Ausgabe 
16.8.1903
 
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Nr. 33.

Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung.

Seite 3.

der einen anderen Leerzug schleppte nach der Wagenremise der Place de la Nation. Nahe der Station Menil⸗ montant gerieten beide Züge in Brand. Der Maschinist und das Zugpersonal retteten sich rechtzeitig. In dem⸗ selben Augenblick traf ein mit zahlreichen Reisenden besetzter Zug auf der Station Couronnnes ein. Der Maschinist dieses Zuges stoppte, da die Linie blockiert war. Sofort hüllte sich der Zug in dichten Rauch und es entstand eine furchtbare Panik unter den Reisenden, besonders als nach ein bis zwei Minuten das elektrische Licht erlosch. Die Reisenden, an Zahl über 200, suchten den Ausgang, das Bahnpersonal bemühte sich, den Reisenden den Weg zu zeigen, es scheint aber, daß es sich bei der entsetzlichen Verwirrung kein Gehör verschaffte. Die Rettungsarbeiten waren wegen des den Tunnel füllenden dichten Rauchs ungeheuer schwierig, Stunden vergingen, ehe die Feuerwehr in den Tunnel eindrang. Anfänglich wurde geglaubt, daß niemand das Leben eingebüßt habe. Gegen Mitternacht verbreitete sich das Gerücht, daß sich von den 200 Reisenden kaum die Hälfte retten konnte und die übrigen erstickt seien. Der verwundete Maschinist des Zuges erklärte, er glaube, der Brand sei dadurch verursacht worden, daß ein Me⸗ tallbestandteil des Motorwagens sich gelöst habe und auf die Schienen fiel, wodurch Kurzschluß entstanden sei und die Guttaperchahülle der Leitungsdrähte sich entzündete. Der Holzboden der Wagen fing Feuer, das rasch um sich griff. Die aus dem Stadtbahntunnel heraufgeschafften Leichen sind schrecklich entstellt und rauchgeschwärzt und deuten auf einen schweren Todeskampf. Ueber die Versuche zur Rettung der Unglücklichen wird berichtet: Der stark aufsteigende Rauch, der aus der Tunnelöffnung von Menilmontant strömt, erschwerte die Rettung außer⸗ ordentlich. Von nachts 11 Uhr bis Dienstag früh 3 Uhr hatte der Präfekt vergebens versucht, an der Spitze der herbeieilenden Feuerwehrleute in den Tunnel einzudringen: er war schon im Begriff, Dynamit anzu⸗ wenden, um eine Eingangspforte zu schaffen als ein Oberfeuerwehrmann in Rauchschutzausrüstung einzudringen wagte. Der Mann kehrte aber wenige Minuten später halberstickt zurück. Dann folgte unten im Tunnel eine Detonation und der Rauch zog in starken Schwaden ab. Nun gelang es einzudringen. Die mit Acetylenlampen ausgerüsteten Feuerwehrleute kamen bald mit versengten Haaren wieder zurück; jeder trug zwei, mancher sogar drei Leichen im Arm. Der Anblick war entsetzlich. Die Mehrzahl der Opfer gehört dem Arbeiterstande an, es befinden sich viele Frauen und Kinder darunter, im ganzen wurden 84 Leichen zutage gefördert. 23 Familien sind brotlos geworden. Im Auftrage der Staatsanwaltschaft wurde vom Untersuchungsrichter Jolliot die strafrechtliche Untersuchung gegenvorläufig Un⸗ bekannt wegen fahrlässiger Tötung eingeleitet. Bis zur Stunde ist es unmöglich, festzustellen, wer die Ver⸗ antwortung für das Unglück auf der Stadtbahn trägt. Dle Direktion sucht die Schuld an dem Unglück auf das Bahnpersonal abzuwälzen, und sie erklärt, daß das Un⸗ glück niemals solchen Umfang hätte annehmen können, wenn die Bahnbediensten nicht den Kopf verloren hätten. Ein Direktor der Untergrundbahn äußerte einem Be⸗ richterstatter gegenüber, die von der Bahnverwaltung eingeleiteten Nachforschungen hätten ergeben, daß die Verantwortung ausschließlich den Maschinisten Chau⸗ vin, einen der älteren und zuverlässigsten Beamten der Untergrundbahn, treffe. Die Untergrundbahn beförderte bisher etwa 200 Millionen Menschen ohne ernsten Un⸗ fall. Der Maschinist Chauvin erklärte auf dem Polizei⸗ kommissariat, daß der in Brand geratene Zug am Sonntag nicht mehr hätte verwendet werden dürfen, da die Brems vorrichtung bereits mittags einmal versagte. Es sind Leichen bis auf zwei rekognosziert. Es sind dies zwei Frauen, von denen die eine eine Bäuerin aus der Provinz zu sein scheint. Bei der anderen wurde eine Rückfahrkarte nach Edinburg in Schottland gefunden. Am Mittwoch erreignete sich abends auf dem Stadt⸗ bahnhofe Place des Ternes ein ähnlicher Unfall, aber ohne ernstliche Folgen. Auf dem Motorwagen entstand ein Brand, der zwar alsbald gelöscht wurde, aber doch Anlaß zu einer Panik unter den Fahrgästen gab. Zwei Damen sprangen aus dem Wagen und erlitten dabei leichte Verletzungen.

Kleine Mitteilungen.

* Schadenfeuer. In Krofdorf brannte am Dienstag nachmittag eine Scheuer, dem Wirt Drescher gehörig, nieder. Die Futtervorräte waren nicht versichert.

* Wegen Unterschlagung in Höhe von 6000 Mark wurde auf Requisition der Marburger Staats⸗ anwaltschaft in Kassel ein Gerichts sekretär verhaftet.

Tötlicher Ausgang nahm eine Rauferei in Allendorf a. Lahn. Nach einem Streite warf der 20 jährige Mandler den 50 Jahr alten Johs. Ulm zur Wirtschaft hinaus auf den Hof. Ulm starb noch in

* Ein neuer Sprudel wurde in Vilbel von der Frankfurter Firma Saelz u. Co. auf dem Besitztum des Herrn F. Hinkel erbohrt.

* Kind verbrannt. In Inheiden verbrannte am Donnerstag das dreijährige Kind eines Landwirts. Die drei Kinder desselben waren allein zu Hause, das älteste, zehnjährige wollte Feuer anmachen, wobei die Kleider der Kleinen in Flammen gerieten.

n Vom Schlachtfelde der Arbeit. In der Frankfurter Nähmaschinenfabrik von Wertheim geriet ein Arbeiter am Samstag mit der Haud in die Frais⸗ maschine, wobei ihm ein Finger abgeschnitten wurde. Erst einige Tage vorher ereignete sich an derselben Maschine ein ähnlicher Fall. Das beweist, daß die Schutzvorrichtungen sehr mangelhaft sein müssen.

* Arbeiterrisiko. In einem Werke der Od en⸗ wälder Hartstein industrie wurde vergangenen Montag ein Arbeiter am Roßberg bei Roßbach von der Maschine erfaßt. Er wurde tot ins Krankenhaus ein⸗ geliefert. Seine Frau und neun Kinder verlieren in ihm den Ernährer. Von einer Maschine beide Beine zermalmt wurden einem Arbeiter in einer Kasseler Fabrik.

* In Geisenheim warf ein Einwohner seine Schwiegermutter die Treppe hinab, sodaß sie das Genick brach.

* Ueberfahren wurde am Dienstag abend auf dem hiesigen Rangierbahnhof der Bremser Schneider von Betzdorf. Er wurde, an beiden Beinen schwer verletzt, in die Klinik verbracht. Der Verunglückte besitzt zahlreiche Familie.

a Sechs Kinder verbrannt. Am Donnerstag nacht voriger Woche brannte das Wohnhaus eines Gutsbefitzers in Rentengrün im sächsischen Vogtlande nieder, Die sechs Kinder des Besitzers, die im Dachstock schliefen, kamen dabet in den Flammen um.

** Angehender Missionar. In Kaisers⸗ lautern wurde am vorigen Freitag der Missionsgehülfe Grenda von Danzig, wohnend in Neustadt a. H., wegen Sittlichkeitsverbrechen an Kindern verhaftet.

Gewerkschaftl. u. Arbeiterbewegung.

Die Aussperrung der Bauhand⸗ werker in Cassel dauert unverändert fort, da die Einigungsverhandlungen vor dem Ge⸗ werbegericht scheiterten. Zuzug ist fernzuhalten.

1 Die Schmiede bei der Firma Lanz in Mannheim befinden sich seit kurzem im Ausstande, die gesamte Arbeiterschaft der Lanz⸗ schen Fabriken erklärte sich in einer Versamm⸗ lung mit den streikenden Schmieden solidarisch und verpflichtete sich zur Verweigerung der Streikarbeiten, was unter Umständen zum Generalstreik führen kann.

F Zur Einführung des Zehnstunden⸗ tags ist eine lebhafte Bewegung unter den Textilarbeitern in Crimmitschau in Sachsen im Gange, die sich auf etwa 73 Betrieben mit 6000 Arbeitern erstreckt, von denen 4000 dem Textilarbeiterverband angehören. Die Be⸗ mühungen auf Einführung des Zehnstunden⸗ tags von seiten der Arbeiter reichen bis zum Jahre 1899 zurück, waren jedoch bisher ange⸗ sichts des Widerstandes der Arbeitgeber erfolg⸗ los. In einer Reihe von Versammlungen wurde beschlossen, nochmals mit der Forderung an die Arbeitgeber heranzutreten und bei aber⸗ maliger Abweisung die Arbeit niederzulegen und die Forderung zu erkämpfen. Inzwischen erhielten die Arbeiter einen ablehnenden Bescheid auf ihre Forderungen, die auch auf 10 proz. Lohnerhöhung lauteten, zugleich auch die Kün⸗ digung, von der insgesamt 8000 Arbeiter und Arbeiterinnen betroffen wurden. Sollte eine Einigung bis zum Ablauf der Kündigung nicht erzielt werden, so ist die Riesenaussperrung perfekt.

Differenzen bei Zeiß in Jeng. Seit Jahren ist die optische Fabrik von Zeiß in Jena als Musterbetrieb auch in Bezug auf die Arbeitsverhältnisse bekannt. Jetzt scheint es, als sollte sich dort ein Umschwung vollziehen. Trotz erhöhten Umsatzes entläßt die Firma, wie berichtet wird, 60 Arbeiter der optischen Abteilung, um weitere Ueberproduktion zu ver⸗ hüten. Gleichzeitig wird bekannt, daß sich wegen Differenzen mit der Geschäftsleitung der Ar⸗ beiter⸗Ausschuß auflöste. Das steht nicht sehr nach Arbeiterfreundlichkeit aus!

derselben Nacht, ohne das Bewußtsein wieder erlangt zu haben.

Mandler stellte sich freiwillig dem Gericht.

Partei-Nachrichten.

Charles Longuet gestorben.

In Paris starb vorige Woche einer der bekan ntesten franzöfischen Sozialisten, Ch. Longuet, ein Schwiegersohn von Kar! Marx, eines plötzlichen Todes. Longuet stand schon seit vielen Jahren in der sozialistischen Be⸗ wegung. Er stammte aus einer wohlhabenden, klerikal⸗ monarchistischen Bürgerfamilie in der Normandie. Schon als er in Paris studierte, Ende der sechziger Jahre, widmete er sich mit Elfer der sozialistischen Propaganda. 1871 beteiligte er sich an dem Kampfe der Kommune und war Kommandeur eines Bataillons der National⸗ garde. Nach dem Falle der Kommune zum Tode verurteilt, gelang es ihm zu fliehen. Er kam nach London, wo er Marx kennen lernte, mit dessen Tochter Jenny er sich 1873 vermählte. Seit der französischen Parkteispaltung gehört er der jauresistischen Partei an. Auf dem letzten Kongreß derselben in Bordeaux sprach er gegen Millerands Ausschließung. Charles Longuets Tod ist eine schmerzliche Ueberaschung: trotz seines viel⸗ bewegten Lebens zeigte er eine fast jugendliche anmutende Lebhaftigkeit des Naturells und des Geistes und volle körperliche Rüstigkeit. Er hinterläßt eine Tochter und drei Söhne.

Der Dresdner Parteitag ist der vierzehnte seit dem Fall des Sozialistengesetzes. Die früheren Parteitage fanden statt: 1890 in Halle, 1891 in Erfurt, 1892 in Berlin, 1893 in Köln, 1894 in Frankfurt a M., 1895 in Breslau, 1896 in Gotha. 1897 in Hamburg, 1898 in Hannover, 1899 in Stuttgart, 1900 in Mainz, 1901 in Lübeck, 1902 in München, 1903 in Dresden.

Wahlkreis Alsfeld⸗Lauterbach⸗Schotten.

Sonntag, 16. August, nachmittags 4 Uhr,

findet zu Alsfeld auf der Pfefferhöhe eine Kreiskonferenz

statt.. Tagesordnung: 1. Rechnungsablage; 2. Delegtertenwahl zur Landeskonferenz; 3. die Reichs⸗ tagsstichwahl; 4. Verschiedenes. Um zahlreiche Beteili⸗

gung ersucht Der Kreisvertrauensmann. Jakob Eder. Versammlungskalender.

5 Samstag, den 15. August.

Gießen. Soz.⸗dem. Wahlverein. Abends 9 Uhr Versammlung bei Orbig.

Lollar. Wahlverein. Abends 9 Uhr Versamm⸗ lung bei Wirt Schupp.

Steinberg. Arbeiterbildungs verein. Abends 9 Uhr Versammlung bei Schmandt Wwe. Voll⸗ zähliges und pünktliches Erscheinen erwünscht.

Montag, den 17. August.

Gießen. Schneiderverband. Abends 9 Uhr Versammlung bei Orbig.

Marburg. Schneider. Abends 9 Uhr bei Hill⸗ berger.

Dienstag, den 18. August. Gießen. Gewerkschaftskartell. Abends 9 Uhr Sitzung bei Orbig. Samstag, den 22. August. Marburg. Holzarbeiter. Abends 9 Uhr Ver⸗ sammlung bei Hillberger. Metallarbeiter. Abends 9 Uhr Versammlung bei Jesberg.

Letzte Nachrichten.

Der frühere Reichstagspräsident Albert v. Levetzow ist auf seinem bei Bärwalde gelegenen Gute Gossow plötzlich gestorben. Zum neuen Reichstag hatte er aus Gesundheitsrücksichten nicht mehr kandidiert. Er gehörte zu denjenigen Konservativen, welche nur ungerndie Fronde gegen die Regierung mitmachten, wenn die Junker glaubten, Grund zur Unzufriedenheit zu haben. Mit denUeberagrariern bat er nie sympathistert. Er begann seine parlamentarische Laufbahn 1867 als Mitglied des Norddeutschen Reichstags. 188184 und 1888 95 war er dessen erster Präsident. Dann gab er sein Amt an den Reichstag zurück, als dieser seinen Antrag, Bismarck zu dessen 80. Geburtstag zu beglück⸗ wünschen, ablehnte,

Zur RNeichstagsnachwahl in Dessau wurde der frühere Abg. Schrader, von der freis. Ver., von einer Vertrauensmännerversammlung einstimmig zum Kandidaten nominiert. Schrader hat die Kandidatur angenommen. Für unsere Partei kandidiert wieder Landtagsabg. Gen. Käppeler. Die Nationalliberalen wollen den Kommerzienrat Burdenwirzer aufstellen;

Parteifreunde! ne e

neue Leser für Euer Blatt, die

Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung!