Ausgabe 
16.8.1903
 
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Seite 6.

Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung.

Nr. 33.

e AUnterhaltungs-Ceil. 5

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Freiheit.

Du heilig Wort! im Munde seichter Toren, Von deinen Henkern auch so oft entweiht,

Du hallst wie Donnerklang in meinen Ohren, Wie dasViktoria einer neuen Seit.

Ich fühle ahnend schon dein mächtig Wehen, Und schon im Geiste deines Kommens Pracht; Von deinem Flammenschein erglüh'n die Höhen, Herrscht tief im Tale auch noch finst're Nacht.

Was man als Freiheit preist in vollen Chören Was ist es, als des Wortes leerer Schall;

Ein Truggebild, den Blöden zu betören,

Das eingehüllt in öder Phrasen Schwall.

Ist's Freiheit, die dort thront anf morschem Sitze Und kaum des Atems Hauch sich regen läßt, Die der Gedanken sprüh'nde Geistesblitze

Mit plumper Hand in starre Formen preßt! p

Ist's Freiheit, wenn, wo immer du magst wohnen, Die Sorge dir mit dürren Fingern droht,

Du schweifen kannst bis in die fernsten Sonen Im ew'gen Kampfe mit des Daseins Not d Ist's Freiheit, wenn des Glückes Favorite,

Nur weil das Geld in seinen Händen blinkt,

So wie den Perser einst der wilde Scythe

Dir Kopf und Hand zu nieder'm Frohndienst zwingt!

Das ist die Freiheit nicht, die echte, wahre,

Von der des Namens hohler Klang nur bleibt; Die, wechselnd bloß im Seitenstrom der Jahre, Stets neue Blüten alter Knechtschaft treibt;

Die bei des Segens überreicher Fülle

Nur mit Entsagung lohnt des Menschen Fleiß, Ihr beugt als Sklav', verfehmt dem Herrscherwillen Des Trägen, der gescheut der Mühe Schweiß.

Doch die ist's: die uns führt zu neuem Leben; Die Hülle sprengt, die uns in Banden schlug; Die Brücke schlägt, dem Röchsten zuzustreben; Wo keine Schranke hemmt des Geistes Flug! Das ist die Freiheit, langersehnt auf Erden! Das ist die Freiheit, ewig wahr und rein!

In ihr erstrahlt die Welt, in ihr soll werden Das herrlichste Juwel dem Menschensein.

Der Wunderschrank.

Vaterländische Erzählung von Ludwig Schierk.

(Fortsetzung.)

Ihr seid der Schmied aus dem Städtchen! sagte er leiseund das wird wohl Euer Kind sein. Der Schank soll bald gesperrt werden, und's wär keine Ruhe auf dem Stroh, das Euch der Wirt auf die schmutzige Diele legt. Geht mit! Die Faust des Schmiedes ließ das Glas

D.

Blasius, Lenchen, auf mit Euch! lachte er höhnisch.Das ist die erste Uniform, die uns beim Kragen nimmt. Landstreicherleute!

Sie gingen mit dem Wachtmeister fort: die Uniform hatte die Landstreicher wirklich beim Kragen genommen. Der alte Reußer führte sie in seine warme Stube.

Ihr schlaft die Nacht bei mir, Meister! Sucht auszuruhen! Morgen früh geht Euch die Sonne auf, so gut wie mir, und Ihr könnt Verstand haben, so gut wie ich. Braucht Niemand an der Kehle zu fassen! Haltet Euer Kind mit der einen Hand, mit der anderen den Arbeitshammer! Die Mordgedanken kommen Euch dann aus dem Hirn. Unsere Bauern fuhren in die Stadt zu Euch, jetzt kommt Ihr zu ihnen. Ein Schmiedfeuer kann im Dorfe auch glühen! die Knechte sparen den Weg und betrinken sich weniger. Euer Kind kömmt unter Dach, Meister! Wenns niedriger ist: es sist gescheiter als die Straßengräben und die Branntweinstuben. Müßt dem Mädel ein trau⸗ lich Kämmerlein schaffen!

Der Wachtmeister entsann sich nicht, je⸗ mals eine längere Rede gehalten zu haben. Aber der Schmied mit Blasius und Lenchen war wirklich im Nelkendorfe geblieben.

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Neben dem Heiligtume im kunstgewerblichen Schlafzimmer des Herrn Thomas Seebald kennt nun der Leser auch einen Wunderschrank, den der alte Wachtmeister Gustav Reußer unter seiner Uniform trug. 15

Die historische Eigenschast der Frau ist die Geschmeidigkeit; jene außerordentliche Fähigkeit des Körpers und Geistes, sich den gegebenen Verhältnisseu anzupassen und dem Veränderten die beste Seite abzulauschen. Diese Eigenschaft hat die Frauen der Arbeiter allmählig zu der bevorzugten Stellung gesellschaftlicher Lasttiere erhoben und die Frauen der Nichtarbeiter in die göttliche Möglichkeit versetzt, sich ihrer ge⸗ sellschaftlichen Verpflichtungen bis auf jene des Empfangens und Gebärens nach und nach zu entledigen. Es kann aber keinen Zweifel unter⸗ liegen, daß es unserer erleuchteten Wissenschaft im Dienste vaterländischen Kapitals endlich auch gelingen werde, das Herbe des letzteren Prozesses auf ein selbst den schönen Vertreterinnen dieses Kapitals erträgliches Maß zurückzuführen, ohne das Vergnügen und die Ausdehnung der ersten Funktion irgendwie empfindlich zu schmälern.

Wir wissen nicht, ob Lenchen, die Tochter des Schmiedes, die ganze Tragweite dieser Er⸗ kenntnisse empfand in den Stunden, da sie einsam in dem Stübchen saß, wo der große Kachelofen summte, und die grünschillernden Dorfheckenvögel endlich den Versuch aufgegeben hatten, sich aus dem lästigen Drahtgeflechte zu lösen, in das sie die Hand des langen Hans verwiesen.

Mit Hilfe jener nützlichen Eigenschaft der Frauen hatte sich Lenchen sogleich in die neuen Verhältnisse gefunden. Da ihr nicht verstattet war, unter dem Dache zu wohnen, das mit den Banknoten des Herrn Thomas Seebald gedeckt war, schloß sie das kleine Holzhäuschen, das der Schmied ganz insgeheim erwerben mußte, um seinem reichen Schulgenossen nicht neuerdings in die Klauen zu fallen, völlig in ihr junges Herz. Sie liebte das morsche Hüttchen mit einer Art Mitleid über sein dürftiges Aussehen und hatte sich vorgenommen, dem bescheidenen Bauwerkchen durch nichts fühlbar zu machen, daß sie darin wohnen müsse. Sie fegte die ärmlichen Dielen mit derselben Sorgfalt, die sie dem behaglicheren Boden ihrer städtischen Stube zugewendet hatte. Sie wusch jede Woche den kleinen Fensterchen das bestaubte Gesicht und sang dazu ein ergreifendes Lied von einem weißen Röslein, das in einer kalter Herbstnacht erfroren war. Es war dasselbe Lied, das Herrn Seebald junior an einem lindduftigen Sommerabende, da allen Menscheu auf Erden das Herz in Liebe zerspringen wollte, veranlaßt hatte, bei dem Hause des Schmiedes stehen zu bleiben und mit Lenchen ein Gespräch anzuknü⸗ pfen von so tiefem Inhalte, daß das arme Mädchen eine Scheibe zerbrach und der junge Herr fast über einen Schubkarren stürzte, 11 8 der bessernden Hand des langen Hans

arrte.

Herr Seebald junior trug an diesem bedeu⸗ tungsvollen Tage einen feinen Korkhut auf dem lockigen Haar, und sein flottes Schnurbärtchen strahlte im Glanze eines Sälbchens, das der Geldprinz aus Paris bezog.

Lenchen stand auf einem hölzernen Gerüste, das sie sehr kunstvoll aus alten Baustücken herzustellen pflegte und wusch die Scheiben mit bann vaterländischer Seife. Ihre raunen Zöpfe hingen lang herab, und ihre von der Sonne verbrannten Arme gaben sich keine Mühe hübscher zu scheinen, als wie sie waren.

Die zwei junge Leute standen da wie Arbeit und Müßiggang. Aber der Müßiggang lobte die Arbeit; denn Herr Seebald junior war der Sohn seiner Mutter.

Unsere Gesellschaft, Fräulein Lenchen, muß verkommen; verkommen an der Arbeitsscheu der Frauen des reicheren Bürgertums. Es wird Zeit, daß brave und gute Mädchen aus dem Volke durch Heirat in jene Kreise gelangen, in denen das Weib vergessen hat, sein Glück und seine Ehre am Feuerherd zu suchen.

Fräulein Lenchen lauschte atemlos. Die warme Sommerluft wehte harzduftig von den

bewaldeten Bergen, hinter denen die Sonn e zögernd hinabsank. Die müden Hüttenleute ogen heimwärts und besprachen flüsternd den ohnabzug, der ihnen angedroht worden war. Aus der Fern war der gröhlende Ton eines Dampfhornes zu vernehmen, der den Menschen verkündete, daß die Firma Mörwitz und Sohn 5 diese Nacht die Arbeit einzustellen gesonnen e*

Aber Lenchen hörte nur die Stimme eines Vogels, der von braven Mädchen aus dem Volke sang, die in jene Kreise kommen sollten, wo das Weib vergessen hatte, sein Glück und seine Ehre am Herdfeuer zu suchen.

Konnte man es diesem armen Kinde ver⸗ denken, wenn es nun zuweilen in die abendliche Kerze starrte, die es dem Vater auf dem kleinen Tische anrichtete? Ach, die Fäuste des Schmiedes hatten das junge Glück wohl für immer zerstört!

Da das arme Lenchen für den Augenblick ver⸗ hindert war, das Herdfeuer des Seebaldschen Hauses neu zu entzünden, so schürte sie um so aufmerksamer die kleine Flamme, die in dem großen Kachelofen brannte.

Der Schmied fand sich viel schwerer zurecht.

Zehnmal des Tages stieß er mit der Stirne gegen das Gebälk der niedrigen Tür und be⸗ nutzte diesen Anlaß, um ein Dutzend der fürchterlichsten Verwünschungen gegen Herrn Thomas Seebald auszustoßen.

Aber ein hölzernes Dorfhäuschen gleicht einem Bettelkindchen, das sich mit braunen. Händchen endlich in jedes Gemüt schmeichelt.

So konnte auch die Art, wie der lange Hans seinen Besitz vor der Oeffentlichkeit zu e ne als ein Beweis der Zu⸗ neigung gelten, die er zu dem engen Hause gefaßt hatte. a ee een

Wachtmeister! sagte er einst am Feier⸗ abend, der Zeit, wo die kleinen Handwerker, die ein halbverfallenes Häuschen haben, von dem Werte dieses Besitzes besonders durchdrungen sind,Wachtmeister! wenn sie mich hier noch weiters auspfänden, den Hammer da sollen sie mir nicht nehmen, bis ich dem Herrn 5 1 den Banknotenschädel zertrümmert

e!

Die Besorgnisse des kampfbereiten Schmiedes waren nicht unbegründet. Denn in dem Lande, wo er lebte und wo der Wunderschrank des Herrn Thomas Seebald stand, erlaubte es das Gesetz, einem Schuldner alles zu nehmen bis auf seine Körperhaut.

Dasselbe Gesetz überhob den Schuldner des mühsamen Geschäftes, sein Eigentum selbst auszumarkten. Diese Funktion übernahm ge⸗ wöhnlich ein Mann mit einer Uniformmütze auf dem Kopfe und einer Pferdeglocke in der Hand. Er rief die Gegenstände aus, wobei er unmäßig schrie, und machte am Ende des ganzen Treibens dem Schuldner fröhlich die Mitteilung, daß für ihn nichts mehr geblieben sei. Dem Schmiede hatte er noch zugeraunt, daß von der Kette, mit der ihn Herr Thomas Seebald an seinen Wunderschrank gefesselt hatte, ein Endchen übrig geblieben wäre.

Dieser Umstand war auch dem armen Lenchen bekannt, und das gute Kind besorgte, daß der Herr Thomas auf seinem Scheine bestehen könnte. 5

Das Häuschen war von einer Summe gekauft worden, welche aus den Spargroschen des alten Reußer und etlichen Banknoten, die sich in einem Halstuche Lenchens gefunden hatten, wunderlich zusammengesetzt werden mußte.

Aber das scharfe Auge des Herrn Thomas Seebald war überall. Dies Auge glitt von dem geheimnisvollen Wunderschranke prüfend über die Dächer des heimatlichen Städtchens bis zu den grünen Streifen der Wälder, in deren Schutze die Esse des Schmiedes und die Wangen Lenchens glühten.

Lenchen und der Wachtmeister standen in einem sonderbaren Verhältnis zu einander.

Halb bildeten sie eine Vereinigung mit dem Bestreben, den alten Schmied für die neuen Zustände, in denen er nun leben mußte zu er⸗ ziehen. Dies Geschäft war nicht schwer; denn nach Art sanguinischer Naturen war der lange Hans jedem Einfluß zugänglich, der mit Weis⸗