Ausgabe 
17.5.1903
 
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Seite 4.

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Mitteldentsche Sountaas⸗Zeitung

Nr. 20.

dieFreie Turuerschaft Gießen hält Samstag, den 16. d. Mts., abends 9 Uhr, im Turunlokale eine außerordentliche Generalversammlung ab. Die wichtige Tagesordnung, worauf auch der PunktTur n⸗ hallen baufrage steht, dürfte jedes Mit⸗ glied, besonders auch die passiven, zum Besuch dieser Versammlung veranlassen.

g. Hochmut vor dem Falle. Cs war am Abend des dritten Mai. Von Wieseck herein bewegte sich wie eine riesige feurig⸗bunte Schlange ein großer Fackelzug unsere Ge⸗ nossen, die von der Maifeier in Wieseck zurück⸗ kehrten. Von der Ferne sah der Zug wunder⸗ hübsch aus und es bildeten sich hier und da Gruppen und betrachteten das herrliche Schau⸗ spiel. Zu einer solchen Gruppe trat ein Feldwebel und als er hörte, daß es von der Malfeier zurückkehrende Arbeiter waren, nach denen man blickte, wandte er sich ver⸗ ächtlich mit den Worten ab:So, das sind die Lumpen!Wieso können Sie wissen, daß das Lumpen sind? bemerkte ein in der Nähe befindlicher Arbeiter,diese Leute arbeiten die ganze Woche und müssen ihr Brot ehrlich verdienen! Am Dienstag darauf wurde jener Feldwebel Jöckel ist sein Name verhaftet, weil er sich als Ver⸗ walter des Offtziers Kasinos⸗Unterschlagungen hatte zu schulden kommen lassen. Wer ist nun der Lump?

Liberale Kandidatennot. Nun hatten die Liberalen mit vieler Mühe endlich einen Kandidaten in der Person des Offenbacher Handelskammersekretärs Schloßmacher er⸗ wischt, priesen sich glücklich ob dieser Eroberung und jetzt ist's damit wieder nichts! Herr Schloßmacher hat die Kandidatur abgelehnt. Wieder dieselbe Geschichte wie 1898, wo man schließlich noch den alten Onkel eines hiesigen Professors aufstöberte, der gutmütig genug war, sich auf die Wahlbühne stellen zu laͤssen. Was nun? Am Ende bleibt doch nur noch Herr Jean Kirch übrig, der sicher mit Vergnügen zugreifen würde. Oder will man im liberalen Lager überhaupt auf eine Kandidatur verzichten und gleich im ersten Wahlgange den Antisemiten Köhler wählen? Uns kam das Gerücht zu Ohren, daß dafür bei der Nationalliberalen Neigung vorhanden sei und so ganz unglaublich erscheint das nicht.

Liebigfeier. Am Dienstag feierte die hiesige Universitäe den hundertsten Geburtstag Justus v. Liebig's, des bahnbrechenden Chemikers, der am 12. Mai 1803 in Darmstadt geboren wurde. In der reich dekorierten Aula hielt Professor Dr. Naumann vor zahlreichen Publikum die Festrede. An dem in der Ost⸗ anlage befindlichen Liebigdenkmal wurden von Seiten der Stadt Gießen, sowie der Universität und der techn. Hochschule in Darmstadt Lorbeer⸗ kränze niedergelegt.

Geistiges Elend. Wir müssen noch⸗ mals mit wenigen Worten auf den famosen Mai⸗Artikel desGießener Anzeigers zurück⸗ kommen, dessen phänomenale national⸗ökono⸗ mische Weisheit wir schon in der letzten Nummer bloslegten. Das Amtsblatt hatte sich in seinem konfusen Geschreibsel, womit es unsere Maifeier verhöhnen wollte, zu der Behauptung verstiegen, daz es in jedem StandElend gebe. Einem so einfältigen, von geradezu verblüffenden Unverstand in sozialen Dingen zeugenden Ein⸗ wand gegenüber hielten wir uns für berechtigt, vomgeistigen Elend in Reptilblatt⸗Redaktionen zu sprechen. Das ist allerdings etwas unhöflich. Wie recht wir aber damit hatten, beweist solgende fingierte Briefkastennotiz in der Sonn⸗ tagsnummer des Anzeigers, die eine Antwort auf unsere Notiz sein soll:

Jene phrasendreschendenElend Tiere scheinen in ihrer Ignoranz nicht zu wissen, daß es auch physisches Elend giebt.

Soll man dagegen noch polemisieren? Wenn von den allgemeinen sozialen Ver⸗ hältnissen die Rede ist, wo klar und deutlich von dem materiellen und sozialen Elend ge⸗ sprochen wird, mit physischem(körperlichen) Elend zu kommen, ist doch etwas stark. Die Amtsblattredaktion soll sich in diesen Dingen von ihren Setzerlehrjungen aufklären lassen.

Parteigenossen allerorts! Seht die Wahllisten nach!

Aus dem Rreise gießen.

Trohe haben sich unsere Genossen eine Fahne für ihren Verein zugelegt. Das erregte den Aer ger des Kriegervereinsvorsitzen⸗ den, der sich um die Bezahlung der Fahne bekümmern zu müssen glaubte und fragte, ob die Fahne auch schon bezahlt sei. Es wurde ihm aber geantwortet, daß er sich lieber die Be⸗ zahlung der Kriegervereinsfahnen angelegen sein lassen sollte. Denn aus eigenen Kräften, ohne Unterstützung von anderer Seite wären die Herren dazu nicht im Stande.

Von der Mahlagitation. Vergangene Woche hatten wir uur eine einzige Wählerversammlung, weil die uns zur Verfügung stehenden rednerischen Kräfte anderwärts angespaunt waren. Diese Versammlung fand in Ruppertenrod am Samstag Abend statt und die klaren und verständlichen Ausführungen des Genossen Krumm, der dort sprach, wurden von den zahlreichen Besuchern mit lebhaftem Beifall entgegengenommen. Diesen Samstag und Sonntag finden mehrere Vesammlungen in Hungen und Umgebung statt. An unsere Genossen allerorts richten wir wiederholt die Bitte, dem Wahl⸗ komitee in Gießen(Adresse: Stadtverordn. Orbig, Rittergasse) Mitteilung machen zu wollen, wenn irgendwo Versammlung gewünscht und abgehalten werden könne.

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Aus dem Nreise Friedherg⸗Büdingen.

e. Volksversammlung in Lehnheim. Von ca. 150 Personen sprach hier am Sonntag unser Reichstagskandidat, Gen. Busold über die bevorstehenden Reichstagswahlen. Er setzte das soztaldemokratische Programm in kurzer und klarer Weise auseinander, schilderte dann die Tätigkeit unserer Genossen im Reichstage, wobei er auf die durch die Riesenausgaben für Heer und Marine, sowie durch Kolontal⸗ politik hervorgerufene Schuldenwirtschaft im Reiche hinwies, die eine Last für das Volk dar⸗ stelle. Ebenso führte er die Schäden des Zoll⸗ tarifs und der indirekten Steuern vor Augen. Mit großem Beifall wurde die zweistündige Rede Busolds entgegengenommen. Mit einer Mahnung des Vorsitzenden, am Wahltage die Pflicht zu erfüllen, schloß die Versammlung. Wie man Sozialdemokraten züchtet. Aus Staden schreibt man uns: Seit Menschengedenken gehört hier die Neujahrs⸗ nacht zu den Feiertagen, an denen Poltzeistunde nicht geboten wird. Nun haben voriges Jahr einige junge Leute ihren Mädchen(die zufällig im Pfarrhause bedienstet waren) durch eine harmlose Pistolenknallerei die landesübliche Kour geschnitten. Dies schreckliche Verbrechen mußte dieses Jahr gerochen werden; 12 Personen(fast alle ehrenhafte solide brave Familienväter) müssen je Mk. 716 blechen, trotzdem ihnen, sowie auch dem Wirt von einer Poltzeistunde nichts bekannt war. Dagegen betrachte man das Leben in den Städten, z. B. in Gießen, wieviele hunderte Mark müßten hier in der Neujahrsnacht bezahlt werden, wenn mit dem Stadener Maße gemessen würde. So züchtet man die Unzufriedenheit und mit ihr neue Sozialdemokraten; die Behörden scheinen daran nicht genug zu haben.

aus dem Rreise Alsfeld⸗Cauterbach.

' Kreiskonferenz für den Wahlkreis Alsfeld⸗ Lauterbach. Am Sonntag morgen fand in Als feld eine Kreiskonferenz statt, welche von Alsfelder und Schottener Genossen besucht war. Nachdem Genosse Krumm ⸗Gießen in längeren Ausführungen die Be⸗ deutung der bevorstehenden Reichstagswahlen behandelt hatte, wurde Genosse Dr. Michels-Marburg einstimmig als Reichstagskandidat aufgestellt. Nachmittags fand die Maifeier auf der Pfefferhöhe statt, welche trotz des schlechten Wetters sehr gut besucht war. Genosse Brand⸗ Frankfurt hielt die Festrede. Er entledigte sich dieser Aufgabe in sehr geschickter Weise. Darauf fand Tanz statt, welcher in der schönsten Weise verlief.

Alsfeld. Wegen hier vorgekommener Sit t⸗

lichkeitsverbrechen, die an zwei schulpflichtigen Kindern verübt wurden, war am Samstag der Unter⸗ suchungsrichter anwesend, um weitere Feststellungen zu machen. Die Täter sind fast ausnahmslos Angehörige der sogenanntenbesseren Kreise, in denen die Geschichte Wenn es sich

darum höchst peinlich empfunden wird.

um Arbeiter handelte, saßen sie vielleicht längst hinter Schloß und Riegel.

t. Stellvertreter Gottes. Was für Leute oft bei dem Militär Unteroffiziere werden, zeigt folgender Fall. In dem nahegelegenen Altenburg hatte vor etlichen Jahren ein junger Bursche einem Mann in den Unterleib gestochen, daß an seinem Aufkommen gezweifelt wurde. Der gefährliche Mensch erhielt dafür 1 Jahr 4 Manate Gefängnis, wurde daun zum Militär einge⸗ zogen, meldete sich nach China und machte den Hunnen⸗ krieg mit. Er hat sich dort wahrscheinlich gut ausge⸗ zeichnet und in der Heimat angekommen, wurde er an⸗ genommen zum Unteroffizier, trotz seiner frühren hohen Strafe. Nun hatte man doch kein Glück mit diesem Burschen, denn sein rohes Wesen hatte ihm schon etliche Strafen eingebracht. Das Maß scheint aber doch voll gewesen zu sein, jetzt ist er mit 3 Monaten und Degra⸗ dation bestraft worden. Der Soldatenschinder ließ die Rekruten nachts im Hemd exerzieren, dabei gab es welche mit der Klopfpeitsche. Durch dieses Verhalten ist auch ein gemeiner Soldat mit 7 Wochen Arrest hinein⸗ gefallen, weil er sich an dem Quäler vergriffen hat. (Vermutlich handelte es sich bei der Anklage gegen den Feldwebel Banse, welcher sich dieser Tage vor dem Gießener Kriegsgericht wegen Urkundenfälschung zu verantworten hatte, um denselben Unteroffizier. Der Feldwebel wurde beschuldigt, die Vorstrafen des Unter⸗ offtziers absichtlich nicht in dessen Personalakten einge⸗ tragen zu haben und auf Grund der gefälschten Papiere sei die Beförderung zum Unteroffizier erfolgt. Es wurde jedoch festgestellt, daß die Angaben betr. die Vorstrafen von irgend einem Unbefugten durchstrichen worden waren, so daß dem Feldwebel keine Schuld traf vnd er freigesprochen wurde. Danach konnten also die maßgebenden Stellen keine Kenntnis von den Vorstrafen haben. D. R.)

Aus dem Rreise Wetzlar.

h. Antisemitische Wahlagitation. Wenn der Wahlerfolg einer Partei nur davon abhinge, wie⸗ viel und wie lange sie agitiert, so müßten die Antise⸗ miten den Kreis Wetzlar im ersten Wahlgange erobern. Seit etwa einem Jahre schon hat ihn Herr Reuther kreuz und quer durchzogen, in jedem Orte mehrmals seine Tiraden losgelassen. Seit mehreren Monaten predigt nun der Kandidat Dr. Giese das Evangelium des Antisemitismus, von dem nun aber die Wähler des Wetzlarer Kreises bis zum Ueberdruß genug haben. Das zeigten die vorige Woche stattgefundenen Versamm⸗ lungen, in denen ihr Kandidat Dr. Giese aus Berlin seine Kandidatenrede hielt. wegten sich in dem ausgefahrenen Gleise anttsemitischer Phrasendrescherei. Nur zwei bezeichnende Bemerkungen seien hervorgehoben. Einmal sprach er vonangeb⸗ lichen Soldatenmißhandlungen, die eine Erfindung der sozlaldemokratischen Presse seien, und weiter nannte er die unglücklichen Opfer des Löbtauer Zuchthausurteils die Löbtauer Totschläger! Daß die Schimpferei auf Singer nicht fehlte, versteht sich ganz von selbst. Dann hielt Herr Reuther noch eine Pauke in demselben Stile, nur noch etwas pücklerisch⸗ radikaler. Genosse Vetters⸗Gießen erwiderte den Herren und wies be⸗ sonders auf die Schädlichkeit des Zolltarifs für das Handwerk, die Kleinbauern, also denMittelstand hin, den die Antisemiten schützen zu wollen vorgeben. Gieses Ausspruch von Löbtauer Totschlägern nagelte unser Genosse gehörig fest, ebenso dieangeblichen Soldaten⸗ mißhandlungen. Weiter wies er an der Hand eines Urteils gegen den früheren antisemitischen Reichstags⸗ abgeordneten Hartwig in Dresden nach, daß die Antisemiten gar kein Recht haben, über jüdisches Speku⸗ lantentum sich zu entrüsten. Zum weitaus größten Teile stimmten die Versammelten dem zu. Die Ant⸗ worten Reuthers und Dr. Gieses machten gar keinen Eindruck, Letzterer wurde kaum noch angehört. Noch schlechter schnitten die Herren aber am Samstag in Daaden, Kreis Altenkirchen, ab. Dort erzählte erst der alte Innungsmeister Ohlenschlager aus Frank⸗ furt ein Langes und Breites über den Befähigungs⸗ nachweis und langweilte damit die zahlreichen Ver⸗ sammlungsbesucher fürchterlich. Dann hielten wieder Herr Giese und Reuther ihre Reden, darauf ein christ⸗ licher Gewerkschafter. Jetzt meldete sich unser Genosse Barthels aus Wetzlar, widerlegte die Herren und verfocht unsere Anschauungen und Forderungen. Er wurde mit größter Spannung angehört, war es doch das erste Mal, daß in dieser Gegend ein Sozial⸗ demokrat auftrat. Leider wurde ihm nur eine Viertel⸗ stunde Redezeit gestattet und als er sich nochmals zum Wort gemeldet hatte, wurde es ihm nicht ertellt. Das empörte die ganze Versammlung, deren Stimmung zum Schluß eine den Antisemiten entschieden unfreundliche war und die sich unter Lärm auflöste. Die Antisemiten haben hier sicher nicht einen einzigen Anhänger gewonnen, dagegen wird mancher Wähler eingesehen haben, daß ihm bisher die Gegner fürchterliche Lügen über die Sozialdemokratie vorgesetzt haben. Sonntag waren Versammlungen in Hamm und in Betzdorf, beide waren

Gieses Ausführungen be⸗