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Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung.
Nr. 33.
Gründung einer serbischen sozialdemokratischen Partei auf Grundlage des Erfurter Pro- gramns beschlossen.
Pon Uah und Lern.
Gießener Angelegenheiten.
— Richtigstellung. In Leitartikel der letzten Nummer hat sich dadurch ein Fehler eingeschlichen, daß versehentlich ein ganzer Satz fortgeblieben ist. In der dritten Spalte im vierten Absatz muß es richtig heißen: Das vorläufige Ziel der Verfassungs-Umstürzler kommt in dem Satze zum Ausdruck:
„Es muß ein allgemeiner Vorstoß von solcher Wucht und Ausdauer werden, daß die Reform beim. des Reichstages das gauze innerpolitische Interesse in Auspruch nimmt.“
Und hiernach soll erst der Satz folgen:
Der„Vorwärts“ hat sich ein Verdienst da⸗ mit erworben, daß er die sauberen Pläne der im geheimen wühlenden politischen„Umstürzler“ an das Tageslicht gefördert hat.
— Zu dem Vorschlag betreffend die Bildung eines Agitattonsbezirkes für Gießen, Wetzlar, Dillenburg, Marburg ꝛc. er⸗ halten wir eine längere Zuschrift von einem Wetzlarer Genossen, in der sich derselbe mit Entschiedenheit für Schaffung einer derartigen Organisation ausspricht. Außerdem betont er die notwendige Ausgestaltung der Parteipresse für unsern Bezirk, denn je mehr unsere Be⸗ wegung vorwärts schreite, desto schärfer werde der Kampf mit den ordnungsparteilichen Schund⸗ blättern. Darum müßten wir suchen, so bald als möglich zu einem täglich erscheinenden Blatte zu kommen. Schließlich fordert der Genosse, daß bei dem Zusammentritt der Preß⸗ kommission auch die Wetzlarer Genossen einge⸗ laden werden.— Das ist gewiß ein fend be⸗ rechtigter Wunsch. Im Uebrigen wollen wir bemerken, daß jede Einsendung mit dem vollen Namen des Einsenders unterzeichnet sein muß.
— Feuerwehr⸗Uebung! Für die in der Nähe des Brandplatzes wohnenden Leute bedeutet der Montag Abend keineswegs einen besondern Genuß. An diesem Abende„übt“ die Feuerwehr. Das ist ja nun soweit ganz gut, denn ohne die nötige Uebung würde die nützliche, auf dem Grundsatz der Nächstenliebe und Menschenfreundlichkeit gegründete Einrich- tung ihren Zweck vollkommen verfehlen. Der e aber, der einer solchen Uebung beiwohnt, kommt zu dem Glauben, daß es sich um die Uebung eines Tambourkorps han⸗ delt und nicht um eine solche der Feuerwehr. Zu nachtschlafender Zeit wird ein Höllenlärm vermittels der Kalbfelle in den engen Gassen vollführt, daß die eben eingeschlafenen Kinder jäh emporschrecken, zum Leidwesen der Eltern, die eben Ruhe zu haben glaubten und zum Entsetzen der etwa krank darniederliegenden. Geht's denn wirklich nicht ohne diese tolle Trommelei? Damit wehrt man der Feuers— gefahr doch nicht!
r. Der Gesangverein„Eintracht“ erhielt bei dem Konkurrenzsingen auf dem Bundessängerfest des Arbeitersängerbundes für den Rhein- und Maingau in Dieburg unter 14 Vereinen in Klasse 3a(28 Sänger) die beste Note. Das Fest verlief übrigens bei äußerst starker Beteiligung(10—12 000 Personen) in schönster Weise.
— Eine Konferenz der hessischen Gewerbeaufsichtsbeamten fand am 5. August in Darmstadt statt. Wie aus einer offiziösen Auslassung darüber zu ersehen ist, beschäftigte sich diese Konferenz außer zahlreichen anderen Angelegenheiten wesentlich mit der Ausführung des Reichsgesetzes über die Kinder— arbeiten in gewerblichen Betrieben und der Frage der Ausdehnung des Bauarbeiter— schutzes. Der Beratung des erstgenannten Gegenstandes wohnte auch der Vorsitzende der Abteilung für Schulangelegenheiten bei. In einer weiteren Beratung am gleichen Tage wurden mit den Gewerbeinspektoren der Auf— sichtsbezirke Gießen und Offenbach, sowie mit Vertretern der beteiligten Arbeiterkreise, zwei im Reichsamt des Innern ausgearbeitete Entwürfe von Vorschriften zum Schutze der
Zigarrenarbeiter erörtert. Ueber den letzteren Punkt ist uns leider von seiten der zugezogenen Arbeitervertreter bis jetzt eine Mitteilung nicht zugegangen.
Aus dem Rreise gießen.
— Die Bürgermeisterwahl in Lich findet diesen Freitag(14. August) statt. Dem bisherigen Bürgermeister Heller steht der Ortsgerichtsvorsteher Vogt als Gegenkandidat gegenüber. Ueber den Ausgang der Wahl liegt bei Druck unseres Blattes noch keine Nachricht vor.
Aus dem Nreise Alsseld-Cauterbach.
SEin trauriges Sittenbild lieferte eine kürzlich vor der Gießener Straf⸗ kammer stattgefundene Gerichtsverhandlung. Ein 20 jähriger Maurer aus Niederofleiden, ein 62 jähriger Weichensteller i. P. und ein Ge⸗ richtsschreibergehilfe aus Alsfeld waren wegen Vornahme unzüchtiger Handlungen mit Per⸗ sonen unter 14 Jahren angeklagt. Die be⸗ treffenden Mädchen sind Schulkinder aus Als⸗ feld im Alter von 13 bezw. 14 Jahren, die
inzwischen zur Zwangserziehung in Besserungs⸗
anstalten untergebracht worden sind, und sollen nach der Beweisaufnahme eigentlich die Ver⸗ führer der Angeklagten gewesen sein. Wenig glaublich erscheint das allerdings. Das Urteil lautete gegen den Maurer auf eine Ge⸗ samtstrafe von 9 Monaten Gefängnis, gegen den früheren Weichensteller auf eine Gefäng⸗ nisstrafe von 6 Monaten, während der Ge⸗ richtsschreibergehilfe von Strafen und Kosten freigesprochen wurde.
Aus dem Rreise Wetzlar.
h. Zur Landtagswahl wollen die Konservativen den früheren Landrat Stackmann aufstellen, während von den Nationalliberalen Justizrat Aldefeld genannt wird. Pfarrer Heckenroth hat sich im Kreise Alten⸗ kirchen als konserv.⸗bündl. und antisemitischer Kandidat gegen den seitherigen Abg. Krämer(natl.) aufstellen lassen.
h. Auf der Sophienhütte wurde in verflossener Woche den älteren Arbeitern aufgegeben, bis zum 15. August durch ihre Heimatsbehörde eine Berechnung über die Höhe einer etwaigen Invalidenrente beizubringen. Wenn die Anordnung einen Sinn hat, so kann es nur der sein, daß die Betriebsleitung mit der Absicht umgeht, die ältesten Leute durch so eine Art Zwangspensionierung abzuschieben. Dies dürfte indessen nicht so leicht sein, als es sich der Herr Betriebsführer Debus vorstellt. Zur Invalidität gehört mindestens eine Verminderung der gelstigen und körperlichen Kräfte um/ des nor⸗ malen Zustandes. Im übrigen ist keine Behörde ver⸗ pflichtet, eine derartige Berechnung zu machen, und wenn die Akt.⸗Ges.„Buderus'sche Eisenwerke“ eine solche nötig zu haben glaubt, so wird sie sich schon selbst bemühen müssen. Sieben Prozent bezw. fünf Prozent Dividende sind bei reichlichen Abschreibungen in den zwei letzten Jahren an die Aktionäre verteilt worden und hier handelt es sich um Arbeiter, die schon 20 bis 30 Jahre auf dem Werke tätig sind. Bei solchen Absichten werden die„Buderus'schen Eisenwerke“, bei etwaiger Einrichtung einer Pensionskasse, auf die Bewunderung ihrer sozialen Fürsorge, außerhalb des Wetzlarer Anzeigers und der Wetzlarer Nachrichten verzichten müssen. Wir gehören nicht zu denen, die die Leistungen der Invaliditäts⸗ versicherung anhimmeln, aber trotzdem steht dies Gesetz in Bezug auf Gerechtigkeitssinn haushoch über den Auffassungen der Buderuß'schen Kapitalsdiener, denn es stellt es ganz in das Ermessen des Arbeiters, wann er sich für Invalid erklärt bezw. erklären lassen will.
— Aus Friedwald, Kreis Altenkirchen schreibt uns ein Genosse:„Wahrscheinlich, um den Patriotismus zu stärken, hat der hiesige Kriegerverein den Bergmann Gustav Fries, welcher, da unsere Genossen zu wenig Zeit hatten, gegen Entgelt die Flugblätter und Stimmzettel unserer Partei verteilt hatte, aus dem Verein ausgeschlossen. Da Fries Vater von sechs kleinen Kindern ist, hatte er diesen Nebenverdienst gern mitgenommen. Aus diesem Falle können die Arbeiter wieder mal ersehen, in welcher Weise die Kriegervereine ihre„Ar— beiterfreundlichkeit“ betätigen.
Aus dem Rreise Marburg-Rirchhain. R. Gewerkschaftliches. Wie sehr die
Unternehmer die Arbeiterorganisationen fürchten, Durch lebhafte
geht aus folgendem hervor:
Agitation unter den hiesigen Bauarbeitern ist es gelungen, eine Anzahl derselben im Maurer⸗ verbande zu organisteren. Hiervon erhielten die Unternehmer Kenntnis und mußte, wie es in Unternehmerkreisen nun einmal üblich ist, sofort dagegen eingeschritten werden, um ein allzu starkes Anwachsen des Maurerverbandes in Marburg zu verhüten. Die Unternehmer, die vielleicht schon einen Streik vor Augen sahen, in der die Maurer ihre geradezu er⸗ bärmlichen Löhne verbessern könnten, hatten darum nichts eiligeres zu tun, als Maßrege⸗ lungen dune Der Vertrauensmann der Maurer, der bei der Firma Reising und Ziegel in Arbeit stand, wurde deshalb auch sofort entlassen, und glaubte die Firma durch diese Maßregelung einen Druck auf die übrigen Maurer auszuüben. Bis jetzt ist jedoch das Gegenteil eingetreten, indem sich immer mehr Maurer dem Verbande anschlossen zum Trutze der Unternehmer.— Aber auch die Unternehmer im Maler- und Lackierergewerbe fangen mit Maßregelungen an. Die Arbeiter dieses Berufes, welche schon längere Zeit organisiert sind, ließen es auch in diesem Jahre an einer nachhaltigen Agitation nicht fehlen, um die übrigen Kollegen aufzuklären. Die Folge davon war, daß die beiden Vertrauensleute wegen ihrer Agitation gekündigt wurden. Mit Schuld an dieser Kündigung sind auch die betr. Briefträger, welche die Postsachen für die Vertrauensleute einfach ins Geschäft tragen, anstatt in die Wohnung, wie es adresstert ist. Durch diese hinterlistigen Denunziationen wurden die betr. Vertrauensleute doppelt bei ihrem Arbeitgeber angeschwärzt. Mittlerweile sind aber die Kündi⸗ gungen durch Vermittelung des Gauvorstehers zurückgenommen.
Ein ueberfall auf italienische Arbeiter
wird aus Mainz gemeldet. Als am Dienstag morgen gegen 5 Uhr italienische Arbeiter sich zur Baustelle an der Ecke Kaisertor und Rheinallee begaben, war die Baustelle noch geschlossen und die fremden Arbeiter lagerten sich nebenan auf den Grasplatz. In demselben Moment kamen vom Rheinufer her 10— 15 Personen herbeigeeilt und schlugen mit Knüppel furchtbar auf die überraschten Italiener ein. Auch eine Anzahl von Schüssen wurden auf die Italiener abgegeben. Der italienische Parlier wurde besonders schwer mißhandelt. Als die Polizei kam, flüchteten die Täter und keiner von ihnen konnte festgenommen werden, Die italienischen Arbeiter flohen in wilder Flucht. Die schwersten Verletzungen hat der italienische erste Parlier erlitten, der in das Rochus-Hospital verbracht werden mußte. Die übrigen italienischen Arbeiter trugen haupt⸗ sächlich Hieb verletzungen davon. Die umlaufenden Gerüchte, daß es Tote gegeben habe, beruhen auf Erfinduug. Außer dem Parlier ist niemand ernstlich verletzt. Infolge des Ueberfalls weigern sich die Italiener, weiter zu arbeiten. Dem verletzten Parlier geht es besser, er dürfte bald aus dem Hospital entlassen werden. Eine Anzahl Mainzer Maurer waren am Mittwoch früh als der Teilnahme an dem Ueber⸗ fall verdächtig, verhaftet worden, sie wurden jedoch nach ihrer Vernehmung wieder entlassen, da sie nachweisen konnten, daß sie an dem Ueberfall nicht beteiligt waren.
Ordnungsmann— Wohltäter und Steuerzahler.
Die Erbschaft des verstorbenen früheren Buchhändlers Kapp in Mainz, die die Stadt Mainz antreten soll, wird noch um einen recht annehmbaren Betrag geschmälert werden, indem das Steuerkommissariat bereits dem Universal⸗ erben, also der Stadt Mainz, mitgeteilt hat, daß es noch einen„kleinen Posten“ mit dem Verstorbenen auszugleichen habe, indem dieser sich viel zu gering in der Steuer dekla⸗ riert hatte. Die leer ausgegangenen Verwandten werden das Testament anfechten, sodaß es doch recht zweifelhaft geworden ist, ob die Stadt überhaupt in den Besitz des nach 805 der Legate immer noch zwischen 550— 600 000 Mark betragenden Erbteils gelangen wird, den der Erblasser zu„gemeinnützigen Zwecken“ bestimmt hat.
Ein furchtbares Eisenbahnunglück
ereignete sich am Montag abend in Paris in einem Tunnel der Stadtbahn. Wolffs Bureau giebt folgende Darstellung: Gegen 8 Uhr abends ging ein Leerzug


