Ausgabe 
17.5.1903
 
Einzelbild herunterladen

1

Miteldeutsche Sonntags ⸗Zeitung.

Nr. 20.

Seite 2.

ab, mit riesigem Erfolge sur unsere Pariei. Stundenlang vor Beginn der Versammlungen wurden die Lokale von der Polizei wegen

Ueberfüllung abgesperrt. In Dortmund sprach unser Genosse vor mehr als 5000 Zuhörern, in Essen vor mehr als 3000 Versammelten, das Lokal erwies sich hier als viel zu klein. Nach Schluß der Versammlung wurden unaus⸗ gesetzt Hochs auf den Genossen Bebel ausge⸗ bracht, die auf der langen Fahrt durch die

Krupp'sche Fabrik sich immer wieder er⸗

neuerten, in endloser Reihe sich fortpflanzten. So freudig, aus vollem Herzen, wurde, wie unser Essener Parteiblatt meldet, in Essen kein Fürst begrüßt, wie der Führer der Sozialdemokratie, kurz nach der Aufforderung des Kaisers an die Arbeiter, das Tischtuch zu zerschneiden.

In dieser Beziehung ist noch ein anderer Vorfall sehr lehrreich. Zur Einweihung des neuen SchachtesHannibal wurde von der Firma Krupp eine Feier mit Freibier und Musik in Hofstede⸗Provitze veranstaltet. Als der Alkohol bei ihnen zu wirken anfing, brachten einige Beamten nach einander verschiedene schwungvolle Toaste aus auf den neuen Schacht, den Unternehmer usw. Darauf erhat sich auch ein Bergarbeiter das Wort und führte aus: Ich denke, daß es auch recht ist, daran zu denken, daß beim Abteufen des neuen Schachtes mehrere Kameraden ihr Leben lassen mußten.

Kaum aber war ihm das Wort entflohn, so sprangen die Herren Beamten wie von Taranteln gestochen in die Höhe. Die Herren waren offenbar der Meinung gewesen, der Ar⸗ beiter werde pflichtgemäß einen Toast auf sie ausbringen und statt dessen warder Kerl so frech, seiner Kameraden zu gedenken, die im Dienste des Kapitals ihr Leben, lassen mußten. Die Beamten gerieten in heftige Ent⸗ rüstung und schrieen:Das gehört nicht hierher, das geht uns nichts an usw. Als dagegen einige organisierte Arbeiter Widerspruch erhoben, sprangen zwei Steiger auf und beförderten die Ruhestörer an die frische Luft. Dann nahm die Feier ihren Fortgang...

Solche Vorkommnisse helfen natürlich mit, die Arbeiterschaft der Sozialdemokratie zuzu⸗ führen. Die brutalen Gewalttaten der Indu⸗ striebarone und ihrer Organe sind der Grund, weshalb die schönen Kaiserreden ohne jede Wirkung bleiben.

Mittelstandsretterei

treiben die bürgerlichen Parteien jetzt in der Wahlagitation mit besonderer Vorliebe, um die Stimmen der Handwerker ꝛc. zu gewinnen. Ganz besonders tun sich da neben den Antise⸗ miten die Konservativen und Agrarier hervor, die, soweit sie auf städtische Wähler spekulieren, besonders auf die Mittelstandskreise rechnen, da sie bei diesen die nötige politische Beschränkt⸗ heit voraussetzen, die sie auf den antisemitisch⸗ agrarischen Leim gehen läßt. Leider hat diese Rechnung noch immer nicht völlig getrogen. Während die umsichtigeren Kreise des Mittel⸗ standes mehr und mehr zu der Erkenntnis kommen, daß auch für sie nur in einer gesunden Vorwärtsentwicklung das Ziel liegt, fallen die zünftlerisch verseuchten Teile des Kleinbürger⸗ tums immer auf's Neue auf die antisemitisch⸗ agrarischen Lockungen nach rückwärts hinein. Diesen Lockungen einen neuen Anstrich zu geben, reicht die Geistesarmut der Mittelstandsretter aber nicht aus. So müssen denn die alten Ladenhüter derMittelstandspolitik immer auf's Neue herhalten, und man versucht den Kleinbürgern klar zu machen, daß sie von der Gesetzgebung alsStiefkinder behandelt würden.

Das Organ des dicken Agrarier Oertel klagt über Langsamleit der Gesetzgebung soweit die Mittelstandspolitik in Frage käme, während man Wünschenvon anderer Stelle schneller entgegen komme. Mit den Wünschen von anderer Stelle meint man aber nicht etwa die Ansprüche des Militarismus, die allerdings den Mittelstand furchtbar belasten, für die aber die sog.Mittelstandsparteien eintreten, sondern man meint die lächerlich geringfügigen

sozralpoltrischen Verbesserungen, welche die Gesetzgebung gebracht hat. Gegen diese möchte man den verständnistosen Teil des Kleinbürgertums aufhetzen. Das Zünftlertum, das sich die Führung des Mittelstandes anmaßt, macht es ja ebenso. Klagt doch auch der Wahlaufruf desZentralausschusses vereinigter Innungsverbände Deutschlands: Beschränkungen der Erwerbsmöglichkeiten, kleinliche Vorschriften, die den ehrlichen einfachen Mann zur Verzweiflung bringen können, sind an der Tagesordnung; heute ist das Bäckergewerbe, das Gastwirtsgewerbe an der Reihe, morgen wird ein anderer Beruf mit einer Gesetzmacherei beglückt, deren Vorteile in keinem Verhältnisse stehen zu der Verbitterung, die durch sie erzeugt wird. Dort, wo der Staat seine Machtmittel zweck⸗ mäßig entfalten sollte, beim Submisstons⸗ unwesen, bei der Gefängnisarbeit, bei un⸗ lauterem Wettbewerb, bei dem Unfug der Konsum-, Rabatt⸗ und Beamten⸗Vereine ꝛc., versagt er. Die Wahlen bieten die einzige Möglichkeit, Wandel zu schaffen.

Das werden sie nun freilich nicht. Mögen die Herren auch noch so großen Zorn auf den Grafen Posadowsky haben, weil er konstatirte, daß der Handwerkerstandseine Rolle ausge⸗ spielt habe, ändern werden sie an der Tatsache nichts. Mit ihrer ausgesprochenen Feind⸗ seligkeit gegen den Arbeiterschutz zeigen sie nur ihre ganze Kleinlichkeit, Engherzigkeit und ihren Klassenegoismus. Für sich selbst verlangen sieSchutz gegen den ungezügelten Kapite⸗ lismus, den Arbeitern wollen sie aber das Bißchen Schutz, das sie genießen, entziehen, um selbst ungezügelt die Ausbeutung ihrer Ar⸗ beiter betreiben zu können.

Künstliche Fleischverteuerung.

Mit dem Fleischbeschaugesetz will man den Agrariern zu hohen Fleischpreisen verhelfen, dabei wird aber zugleich dem Volke die Fleisch⸗ nahrung so gut wie vorenthalten. Wie die Allgemeine Fleischerzeitung berichtete, wurden mehrere aus Holland kommende Sendungen gekochter Lebern auf der Fleischbeschaustelle des Berliner Hauptzollamtes nicht zur Ein⸗ fuhr zugelassen. Das Blatt bemerkt dazu, daß die Zurückweisung im Widerspruch steht mit der Zulassung ausländischer Lebern in Ham⸗ burg, an den holländischen und anderen Grenz⸗ stationen. Nach der bisherigen Praxis der Zollämter hätten die Interessentenkreise der Ansicht sein müssen, daß der Einfuhr gekochter Lebern nichts entgegenstände, dieser Ansicht set auch der wissenschaftliche Berater der Reichs⸗ regierung, Dr. Ostertag, gewesen. Nunmehr soll aber die Einfuhr gekochter Lebern in das Zollinland durch eine Verfügung der zuständigen Reichsbehörden allgemein verboten werden. So sei es zwischen den Bundesregierungen vereinbart worden. Das ist ein schwerer Schlag besonders für die deutsche Wurstfabrikation, die ohne die Einfuhr von ausländischen Lebern gezwungen sein wird, ihren Betrieb erheblich einzuschränken. Damit werden die Preise natürlich steigen. Und das ist's, worauf es ankommt, damit die agrarischen Schweinezüchter mehr herausschlagen können.

Grenzsperre und Viehseuchen.

Aus Hildesheim schrieb man dieser Tage derFrkft. Ztg.: Die Schweineseuche, die noch vor wenigen Jahren in Deutschland eine seltene Erscheinung war, scheint jetzt trotz der für Schweine eingeführten Grenzsperre in be⸗ drohlichem Umfange vorzukommen, was in erster Linie der übermäßigen Forcierung ber Schweine⸗ zucht und Mast zuzuschreiben ist. In den letzten Wochen wurde diese Seuche auf 14 Gehöften im Kreise Alfeld und auf 4 Gehöften im angrenzenden Kreise Marienburg bei Hildes⸗ heim fur erloschen erklärt. DemHannov. Kurier zufolge häufen sich auch im Amtsblatt für Lippe die Bekanntmachungen über den Ausbruch der Schweineseuche im Lippeschen. Wenn bei einem vom Auslande eingeführten Stück Rindvieh die Maul⸗ und Klauenseuche festgestellt ist, so erhebt sich in der gesamten agrarischen Presse ein

gewalriger Larm. Ueber die ungleich geläbz⸗ lichere Schweineseuche wird dagegen geschwiegen, ein sicherer Beweis, daß sie nicht vom Auslande eingeschleppt ist. Das sind auch die andern Viehseuchen nicht. Mit dem Geschret von der Viehseuchen⸗Einschleppung vom Auslande ver⸗ folgen die Agrarier blos den Zweck, die Grenz⸗ sperre zurechtfertigen, durch die ihnen höhere Preise gesichert werden. a

Christentum und Sozialdemokratie.

em Genossen Meis in Gelsenkirchen starb vor einigen Tagen ein Kind. Da er aus der Kirche ausgetreten, verweigerte die Geist⸗ lichkeit die Aufnahme der Leiche auf den Fried⸗ hof, weshalb er gezwungen war, die Polizei in Anspruch zu nehmen. Diese verfügte, daß die Beerdigung auf dem Kommunalfriedhofe der der Stadt Gelsenkirchen eingemeindeten Gemeinde Hüllen zu erfolgen habe. Der Polizei⸗ kommissar glaubte nun, jedenfalls aus Rücksicht auf die Geistlichkeit, noch ein Uebriges tun zu müssen und bestimmte, daß die Kindesleiche auf demVerbrecherplatz, wo sonst die Selbstmörder und totgeborenen Kinder beerdigt werden, beigesetzt werde. Im Winter von 1898 auf 1899 starben dem Genossen Meis kurz hinter einander zwei Kinder. Die Geist⸗ lichkeit beider Konfessionen, katholisch und evangelisch, verweigerte die Aufnahme der Leichen auf ihren konfessionellen Friedhöfen. Beide Kirchhofseingänge wurden hierauf ge⸗ schlossen und noch extra mit einem Vorhänge⸗ schloß versehen. Die Polizei ließ jedoch den katholischen Friedhof öffnen, auf dem nun wohl mit Rücksicht auf die früher katholische Konfession des Genossen Meis die Beisetzung der Kinder erfolgte, jedochunter der Hecke. Aber die fromme Toleranz hatte hiermit noch nicht ihr Ende erreicht. Meis hatte auf den beiden 15 f Denkmäler gesetzt, schlicht aus Holz gefertigt nicht in Kreuzform. Diese Denkmäler wurden wohl mindestens ein Dutzend Mal gewaltsam ausgerissen, aber immer wieder von Beauftragten aufgerichtet. Schließ⸗ lich verschwanden diese Zeichen der Pietät ganz, d. h. sie wurden in's Totenhäuschen gebracht. Einige Tage später waren auch die Grabhügel der Erde vollständig gleichgemacht. Auf einen Strafantrag, den Meis wegen Grab⸗ schändung gegen die Uebeltäter stellte, erhielt er zur Antwort, daß die Grabhügel von un⸗ kundiger Hand, nämlich von der Polizei ge⸗ stellten Arbeitern, angefertigt und in Folge dessen wohl eingesunken seien.(Die Hügel waren, wie hier bemerkt sei, nicht von Polizei⸗ arbeitern, sondern vom Totengräber selbst an⸗ gefertigt.) Mit den Lügengeweben, die über das Verhalten der Sozialdemokratie gegenüber dem Christentum erzählt werden, vergleiche man obige den Tatsachen völlig entsprechende Darstellung, wie Vertreter des Christentums der Sozialdemokratie gegenüber oder vielmehr aus Haß gegen diese an den armen, unschuldigen, verstorbenen Kinderchen eines Sozialdemokraten handeln.

Kolonialheld begnadigt?

Kürzlich ging die Nachricht durch die Presse, der Prinz Prosper Arenberg, der wegen Mordes eine fünfzehnjährige Gefängnisstrafe verbüßt, sei begnadigt worden und solle das Gefäng⸗ nis bereits verlassen haben. fang des Jahres 1900 drangen nach Deutsch⸗ land die ersten Nachrichten über die Greueltaten, die ein Alleredelster der Nation, der Prinz Arenberg, in Südwestafrika begangen hatte. Der Prinz geriet mit einem Eingebornen in Streit, weil er ihm nicht genug Weiber zuführte. Er befahl einem Soldaten, auf den Unbot⸗ mäßigen zu schießen, der Sodat weigerte sich erst und schoß dann dem armen Teufel, dazu gezwungen, so vorsichtig wie möglich in's Bein. Hiernach geruhte der prinzliche Kulturträger den Mann höchstselbst todtzuschießen und ihm den Ladestock in's Gehirn zu stoßen. Das Todesurteil, das über diesen prinzlichen Mörder notwendig ausgesprochen werden mußte, wurde im Gnadenweg zu einer fünfzehnjährigen Zuchthausstrafe, durch einen neuen Gnadenak⸗ zu einer ebenso langen Gefsnanisstrafe umget

Zu An⸗

!