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Nr. 42.
Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung.
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Seite 3.
Es wäre wirklich sehr zu wünschen, daß der Bundesrat die Geschichte nicht auf die lange Bank schiebt, hat doch auch der Reichstag wiederholt die Regelung der fraglichen Materie dringend verlangt.
Bei den Landtagswahlen in Sachsen]
gelang es unserer Partei infolge des Drei⸗ klassenwahlrechts nicht, einen Kreis zu erobern. In Zwickau⸗Land war es zwar nahe daran, doch es fehlte uns ein Wahlmann, weil die Wahl eines solchen für ungültig erklärt wurde. So bewirkt das famose„Wahlrecht“, daß die sozialdemokratische Partet, die in Sachsen be⸗ deutend stärker ist, als alle bürgerlichen zu⸗ sammengenommen, die von 23 Reichstags⸗ Wahlkreisen 22 erobert hat, im Landtage unvertreten bleibt. Die Mehrheit des sächsischen Volkes ist rechtlos gemacht.
Bei den Landtagswahlen in Meiningen
hat unsere Partei ihren früheren Besitzstand— 7 Mandate von den 24— behauptet. Daß wir keine neuen Sitze erobert haben, könnte als Stillstand oder Rückschritt erscheinen. Je⸗ doch die erwähnten sieben Kreise galten zur großen Hälfte als unsicher, diesmal stegten wir dort aber mit bedeutenden Mehrheiten, haben also einen sehr erfreulichen Fortschritt zu ver⸗ zeichnen.
Ausland.
Einigkeit aller Republikaner
im Kampfe gegen die Reaktion forderte der ranzösische Ministerpräsident Combes in einer ede, die er am Sonntag in Clermont⸗Ferrand bei einem großen, von 5000 Personen besuchten Bankett hielt. Die Unterstützung der sozia⸗ listischen Gruppe sei ebenso wie die der übrigen drei Gruppen absolut notwendig. Freilich— für das Ministerium! Das Pro- letariat hat wenig davon, wie sich jetzt wieder bei dem großen Textilarbeiterstreik in Nordfrankreich zeigt, wo die Staatsgewalt sich n den Unternehmern zur Verfügung ellt.
Nach dem Parteitag.
Sowohl in der Parteipresse, wie auch in Versammlungen ist der Dresdener Parteitag noch fortgesetzt Gegenstand der Diskussion. Für uns ist es unmöglich, auch nur auf die wichtigsten Versammlungen, die sich mit dem Parteitag und den Differenzen in der Partei beschäftigten, näher einzugehen, wir müssen uns damit begnügen, bedeutsamere Preßstimmen und Versammlungsbeschlüsse unsern Lesern im Folgenden mitzuteilen. 1
Die Mainzer Genossen beendeten die Diskussion über den Bericht ihrer Delegierten in einer dritten am Sonntag stattgefundenen Versammlung. An der längeren Debatte be⸗ teiligte sich auch Genosse Dr. David, der seine längeren Ausführungen mit der Erklärung schloß: Der wirklich existierende Revi⸗ sionismus sei nichts anderes als die Be⸗ tonung und Betätigung der wissenschaft⸗ lichen Forschungsfreiheit innerhalb der Partei, und auf praktischem Gebiet die allseitige positive Arbeit zur Besserung der politischen, wirtschaftlichen und sozialen Lage der werktätigen Volksmasse. Auf diesem Wege allein könne und werde die Partei ihr großes Ziel erreichen.
Es gelangte eine Resolution einstimmig zur Annahme, in welcher zunächst die unfrucht⸗ bare Literatendebatte bedauert und das Auf⸗ treten einzelner Genossen, die sich über ganze Parteigenossenschaften als Richter aufspielten, und sie grundlos beschimpften, mißbilligt wird.
Dann heißt es weiter:
„Die Verhandlungen des Parteitages haben erwiesen, daß die in der Resolution betr. die Taktik enthaltenen Anklagen gegen Bestrebungen innerhalb der Partei, welche dahin zielen sollen, die Partei vom Boden des Klassenkampfes abzudrängen und ste zu einer bürgerlichen
Reformpartei umzugestalten, zwecklos erhoben sind, da solche Bestrebungen in der Partei nicht existieren.
Die Versammlung verpflichtet sich, trotz allen Stürmen, welche die Partei von außen und innen umbrausen, getreu den Grundanschauungen derselben, nach wie vor energisch für die Be⸗ freiung des Proletariats aus politischer und ökonomischer Knechtschaft zu kämpfen.“
Genosse Auer macht im„Vorwärts“ einen„Vorschlag zur Güte“. Er protestiert dagegen, daß die Ehrlichkeit derjenigen„Revi⸗ sionisten“ angezweifelt werde, die für die Reso⸗ lution Bebel⸗Kautsky⸗Singer gestimmt haben. Dann sagt er weiter:
„Die Anschuldigungen und Verdächtigungen gegen eine Reihe von in verantwortlicher Stelle befindlicher Genossen werden fortgesetzt und es ist auch nicht abzusehen, wie dem in der bis⸗ herigen Weise ein Ende gemacht werden soll. Die Verstcherung, daß die Revistonisten den Boden des Klassenkampfes nicht verlassen wollen, und nicht die Absicht haben, unsre Partei der bürgerlichen Demokratie anzugliedern, wird ja von dem Gros der Radikalen nur mit Hohn aufgenommen. Da scheint es mir Pflicht der letzteren zu sein, die Probe aufs Exempel zu machen. In wenigen Wochen tritt der Reichs⸗ tag zusammen. Was liegt da näher, als daß von radikaler Seite Anträge vorbereitet und im Agitationsprogramm für die zukünftige Tätigkeit der Fraktion aufgestellt werden, in denen die bisherige revolutionäre Taktik und die grundlegenden Prinzipien der Partei— die angeblich von den Revistonisten gefährdet sein sollen— rückhaltlos zum Ausdruck gebracht werden.
Wird in der Weise vorgegangen, dann muß sich ja sofort zeigen, ob es in der Fraktion Elemente gibt, die den Mut der Konsequenz nicht haben.
Das Verdächtigen und Denunzieren hat nun lange genug gedauert und die Früchte, die diese„Taktik“ in Dresden und seitdem gezeitigt hat, sind wahrlich alles andere, nur nicht wohl⸗ schmeckend. Also, lasse man an Stelle der hohlen Worte Taten reden. Die Ankläger sollen sagen, was zu geschehen hat, welche Ak⸗ tionen zu unternehmen sind, für die sie die Ver⸗ antwortung mit übernehmen, und es wird sich im Handumdrehen zeigen, ob das Gerede vom Revistonismus und e Bereitwilligkeit, die sozialdemokratische Arbeiterpartei den bürger⸗ lichen Parteien anzugliedern, mehr ist, als das Ergebuis verbohrtester Ketzerriecherei und des elendesten Klatsches.
Ich denke, geschwatzt ist jetzt genug, nun mögen Taten Zeugnis ablegen. Ist in dieser Weise wirklich reiner Tisch geschaffen, dann werden auch die Personalien rasch geregelt sein.“
Genosse Bock, Abg. für Gotha und Vize⸗ präsident des gothaischen Landtags, einer der ältesten und bewährtesten Kämpfer in unsrer Partei, hat sich über den Parteitag folgender⸗ maßen ausgesprochen:„Bebel hat die Situation so gezeichnet: Hier Radikale, drüben die Revi⸗ sionisten und was dazwischen liegt, ist großer „Sumpf“! Zu N zähle ich mich und wünsche nur, daß dieser„Sumpf“ immer breiter und weiter wird, denn wir sind, was wir waren und bleiben, was wir sind. Uns schreckt nicht der Revistonismus, noch Radikalismus, wir arbeiten in alter bewährter Weise fort. Wir wählen unsere Abgeordneten, daß sie ein⸗ treten für unsere wirtschaftlichen und politischen Rechte(sehr richtig!), daß sie, soweit ihre Macht reicht, Remedur schaffen überall, wo etwas im Staate faul ist.
Die Parteigenossen tun bei solchen theore⸗ tischen Zänkereien gut, sich nicht sofort fürdie eine oder andere Seitezu ent⸗ scheiden, sondern solcher Art auftauchende Tlelan erst gründlich zu studieren und erst dann Stellung zu nehmen. Die ganze Partei hat nichts dabei gewonnen, daß schon so oft und immer mit dem gleichen Resultat über die energischere oder gemäßigtere Taktik gestritten worden ist... Wir bleiben in Gotha wie bisher so auch in Zukunft im„Sumpf“, d. h.
wir halten au unsrem Programm fest, agitieren, organisieren so viel wir können und fördern die Stärke und Kraft der Partei. Der heutige kapitalistische Staat sorgt dann schon dafür, daß die Partei nicht verweichlicht oder ver⸗ ä ssie rt
Soziales, Gewerkschaftliches, Arbeiterbewegung.
Der Ausstand auf dem Braunkohlen⸗ bergwerk„Glückauf“ bei Kassel, der wegen Maßregelungen mehrerer Arbeiter und wegen schlechter Arbeitsverhältnisse erfolgt war, wurde beendet. 5
In Kassel sind die Differenzen im Bau⸗ gewerbe noch nicht beigelegt. Die dortigen Unternehmer versuchen von auswärts Arbeits⸗ willige heranzuziehen, was Bauarbeitern zur Warnung dienen mag.
Bei der Gewerbegerichtswahl in Halle wurden als Arbeitnehmerbeisitzer nur Kandidaten der freien Gewerkschaften gewählt. Für diese wurden 3143 Stimmen abgegeben. Auf der Seite der Arbeitgeber wurden 105 sozialdemokratische und 438 bürgerliche Stimmen abgegeben.
Aus der besten aller Welten. In der heurigen Junibilanz wies das Wiener Bankhaus Rothschild aus: Gesamtvermögen 11116 563 372 Kronen— rund 11 Milliarden Kronen. Was Vermögen besteht aus Rentpa⸗ pieren, Bahn⸗ und Kreditaktien, Werteffekten, Industrierenten, Petroleumgruben, Bergwerken, Edelsteingruben usw., Baku allein gab im Jahre 1899 einen Betrag von 98 Millionen. Das Jahreseinkommen beträgt rund 900 Millionen, da ja 9 bis 10 Prozent Verzinsung zu rechnen sind. Davon könnten 450000 Familien bürger⸗ lich leben, das sind 2¼ Millionen Menschen. Dieses Riesenkapital ist mehr als eine Provinz, als ein Kronland wert und in den Händen eines einzelnen Menschen!— Die Kehrseite der Medaille zeigt uns ins Elend versunkene Massen, halbverhungerte Frauen und Kinder und arbeislos umherirrende Mäuner..
Von Nah und Lern.
Hessisches.
— Ueber die Wahlrechts vorlage hat der hierfür eingesetzte Sonderausschuß bereits vorige Woche Beratungen abgehalten, die in⸗ dessen nur den Charakter unverbindlicher Vor⸗ besprechungen hatten. Am Dienstag hat dann eine gemeinsame Sitzung mit der Regierung stattgefunden.
— Die Wahl des Genossen Orb im Kreise Offenbach⸗Land hat die Wahlprüfungs⸗ kommission der Zweiten Kammer für gültig erklärt. Die Minderheit der Kommission will aber im Plenum weitere Erhebungen beantragen. Bekanntlich war auch die Wiederwahl des Abg. Orb von den Zentrümlern angefochten worden.
— Der Gewerberat Möser in Darm⸗ stadt ist dort am Samstag im Alter von 64 Jahren gestorben. Seit 1883 war Möser in der hessischen Gewerbe-⸗Inspektion tätig und hat sie viele Jahre allein ausgeübt. Gestützt auf seine Berichte drangen unsere Genossen im Landtage auf Ausgestaltung der Gewerbe⸗Inspek⸗ tion und hatten damit auch Erfolg. Gegenwärtig sind in Hessen fünf Inspektionen und fünf Assistenten darunter zwei weibliche angestellt. Hessen war sogar der erste Bundesstaat, der Assistentinnen in Dienst stellte.
— Direkte Steuern in Hessen. Nach einer Aufstellung der hessischen Zentralstelle für die Landesstatistik beläuft sich die Zahl der Einkommensteuerpflichtigen im Großhe rzog⸗ tum für das Jahr 1903/04 auf 305,307 Per⸗ sonen, von denen 27,595 der ersten und 277,712 der zweiten Abteilung angehören. Die erste Klasse bringt einen Steuerertrag von 5,400,477 Mark, die zweite von 3,173,044 Mk. auf. Einkommensteuerpflichtige Aktiengesellschaften, Genossenschaften usw. gibt es im ganzen 104.
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