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Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung.

Nr. 42

der höheren Klassen wird fast allgemein die Erziehung der Kinder den Bonnen, Dienstboten, Gouvernanten, Hauslehrern ꝛc. überlassen, soweit sie nicht in Pensionen oder Kadetten⸗ häusern untergebracht sind. Und der vor⸗ liegende Fall wahl mit welcher Oberflächlichkeit bei der Auswahl der Erzieher vorgegangen wird. Auf irgend ein beliebiges Zeugnis, auf eine oberflächliche Empfehlung hin, wird so ein Lehrer engagiert, höchstens daß er sich einmal mit Gehrock und Zylinder der gnädigen Frau vorstellen mußte. Ob er ein braver Kerl ist, ob er mit Lust und Liebe und dem nötigen pädagogischen Talent und Wissen an seine Aufgabe herangeht— pah, das sind Neben⸗ sächlichkeiten. Das Engagement des Kutschers ist eine wichtigere Angelegenheit, als die Bestal⸗ lung des Hauslehrers, weil der Kutscher mit „repräsentieren“ muß, während der Hauslehrer in den Hinterzimmern der Wohnung versteckt wird, wenn„Gesellschaft“ kommt. Und dort kann er treiben, was er will. In der Woh⸗ nung ist ebenso wenig eine Kontrolle, wie auf dem Lande draußen, wo der Präzeptor die Kinder monatelang fern von den Eltern unter seiner alleinigen Aufsicht hat. Das Kostgeld geht regelmäßig ein— im übrigen aber be⸗ kümmert sich nicht Vater, nicht Mutter um das Wohlergehen der Sprößlinge.

Woher sollen sie auch die Zeit dazu nehmen! Geschäft und Gesellschaft nehmen ja die Kräfte von Mann und Frau bis auf den letzten Rest, in Anspruch. Wenn die Damen der großen Welt 1 Kinder in die Welt gesetzt haben— eine lästige Angelegenheit, die sich nun einmal nicht auf andere übertragen läßt— dann haben sie auch so ziemlich alles getan, was man billig von ihnen verlangen kann. Dann gehören sie wieder der„Gesellschaft“, dann haben sie wich⸗ tigere Pflichten zu erfüllen, als an der Erziehung ihrer Kinder mitzuarbeiten! Und der Mann: wenn er seine Geschäfte betreibt, Reichtümer auf Reichtümer häuft, einen Orden und Titel nach dem andern einheimst— ja, was soll er denn sonst tun? Gibt er dadurch seinen Kindern nicht bessere Waffen mit für den Kampf ums Dasein, als Tüchtigkeit des Charakters und e des Wissens sind? Soll er seine gequälten und abgeschundenen Nerven auch noch durch Kindergequarre und Sorgen um die Exerzitien seiner Jungen strapazieren?

Wir schildern keine Ausnahmen, bemerkt

dazu unser Zentralorgan zutreffend, sondern die Regel, wenn wir das Familienleben der Großkapitalisten so charakteristeren. Der Kapita⸗ lismus hat es in Grund und Boden zerstört, zersetzt, derselbe Kapitalismus, zu dessen Schutz dieselben Leute die Mär ersonnen haben und in die Welt hinausposaunen, die Sozialdemo⸗ kratie wolle die Familie zerstören. Ihr Widerspiel finden die grauenvollen Zustände, die auf den„Höhen der Menschheit“ herrschen, drunten in der dunklen Tiefe der ärmsten Schichten des Proletariats. Nur, daß dort nicht der Ueberfluß, sondern die furcht— barste Not zerstörend wirkt. Daß ein gewissen⸗ loser Hauslehrer, der ohne jede Kontrolle blieb, einen Bankdirektorssohn totprügelte, das regt eine ganze Welt auf: wenn das Kind der geplagten Proletarierfrau ohne Aufsicht zu Hause bleiben muß und zu Tode kommt, dann hat man kaum noch ein Wort armseligen Mit⸗ leids, wohl gar noch einen harten Tadel dafür übrig!„Mein Gott, das kommt ja so oft vor! Man weiß ja, daß diese Sorte ihre Kinder vernachlässigt!“— Hier wie dort aber sind es in Wirklichkeit die entsetzlichen Zustände, die die Menschheit schuldig werden lassen: unten nur Lasttiere, oben nur Mammonsdiener— wo aber istder Mensch? Wahrer Menschlich⸗ keit wieder eine Stätte zu bereiten, das ist unser großes Ziel und alles setzen wir daran, es zu erreichen.

politische Rundschau.

N Gießen, 15. Oktober. Schamlose Hetzereien gegen die Arbeiter leistet ssich diez„Arbeitgeber⸗Zeitung“, ein im vorigen Jahre gegründetes Blatt, das sich die

Bekämpfung der Arbeiter und ihrer Organi⸗ sationen zur speziellen Aufgabe gemacht hat. Wie dies Organ seiner Aufgabe gerecht wird, dafür mögen folgende Zitate Zeugnis ablegen.

„Was die Behandlung der Arbeiter anbe⸗ trifft, haben wir in Preußen und in Deutschland, soweit die Staatsgewalt und die gewerbsmäßigen Politiker in Betracht kommen, sicherlich nichts dazu gelernt und ebenso gewiß viel vergessen. Die Aufhebung des Sozialistengesetzes und der andauernde Wider⸗ stand gegen seine Wiedereinführung, die „Verscharrung“ der Vorlage zum Schutze der Arbeitswilligen, die Auszeichnungen von Kathedersozlalisten und ihrer Anhänger an maßgebend⸗ sten Stellen, die Preisgebung der Arbeitgeber und die Erschütterung der Fabrikdisziplin durch eine unsinnige Gewerbegesetzgebung, alles das sind ebenso viele Marksteine auf dem Wege nach rückwärts, der uns dem Abgrunde näher und näher führt....“

5 Vielleicht kommt auch unsern verantwort⸗ lichen Stellen noch einmal das Gefühl, daß es nicht damit getan ist, wenn man die Armee äußerlich vom Sozialismus rein hält, sondern daß die Wurzel des Uebels in Angriff genommen und der Schaden von innen heraus kuriert werden muß. Wenn die Krankheit aber so weit gediehen ist, daß sanfte Mittel nicht mehr helfen wollen, so muß mit Feuer und Schwert eingegriffen werden.“

Diese blöden Wutausbrüche des Unternehmer⸗ Organs übertreffen die Scharfmachereien der „Post“ noch um Erkleckliches. Für die Arbeiter ergibt sich hieraus von neuem die Lehre: Stärkung der politischen und gewerkschaftlichen Organisation! Das ist das beste Mittel, den arbeiter⸗ und kulturfeindlichen Bestrebungen der Profitpatrioten wirksam zu begegnen.

Ein weißer Rabe

unter den Unternehmern war der verstorbene Abgeordnete für Dessau, Richard Rösicke. Immer brachte er allen auf die Wohlfahrt der Arbeiter gerichteten Bestrebungen lebhaftes In⸗ teresse entgegen. In seinem Testament hat Rösicke die Bestimmung getroffen, daß an die zur Zeit seines Todes in seinen privaten Diensten angestellten Personen, die fünf Jahre für thn tätig gewesen sind, und an sämtliche zur Zeit seines Todes in den Betrieben der Schultheiß brauerei beschäftigten Arbeiter, die zehn Jahre lang in dem Unkernehmen beschäftigt gewesen sind, die Summe von 100000 Mark zu gleichen Teilen zur Verteilung gelangen soll.— Die Arbeiterschaft wird dem edlen Manne, der zu seinen Lebzeiten von den Stümmlingen und Scharfmachern bitter gehaßt wurde, auch nach seinem Tode noch dankbare Anerkennung zollen.

Nacht muß es sein.

Tiefe Geistesnacht soll nach den Wünschen der Herrn Geistlichen über die Menschheit gelagert bleiben, gläubig soll jeder hinnehmen, was die schwarzen Herren über das Diesseits und Jenseits, über Himmel und Hölle, Welt⸗ schöpfung und Weltuntergang vorzutragen für gut finden, niemand soll über die schreienden Widersprüche nachgrübeln, welche zwischen den Lehren der Kirche und den einwandfreien und allgemein anerkannten Feststellungen der Wissen⸗ schaft bestehen. Wagt es einmal ein Gelehrter, öffentlich auf diese Widersprüche hinzuweisen und die Unhaltbarkeit der als lautere Wahrheit verkündeten Glaubenssätze der Kirche darzutun, so hat er es mit den Theologen gründlich ver⸗ dorben. So geht's auch dem Professor Laden⸗ burg, gegen dessen Ausführungen auf dem Naturforschertage über Weltanschauung, die wir im Leitartikel der vorigen Nummer besprachen, die Geistlichkeit mobil macht. Die Kasseler Stadtsynode faßte folgende Resolution: „Die Stadtsynode spricht ihr tiefstes Bedauern über die Art und Weise aus, in der auf der 75. Jahresversammlung des Vereins deutscher Naturforscher und Aerzte zu Kassel durch den Eröffnungsvortrag des Geheimrats Ladenburg aus naturwissenschaftlichen Voraussetzungen un⸗ berechtigte, das Gebiet dieser Wissenschaft über⸗ schreitende Folgerungen gezogen wurden, welche gegen die christliche Weltanschauung Sturm läuten und jedes religiöse Empfinden verletzen. Die Synode erkennt sich aufs neue freudig zu der durch keine Wissenschaft zu erschütternden Wahrheit des Evangeliums.“— Deshalb be⸗ wegt sie sich doch!— Ladenburg hat da⸗

gegen eine— übrigens ziemlich zahme—

Gegenerklärung losgelassen, in der er die Be⸗

hauptungen der synodalen Resolution bestreitet.

Antisemitische Kampfesweise.

Vor dem Münchener Schöffengericht wurde am 8. Oktober der antisemitische Wenng, an des dortigen antisemi⸗ tischen„Deutschen Volksblattes“, der Verleum⸗ dung eines sozialdemokratischen Abgeordneten überführt. Dieses ehrenwerte Organ brachte bet Beginn der letzten Reichstagswahlbewegung einen Artikel unter der Ueberschrift:„Ein sozialdemokratischer Bauernschinder.“ Es wurde darin behauptet, der sozialdemokra⸗ tische Landtagsabgeordnete Dr. v. Haller spiele sich in seiner am Ammersee gelegenen Besitzung als den feudalen Herrn auf, der die Bauern schikaniere, ihnen die Benutzung eines über seine Grundstücke führenden Weges verbiete usw. Obwohl Genosse v. Haller in der„Fränk. Tagespost“ diese Behauptungen eingehend als unwahr nachwies, druckte fast die gesamte bayerische Zentrumspresse mit unverhülltem Vergnügen den Wenng'schen Artikel nach. Genosse Haller strengte darauf eine Privat- klage gegen Wenng an, die am Donnerstag zur Verhandlung kam. Der Beklagte versuchte hier, den Wahrheitsbeweis anzutreten, der ihm indessen geradezu kläglich drache Er wurde zu einer Geldstrafe von 80 Mark verurteilt. In der Urteilsbegründung wird gesagt, der Privatkläger habe sich völlig korrekt und einwandfrei benommen und die

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gegen ihn erhobenen Vorwürfe seien deshalb

nicht gerechtfertigt. Für als Milderungsgrund angenommen, von seinen Gewährsleuten falsch informiert worden sei.— Kampfmittel solcher Art muß die antisemitische Presse anwenden, bessere stehen ihr nicht zu Gebote.

enng wurde daß er

Gute Gründe für ihre

Sache hat sie nicht, darum muß ste mit Ver⸗ 9

dächtigungen und Verleumdungen operieren.

Zweierlei Strafe.

Der Fähnrich Hüssener„büßt“ seine ihm für den Mord des Soldaten Hartmann

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diktierten paar Monate Ehrenhaft in Magde⸗

burg auf der Festung ab. Dort kann man ihn, wie die„Saaleztg.“ mitteilte, täglich von nachmittags 2 Uhr ab in Begleitung eines Offiziers auf dem Breiteweg oder sonst einer der Hauptstraßen promenieren sehen. Hin und wieder bringt er seine freien

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Stunden auch in einem Restaurant zu. — Anders wird unser Genosse, Arbeitersekretär

Limbertz in Iserlohn, behandelt, der seit vierzehn Tagen die Gefängnisstrafen, die er sich im Dienste der gewerkschaftlichen Organisation

zuzog, verbüßt. Ihm ist die beantragte Selbst?

beschäftigung abgeschlagen worden.— So

zu betätigen, Haarnadeln einrollen usw. Lim⸗

bertz ist ja auch nur ein Arbeiterführer, ein Er hätte also lieber

„Hetzer“ und„Wühler“.

muß denn Genosse Limbertz, anstatt sich geistig

einen totstechen sollen, als sich für die Ar⸗

beiterinteressen in's Zeug zu legen, hätte er gelindere Strafe zu erdulden gehabt.

Allerdings hätte er den„vornehmsten Rock“

tragen müssen.

dann

Entschädigung unschuldig Verhafteter. Dem Bundesrat ist von der hessischen Re- gierung ein Gesetzentwurf zugegangen, welcher die Entschädigung unschuldig verhafteter Personen

vorsieht und regelt. Hierzu hat ein Antrag

unserer Genossen im Landtage den Anstoß ge⸗ geben. Vor zwei Jahren beantragte die sozial⸗

demokratische Fraktion:

Hohe Kammer wolle Großherzogliche Re⸗

gierung ersuchen, einen Gesetzentwurf 9955. legen betreffend Entschädigung unschuldig Verhafteter sowohl bei Untersuchungs⸗ wie bei Strafhaft.

Während der Ausschuß den Antrag billigte, wollte die Regierung erst warten, was auf dem Wege der Reichsgesetzgebuug in dieser Sache geschehe. Gegen diese vom Justtzminister Ditt⸗ mar vertretene Ansicht wandten sich die Abg. Gutfleisch und Ulrich sehr eindringlich,

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worauf der Antrag einstimmig angenommen

wurde. 8