Nr. 33.
Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.
Seite 3.
Gefilde Ostelbiens, wo die Konservativen, und an die großen Industriegebtete Rheinland⸗West⸗ falens, wo die nationalliberalen Machthaber jeden politisch anders Gesinnten am liebsten in Acht und Bann tun. Ueberdies kommen solche zersplitterten Stimmen naturgemäß, wenigstens vereinzelt, stets vor, so daß es auch dadurch erschwert ist, die Böcke von den Schafen zu sondern. Der Umstand, daß dieser Rat auch von mößlichst vielen Wählern anderer Parteien, soweit sie durch die öffentliche Stimmabgabe beschwert sind, befolgt werden soll, veranlaßt mich, diese Zeilen bereits heute zu veröffentlichen, auf die Gefahr hin, daß das Staatsministerium sich vor den Wahlen noch mit einem neuen Reglement versucht.“
Wahlen in Baden.
In den Karlsruher Bürgerausschuß wurde an Stelle des ausgetretenen sozialdemo⸗ kratischen Stadtverordneten Kehret mit 47 Stimmen unser Parteigenosse Wilhelm Kolb, Redakteur am Volksfreund, gewählt. Der Karlsruher Bürgerausschuß hat auch in diesem Falle an der Uebung festgehalten, daß der Ersatz⸗ mann der politischen Richtung des Ausgetretenen angehören und hierbei der Vorschlag der betr. Fraktion berücksichtigt werden soll.
In Mösickes Wahlkreis
sollten nach Meldungen bürgerlicher Blätter von seiten unserer Partei Dr. Arons oder Rechtsanwalt Karl Liebknecht aufgestellt werden. Dies trifft aber nicht zu; wie bei den letzten allgemeinen Wahlen kandidiert auch bei der Nachwahl Genosse Käppler, der dies⸗ mal hoffentlich zum Siege gelangt. Wer von 110 70 aufgestellt wird, ist noch nicht ekannt.
O, welche Lust Soldat zu sein!
Mißhandlungen der Rekruten und jüngeren Soldaten durch ihre älteren Kameraden kommen leider immer noch in zahlreichen Fällen vor und ste stellen eine der häßlichsten Erscheinungen des Soldatenlebens dar. Mit einem besonders abscheulichen Falle von Ausschreitungen dieser Art hatte sich vorige Woche das Düsseldorfer Kriegsgericht zu befassen. Unter den Leuten des Infanterte⸗Regiments kam es während der Feldübungen im Barackenlager zu scharfen Erzessen. Diese wiederholten sich in einer Nacht anfangs Juni in verstärktem Maße— es er⸗ schien wiederum der„heilige Geist“, wie in der Soldatensprache dieses wüste Treiben ge⸗ nannt wird— die Rekruten wurden mit Klopf⸗ peitschen aus den Betten e mit Schemeln beworfen und mit Wasser begossen. Besonders tat sich bei allen diesen 9 der Musketier Vandicken hervor; er„komman⸗ dierte“ die Prügelstrafen und trug deshalb den Namen„Baracken- Direktor“. Bei sofortiger Verhaftung wurde dieser Mensch zu vier Mo⸗ naten Gefängnis verurteilt; der Gefreite Karl Zimmermann erhielt einen Monat Gefängnis, weitere sechs Musketiere erhielten Gefängnisstrafen von zwei Wochen bis drei Monaten.— Man fragt sich, wie solche Ausschreitungen trotz der immerwährenden durch Offiziere und Unteroffiziere ausgeübten Aufsicht vorkommen konnten. Oder sollte es an dieser gefehlt haben?
Soldaten als Streikbrecher und Lohndrücker.
Die zur Fahne einberufenen Söhne des Volkes sind zu allem möglichen zu gebrauchen. Den Offtziersherrschaften dienen sie als Mädchen für Alles, den Unternehmern als— Streik⸗ brecher. So wieder beim Tischlerstreik in Straßburg, wo mehrere Musketiere des Infanterieregiments Nr. 126 die von den vater⸗ landslosen Gesellen verlassenen Hobelbänke ein⸗ nahmen. Und aus Riedisheim, einem Dorfe bei Mülhausen, wird gemeldet, daß ein dortiger Wirt sich von Infanteristen einen Schuppen erbauen läßt, nachdem ihm die von mehreren Bauunternehmern eingeforderten Kostenvoran⸗ schläge zu hoch erschienen waren. Soldaten
arbeiten allerdings billiger als freie Arbeiter.
Auch als Erntearbeiter werden zur Zeit die Soldaten in Elsaß⸗Lothringen vielfach beschäftigt. Entgegen den Anordnungen des früheren kom⸗ mandierenden Generals von Metz, des Grafen Häseler, hat der neue Gouverneur Stoetzer ausdrücklich Befehl gegeben, den Landwirten so viel als möglich Arbeitskräfte zur Verfügung zu stellen!— Nach alledem scheint doch die zweijährige Dienstzeit nicht zu kurz, sondern zu lang zu fein.
Verurteilte von Löbtau begnadigt.
Aus Anlaß seines Geburtstags hat der
König von Sachsen einer Anzahl Gefangenen die Freiheit geschenkt. Darunter befinden sich auch drei Opfer des Löbtauer Zuchthaus prozesses, nämlich die Arbeiter Moritz, Wobst und Gedlich. Der erstere war zu acht Jahren, die andern beiden zu je sieben Jahren Zucht⸗ haus verurteilt worden. Nun schmachten noch zwei Opfer, die am härtesten Bestraften, die Bauarbeiter Zwahr(10 Jahre) und Schneider (9 Jahre) hinter den Mauern des Zuchthauses. Bereits früher sind begnadigt worden die Zim⸗ merer Pfeifer und Leiber, die je sechs Jahre Zuchthaus erhielten, und die Zimmerer Geißler und Hecht, die„nur“ zu vier Jahren Gefängnis verurteilt wurden. Die gegenwärtig Begnadigten haben an 4½ Jahre im Zuchthause zubringen müssen. Warum sind die letzten Opfer des entsetzlichen Löbtauer Urteils nicht auch gleich mit begnadigt worden? Soll denn die Erinnerung immer wieder aufgefrischt werden an das Entsetzen, die jenes ungeheuerliche Urteil hervorrief, durch das auf 53 Jahre Zuchthaus, 8 Jahre Gefäug⸗ nis und 70 Jahre Ehrverlust erkannt wurde gegen neun Arbeiter, die zwar in angetrunkenem Zustande einen Exzeß verübten, zu dem sie aber durch ihren Arbeitgeber, einen rohen Bauunter⸗ nehmer, in unerhörter Weise gereizt worden waren? Die letzten Begnadigungen sind mög⸗ licherweise durch den Ausfall der Reichstags⸗ wahlen mit veranlaßt worden.
Soziales.
Entwickelung des Genossenschaftswesens.
Die Großeinkaufs⸗Gesellschaft Deutscher Konsumvereine hat in der ersten Hälfte des laufenden Geschäftsjahres insgesamt einen Umsatz von Mk. 10 801.432,98 erzielt gegen Mk. 8 691 863,89 im Vorjahre. Die Zunahme beträgt demnach Mk. 2 109 569,09 oder rund 25 Prozent.
Ausland.
Ein neuer Papst
ist nun gewählt und bereits am Samstag ge⸗ krönt worden. Kardinal Sarto, der Patriach von Venedig, ist der Nachfolger Leos XIII. und wird den Namen Pius KX. führen. Er ist ein 68 jähriger Mann. Welche Richtung die Politik der Kirche durch ihn bekommen wird, läßt sich zur Zeit noch nicht sagen. Die bür⸗ gerlichen Sensationsblätter, die natürlich gerade deswegen in vielen Spalten über den neuen Papst schreiben, behaupten, er sei ein religiöser Papst im Gegensatz zu Leo, der ein politischer gewesen. Die Zukunft wird lehren, was daran richtig ist. Soviel steht aber fest, daß er ein Feind des Sozialismus, der, nach Be⸗ freiung ringenden Arbeiterschaft, sein wird.
Parlamentarischer Skandal in Ungarn.
Eine„großartige“ Bestechungsaffaire hält die Oeffentlichkeit in Ungarn in Aufregung. Wie die Wiener„Arbeiterzeitung“ mitteilt, hat Abg. Szapary eingestanden, daß er dem Abg. Dienes die 12000 Kronen gegeben, mit denen Papp sollte gekauft werden. Gleichzeitig hat er seine Entlassung eingereicht. Ist das richtig, dann ists mit Khuen⸗Hedervarys ganzer Herrlichkeit überhaupt vorbei. Welches Interesse könnte Szapary, den Gouverneur von Fiume, getrieben haben, die Opposition durch Bestech⸗ ungen aus der Kampfstellung zu locken? Ihn
braucht das Schicksal der Vorlagen nicht zu
kümmern, um die jetzt im Abgeordnetenhause gerungen wird. Hat er die Agenten der Kor⸗ ruption gemietet, so 1 er es im Auftrage des Mintsterpräsidenten getan, dessen Person er in dem sauberen Handel zu decken hatte. Aber wenn nun das ganze plumpe Korruptionsmanöver ans Licht kommt, müssen alle verschwinden, die daran beteiligt waren. Parlamentarische und Preßkorruption mögen in Ungarn auf der Tagesordnung und das Kaufen der Gegner mag alter Brauch gewiegter „Führer des Hauses“ sein, ein Ministerpräsident, der als Vater der parlamentarischen Korruption bloßgestellt ist, kann in Pest so wenig wie anderswo die Leitung der Geschäfte in der Hand behalten.
Der Reichstag wählte einen besonderen Ausschuß zur Untersuchung der Bestechungs⸗ affäre und vertagte seine Sitzungen so lange, bis dieser Ausschuß in der Lage ist, Bericht zu erstatten. Graf Khuen erklärte, er werde seinen Platz nicht verlassen, er werde vor diesem Untersuchungsausschuß erscheinen.
Der Führer der Obstruktion, Olay, er⸗ klärte vor der Untersuchungskommission, er habe Beweise, daß Graf Khuen von den Be⸗ stechungen Kenntnis gehabt haben muß und daß die Vermittler der Bestechungen auch bei anderen Abgeordneten intervenierten; da die Kommission aber keinerlei richterliche Befugnisse habe und niemanden unter Eid verhören könne, teile er seine Beweise der Kommission nicht mit. Falls jedoch Graf Khuen nicht demissioniert, werde er diese Fälle dem Hause anzeigen. Auch der klerikale Abgeordnete Baron Kaas erklärte, daß er mittelbare Kenntnis davon habe, daß 300 000 Kronen zu Bestechungszwecken zur Verfügung standen.
Die Sozialisten hielten am Sonntag in Budapest einen Protestumzug und eine Ver⸗ sammlung ab, in welcher sie das Parlament und die Regierung wegen der Bestechungs⸗ angelegenheit scharf angriffen. Die Versamm⸗ lung faßte den Beschluß, namens der soziali⸗ stischen Parteileitung vor der parlamentarischen Untersuchungskommission die Angabe zu machen, daß an den Unterhandlungen zwischen Szaparh und den Sozialistenführern auch der Stell⸗ vertreter des Gouverneurs, Ministerialrat Gal von Hatvan, teilgenommen hat.
Der Prozeß gegen die Humberts.
Am Samstag hat in Paris ein Prozeß begonnen, der das öffentliche Interesse in hohem Maße in Anspruch nimmt. Es handelt sich um die von der Familie Humbert viele Jahre lang betriebene Schwindelei, welche s. Z. Waldeck⸗Rousseau als die„größte Gaunerei des Jahrhunderts“ bezeichnete und der Prozeß gewinnt insofern an Bedeutung, als hochstehende Personen mit darin verwickelt sind, sowie daß die Angeklagten weit verzweigte Beziehungen mit der politischen Welt unterhielten.— In⸗ teressant ist ferner, mit welcher Leichtigkeit es den Humberts gelang, den ganzen Richterstand, angesehene Juristen, jahrzehntelang zu nasführen. Möglich ist auch, daß der ehemalige Justiz⸗ minister Humbert, Schwiegervater der Therese Humbert, Kenntnis von dem Schwindel hatte, ihn vielleicht angezettelt hat. Die Hauptzüge des Gaunerplans seien kurz erwähnt. Er be⸗ ruhte auf zwei am gleichen Tage ausgestellte und einander widersprechende Testamente eines fabelhaften Onkels, namens Crawford. Das eine Testament setzte die Therese Humbert geb. Daurignac zur Universalerbin eines Hundert⸗ millionenvermögens ein, während das andere dieses Vermögen zu gleichen Teilen an Maria Daurignac, eine Schwester der Therese, und an die zwei nicht existierenden Neffen des nicht existierenden Erblassers, die Gebrüder Crawford vermachte, die verpflichtet wären, der Therese eine Leibrente von 30 000 Franken monatlich zu zahlen. Der Widerspruch zwischen den zwei Testamenten gab die nötige Handhabe zu einer endlosen Prozessiererei, die durch alle möglichen Manöver in die Länge gezogen wurde.
Sozialdemokratische Partei in Serbien. In einer am Sonntag in Belgrad abge⸗
haltenen Sozialistenversammlung wurde die
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