Leben in die Schanze schlagen! Sobald er aber Schritte zur Verbesserung seiner Lage tut, schreien die Kapitalisten und ihre Soldschreiber mitsamt dem ganzen Chorus der„Gutgesinnten“ über Begehrlichkeit, Unzufriedenheit und wer weiß, was sonst noch! Alltäglich erfordert di Arbeit zahlreiche Opfer. Setzt etwa der Kapi⸗ talist, der sich durch die Arbeit anderer bereichert, sein Leben auf's Spiel?

—„Mutiger“ Redakteur. In der Abonnements⸗ Einladung des neugegründeten stöckerischen„Volksfreund“ in Herborn heißt es:„In einem Sprechsaal soll Jeder zu Wort kommen, falls die Zuschriften auf Wahrheit beruhen und in anständiger, nicht beleidigender Sprache verfaßt sind. Wir werden die Namen nicht verraten, nur bei Gericht, falls uns dadurch Klage drohen sollte.“ Sehr vertrauenerweckend ist das für die Einsender; für den Redakteur aber ein Eingeständnis seiner Waschlappigkeit.

t. Auf dem Gebiete der Arbeiter⸗Für⸗ sorge wird nach Ansicht der Schlotjunker und ihrer gefügigen Kreaturen alles nur Erdenkliche getan; Wohl⸗ fahrts⸗Einrichtungen aller Art ermöglichen dem Arbeiter ein sorgenfreies Leben, er dankt Gott, daß er ein Ar⸗ beiter und kein Kapitalist ist und sich mit dessen Geld⸗ sorgen nicht zu plagen braucht. In Wirklichkeit sieht die Sache etwas anders aus. Auf der Agnesen⸗ Hütte in Haiger— so schreibt man uns von dort— klappt ja sonst alles; aber es wäre doch sehr zu wün⸗ schen und dringend erforderlich, daß man die Kaffee⸗ und Frühstücksbude der Auslader in einen menschen⸗ würdigen Zustand setzen würde. In sanitärer Hinsicht steht auch die Kaffeebude, wo täglich 10—12 Auslader ihre Nahrung einnehmen müssen, noch unter den zu einer gewissen Berühmtheit gelangten ostpreußischen Schweineställen. Diese hochelegante Bude, ein früherer Pferdestall, ist ein greifbares Kapitel von Arbeiterfürsorge. Schlechtes Pflaster, nicht gedielt, dumpfe Luft. Zer⸗ brochene Fenster, schlecht schließende Türen(kühler Wind streicht durch die Hallen!), vermischt mit übelriechender Atmosphäre, wahrscheinlich durch den angebauten Abort hervorgerufen, soll nun dem Arbeiter ein Zeugnis geben, wie sehr man sich in der Fürsorge für ihn erschöpft. Die reiche Gewerkschaft sollte ihre doch so tüchtigen Beamten zum Studium der Gewerbe⸗Ordnung anhalten, dann würden vielleicht auch die Auslader einen menschen⸗ würdigen Raum bekommen, wo sie ihre Arbeitspausen verbringen und ihre Bissen essen können. Gewissen Leuten würde das Studium der Gewerbe⸗Ordnung viel nützlicher sein, als das der längst widerlegten Sudel⸗ broschüren von Lorenz, Fischer und ähnlicher Sozialisten⸗ vernichter. Denn wenn die Herren von der aus solchen „Werken“ gesogenen Weisheit Gebrauch machen wollen, ziehen sie sich doch nur Blamagen zu!

Aus dem Rreise Marburg⸗Nirchhain.

Bh. Das Stiftungsfest des Gesang⸗ vereins„Eintracht“, das am Sonntag in den Räumen des Restaurant„Schloßgarten“ stattfand, hatte einen sehr zahlreichen Besuch aufzuweisen. Lebhaften Beifall fanden die Chöre, welche der Verein unter Leitung seines tüchtigen Dirigenten in exakter Weise zu Gehör brachte. Auch die übrigen Darbietungen, von denen be⸗ sonders ein vom Theater⸗Verein„Freie Bühne“ aufgeführtes wohlgelungenes Theaterstück her⸗ vorgehoben sei, sowie Vorträge, Duetts ꝛc. trugen viel zur Verschönerung des Festes bei. Nach Abwickelung des Programms hielt ein Dall die Teilnehmer bis zu später Stunde zusammen; beinahe bis zum Schluß blieb der große Saal nebst seinen Nebenräumen dicht besetzt. Selbst⸗ verständlich nahm auch dieses Arbeiterfest den ruhigsten und schönsten Verlauf.

B.„Freie Bühne“— so betitelt sich ein Arbeiter⸗ Theaterverein, der hier vor Kurzem gegründet worde.

Er hat den Zweck durch passende Theater⸗Aufführungen

e

e