Ausgabe 
15.11.1903
 
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Nr. 46.

Mitteldeutsche Sounutags⸗Zeitung.

Seite 7.

Mit einem Blicke voll Ueberlegenheit und

1 Stolz und mit einer Haltung, deren sie ohne

die Ausbildung in Ulm nicht wohl fähig wäre, schritt sie an ihm vorüber und ging auf die Tür zu, die in den Hof führte, um aufrecht dieEwend des Schneiders zu verlassen.

Dieser schaute ihr erstaunt nach. Er konnte sich eines gewissen Respekts, ja einer gewissen Anerkennung ihres Auftretens nicht erwehren. Das ist eine Person! Tausendsapperment! Zugleich fühlte er sich aber höchlichst erleichtert. Das Gefühl, daß es jetzt aus sei mit den beiden, ließ die Zornwogen in seinem Herzen ebben und gab seinem Gesicht für den Moment beinahe den Ausdruck der Zufriedenheit. Des Sohnes

edenkend, wollte er sehen, wohin der seinen

auf genommen habe. Er ging einige Schritte in der Richtung, die der Flüchtige eingeschlagen, sah umher und ein trauriges Schauspiel bot sich ihm dar!.

Tobius war in der Angst sinnlos wegge⸗ laufen und seine Beine hatten ihn an etlichen Zwetschgenbäumen vorüber in den Winkel zwischen seinem Hause und dem Nachbarstadel gebracht. Hier befand sich eine Grube, in welche durch eine Oeffnung, die unten am Mauerstück angebracht war, von der Gasse das Regenwasser floß; ein anderer Zufluß kam aus dem Kuhstall, und die Mischung war trefflich zum Bewässern des Grases und zum Begießen der Pflanzen. In seiner Gemütsverfassung hatte der Bursche an die ihm so wohlbekannte Grube, die gegen⸗ wärtig allerdings auch durch üppig herumwuch⸗ ernde und überhängende Brennesseln fast ver⸗ deckt war, nicht gedacht, er sprang hinein, stürzte nach vorne, besudelte sich schlimm und verbrannte sich Gesicht und Hände. Durch den Unfall zur Besinnung gebracht, erhob er sich mit einem Weheruf, trat auf das Unkraut heraus, schüttelte sich und ging endlich mechanisch einige Schritte vorwärts. Was er getan, wie er gehandelt, stand plötzlich im klarsten Lichte vor seiner Seele. Die Flamme der Scham ergriff ihn und brannte ihn stärker als die Nesseln. Mit einem Innern, das noch schlimmer zugerichtet war als durch den Sturz in die Grube sein Aeußeres, bot er ein Bild des Jammers, wie es nicht vollkommener gesehen werden kann.

Der Vater, als er ihn erblickte, wußte so⸗ gleich was. Gegen einen so bestraften Sünder noch Unwillen zu fühlen, war unmöglich. Spött⸗ isch lächelnd rief der Sieger ihm zu:Du willst mir den Kopf zurechtsetzen? Du? Ja, du bist

der rechte Mann dazu! So nun geh hinein und wasch dich. Morgen reden wir weiter!

III. Die Bäbe war von dem Stelldichein mit

dem Gefühl nach Hause gekommen, daß es mit

ihr und dem Schneider aus sei und aus sein müsse. In der Aufregung ihres Zornes hatte

sie all ihre Selbstbeherrschung nörig, um sich nichts anmerken zu lassen; sie ging zu Bette,

so bald es möglich war, konnte aber lange

nicht einschlafen und hätte Tränen vergießen

e 5 5 mögen, aus bloßem Verdruß über den Menschen, 25 ste so gern gehabt und der sich so kläglich

benommen hatte. f 9 Am andern Morgen war die Entrüstung nicht mehr in erster Stärke vorhanden, aber ihrem Spruche mußte der erwägende Verstand beitreten. Wer seinen Vater so fürchtete wie der Tobias, der wagte und tat nie etwas gegen ihn und konnte also nie ihr Mann werden. Aber angenommen, ste bekäme ihn doch noch, so oder so, was hätte sie für eine Guttat als sein Weib? Schande mußte sie ausstehen mit ihm und ärgern mußte sie sich über ihn weiter ichts. nice einer so ruhigen Erwägung, wie das verletzte weibliche Selbstgefühl und die Gering⸗ ätzung eines Mannsbilds ohne Herz irgend zuließ, beschloß die Bäbe, den Schneider ohne

weiteres aufzugeben ihn seinem Vater und

der schönen Sibylle zu überlassen. Sie traute sich am End' auch noch einen zu kriegen, und das einen andern als so einen!

Wenn das Verhältnis damit in ihren Augen u Ende war, so konnte es doch noch üble Folgen für sie haben. Ein Porfall wie der gestrige pflegt im Dorfe nicht verschwiegen zu bleiben,

und die Bäbe mußte annehmen, daß außer den beiden Schneidern noch irgend ein schlechter Mensch davon wußte, der die Zusammenkunft dem Alten verraten hatte. Kam es auf, daß ste bei Tobias heimlich im Garten war, dann hatte sie einen schlimmen Stand im Pfarrhaus und verlor vielleicht den Dienst, der ihr lieb geworden war und für welchen den Chestand einzutauschen sie nun keine so nahe Hoffnung

mehr hatte. (Fortsetzung folgt.)

Die Schüchternheit der Kinder

die so oft als Ungezogenheit und Unliebens⸗ würdigkeit gestraft wird, soll nach neueren Forschungen sehr oft auf pathologischen Er⸗ scheinungen beruhen. In seinem Buch:Die Entwickelung des Geistes beim Kinde und bei der Rasse beschäftigt sich Baldwin sehr ein⸗ gehend mit der kindlichen Schüchternheit. Er Unterscheidet zwei Stadien, welche bei jedem normalen Kinde nacheinander zu beobachten sind. Die erste Periode der organischen Schüchternheit gehört dem Säuglingsalter an. Sie zeigt sich in den Symptomen der Furcht, verltert sich aber, je mehr das Kind in Verkehr mit Men⸗ schen tritt und dieselben kennen lernt. Kommt es, größer geworden, erst mit anderen Kindern zusammen, so verschwindet die organische Schüch⸗ ternheit ganz. Es folgt ihr jedoch nicht selten eine seelische Schüchternheit, die etwa vom zweiten bis zum dritten Lebensjahre, oft aber auch noch länger anhält. Sie ist das Ergebnis einer Gedankenreihe, einer Reflexion. Das Kind hat das Gefühl, daß es von den Großen be⸗ obachtet wird und eventuell auch kritistert wird: das macht es scheu und treibt es in sich selbst zurück. Baldwin erzählt von seinen Kindern, daß ste im Hause vor bekannten und vertrauten Personen sicher ihre primitiven künstlerischen Produktionen gerne zeigten, während sie vor Fremden nicht dazu zu bewegen waren. Sehr oft liegt der Schüchternheit auch ein gewisser Grad von Selbstgefälligkeit zu Grunde. Das Kind hält sein eigenes Persönchen für äußerst wichtig, so wichtig, daß ihm Jeder Beobachtung schenkt; und eben vor dieser Beobachtung schreckt es zurück. Sehr oft, bei erblich belasteten Kindern, schleicht sich in die seelische auch noch ein Teil organischer Schüchternheit, so bei Idioten und Schwachsinnigen. Jedenfalls haftet der kindlichen Schüchternheit sobald sie nicht rasch überwunden wird stets ein pathologisches Moment an. Sie ist meist eine Begleiterscheinung nervöser Belastung der Neu⸗ rasthenie, der Epilepsie usw. Wo die Schüch⸗ ternheit des Kindes von der Erziehung nicht überwunden werden kann, gehört sie vor das

Forum des Arztes, nicht aber vor das Straf-

gericht der Rute.

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Splitter.

Neue, kühne, begeisternde Ideen erzeugt nur ein heller Kopf, der über einem glühenden Herzen steht. Der köstlichste Wein gedeiht auf Vulkanen.

*

Der Schneeball und das böse Wort Sie wachsen wie ste rollen fort: Ein' Handvoll wirf zum Tor hinaus,

Ein Berg wirds vor des Nachbars Haus. W. Müller.

Humoristisches.

Aus einem Zeitungsbericht:. Heute Nachmittag um drei Uhr wurde in der Ferdinandstraße ein Radfahrer von der Equipage des Landesherrn über⸗ fahren. Der Radfahrer wurde vom Rad gestoßen und erlitt nicht unerhebliche Verletzungen. Der hohe Herr ließ den Wagen halten, erkundigte sich nach dem Namen des Ueberfahrenen und setzte dann unter stürmischen Hochrufen des zahlreich angesammelten Publikums die Fahrt fort..(Simpel.)

Litterarisches. 8

Einen Almanach für Holzarbeiter hat der Vorstand des Holzarbeiterverbandes auch für das

Jahr 1904 herausgegeben. Das Büchlein ist in jeder Be⸗

ziehung mustergültig; es enthält diesmal besonders wert⸗ volle Mitteilungen über die frühere Organisation der Bürstenmacher, über Bruchschäden und Unfallrente, über die schweren Mängel der deutschen Volksschulbildung. Außerdem bringt es eine gute statistische Uebersicht über die Gewerkschaftsbewegung und anderes sowie sonst für die Arbeiter Wissenswertes.

8 Geschichtskalender.

15. November. 1897: Erster Seemannskon⸗ greß in Hamburg. 1882: Lockspitzel Schmidt in Zürich entlarvt.

16. 1881: Kaiserl. Botschaft Wilhelm I.

17. 1896: Brüsewitz⸗Interpellation vor dem Reichs⸗ tage. 1858: Robert Owen, engl. sozialistischer Utopist F.

18. 1898: Elberfelder Geheimbundsprozeß. 1857: Wilhelm Hauff, Dich ter,.

19. 1896: Grubenunglück in Recklingshausen, 32 Tote. g ö

20. 1899: Reichstag lehnt die Zuchthaus⸗ vorlage ab.

21. 1831: Aufstand der Lyoner Seidenweber. r BBB

Marktberichte.

Getreide und Futtermittel. In Frankfurt notierten am 9. November pr. Doppelzentner: Weizen (Wetterauer) Mk. 16.25 00.00, russischer Mk. 17.00 bis 18,00, La Plata Mk. 17.00 18.00, Roggen, hiesiger neuer Mk. 13.25 00.00, russischer Mk. 00.00 bis 00.00, Gerste, hiestge Mk. 15.25 15.50, fränkische Mk. 00.00 00, Riedgerste Mk. 00.00 00.00, Hafer, hiesiger neuer Mk. 13.00 13.75.

Futterartikel pr. Zentner: Weizenschalen Mk. 0.00 bis 0.00, Weizenkleie 8.75 9.00, Roggenkleie Mk, 9.75 bis 10.25, Futtermehl Mk. 0.00 0.00. Biertreber, getrocknet Mk. 0.000. 00.

Empfehlenswerte sozialistische Schriften.

Die Kolportage⸗Kommission des Wahlvereins Gießen, Wirtschaft Orbig empfiehlt:

Der Neue⸗Welt⸗Kalender für 1904. Reicher Inhalt und viele Illustrationen. Preis 40 Pfg.

Die Volksschule wie sie sein soll. Von Otto Rühle. Preis 30 Pfg.

Die Neue Zeit. Wochenschrift der deutschen Sozialdemokratie. Allwöchentlich ein Heft. Preis 25 Pfg.

Sozialistische Monatshefte. Jeden Monat ein zirka 80 Seiten starkes Heft. Preis pro Heft 50 Pfg.

Wahrer Jakob; Süddeutscher Postillon, Witzblätter. Erscheinen alle 14 Tage. Preis 10 Pfg. die Nummer.

Freie Stunden. Beste Romanlitteratur. Illu⸗ striert. Wöchentlich ein Heft. à 10 Pfg.

Grundsätze und Forderungen der Sozial⸗ demokratie. Von Karl Kautsky und Bruno Schönlank. Preis 10 Pfg.

. Enthält eine kurzgefaßte, allgemein verständliche Er⸗ läuterung des Erfurter Programms. Muß jeder Genosse besitzen!

Handelspolitik und Sozialdemokratie. Von Karl Kautsky. Eine populäre Darstellung der handelspolitischen Streitfragen. Preis 30 Pfg. 8

Christliche Arbeiterpflichten. Jesuitische Fragen und sozialdemokratische Antworten. Preis 20 Pfg.

Die agrarische Gefahr. Von Paul Göhre. Der Verfasser schildert in gemeinverständlicher Sprache die einseitige agrarische Interessen⸗Bewegung von ihrer Entstehung bis zu ihrer heutigen das Volkswohl ge⸗ fährdenden Macht und legt dar, wie allein die sozial⸗ demokratische Bewegung die letzten Ziele dieser Bewegung des Junkertums und seiner Anhängsel verhindern kann. Preis 20 Pfg.

Lohnarbeit und Kapital. Separatabdruck aus der Neuen Rheinischen Zeitung vom Jahre 1849 von Karl Marx. Preis 20 Pfg.

Christentum und Sozialismus. Von A. Bebel. Preis 10 Pfg.

Diese religtöse Polemik zwischen unserm Genossen und dem Kaplan Hohoff fand bereits in den Jahren 1873/74 statt. Der Inhalt des Schriftchens ist aber noch heute durchaus zeitgemäß.

Die Vernichtung der Sozialdemokratie durch den Zentralverband deutscher Industrieller. Preis 20 Pfg.

Die Agrarfrage. Von Karl Kautsky. Eine Uebersicht über die Tendenzen der modernen Landwirt⸗ schaft und die Agrarpolitik der Sozialdemokratie. Preis brosch. 5 Mk., gebd. in Leinwand 6.50 Mk

Wilhelm Liebknecht. Sein Leben und Wirken. Unter Benutzung ungedruckter Briefe und Aufzeichnungen. Herausgegeben von Kurt Eisner Mit Porträts und Abbildungen. Preis 30 Pfg.