Ausgabe 
16.8.1903
 
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Seite 2.

Mitteldentsche Sountags⸗Zeitung.

Nr. 33.

zips und stellen uns, wie Gen. v. Vollmar es möchte, nur die eine Frage, ob nämlich die Vorteile oder die Nachteile überwiegen, dann öffnen wir dem schlimmsten Opportunismus Haus und Tür, dann führt der logische Weg weiter zumköniglichen Sozialismus unseres ehemaligen italienischen Genossen Errico de Marinis. Die Wertfrage hat unbedingt hinter der fn ee zurückzustehen, wenn wir uns nicht mutwillig in die soeben verlassene Position des weiland Nationalsozialismus oder gar in die des Nationalliberalismus hinein⸗ begeben wollen. Daß aber das sozialistische Prinzip schon durch das alleinige untertänigste Bitten um geneigteste Gewährung einer Antritts⸗ Audienz auf das gröblichste verletzt wird, das ist doch wohl keine Frage. Nun hat man ja auf ähnliche Bedenken spöttisch erwidert, wir seien doch keinebürgerlichen Republikaner. Stimmt! Aber sollen denn sozialistische Republikaner eine geringere Prinzipientreue besitzen als bür⸗ gerliche? Sollten sie der ganzen Natur ihrer Weltanschauung nach nicht gerade umgekehrt der monarchischen Staatsverfassung noch viel unversöhnlicher gegenüberstehen als jene? Wir sind doch auch Demokraten in des Wortes alter Bedeutung. Der rein wirtschaftliche Standpunkt freilich führt vom Antimonarchismus ab zum Amonarchismus, aber gleichzeitig auch vom Sozialismus ab zum Tradesunkionismus!

Ganz unzutreffend aber scheinen mir ferner die historischen Rechtfertigungsversuche des Kaiserganges der Sozialdemokratie zu sein, mit der Gen. Eduard Bernstein uns zu überzeugen sucht. Daß die deutsche Reichsverfassungrelativ republikanisch sein soll, das ist eine Entdeckung, deren Spitzfindigkeit bereits Gen. Franz Meh⸗ ring in einem seiner glänzendsten Leitartikel derNeuen Zeit aufgedeckt hat. Ich brauche dem Gesagten also nur noch einige wenige Er⸗ gänzungen hinzuzufügen. Die Verfassung des deutschen Reiches mag zwar dem Staatsrechtler manche harte Nuß zu knacken geben, für den Politiker aber dürfte sie zweifellos besonders leicht zu werten sein: sie ist der Form nach durchaus oligarchisch ein Fürstenbund mit einem primus inter pares an der Spitze; dem Inhalt nach aber ist sie in zaristischer Stammverwandtschaft absolutistisch. Von Republikanismus jeden⸗ falls keine Spur! Keine Verfassung Europas die östreichische vielleicht ausgenommen gibt den Volksrechten so wenig Raum als die deutsche Reichsverfassung. Wo in einer Ver⸗ fassung, welche nicht einmal das elementare Volksrecht der Ministerverantwortlichkeit kennt, der trait d' union mit dem Republikanismus sein soll, ist mir nicht recht erfindlich. Die Wahr⸗ heit aber, daß sie keinem Erbmonarchen das Recht gibt, das deutsche Volk als sein Volk zu bezeichnen und daß sie keinen Kaiser von Deutschland und auch keinen Kaiser der Deut⸗ chen kennt, ist doch vollständig irrelevant.

uch abgesehen von der Tatsache, daß wohl kein Dynast der ganzen Welt das in seinem Staatengebiete lebende Volk so sehr als das seine, das sich nach seinem religiösen, künstle⸗ rischen, politischen, ja menschlichen Empfinden möglichst zu richten habe, betrachtet, als gerade der Repräsentant einer sorelativ republikanischen Staatsform, wie sie die des deutschen Reiches sein soll, läßt sich die Bedeutungslosigkeit der formellen Betitelung des Dynasten mit dem einzigen Hinweis darauf dartun, wie sehr der König der Belgier und der König von Eng⸗ land an monerchischer Machtvollkommenheit hinter dem Kaiser zwar nicht der Deutschen oder von Deutschland, aber des deutschen Reiches zurückstehen!

Aber Gen. Bernstein glaubt auch in der Entstehung des deutschen Kaisertums einNahe⸗ kommen an republikanische Grundsätze zu er⸗ blicken. Unglaublich, aber wahr! Wie es in Wirklichkeit mit der republikanischen Entstehungs⸗ art des deutschen Kaisertums aussah, ist unter Fachleuten nur zu bekannt, dürfte aber an dieser Stelle wiederholt werden müssen, und zwar richte ich mich hier nach der Darstellung des bedeutenden Bismarckforschers Prof. Erich Marcks in Heidelberg: Als Wilhelm I. von Preußen im Januar 1871 in Versailles der

Titel empfand er dies als eine...Aufdrängung. Er wünschte preußischer König zu bleiben und der Kaisername klang ihm in keiner der beiden Formen angenehm. Mitfühlend be⸗ merkt Marcks dazu:Es ist nicht leicht, den meisten ganz verständlich zu machen, wie un⸗ endlich viel das Opfer... dem greisen Hohen⸗ zollern bedeutete). Und diese Fürstenkomödie, bei welcher der altpreußische Partikularismus die Rolle des ersten Tenors, das Volk aber, und zwar in allen seinen Schichten, die Rolle des simpelsten Statisten spielte, hält Gen. Bern⸗ stein für eine Republikanisterung der Monarchie!

Ein zweiter historischer Versuch, den Kaiser⸗ gang zu rechtfertigen, fällt mit dem anderen Versuch zusammen, den Kaisergang überhaupt von dem Vorwurf, er bedeute eine Verbeugung vor der Monarchie, zu reinigen und als eine ... demonstrative Handlung gegen den deut⸗ schen Kaiser, eine Verbeugung desselben vor der Revolution darzustellen. Nun ist das zunächst schon eine sonderbare Definition für das Wort Audienz. Bisher hat man eine solche immer als das aufgefaßt, was sie tatsächlich ist, nämlich eine Gnadenbezeigung dessen, der sie gibt dem gegenüber, der sie nachsucht. Man soll sich doch nur nicht einbilden, den Kaiser mit Audienzen anärgern zu können! Gen. Bernstein sagt nun, ihm habe der Königsgang des Girondisten Roland zu Ludwig XVI. von Frankreich vor⸗ geschwebt, bei welchem nicht ersterer eine Ver⸗ beugung vor der Monarchie, wohl aber letzterer eine solche vor der Republik habe machen müssen. Ein sonderbarer Vergleich, der aber tief blicken läßt, sintemalen Jean Marie Roland de La Platière nicht nur ein bürgerlicher Antirevolu⸗ tionär, sondern sogar... Minister war. Aber auch die tatsächliche Behauptung Bernsteins von der Verbeugung Ludwig XVI. vor der in dem Girondisten Roland verkörperten republi⸗ kanischen Weltauffassung ist revisionsbedürftig. Der republikanische Historiker Adolphe Thiers berichtet über diese Angelegenheit folgendes: Ludwig XVI.,.. dachte daran, sich mit der republikanischen Girondistenpartei zu verbinden. Allerdings war diese Partei ja bloß aus persön⸗ lichem Mißtrauen gegen den König(also nicht aus prinzipiellen Gründen!) republikanisch ge⸗ sinnt... Er konnte sie also an sich ketten... Einer der Gründe, die Ludwig XVI. zu diesem Schritte bewogen, war die Tatsache, daß der König von England seine Minister ja ebenfalls sehr oft aus den oppositionellen Parteien nimmt.) Und von demrevolutionären Roland selbst heißt es an anderer Stelle?):Roland ge⸗ währte den radikalen Jakobinern keinerlei Ein⸗ fluß in seinem Ministerium.... Die Auf⸗ rechterhaltung der öffentlichen Ruhe, die Ueber⸗ wachung der Volksvereine, die Beschützung des Handels und des Privateigentums, das waren die immensen Funktionen, die er mit seltener Energie erfüllte. Alle Tage denunzierte er die Kommune und verfolgte ihre Excesse, ihre Sendungen von Kommissaren. Er belegte ihren Briefwechsel, ebenso wie den der Jakobiner, mit Beschlag und ersetzte die heftigen Briefe durch maßvolle, die er unterschob... Und so weiter! Es ist eine merkwürdige historische Verirrung, die bei einem so feinen Kopf, wie Gen. Bernstein es ist, doppelt verwundern muß, das Verhältnis dieses so bürgerlichen und schein⸗ republikanischen Polizeipräftdenten, den sein König noch dazu aus keinem anderen Grunde in's Ministerium berief, als um ihn und seine Partei ausgesprochenermaßen zu korrumpieren, zu Ludwig XVI., dem etwaigen Verhalten eines unserer Genossen zu Wilhelm II. gleichzusetzen!

In Wirklichkeit wirkt aber der Einfluß zwischen der Krone und den zu Hofe gehenden Republikanern gerade in umgekehrter Rich⸗ tung, wie Gen. Bernstein es annimmt. Das ist eine historische Wahrheit, die sich auch in der Neuzeit man denke nur an die Demo

eines Kaisers angetragen wurde, da

1) Erich Marcks:Bismarck und die Bismarck⸗ Litteratur des letzten Jahres in der Monatsschrift: Deutsche Rundschau. XXV. Jahrgang. Heft 8.

) Adolphe Thiers:Histoire de la Rèvolution Frangaise. Leipzig 1846. Tome I. p. 233.

75 Derselbe, Tome II, p. 220,

kraten und Liberalen in Deutschland, sowte die Garibaldianer in Italten! häufig genug bewahrheitete: Eine höfische Berührung zwischen Republikanern und dem Monarchen, und mag sie sich auch auf parlamentarische Liebenswürdigkeiten beschränken, hat zwar schon manchem Republi⸗ kanismus den Garaus gemacht, aber man hat dh noch nie erlebt, daß ein Monarch durch sie zum Republikaner geworden wäre. Das bedeutet nicht eine intellektuelle Ueberlegen⸗ heit der monarchischen Weltanschauung über die republikanische, sondern das bedeutet ganz einfach, daß der, welcher sich einmal in eine Sackgasse hineinbegeben hat, in den meisten 9 05 keinen normalen Ausweg mehr zu finden weiß.

Es liegt in dem à tout prixPraktisch arbeitenwollen für unsere Partei eine unver⸗ kennbare Gefahr. Vielleicht besteht der Grund⸗ fehler der Praktiker à tout prix in einer allzu euphemistischen Auffassung von der Leistungs⸗ und Wandlungs-Fähigkeit jenes Ausschusses der Bourgeoiste, den wirStaat zu nennen pflegen. Daß dieses Praktikertum aber in der Partei schon jetzt se um sich greift, wo derStaat sich noch nicht einmal abgewöhnt hat, uns en canailles zu behandeln, halte ich für ein sehr bedenkliches Symptom. Wie soll unsereprak⸗ tische Politik dann erst aussehen, wenn uns der Staat, wie er es mit unseren Genossen in Frankreich und Italien macht, mit Sammet⸗ pfötchen streichelt? Und zuguterletzt scheint mir diepraktische Politik selbst vom rein opportunen Standpunkt aus nicht einmal sicher zum allernächsten Ziel zu führen. Wie, wenn Wilhelm II., was bei seinem bekanntlich so impulstven Charakter keineswegs als ausge⸗ schlossen zu betrachten ist, die von dem sozial⸗ demokratischen Vizepräsidenten untertänigst nach⸗ gesuchte Audienz verweigert?

Caveant consules!!.

Dr. Robert Michels.

politische Rundschau.

Gießen, 13. August. Drei Milliarden Mark Reichsschulden.

Nunmehr hat die Schuldenlast des deutschen Reiches die schwindelnde Höhe von 3 Milli⸗ arden Mark überschritten. Selbstver⸗ ständlich erhöht sich dementsprechend auch die alljährlich aufzubringende Zinsenlast. Jeder Privatunternehmer würde angesichts solcher Verhältnisse den Bankerott anmelden. Das Reich denkt gar nicht daran: im Gegenteil, es 92 wle bisher weiter. Was tut das auch? Die Millionen von Zinsen werden ja durch die indirekten Steuern aufgebracht, die die große Masse des Volkes, und auch nur diese, zu tragen hat. Müßten die Herren da oben für die Folgen ihrer Mißwirtschaft selbst aufkommen, wir sind überzeugt, es würde anders werden. Daran ist aber nicht zu denken, wenn nicht eine Beschränkung der Ausgaben für Heer und Marine Platz greift.

Zur preußischen Landtagswahl

macht Genosse Arons imVorwärts einen Vorschlag, um die Schattenseiten deselendesten aller Wahlsysteme recht deutlich zu demon⸗ strieren:Hierzu ist zunächst bei den Urwahlen eine möglichst vollzählige Beteiligung aller Urwähler nötig. Nun trösten sich namentlich die Konservativen immer wieder damit, daß die öffentliche Stimmabgabe es vielen Urwählern unmöglich macht, zur Wahl zu gehen. Das trifft aber nicht ganz iir Gewiß wird es vielen Wählern durch ihre wirtschaftliche Abhängigkeit unmöglich gemacht, ihre politische Gesinnung offen zum Ausdruck zu bringen. Solchen Wählern, die gleichwohl gegen das heutige Wahlsystem protestieren wollen, ist zu empfehlen, bei den Urwahlen sich selbst oder einem beliebigen Nachbarn ihre Stimme zu geben. Das wird um so weniger einen Schluß auf ihre Parteistellung zulassen, als je nachdem auch Freisinnige, Zentrumsmänner, Antisemiten ꝛc. sich scheuen müssen, ihre Ge⸗ stnnung offen darzutun; wir erinnern an die