Ausgabe 
17.5.1903
 
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Nr. 20. Gießen, den 17 Mai 1903. 10. Jahra. 10 Rebaktton: Mebaktionsschluß: Kirchenplatz 11. Schloßgasse. Dommerstag Nachmittag 4 Uhr.

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Was ist Orduung?

Jetzt zur Wahl kommen die bürgerlichen Parteien wieder mit ihren abgedroschenen Schlag⸗ wörten, wieOrdnung,Nationalität,Vater⸗ land, und der Refrain ihres Liedes ist dann immer: Die Sozialdemokraten sindinter⸗ nationale Vaterlandsfeinde,Umstürzler und wie die Ladenhüter alle heißen. Selbst die Freisinnigen fehlen in diesem Unkenkonzert nicht.

Was ist Ordnung? Wenn man Ar⸗ beitern Hungerlöhne zahlt, so daß sie mit der Familie zeitlebens darben müssen, sicher ein armseligeres Leben führen, als das Reit⸗ pferd desHerrn, während der Großfabrikant Millionen auf Millionen häuft, dabei in Saus und Braus lebt ist dasOrdnung? Daß Millionen von Menschen nur geboren werden, um zu arbeiten, zu darben, zu leiden und zu sterben, während einige Wenige im Ueberflusse und wahnsinnig en Luxus leben ist das Ordnung? Daß der Arme weniger Recht hat als der Reiche ist dasOrdnung? Wenn ein Armer von Behörden und Gerichten anders behandelt wird als ein Reicher ist das Ordnung? Daß der Handwerker vom großen Fabrikanten an die Wand gedrückt wird ist dasOrdnung? Daß Vater und Mutter in die Fabrik gehen müssen, die Kinder sich selbst überlassen bleiben, jedes wahre Familien⸗ leben 1 zerstört wird ist dasOrd⸗ nung

SolcheOrdnung wollen die Sozialdemo⸗ kraten allerdings nicht, dieseOrdnung vertreten

aber diejenigen, die sich am lautesten als die

Männer der Ordnung aufspielen, und deshalb heißen sieOrdnungs⸗Parteien!

Was istNationalität, was das Vaterland? Im Reichstage zeigte der Agrarierführer Dr. Oertel einmal, daß das Kapital international sei. Er hatte gewiß recht und kein Fabrikant wird das be⸗ streiten wollen. Werden die Herren Kapitalisten aber deshalb zugeben, daß sie nicht national gesinnt seien? Das Christentum und besonders doch die katholische Kirche ist international. Sind deshalb alle Christen und voran die Katholiken Vaterlandsfeinde, Gegner der na⸗ tionalen Selbständigkeit? Gewiß nicht. Und ebensowenig die Sozialdemokraten, weil der Sozialismus international ist. Dem inter⸗ nationalen Kapital gegenüber haben die Arbeiter aller Länder das gleiche Interesse, ihr Kampf ist daher auch ein internationaler.

DasVaterland! Wer liebt nicht seine Heimat? Zieht es den in der Ferne, in fremdem Lande Lebenden nicht von Zeit zu Zeit mit Gewalt nach dem Orte oder der Gegend zurück,

wo er geboren wurde, seine Kindheit verlebte,

wo er die ersten und daher besten Eindrücke von der Welt bekam, dem Lande seines Vaters, demVaterlande? Wer kann sich diesem Drange, dieser Liebe zurHeimat entziehen? Niemand! Kein Mensch!»Aber was hat das mit den politischen und wirtschaftlichen Interessen der Gemeinschaft, der Nation, des Voltes zu tun? Was ist denn dasVaterland? Ist es der Besitz? Dann hätten die Millionen Besttz⸗ loser ja gar kein Vaterland! Ist es der Boden, der nur Wenigen gehört? die Häuser? Was denn? Doch das Volk! Das ganze Volk,

die Gemeinschaft, die Nation, das ist doch das

Vaterland! Wer für die Interessen des Volkes eintritt der vertritt die Interessen des Vaterlandes! Wer für die Hebung der Lage des Volkes, für bessere und gerechtere Einrichtungen im Staate, im Gemeinwesen so wirkt und kämpft wie die Sozialdemokraten der ist der größte Vaterlands⸗ freund! Die besitzende Klasse versteht unter Vaterland nur ihren Besitz, ihren Geldsack: Für ihren Besitz, für ihren Geldsack eintreten das nennen die Herrenpatriotisch!

Ist daspatrtotisch, wenn, wie im Reichstag festgestellt wurde, nattionalliberale Panzerplatten⸗ und Kanonen⸗Lieferanten das Reich bei Liefe⸗ rungen um 20 Millionen zu übervorteilen suchten? Wenn die natitonalliberalen Roheisen⸗ fabrikanten das Eisen nach dem Auslande billiger verkaufen als im Inlande, wo sie durch die mae dee sind? Wenn die national⸗ liberalen Bergwerksbesitzer die Kohlenproduktion in der größten Kohlennot einschränken, um Wucherpreise zu erzielen? Wenn Grundbesitzer beim Verkaufe ihres Grundbesitzes an die Re⸗ gierung zu militärischen Zwecken den Staat um 800 000 Mark betrügen?

DasVaterland ist diesen Leuten eine Milchkuh!

Für das ganze Volk, für das wirkliche Vaterland treten nur die Sozialdemokraten ein. Das Verhältnis der Parteien hat einmal sehr richtig ein Amtsrichter von Köller beurteilt. Er sagte:

Wäre ich ein reicher Großgrundbesitzer, so wählte ich konservativ.

Wäre ich ein reicher Maschinenfabrikant oder Grubenbesitzer, so wählte ich nationalliberal.

Wäre ich ein reicher Großhändler oder Börsianer, so wählte ich freisinnig.

Wäre ich aber ein Arbeiter, so wählte ich ganz selbstverständlich sozial⸗ demokratisch!

Welcher Arbeiter möchte sich wohl an Ein⸗ sicht seiner Klasseninteressen durch einen Amts⸗ richter beschämen lassen?

Zu den Reichstagswahlen. Wale Freisinn und Demokratie.

Die am weitesten links, also uns am nächsten stehenden Parteien sind die Freisinnigen und Demokraten. Wenn wir sagen, sie stehen uns am nächsten, so ist das nur in politischer Beziehung zu verstehen, das heißt, der von uns geforderte 19 0 8 5 Ausbau der Gesetzgebung freiheitliches und gleiches Wahlrecht, Preß⸗ und Versammlungsfreiheit sind oder waren zum großen Teil auch ihre Forderungen. So⸗ weit aber unsere sozialistischen Ziele oder auch nur unsere wirtschafts⸗ und sozialpolttischen Forderungen in Betracht kommen, stehen uns die Freisinnigen mit derselben Rückständigkeit wie die übrigen Parteien gegenüber.

Die Freisinnigen teilen f in zwei Gruppen, die Freisinnige Vereinigung und die Freisinnige Volkspartei, erstere unter Barth's, letztere unter Eugen Richters 5 Im Reichstage 11155 die Vereinigung 14 Abgeordnete, die Volks⸗ partei 27. Bei der letzten Reichstagswahl wurden für die Barth'sche Richtung 195700 Stimmen abgegeben, während Richter und sein Anhang noch 558 000 aufbrachten.

Die beiden freisinnigen Parteien sind aus derDeutsch⸗freisinnigen Partei hervor gegangen, die sich im Jahre 1893 wegen der großen Militärvorlage spalteten, Barth, Schrader 2c. waren für die Bewilligung höherer Militär⸗ und Marineforderungen, während sich die um Eugen Richter dagegen sträubten. DieVer⸗ einigung unterstützt auch die China⸗ und Kolonialpolitik. Die Deutschfreisinnige Partei bildete sich 1884 aus der Fortschrittspartei, zu der sich seit 1861 die liberalen Gruppen des preuß. Landtags zusammengeschlossen hatten.

Bei der Zolltarifvorlage führte die Freis. Vereinigung mit der Sozialdemokratie den Kampf. Sie tritt auch bis zu einem gewissen Grade für Sozialreformen und Arbeiterschutz ein und zwar mehr als das Zentrum. Für das Sozialistengesetz hat ein Teil der Frei⸗ sinnigen gestimmt, doch scheinen sie jetzt diesen Standpunkt verlassen zu haben.

Die Freisinnige Volkspartei steht mit der Vereinigung sozial und politisch in der Hauptsache af demselben Boden. Früher vertrat sie in sozialen Fragen den Standpunkt deslaisser-aller, des Gehenlassens, wendete sich deshalb gegen die Arbeiterversicherungs⸗ gesetze und ließ sich nur widerwillig zu Kon⸗ zessionen auf sozialreformerischem Gebiete herbei. Den Flottenvorlagen und der letzten großen Militärvorlage trat sie gegnerisch gegenüber; bei der Zolltarifvorlage beobachtete sie eine sehr laue Haltung und hinderte dadurch den Kampf

egen die junkerliche Wucherpolitik. Wohl in tücksicht dessen, daß eine Anzahl freisinnige Mandate von der Gnade des Zentrums und der Konservativen abhängen, war es ihr darum zu tun, die Zolltarifvorlage vor den Wahlen fertig zu stellen und damit zu verhüten, daß die Vorlage zur Wahlparole wurde. Sogar in den Kämpfen um die Geschäftsordnung des Reichstags, verhielt sie sich äußerst gleichgiltig. Die Freisinnige Volkspartei verteidigt zwar das Reichstagswahlrecht, aber von einer Ueber⸗ tragung desselben auf die Landtagswahlen der Bundesstaaten will sie nichts wissen.

Die Demokraten, oder wie sie sich offiziell nennen, dieDeutsche Volks⸗ partei brachte es bei der letzten Wahl auf 108 500 Stimmen und verfügt über 7 Abgeord⸗ nete. Diese Partei hat in Württemberg ihre Hauptanhängerschaft, die sich vornehmlich aus kleinbürgerlichen und kleinbäuerlichen Kreisen zusammensetzt. Fast in allen politischen und wirtschaftlichen Fragen geht sie mit der Frei sinnigen Volkspartei einig, mit der zusammen ste gemeinsame Sitzungen abhält. In unserem Verbreitungsgebiet ist diese Partei fast gar nicht vertreten.

Auf die Bestrebungen der Polen, Welfen, Dänen, Elsässer, die mehr nationalistische Tendenzen verfolgen, sonst aber auch zu den rückschrittlichen Elementen zählen, brauchen wir hier nicht weiter einzugehen.

Politische Rundschau. Gießen, den 14. Mai. Vom Tischtuch⸗Zerschneiden. Im rheinisch-westfälischen Kohlenrevier

hielt Genosse Bebel vorige Woche mehrere überaus stark besuchte Wählerversammlungen