staate aufzugeben.
Seite 6.
Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung.
Nr. 46.
Wie erwirbt man die hessische Staatszugehörigkeit?
Es ist eine leider nur zu häufige Tatsache, daß bei den hessischen Landtagswahlen viele in Hessen ansässige männliche Personen, die das wahlfähige Alter haben, nicht mitwählen können, weil sie nicht hessische Staatsangehörige find. Es muß daher ein größeres Augenmerk auf die Gewinnung von Nichthessen zur Aufnahme in den hesstschen Staatsverband gerichtet werden. Da die zu diesem Schritt erforderlichen Maß⸗ nahmen nur geringe Opfer an Zeit und Geld erfordern, so mögen vor allem unsere Genossen, die bis jetzt noch von der Ausübung staatsbürgerlichen Rechte ausgeschlos⸗ sen sind, das bisher Versäumte nachholen und ungesäumt um die Aufnahme in den hessischen Staatsverband sich be⸗
mühen.
6 chf ist erforderlich, daß der betr. Nichthesse sich von seiner Heimatsbehörde(dem Regierungspräsiden⸗ ten, den Bezirksämtern ꝛc.), einen Ausweis über seine bisherige Staatsangehörigkeit ausfertigen läßt. Sodann hat er die Geburtszeugnisse für sich und seine Familien⸗ angehörigen zu beschaffen. Hat er diese Papiere erhalten, so läßt sich der um die Naturalisation Nachsuchende von der Ortsbehörde seines gegenwärtigen hessischen Aufent⸗ haltsortes eine Aufenthaltsbescheinigung sowie ein Leu⸗ mundszeugnis ausstellen, fügt diesen Papieren eine Lohnbescheinigung seines Arbeitgebers und seinen Mili⸗ tärpaß hinzu und schickt alle diese erwähnten Ausweise mit einem Gesuche um Aufnahme in den hessischen Staatsverband an das zuständige hessische Kreisamt,
Bemerkt sei noch, daß die letzten Kammerverhand⸗ lungen über die beantragte Ungiltigkeitserklärung der Wahl des Genossen Ulrich deutlich dargetan haben, daß ein Reichsdeutscher nicht nötig hat, bei seinem Gesuch um Aufnahme im den hessischen Staatsverband seine bisherige Staatszugehörigkeit zu einem anderen Bundes⸗ Nur Bayern und Elsaß⸗Lothringer machen von dieser Regel eine Ausnahme. Die müssen ihre Staatsangehörigkeit aufgeben, wollen sie einem anderen Staatsverbande angehören. Die Aufgabe der
bisherigen Staatszugehörigkeit kann außerdem nur von
Reichsausländern(Oesterreichern, Schweizern ꝛc.) ver⸗ langt werden. a
Da also die Abwickelung der Naturalisationsgeschäfte keine schwierigen sind und auch vom Landeskamitee zur Erleichterung derselben vorgedruckte Fo rm u⸗ lare herausgegeben werden, die durch die Partei⸗ vertrauensleute unentgeltlich zu b e⸗ ziehen sind. so sollte von der Gewinnung der hessischen Staatszugehörigkeit der weitgehendste Gebrauch gemacht werden. Wer als Nichthesse sich die hessische Staatszugehörigkeit nicht verschafft, hat kein Recht sich zu beklagen, daß er wohl Steuer zahlen, aber seine wichtigsten Staatsbürgerrechte nicht ausüben dürfe.
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12 G 7 „AUnterhaltungs-Ceil.
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Der Sieg des Schwachen.
Erzählung von Melchior Meyr.
5(Fortsetzung.)
Aber,“ setzte sie in ermutigendem Tone hinzu, „bedenk', Tobias, wie schön wird's sein, wenn wir uns haben und glücklich sind, und du kannst dir sagen: daran bin ich selber schuld, weil ich couragiert gewesen bin und ausgehalten hab' und mein Vater seinen harten Sinn hat brechen und nachgeben müssen! Da schmeckt alles noch r besser, wenn man so was sagen ann!“
„Tobias hatte hoch aufgehorcht und fand diesen Gedanken sehr schön. Lebhaft erwiderte er:„Ja, das ist wahr!“
Das Mädchen, den Erfolg ihrer Rede be⸗ merkend, fuhr fort:„Und wenn's dann bekannt wird— denn verschwiegen bleibt nichts in der Welt!—, daß dein Vater dich zur Sibylle hat zwingen wollen, und hat gemeint, es ging' ganz leicht, weil du eben so gutmütig bist und gern nachgibst— hat aber seinen Männ in dir gefunden und selber die Segel streichen müssen — was meinst du, daß man da für einen Re⸗ spekt haben wird von dir? Das ist ein anderer, wird man sagen, als wir gedacht haben! Und wenn's ihm jetzt gut geht, so gehört's ihm auch, denn er hat sich's selber gut gemacht!“
Tobias war ergriffen. Seine Wangen färb⸗ ten sich höher, seine Augen glänzten, und mit Selbstgefühl nickend, rief er:„Ja, wahrhaftig, so wird man sagen müssen!“ 5
„Nun,“ fuhr die Bäbe fort,„und was ist's denn, was du dafür tun sollst? Eine Zunge hast du und reden kannst du, also hast du nichts mehr nötig als ein bißchen Courage. Kann dich dein Vater denn nötigen, ein Mädchen zu heiraten, die du nicht magst? Wie sollt' er's denn anfangen? Kann er dich in die Kirch schleppen und dich zwingen, Ja zu sagen?“
Tobias zuckte die Achsel und sagte:„Das wär' eine neue Manier! Das wird er wohl nicht versuchen!“
„Ein Einsehen wird er haben,“ versetzte das Mädchen,„still wird er sein, wenn er sieht, was bei dir die Glocke geschlagen hat! Wer sich zu Klei' macht, den fressen die Schwein'; aber wer die Zähne weist, dem geht man aus dem Wege!“
Der Schneider, von der Wahrheit dieser Worte getroffen, war entzündet bis zur aus⸗ brechenden Flamme.„Ja“, rief er mit einer Art von Entrüstung über sich selbst,„du hast recht! Ich bin ein Narr gewesen, daß ich mir so viel aus dem Manne gemacht, und mich vor ihm gefürchtet hab' wie ein kleines Kind! Was kann er denn anfangen mit mir? Wenn er mir etwas zuleid tut, so ist's sein eigener Schaden, er wird sich wohl hüten! Und dann soll er erst sehen, wie ich bin, wenn ich Ernst mach'! Kreuz Donner und's Wetter! Wenn ich vor ihn hintret' und sag':„Ich will nicht, geh' zum Henker mit deiner buckligen Sibylle! Heirat sie selber, wenn du sie mit Gewalt haben willst! Ich bin zu gut 95— ich halt' zu viel auf mich, als daß ich so eine möcht'! Pfui Teufel! Eine mit einer hohen Schulter! 8 ist eine Sünd' und eine Schand', daß du von deinem Sohne verlangst, er soll so eine nehmen, da er die Schönste haben kann und die Ge⸗ schickteste und die Gescheiteste!“— Er holte Atem und fuhr dann in erhöhtem Tone fort: „Ja ich will ihm sagen, was er noch von keinem gehört hat, ich will ihm—“
Plötzlich hielt er inne. Wie durch einen Zauberspruch gelähmt, weiß wie Kreide stand er da und starrte mit halboffenem Munde nach 11 18 als ob er dort etwas Entsetzliches er⸗
e.
Die Bäbe sah erschreckt auf ihn; sie meinte, es hätte ihn der Schlag getroffen, und wollte ihn halten. 5
Da rief neben ihm eine Stimme voll Grimm und Hohn:„So! Das willst du tun?“ Und der alte Schneider trat hervor und heftete seinen Blick auf den Unglücklichen.
Es war kein Ungefähr, das ihn hierher ge⸗ führt. Kaspar hatte in der Alltagsjuppe den Tabak vergessen gehabt, den er in Gesellschaft zweier Kameraden heimlich zu rauchen pflegte; auf dem Wege nach Hause sah er die Pfarr⸗ magd, und von dem Alten schon früher beordert, auf sie und Tobias ein Auge zu haben, schlich er ihr nach. Als er sie in seinen Garten schlüpfen sah, ging er in den Hof und bestieg eine an die Schupfe angelehnte Leiter, um zu sehen, was dort geschehen sollte. Bei der Be⸗ grüßung der Bäbe hatte Tobias einen Arm neben dem Gebüsch hervorblicken lassen, und der feindliche Bruder wußte genug. In der Freude seines Herzens riß er die Leiter um, stürzte selber mit ihr und begab sich erst, nach ⸗ dem er sich erholt und gesäubert hatte, ins Wirtshaus. Es verging einige Zeit, ehe er den in behaglichem Diskurs begriffenen Vater dazu bringen konnte, ihm in den Wirtshof zu folgen und seine Zeitung zu vernehmen. Um so heftiger wirkte diese. Mit dem größten Zorne über den heimtückischen Verräter ging der Alte nach Hause, grimmige Gedanken schossen auf dem Wege in ihm auf, aber sein starker Geist blieb Herr der Situation. Vorsichtig öffnete er die Gartentür am Hofe, leise schlich er ans Gebüsch und kam eben recht, die letzten Reden des Sohnes zu vernehmen.
„Wie er dastand vor Tobias, hätte er auch einem andern, der sich gegen ihn vergangen, schrecklich erscheinen können. In dunklem Ge⸗ wand, die Pelzkappe auf die Stirn gedrückt,
die Augenbrauen zusammengezogen und starrend, die Nasenflügel in Bewegung, die Lippen auf⸗ einandergepreßt, das ganze Gesicht in dem unheimlichen Scheine zurückgehaltener Wut
glänzend, schien er ein böser Geist zu sein, der ö
aus der Erde emporgestiegen war, um ein Opfer zu holen. In der Rechten hielt er seine Tabakspfeife, einen großen Ulmerkopf, der in seiner Hand genügt hätte, einem Widerspenstigen den Garaus zu machen. Doch er bediente sich dieses Instruments nicht, ihm genügte der Blick seiner Augen; mit diesen, die fest auf ihn ge⸗ richtet waren, durchbohrte er den Ertappten und Erstarrten und schien ihn völlig vernichten zu wollen.
Tobias hatte nur das fürchterliche Bild vor Augen und die Strafen, die ihn jetzt wegen des verübten Frevels unausbleiblich treffen müßten. Alle andern Kräfte waren aus ihm gewichen, er konnte nichts mehr denken und sich vorstellen, er hatte keinen Willen und kein Gedächtnis mehr, er war nichts mehr als ein Gefäß der Sündenangst und der Gerichtsfurcht. Aber plötzlich machte er eine Anstrengung. Es schien, als wolle er sich aus der Betäubung reißen, in die ihn das überraschende Phantom verfetzt hatte; als wolle er sich ermannen, den Zauber brechen, der auf ihm lastete, und ein Mensch dem Menschen entgegentreten. Seine Glieder bewegten sich, er erhob den Kopf, wendete sich und— lief davon.—
Die Bäbe hatte sich nach einem kurzen Mo⸗ ment der Betroffenheit gefaßt; aller Mut war ihr gekommen und damit der Gedanke, daß man diesen Ueberfall benützen müsse, um die
Sache zur Entscheidung zu bringen. Als Tobias
sich aufrichtete, hatte sie gehofft, er wollte in diesem Sinne handeln und seine Verzagtheit, welche durch die Ueberraschung erklärlich war,
gutmachen— und jetzt sah sie ihn Reißaus 4
nehmen wie einen Schulbuben, und sie, seine
Geliebte, auf die feigste Manier im Stiche lassen!
In tief schmerzlicher Verachtung zuckte sie die
Lippe, unendliche Bitterkeit erfüllte ihr Herz— 5
Sie wußte nicht, wie ein plötzlich sich darstellendes „Ungeheures“ auf gewisse Nerven und Gemüts⸗ eigenschaften wirken kann!
die Mannheit unter Umständen suspendiert werden kann, so daß er nichts mehr ist als
seine schwache, willenlose Hälfte, die dann eben handelt, wie's ihr zukommt! Sie beurteilt den Schneider nach sich, und er kam ihr über alle
Maßen erbärmlich vor.
Auch der Alte sah ihm verachtungsvoll nach 1
Sie wußte nicht, daß in einem Menschen von solcher Beschaffenheit
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und ließ ihn laufen, denn er war seiner Sache
sicher. Mit Strenge wendet er sich zu dem
Mädchen und sagte, indem er sie mit gering⸗ „Was hat die Jungfer
schätzigen Blicken maß: i hier in meinem Garten zu tun? Wie komm' ich zu der Ehr'? Hab ich ste guschüchte 25
Wenn er glaubte, die Bäbe einschüchtern zu
können, wie den Tobias, irrte er sich. Die
Geringschätzung seines Blickes mit den ihrigen
übertrumpfend, entgegnete die Beleidigte:„Er
nicht— aber sein Sohn hat mich eingeladen;
und ich bin gekommen, weil ich geglaubt hab',
sein Sohn set ein Mannsbild und hab' ein
Herz und wisse, was er wolle!“
„Sie hat meinen Sohn verführt,“ rief der Alte,„und ihn aufgehetzt gegen seinen Vater 1 7 „Das ist verlogen!“ versetzte das Mädchen ab' ihm gerade gesagt
mit Entrüstung.„Ich
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was seine Schuldigkeit ist gegen seinen Vater,
aber er, anstatt sie zu tun, ist davongelaufen Nun, daran bin ich unschuldig. Mein Sohn ist er nicht, und ich hab' ihn nicht
Fühlend,
wie ein Tropf.
aufgezogen.“
Der Alte sah sie betroffen an. daß er mit der da nicht fertig würde, sprach er:„s ist genug. Geh' sie aus meinem Garten'naus jetzt, t 8 5 f en ist nicht für so eine— das laß sie sich gesagt sein.“ R
Die Bäbe zuckte verächtlich die Achseln.
—
und komm' sie mir nicht
„Hab' er keine Sorg', Herr Schneider meister,“
rief ste ihm entgegen,„daß ich von dem noch was wissen will. einen so armseligen Menschen zum Manne und einen Grobian zum Schwiegervater
haben! So, Adien Herr Eber!“
ch bin nicht darauf aus,
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