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Nr. 42.
Gießen, den 18. Oktober 1903.
10. Jahrg.
Redaktion: Kirchenplatz 11, Schloßgasse.
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Mitteldeutsche
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Ein Jubiläum.
Kommenden Mittwoch, am 21. Oktober, sind es 25 Jahre, daß das Sozialistengesetz über die deutsche Sozialdemokratie verhängt wurde. Zwei Tage vorher hatte es der Reichs⸗ tag mit 221 gegen 149 Stimmen angenommen. Aeußerlich veranlaßt durch die Attentate des Hödel und Nobiling, mit denen, wie heute auch unsere schlimmsten Gegner eingestehen müssen, die Sozialdemokratie nicht das Geringste zu tun hatte, war dieses Schandgesetz bestimmt, die zielbewußte Arbeiterbewegung zu ver⸗ nichten. Daß es hierzu den herrschenden
Klassen, an ihrer Spitze der Krautjunker Bis⸗
marck, nicht an den guten Willen fehlte, ist bekannt. Eine beispiel⸗ und rücksichtslose Ver⸗ folgung alles dessen, was mit der Sozialdemo⸗ kratte nur einigermaßen in Verbindung gebracht werden konnte, begann. Und gewiß, der zwölf⸗ jährige Kampf unter dem Sozialistengesetz hat uns zahlreiche Opfer gekostet. Mancher brave Kämpfer ist gefallen. Unzählbare Schädigungen wurden der Partei und einzelnen Genossen durch Zeitungsverbote, Vereinsauflösungen, Verhaftungen und Bestrafungen zugefügt. Wo sind aber die Erfolge jener Gewaltpolitik? Wurde die Vernichtung unserer Bewegung erreicht? Nun, wir können mit der Entwicke⸗ lung der Dinge zufrieden sein und mit Genug⸗ tuung auf den 21. Oktober 1878 zurückblicken, wir haben ein Recht, dieses Jubiläum festlich zu begehen. Schon neulich wiesen wir an dieser Stelle auf die Fortschritte hin, die der Sozialismus in den letzten 25 Jahren in allen Ländern gemacht hat. Für Deutschland springt er so recht in die Augen, wenn man die bei den Reichstagswahlen seit 1881— der ersten unter dem Ssozialistengesetz— für die Sozialdemokratie abgegebenen Stimmen⸗ zahlen betrachtet.
Es entschieden sich Wähler für die Sozial⸗ demokratie:
Im Jahre 1881: 311961 1884: 549990 1887: 763128 1890: 1427298 1893: 1786738 1898: 2107076 N 1903: 3010472.
Statt 9 Mandate im Jahre 1878 errangen wir neun mal neun bei den letzten Wahlen!
Diese Entwickelung verbürgt uns den end⸗ gültigen Sieg. Wie recht hatte Liebknecht, als er bei Beratung des Hödelgesetzes in der bekannten Erklärung den Gegnern zurief:
„Die deutsche Sozialdemokratie, an Kampf und Verfolgungen gewöhnt, blickt weiteren Kämpfen mit jener zuversichtlichen Ruhe ent⸗ gegen, die das Bewußtsein einer guten und unbesiegbaren Sache verleiht!“
Die Geschichte der letzten 25 Jahre hat die Wahrheit dieser Worte bewiesen. Auf s neue drohte man uns mit Gewaltmitteln. Mögen sie kommen! Und wenn auch jetzt einige innere Stürme die Dreimillionenpartei bewegen, diese werden bald vorübergehen und einig und geschlossen marschieren wir unentwegt dem Ziele zu. Freudig können wir das Jubiläum begehen und aus boller
Brust rufen: Hoch die internationale Sozialdemokratie! i
Die Heiligkeit der Familie.
„Die Sozialdemokratie zerstört die Familie“! Diesen blöden Vorwurf können wir heute noch jeden Tag aus dem Munde der Ordnungsleute und ihrer Preßorgane hören. Er gehört neben andern gleichwertigen, gewissermaßen zum eisernen Bestande in der Waffenkammer der „Staatserhaltenden“. Immer wieder verkünden ordnungsparteiliche Wahlagitatoren, der liberale Kommerzienrat wie der konservative Pfaffe: „Die Sozialdemokratie will die Ehe und Familte abschaffen“ und die Kreisblätter blärren es bis zum Ueberdruß nach, keins von ihnen macht sich aher die Mühe nachzulesen, was in Bezug auf Ehe und Familie in der sozialistischen Litteratur gesagt ist. Allerdings haben wir an den heutigen Zuständen auch im Hinblick auf die Familie recht viel auszusetzen. Unzählige Kinder verkommen körperlich, geistig und moralisch, weil die Eltern sich nicht um sie bekümmern können, weil der Existenzkampf sie von früh bis spät in Anspruch nimmt. Auf: die schweren Schäden, welche daraus für das Gemeinwesen resultieren, ist von unserer Seite oft und nachdrücklich hingewiesen worden.— Welche Zustände herrschen aber innerhalb der höheren und besitzenden Kreise? Wie steht es da, wo es nicht an materiellen Mitteln fehlt, mit der Erfüllung der heiligen Familienpflichten? Wenn wir hier Kritik üben wollen, an Material fehlt's uns nicht!
Vorige Woche wurde vor dem Schwurgericht in Bayreuth ein Prozeß verhandelt, der in ganz Deutschland das größte Aufsehen erregt hat. Der Hauslehrer Dippold des Berliner Bankdirektors Koch hatte sich wegen Mißhand⸗ lung und Körperverletzung mit tötlichem Aus⸗ gange zu verantworten. Folgendes ist in Kurzem der Tatbestand. Dippold hatte den Hauslehrer⸗ posten für die beiven Koch'schen Knaben, Heinz und Joachim, übernommen. Zuerst hielt sich der„Lehrer“ mit den Jungen und dem nötigen Hauspersonal auf einem dem Direktor Koch gehörigen Gute Ziegenberg im Harz auf, von wo durch die Diensthoten schon einmal an Koch berichtet wurde, daß die Kinder von Dippold furchtbar geschlagen würden. Daraufhin sandte Direktor Koch den Professor Vogt und den Rittmeister Bugge nach Ziegenberg, um die Sache zu untersuchen. Körperliche Untersuchung der Knaben wußte aber Dippold zu verhindern, redete auch den Abgesandten ein, daß die Jungen geheime geschlechtliche Verfehlungen be⸗ gingen und deshalb gezüchtigt werden müßten. Nach Berlin zurückgekehrt, berichteten die Kon⸗ trolleure, daß der Lehrer ein ganz„idealer Mensch“ sei. Ueber diese Kontrolle war aber Dippold höchst ungehalten und er setzte es durch, daß er mit den Knaben nach Drosendorf in Bayern, seinem Heimatsorte, ziehen durfte.
Hier hatten nun die beiden Brüder ein grauenvolles Martyrium durchzumachen. Die Unbeschreiblichen Mißhandlungen, welche sie von Dippold zu erdulden hatten, führten am 10. März ds. Js. den Tod des älteren Heinz Koch herbei. Noch am letzten Tage quälte das Scheusal von Erzieher den totkranken Jungen fürchterlich. Aus den Bekundungen der zahl⸗ reichen Zeugen sei nur angeführt, was der kleine Joachim bei seiner Vernehmung angab,
man ersteht daraus, was die beiden Brüder auszuhalten hatten. Klar und deutlich schilderte er den Geschworenen den Leidensweg, den er und sein Bruder durchmachten. Joachim be⸗ teuerte, daß weder er noch sein verstorbener Bruder Heinz je einmal das taten, was ihnen Dippold zur Last legte. Die Knaben hatten nicht den Mut, etwas gegen den Peiniger zu tun, der die Mama für sich gewonnen hatte. Ihnen glaubte niemand, nur Schläge und immer wieder Schläge war die Aussicht, die sich ihnen bot. Deshalb wagten ste auch nicht, Dippold zu widersprechen. Die„Selbstbekenntnisse, welche die Jungen geschrieben hatten, waren Erpres⸗ sungen. Die Knaben haben niemals Jugend⸗ sünden begangen, die ihnen Dippold andichtete. Dippold legte ihnen die Fragen vor, die Jungen beantworteten sie blindlings und schrieben sie nieder, ohne deren Bedeutung zu kennen. Dippold führte auf einmal 40 bis 50 Streiche mit dem Stock auf das Gesäß eines der auf den Tisch gebundenen Jungen, bis er selbst keinen Arm mehr heben konnte. An manchen Tagen schlug er 6—7 Stöcke an den Jungen entzwei, ja selbst mit einem Eisenstock traktierte er die Kleinen. Als der Fall in stttlicher Beziehung untersucht wurde, kam Unglaubliches zu tage. Dippold zeigte den Knaben allerlei Abbildungen, erklärte ihnen weibliche Geschlechtsteile und zergliederte ihnen die Entstehung des Menschen. Dippold hat die Knaben bei Tag und bei Nacht wiederholt unzüchtig berührt, einmal in der Weise, daß beide bluteten. Darauf hat er sie wieder heftig geschlagen. Die Furcht der Knaben ging soweit, daß sie unterschiedslos alles taten, was Dippold sagte.
Die ärztlichen Sachverständigen erklärten Dippold für einen Sadisten, der seine Wol⸗ lust in Verübung von Grausamkeiten suche, aber für seine Tat voll verantwortlich sei. Das Gericht verurteilte diesen Unmenschen zu acht Jahren Zuchthaus. Dies der Tatbestand.
Jeder fühlende Mensch wird tiefes Bedauern mit den gequälten Kindern empfinden und ebenso sehr den Uumenschen verurteilen, der das ihm zur Erziehung und An anver⸗ traute Kind in raffiniert⸗grausamer Weise zu Tode folterte.
Bei Betrachtung dieses Falles werfen sich aber ganz von selbst gewisse Fragen auf. Man fragt nach den Eltern. Sie gehören zu der zbesten“ Berliner Gesellschaft, sind schwer reiche Leute. Der Bankdirektor konnte seiner Familie alles Gute gewähren, konnte seinen Kindern die sorgsamste Pflege und Erziehung zu teil werden lassen. Wie war es möglich, daß diese einem moralisch verkommenen Menschen ihre Kinder anvertrauten? Warum erkundigten sich Herr und Frau Koch nicht über dessen Vorleben? Wo blieb die Kontrolle? Kein Zweifel, trotzdem der Staatsanwalt die Familie Koch als voll⸗ kommen frei von jeder Schuld hinzustellen sich bemühte, es trifft sie eine schwere Verantwortung, die ihr auch der mitleidigste Mensch nicht ab⸗ nehmen wird. Die Familie Koch hat sich mindestens grobe Fahrlässigkeit vorzuwerfen. Es ist in der Tat unverantwortlich, wie diese Leute an ihren Kindern gehandelt haben. Un⸗ verantwortlich aber nicht ungew öhnlich.
Der Prozeß zeigt uns, wie der Ka pitalis⸗ mus die Familie zersetz t. In den Familien


